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Die Nickelstadt

Die Nickelstadt

Das sibirische Norilsk ist die nördlichste Großstadt der Welt – und eine der schmutzigsten

von Sophie Hohmann und Marlène Laruelle

Der Winter dauert neun Monate, mit 280 Schneetagen und 150 Tagen Purga (Schneesturm); die Sonne geht fast zwei Monate lang nicht auf und im Januar liegt die Durchschnittstemperatur bei minus 28 Grad: So ist das Wetter in Norilsk, 3000 Kilometer oder vier Flugstunden von Moskau entfernt. Bis zur Regionalhauptstadt Krasnojarsk in Südsibirien ist man mit dem Schiff vier Tage auf dem Fluss Jenissei unterwegs. Keine Bahntrasse, keine Straße verbindet die mitten in der Tundra1 gelegene, nördlichste Großstadt der Welt mit dem übrigen Russland.

Am 18. Juli 2015, einem der langen Sommertage, an denen es nicht dunkel wird, besuchte der Oligarch Wladimir Potanin die Stadt, begleitet von einigen Kommunalpolitikern. Potanin ist der reichste Mann Russlands – geschätztes Vermögen etwa 15 Milliarden Dollar – und Miteigentümer von Norilsk Nickel, dem weltgrößten Förderer von Nickel und Palladium. Und weil das größte russische Bergbaukombinat 2015 seinen 80. Geburtstag feierte, hatte sich auch Potanin in die Gegend mit dem unwirtlichen Klima begeben.

Tausende Angestellte folgten auf der zentralen Leninallee den Fahnen der verschiedenen Abordnungen der Sparten des Unternehmen, das die gesamte Bergbauindustrie der Region vereint und sich gern als familienfreundlich darstellt. Die Kinder, die an dem Fest teilnahmen, waren gerade aus dem Betriebsferienlager zurückgekehrt. Am zentralen Platz, wo das himmelblaue Verwaltungsgebäude von Norilsk Nickel alles andere überragt, war eine riesige Musikbühne aufgebaut, auf der Volksmusikgruppen auftraten. Sie stand genau vor dem Eingang zum Museum, in dem an die Lager des Gulag2 erinnert wird. Aber das Museum war an jenem Tag ohnehin geschlossen.

Zwangsarbeit und Konzentrationslager standen am Anfang von Norilsk, wie auch von Workuta (siehe Artikel auf Seite 11) oder der Region um Magadan an der Kolyma. Zwischen 1935, dem Gründungsjahr der Stadt, und 1955 arbeiteten fast 500 000 Gefangene im damaligen Kombinat.3 Diesen Teil ihrer Geschichte möchte die Stadt gern verbergen, stattdessen hält man lieber den Mythos der frühen Pioniere wach und pflegt das Erbe der Industrialisierung in der Sowjetzeit.

Getrübt wird der Ruhm der aus dem Boden gestampften Arktisstadt durch den Wegzug von fast einem Drittel ihrer Bevölkerung seit 1991 (von den einst 267 000 Einwohnern sind heute nur noch 170 000 übrig) und durch die Tatsache, dass sie als die Stadt mit der stärksten Umweltverschmutzung in der Russischen Föderation gilt. Schwermetall- und Schwefeldioxydrückstände zerstören die spärliche Vegetation und ruinieren die Gesundheit der Einwohner. Es ist eine ökologische Katastrophe, nicht weniger dramatisch als die Austrocknung des Aralsees, die international allerdings viel mehr Beachtung findet.

Schon in den frühen 1930er Jahren mussten Häftlinge von den Solowki-Inseln, unter ihnen viele politische Gefangene, am Fluss Jenissei nach Nickel-, Kupfer- oder Palladiumvorkommen schürfen. 1935 wurde Norilsk dann als Gulag gegründet; seine Verwaltung, die NorilLag, betrieb acht große Gefangenenlager. Ein paar Tausend Freiwillige, zumeist Ingenieure, arbeiteten von Anfang an mit. Der Ort war nur im Sommer per Schiff über den Hafen Dudinka zu erreichen. Die kleine Ansiedlung, die in jenen Jahren entstand, war auf keiner Karte verzeichnet.

Erst 1955, nach der Entstalinisierung, erhielt Norilsk den Status einer Stadt, die allerdings für Ausländer verboten war. Noch heute dürfen ausländische Besucher nur mit Genehmigung der Sicherheitsorgane das Flugzeug oder – in den Sommermonaten – die Schiffe nach Norilsk besteigen. Letztere wurden in den 1950er Jahren in der DDR gebaut und fahren noch immer auf dem Jenissei. Handelsgüter gelangen dank der Eisbrecher ganzjährig über das Nordpolarmeer in die Stadt.

Im Sommer nach Stalins Tod am 5. März 1953 und nach den ersten Entlassungen krimineller Häftlinge kam es zu Streiks und Aufständen. Die politischen Gefangenen, hauptsächlich Ukrainer, Balten und Polen, organisierten den größten Aufstand in der Geschichte der sowjetischen Lager. Von 1954 bis zum Ende der 1950er Jahre erfolgte die „Entgulagisierung“ von Norilsk, die Häftlinge wurden entlassen. „Die freien Einwohner von Norilsk betrachteten mit Sorge die vielen an ihren Nummern zu erkennenden Zeks4 auf der Hauptstraße der Stadt“, erzählt Elizabeth Obst, Tochter eines Gulag-Gefangenen und Präsidentin der örtlichen Sektion der Menschenrechtsorganisation Memorial. „Alle hatten Angst vor Plünderungen und Schlägereien. Jahrelang blieben die Straßen unsicher.“

Die meisten ehemaligen Gefangenen gingen nach Westrussland oder zurück in ihre Heimatländer. Doch manche beschlossen zu bleiben, weil sie nicht wussten, wohin, oder weil sie weiter im Bergbau arbeiten wollten.

Es begann mit dem Gulag

Unter den Häftlingen waren viele Ingenieure, Geologen und andere Spezialisten, die ihr Wissen in den Lagern erworben hatten und es nun als freie Menschen weiter anwenden wollten.

Während der Perestroika Ende der 1980er Jahre wurde in Norilsk, wie überall in der Sowjetunion, eine Sek­tion von Memorial gegründet, in der ehemalige Gulag-Häftlinge und ihre Kinder aktiv sind. Sie verlangen ihre Anerkennung als Opfer des Stalinismus und die Förderung einer Erinnerungskultur.

Das Gesetz vom 18. Oktober 1991, das wenige Wochen vor dem Ende der UdSSR beschlossen wurde, sah die Rehabilitation und eine finanzielle Entschädigung für alle sowjetischen Staatsbürger vor, die seit dem 25. Oktober 1917 auf dem Territorium Russlands Opfer politischer Repression geworden waren. Mehr als vier Millionen Menschen wurden rehabilitiert. Nach und nach erweiterte Memorial sein Betätigungsfeld auf den Schutz der Menschenrechte in Russland und wurde zur Zielscheibe des Putin-Regimes.

Die Leute von Memorial Norilsk sind nicht ganz so regierungskritisch wie die Gruppen in Moskau oder Sankt Petersburg. Für viele von ihnen bedeutet die Ablehnung des Stalinismus nicht eine grundsätzliche Verurteilung der Sowjetunion, auch wenn sie deren Gründungsmythen und die allgemeine Überzeugung vom Stalinismus als dem „kleineren Übel“ nicht unbedingt teilen. Viele freuen sich über die Zeichen der Aussöhnung seitens der orthodoxen Kirche, die Opfer des Stalinismus heiligspricht, oder von Putin selbst, der 2010 dem Standort des Gulag von Norilsk einen Besuch abgestattet hat. Elizabeth Obst meint, Putin wisse, „dass man die historische Wahrheit nicht verbergen darf, sondern sie den künftigen Generationen nahebringen muss. Es sind vielmehr die Bürokraten hier vor Ort, die das alles lieber totschweigen wollen.“

Im Bemühen, an die Zekszu erinnern, hat Memorial bescheidene Erfolge erzielt. Das örtliche Museum hat sich bereit erklärt, eine zunächst temporäre Ausstellung über die Lager zu einer Dauerausstellung zu machen. Aber ein eigenes Museum und ein Archiv gibt es immer noch nicht.

Die Behörden halten stur an ihrer Politik des Vergessens fest. 1990 wurde immerhin die bescheidene offizielle Gedenkstätte „Golgatha“ eingerichtet, in der die verschiedenen religiösen oder nationalen Gemeinschaften ihren je eigenen Gedenkort erhielten. Finanzielle Unterstützung kam vom Kombinat, nicht aber von der Stadt. Im Abschnitt „Geschichte“ der Web­site von Norilsk Nickel bleiben die Lager unerwähnt. Auch bei den Festlichkeiten 2015 wurden die Jahrzehnte der Zwangsarbeit totgeschwiegen. Die einzige Gedenktafel, die zu diesem Anlass eingeweiht wurde, galt der „Spartak“, dem ersten Schiff, das 1935 hier landete, an Bord Ingenieure und Geologen – alles freie Menschen.

Aus Sicht der lokalen Behörden beginnt die offizielle Geschichte der Stadt 1953 mit der Berufung von Nikita Chruschtschow an die Spitze der Kommunistischen Partei. Er gab den Anstoß für eine neue Welle der Besiedelung, diesmal durch Komsomolzen, Mitglieder der Jugendorganisation der KPdSU. Sie lösten auf den großen Baustellen Sibiriens und später in Fernost die entlassenen Häftlinge ab. 1956, am Beginn des sechsten Fünfjahresplans, kamen 29 000 Jugendliche nach Norilsk.

Die patriotische Jugend war begeistert von den Industrialisierungsprojekten, wurde getragen durch den Sieg im Zweiten Weltkrieg und hatte keine eigene Erfahrung mit den Repressionen der 1930er Jahre. Die Neuankömmlinge veränderten das Gesicht von Norilsk.

Eisiger Wind und stinkende Fabriken

Sie brachten die Mode aus Moskau mit, hörten heimlich die Beatles, verlangten Blumen vor den Fenstern und ausreichend Gemüsekonserven für den langen Polarwinter. Diese der Stadt und dem Kombinat verbundene Generation sieht sich heute als rechtmäßiger Hüter der lokalen Erinnerung und misstraut den Zeks.

„Wir haben hier sehr gut gelebt. Die Geschäfte waren voll. Wir wurden verhätschelt“, erinnern sich Wladimir und Tatjana,5 beide um die sechzig. Tatjanas Eltern waren vor dem Elend in Südsibirien geflohen und hatten im Kombinat Arbeit gefunden, Wladimirs Vater kam als Offizier nach Norilsk. Beide haben einen Teil ihrer Kindheit hier verbracht, in Leningrad studiert und sind dann als Komsomolzen zur Arbeit ins Kombinat zurückgekommen. Nach der Rente gingen sie zurück auf den „Kontinent“ (Materik), wie die Bewohner des Hohen Nordens oder Ostsibiriens den Westen Russlands nennen. Die beiden ehemaligen Ingenieure trauern dem Leben in Norilsk nach, wo sie gesellschaftliches Ansehen genossen und ihren Beitrag leisten durften, um Russland zu einer großen Industriemacht zu machen. Jeden Sommer kommen sie zurück und sind stolz, in der Leninallee 1 zu wohnen, einem schönen, aber baufälligen neoklassizistischen Haus aus der Stalinzeit.

Norilsk symbolisiert alles, was diese Generation vom Sowjetregime in Erinnerung behalten will: ein hartes, spartanisches Leben, verbunden mit dem Vertrauen in die Fähigkeit des Menschen, sich durch Wissen und Bildung weiterzuentwickeln, die Natur zu beherrschen und der industriellen Entwicklung zu dienen. Diese Werte kennzeichnen die Severjanje, die „Leute des Nordens“, ein Name, den die Einwohner der arktischen Regionen mit Stolz tragen.

Im kollektiven Bewusstsein hat der Severjanin besondere Eigenschaften. Er geht in der Arbeit auf und hat keine Angst vor körperlicher Anstrengung. Die arktischen Bedingungen zwingen ihn, aufgeschlossen und solidarisch zu sein. Er ist Teil eines gemeinsamen Projekts, des Aufbaus des Sozialismus, und misstraut jedem, der sich darauf verlässt, dass der Staat für ihn sorgt. Er ist Geologe oder In­ge­nieur, ein Held der sowjetischen Industrialisierung. Er symbolisiert auch die Gleichheit der Geschlechter und verkörpert die Tugenden des späten Sozialismus, der sich um die persönliche Entfaltung kümmerte und die Entstehung einer Konsumgesellschaft „nach sowjetischem Muster“ ebenso wie den Einstieg von Frauen in Männerberufe förderte.

Den Zerfall des sozialen Gefüges von Norilsk haben Tatjana und Wladimir als persönliches Drama erlebt. Der Weggang von Freunden und Kollegen hat die Freundeskreise dezimiert. Viele haben den Untergang der UdSSR und das Chaos der 1990er Jahre nicht ausgehalten, sie wurden krank, flüchteten sich in den Alkohol oder begingen Selbstmord.

Neben den beiden einander widersprechenden Erinnerungen der Gulag-Überlebenden und der Komsomolzen ist allmählich eine dritte entstanden: die Erinnerung der Wirtschaftsmigranten, die während der Perestroika gekommen sind. Wie die anderen rohstoffreichen arktischen Städte hat Norilsk Arbeiter aus der Ukraine und aus Aserbaidschan, dann aus dem Nordkaukasus (hauptsächlich aus Dage­stan) und aus Zentralasien (vorwiegend aus Tadschikistan und Kirgistan) angezogen. Die bereits in den 1980er Jahren zugewanderten Migranten aus Aserbaidschan betreiben heute Restaurants, Cafés und Nachtklubs, während die zweite Generation und Zugereiste aus Zentralasien die Straßenmärkte beherrschen, insbesondere den Verkauf von Obst und Gemüse aus dem Süden.

Diese Migranten haben das städtische Umfeld verändert, weil sie durch ihre Arbeit sehr sichtbar sind und in Kontakt mit anderen Einwohnern treten. Sie haben ein neues Element eingebracht: die nördlichste Moschee der Welt, Ende der 1990er Jahre von einem Geschäftsmann aus Aserbaidschan erbaut, von einem Imam aus Tatarstan geleitet und zumeist von Menschen aus dem Nordkaukasus und aus Zentralasien besucht. Die Mehrzahl der Migranten lebt in ehemaligen Komsomolzenwohnheimen, die dem eisigen Wind ausgesetzt sind, der den Gestank der Nickelfabriken herüberweht.

Von den Zuwanderern aus den ehemaligen Sowjetrepubliken arbeiten nur wenige Bergbauingenieure für Norilsk Nickel. Für sie ist eine Anstellung im Kombinat der berufliche Höhepunkt, weil sie gute Bezahlung, einen sicheren Arbeitsplatz und soziales Prestige verbindet – man gehört zu den „Auserwählten“. Die anderen arbeiten vor allem im Dienstleistungssektor. Viele Neuankömmlinge wissen den arbeitsamen Geist der früheren Generationen zu schätzen. Sie merken, dass die lokale Wirtschaft gut funktioniert, auch wenn ihre Tätigkeit oft nichts mit ihrer Ausbildung zu tun hat. Ihre Geschäfte sind einträglich. Ähnlich wie früher die Komsomolzen haben sie das Gefühl, erfolgreich zu sein.

Namig, ein Aserbaidschaner, der Anfang der 1990er Jahre vor dem Konflikt in Berg-Karabach geflüchtet ist, verkauft heute gebrauchte Kleidung auf dem Zentralmarkt von Norilsk. Er fühlt sich hier sicher und freut sich, dass er mehr verdient als anderswo in Russland, „obwohl es in letzter Zeit schwieriger geworden ist. Und man hat keine Probleme mit den Leuten.“ Sein Kollege Vugar, der Obst und Gemüse verkauft, ergänzt: „Das Leben ist hart, besonders im Winter, aber das ist für alle so. Nur wer mutig ist und keine Angst vor viel Arbeit hat, kann hier überleben.“ Die Migranten aus dem Süden Eurasiens, die sich im Hohen Norden ein besseres Leben aufbauen wollen, greifen gewissermaßen den Mythos des Severjanin auf und passen ihn den postsowjetischen marktwirtschaftlichen Bedingungen an.

Für die Einwohner von Norilsk bedeutet der hohe Norden trotz aller Widersprüche und der klimatischen, umweltbedingten und logistischen Zwänge in erster Linie das Gefühl, zu den heldenhaften Pionieren zu gehören. Aber der Horizont verdüstert sich: Russlands Wirtschaftskrise, der Verfall der Rohstoffpreise und die wachsenden Schwierigkeiten des Kreml, die weitere Entwicklung des hohen Nordens zu finanzieren, könnten die große Stadt mitten in der Arktis in ihrer Existenz gefährden.

1 Subpolare Klimazone, gekennzeichnet durch Permafrost sowie durch Moose, Flechten und Zwergsträucher. Grenzt im Süden an die Taiga, einen borealen Nadelwald.

2 Abkürzung von „Glawnoje uprawlenije lagerei“ (Hauptverwaltung der Besserungsarbeitslager).

3 Die Zahlen sind umstritten. Nach den Archiven, die nach dem Ende der UdSSR geöffnet wurden, gab es im Gulag Anfang der 1950er Jahre bis zu 2,5 Millionen Gefangene, dazu kamen etwa ebenso viele Verbannte.

4 Kürzel, mit dem sich die Gefangenen des Gulag selbst bezeichneten.

5 Namen geändert.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Sophie Hohmann arbeitet als Soziologin am Centre d’études des mondes russe, caucasien et centre-européen (Cercec). Marlène Laruelle ist Politikwissenschaftlerin, Professorin an der George-Washington-Universität (Washington D. C.) und Autorin von „Russia’s Arctic Strategies and the Future of the Far North“, New York (M. E. Sharpe) 2014.

Le Monde diplomatique vom 08.09.2016, Sophie Hohmann