Artikel

Artikel drucken zurück

Die Muslime von Sarajevo

Kultur, Trauma und Religion von Charlotte Wiedemann

In einer Ecke der Gazi-Husrev-Beg-Moschee, im Herzen von Sarajevos Altstadt, hängen ein paar Dutzend Gebetsketten an hölzernen Haken. An solchen Haken werden andernorts Geschirrtücher aufgehängt, und so wie ein Geschirrtuch nicht die Küche verlässt, um auf der Straße spazieren getragen zu werden, so verlassen diese Gebetsketten nicht die Moschee. Der Besucher zählt daran seine Gebetseinheiten ab und hängt sie zurück; das ist so praktisch wie prosaisch. Die Ecke mit den hölzernen Haken ist bemerkenswert, wenn man sich vor Augen führt, dass die Gebetskette in vielen islamischen Ländern ein allgegenwärtiges Accessoire muslimischer Männlichkeit ist, das ständig gezeigt, geschwenkt und befingert wird, sei es aus purer Gewohnheit oder um sich religiös zu gebärden.

Für ein Bild des Islam in Bosnien spielt also eine Rolle, aus welcher Richtung der Betrachter blickt – ob aus einer westeuropäisch-säkularen oder einer muslimischen.

Sarajevo, heute eine mehrheitlich muslimische Stadt,1 überrascht durch eine Atmosphäre urbaner Säkularität. Deren sichtbarstes Zeichen: Viele Frauen kleiden sich freizügig; fast überall wird Alkohol ausgeschenkt. Die geläufige Annahme, Leid führe zu radikaler Religiosität, erweist sich im Fall Bosnien als voreilig. Sarajevo lebte vier Jahre mit dem Horror der Belagerung; von den 100 000 Toten des Bosnienkriegs waren zwei Drittel Muslime. Sie stellen im heutigen Bosnien und Herzegowina eine relative Mehrheit, geschätzte 48 Prozent, etwa zwei Millionen. Fast alle nennen sich „Bosniaken“: Mit dieser ethno-nationalen Bezeichnung definieren sich Muslime heute auf einer nichtreligiösen Begriffsebene, als Pendant zu „Kroaten“ und „Serben“. In diesem Sinne hat die Kriegserfahrung die Identität der Muslime gewiss gefestigt. Doch mit gelebtem Islam hat dies weniger zu tun, als Außenstehende annehmen.

„Die meisten bosnischen Muslime wissen wenig von ihrer Religion, und viele praktizieren sie nicht“, sagt Enes Ljevakovic, Professor für islamisches Recht und Sekretär des Fatwa-Rats der Islamischen Gemeinde. Ljevakovic, ein Mann von melancholischem Humor, redet die Lage nicht schön. In der Gemeindezeitung Preporod („Renaissance“) antwortet er regelmäßig auf Leserfragen, die ihm per E-Mail geschickt werden. Es sind Fragen einfachster Art, etwa: Wie oft muss ich mich beim Gebet verneigen? Ein Leser klagt: „Wo finde ich während des Ramadans für meine Almosen überhaupt einen Armen, der gläubig ist und fastet?“ Den gegenwärtigen Zustand seiner Gemeinde beschreibt Ljevakovic so: „Wir sind dabei, zum Islam zurückzukehren, aber viele sind zu sehr mit ihren Alltagssorgen beschäftigt, mit Arbeitslosigkeit und zu wenig Einkommen.“

Eine „Rückkehr zum Islam“, in einer nominell muslimischen Gesellschaft – das ist erklärungsbedürftig, gerade heute, wo Muslime anderswo, etwa in den Ländern des Arabischen Frühlings, darum ringen, wie die Rolle der Religion begrenzt werden kann. Wie konnte Muslimsein in Bosnien zu einer ethnischen Kategorie werden, die das Religiöse quasi abgeworfen hat?

Der britische Historiker Noel Malcolm2 bietet folgende Erklärung an: Als sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts von Kroatien und Serbien aus nationale Ideologien unter den Katholiken und den Orthodoxen Bosniens verbreiteten, bot weder die gemeinsame Geschichte Bosniens noch die Sprache ausreichend Anhaltspunkt für trennende Identifikationen. Die einzige Grundlage für eine Selbstdefinition als Serben und als Kroaten war die Religion – und sie war das Einzige, was Muslime zu einer eigenen, einer dritten Kategorie machte. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich dann „Muslim“ bereits als ein politischer Begriff etabliert; die ausschließlich religiöse Bedeutung des Worts begann allmählich zu erodieren.

Das nächste Kapitel wurde durch die Zwangssäkularisierung in Jugoslawien geschrieben: Der Islam galt als rückschrittlich und „asiatisch“; kommunistische Kader sollten ihre Söhne besser nicht beschneiden lassen, Kopftuchtragen wurde stigmatisiert, zahlreiche Moscheen wurden zerstört oder zweckentfremdet. Aufgefordert, sich entweder als Serben oder als Kroaten zu deklarieren, zogen es die meisten bosnischen Muslime vor, beim Zensus 1953 „undefiniert“ zu bleiben. Die staatliche Haltung wurde liberaler, als Muslime für Titos Außenpolitik nützlich wurden: In der Blockfreienbewegung waren führende Länder, wie Indonesien, islamisch. Jugoslawische Muslime konnten als Diplomaten Karriere machen.

Beim Zensus 1971 gab es dann erstmals die Rubrik „Muslim im Sinne einer Nation“: „Muslimani“ mit großem M. Die Fürsprecher dieser Bezeichnung waren keine Religiösen, im Gegenteil: Gerade muslimische Kommunisten wollten, dass sich eine muslimische Identität jenseits des Religiösen etablierte. Diese säkularen Funktionäre bekämpften wenig später die religiöse Belebung gegen Ende der 1970er Jahre. In diesen Kontext gehört auch die Verurteilung von Alija Ali Izetbegovic, der später Präsident von Bosnien und Herzegowina wurde. 1983 wurde er zu vierzehn Jahren Gefängnis verurteilt, weil er in seinen Schriften westliche Ideen zugunsten islamischer zurückwies; da höbe heute kaum jemand eine Augenbraue.

In der bosniakischen Gesellschaft der Gegenwart existiert die Spaltung zwischen säkular und religiös weiterhin, und sie ist mehr als eine bloße Differenz im Lebensstil. Junge Muslime, die andeuten wollen, dass sie zu Hause wenig mit der Religion vertraut gemacht worden seien, nennen ihre Elternhäuser „kommunistisch“. Über radikale junge Salafiten wird gesagt, sie stammten oft aus solchen Elternhäusern. Und Hikmet, Sohn eines Imams, beschreibt religiöse Heuchelei so: „Leute, die früher auf die andere Straßenseite gingen, um meinen Vater nicht grüßen zu müssen, setzen sich heute in die erste Reihe der Moschee und belehren andere, was Islam sei.“

Praktizierende Muslime empfinden sich als Minderheit in einem säkularen Umfeld; so ist es jedenfalls im städtischen Milieu Sarajevos. Die Religionswissenschaftlerin Djermana Seta hat ein Buch über die Benachteiligung von Kopftuchträgerinnern geschrieben; die Diskriminierung käme vor allem vonseiten säkularer Muslime, sagt sie. Seta trägt selbst den Hidschab und ist zur Sprecherin einer neuen religiösen Sichtbarkeit geworden. „Viele meinen, in das Idealbild vom europäischen, weißen Muslim passe das Kopftuch nicht rein. Da passt das Bier rein, aber nicht das Kopftuch. Das sind zwei clashing identities innerhalb unserer Gemeinschaft.“

Im Ramadan fastet nur etwa jeder Vierte. Größer ist die Zahl derer, für die Ramadan bedeutet: keinen Alkohol trinken. Diese Anstrengung wird dann am Ende beim Bayram-Fest heftig begossen. So ist es auch beim Heiraten: vom Standesamt schnell zur religiösen Trauung, danach wartet schon die Kneipe. Wenn der Zeitplan durcheinandergerät, kommt das Paar mit Alkoholfahne zum Imam.

Ein solcher Islam, reduziert auf ein Set von Gebräuchen und darin einem skelettösen Christentum ähnlich, reicht einer wachsenden Zahl junger Bosniaken nicht mehr. Sie belegen Arabischkurse, um vom Koran mehr zu verstehen, als ihre Eltern in der Koranschule lernten. Sie gehen zu Predigern, die ihnen auch Interpretationen außerhalb der in Bosnien gültigen hanafitischen Rechtsschule vermitteln.

Besuch bei einem jungen Paar: Beide sind Mitte 20, haben sich beim Philosophiestudium kennengelernt und auf getrennten Wegen zur Religiosität gefunden. Sie hatte früher eine andere Beziehung, „ich nahm mir Freiheiten“, das wolle sie nun nicht mehr. Als sie das Kopftuch anzog, war ihre Mutter schockiert. Ein Generationskonflikt, wie er nun häufiger vorkommt.

Wieder stellt sich die Frage nach der Perspektive: Messen wir den heutigen bosnischen Islam nur an der jugoslawischen Epoche oder stellen wir ihn in den größeren Rahmen seiner Geschichte? Für manche westlichen Beobachter ist die Anzahl der Moscheen in Sarajevo bereits ein Zeichen flagranter Islamisierung.3 Als sei nur ein reduzierter Kultur-Islam mit Europa und europäischer Modernität kompatibel. Aber die Bosniaken sind seit mehr als 500 Jahren europäische Muslime, seit dem Zeitpunkt der osmanischen Eroberung im Jahr 1463 gerechnet. Bosnier waren neben Albanern die einzigen Untertanen des Osmanischen Reichs, die in großer Zahl zum Islam konvertierten. Dies mag daran gelegen haben, so vermutet der Historiker Noel Malcolm, dass in beiden Ländern die katholische und die orthodoxe Kirche konkurrierten und es keine gemeinschaftliche christliche Identität gab. Gleichwohl dauerte der Übergang zum Islam fast 150 Jahre.

Sarajevo hatte am Ende des 16. Jahrhunderts, einer Zeit der Blüte und der raschen Entwicklung, bereits mehr als 100 Moscheen. Damals entstanden die wohltätigen Stiftungen, deren Bauten heute noch die osmanische Altstadt prägen. Die zweite beflügelnde Epoche war der Beginn des 20. Jahrhunderts, als Bosnien zur Habsburger Monarchie gehörte: eine Zeit lebhafter Debatten, in der viele Schriften von der „Versöhnung von Glaube und Verstand“ handelten. Seither sind bosnische Islamgelehrte im westlichen ebenso wie im muslimischen Denken verwurzelt. Legendär bis heute ist der Großmufti Mehmed Dzemaluddin Causevic, ein Schüler des ägyptischen Reformers Muhammad Abduh. Er fand es richtig, dass Musliminnen um 1920 in Fabriken ihr eigenes Geld verdienten, und erklärte, die Verschleierung sei eine Sitte, kein religiöses Gebot.

Die Islamische Gemeinde Bosniens weist heute mit Stolz darauf hin, dass im Unterricht nur Religionsbücher heimischer Herkunft verwendet werden. Vor einiger Zeit hat eine Kommission alle Bücher auf mögliche fundamentalistische Stellen hin überprüft. Einheimische Intellektuelle grenzen einen rationalistisch orientierten „bosnischen Islam“ gern ab von jenem arabischen Islam, wie er mit den Kriegsfreiwilligen ins Land kam. Aber sie hüten sich auch vor Beifall von der falschen Seite und vermeiden den Begriff Euro-Islam.

Vielmehr müsse „die Universalisierung des Islam“ gerade in Europa und auf dem Balkan gefördert werden, schreibt etwa Aziz Hasanovic, ein aus Srebrenica gebürtiger Dozent und Vizemufti, damit die muslimischen Europäer aus ihrer „Einkapselung“ und „aus der Abschottung des Islam in der westlichen Welt“ befreit würden.4 Die Debatte gewinnt in Europa gerade an Fahrt, weil sich Politiker immer öfter zu Fürsprechern eines quasi gezähmten Euro-Kultur-Islam machen und zugleich jegliches globales Islamverständnis unter Dschihad-Verdacht stellen. Der französische Innenminister pries jüngst einen „Islam de France“ an, der „mit humanistischen Werten genährt“ sei.5

Bosnien aber zeigt, dass sich Religionskulturen nicht nach solchen Vorgaben entwickeln. Zur Rückkehr von Religiosität gehört heute auch die Rückkehr historischer Merkmale – in diesem Fall: die Stärke der Sufis. Sufi-Bruderschaften spielten schon bei der Islamisierung Bosniens eine Rolle; in Sarajevo entstand das erste Derwischzentrum schon vor der osmanischen Eroberung. Früher war Sufismus eine Art inoffizieller Islam neben dem orthodoxen Mainstream in Moscheen und Medressen – und so ähnlich ist es heute wieder. Die hierarchisch strukturierte Einheitsgemeinde hat mit den Sufis oft ihre liebe Not: Manche Gruppen erkennen die Autorität des Großmuftis nicht an, hören nur auf ihren Scheich. Der Großmufti konnte lange Zeit die Moschee vor seinem Amtssitz nicht betreten, weil sie von einer Sufi-Gruppe beherrscht war. Würdenträger der Gemeinde wurden dort sogar verprügelt.

Ein Sufi im weitesten Sinne ist auch Bosniens populärster Prediger, Sulejman Bugari, der mit seiner Mischung aus Spiritualität und Lebensberatung jede Halle füllt. Bugari studierte in Medina, einer Hochburg der Wahhabiten, fand danach in einem bosnischen Analphabeten seinen spirituellen Lehrer. Die Einnahmen aus Büchern und DVDs steckt er in ein Jugendprojekt für Junkies. Wer zu Drogen greife, suche oft nach seiner eigenen Originalität, sagt er; der Glaube helfe, sich selbst zu finden und die Abhängigkeit zu überwinden. Eines seiner viel verkauften Bücher hat den Titel: „Wir sind einer des anderen Geschenk“. Eine bemerkenswerte Botschaft in einem Land, wo die Kriegstraumata noch gegenwärtig sind und Serben, Kroaten und Bosniaken bisher kaum eine gemeinsame Sicht auf die Vergangenheit entwickelt haben.6

Fußnoten: 1 Seit 1991 gab es keine Volkszählung. Schätzungen sprechen von 80 Prozent Muslimen; vor dem Bosnienkrieg waren es knapp 50 Prozent. 2 Noel Malcolm, „Bosnia – A Short History“, London (Macmillan) 1994. 3 Neben einigen großen neuen Moscheen, nach dem Krieg unter anderem von Saudi-Arabien und Indonesien finanziert, gibt es viele kleine, alte Stadtteilmoscheen, insgesamt vermutlich rund 120. Auf antiislamischen Websites werden bis zu 1 000 angegeben. 4 Gastbeitrag in: Benjamin Idriz, Stefan Leimgruber und Stefan Jakob Wimmer (Hg.), „Islam mit europäischem Gesicht“, Kevelaer (Butzon & Bercker) 2010. 5 Bei der Einweihung der Moschee in Straßburg, 27. September 2012. 6 Ergebnis einer Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung 2010. Am schlechtesten seien die Beziehungen zwischen Bosniaken und Serben. Siehe fes.ba/publikacije/2010-11BiH_sazetak_SKOKO_ENG.pdf Charlotte Wiedemann ist freie Journalistin und Autorin. Zuletzt erschienen: „Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben. Oder: Wie Journalismus unser Weltbild prägt“, Köln (PapyRossa Verlag) 2012. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 14.12.2012,