14.10.2005

Wofür die Unesco kein Geld hat

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Wofür die Unesco kein Geld hat

Den Frieden im Geiste der Menschen verankern“ lautet die Leitidee der UNO-Organisation für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation (Unesco), die am 16. November 1945 von 37 Staaten gegründet wurde. Die beteiligten Regierungen wollten „den Krieg für immer aus der Welt schaffen“. Die eigentliche Geburtsstunde der Organisation war der 4. November 1946, als 20 Vertragsstaaten die Unesco-Verfassung ratifiziert hatten.

Sechzig Jahre später zählt die UN-Sonderorganisation 191 Mitglieder, doch Kriege gibt es immer noch. Das zeige, „dass die Unesco und die gesamte Menschheit versagt haben“, meint Federico Mayor, von 1987 bis 1999 Generaldirektor der Organisation1 . Die Unesco verfügt nur über bescheidene Mittel: Ihr Budget 2005/2006 beläuft sich auf 610 Millionen US-Dollar. Hinzu kommen 400 Millionen Dollar, die teils von anderen UN-Organisationen, teils aus Spenden, teils aus projektgebundene Sonderzuschüssen der Mitgliedstaaten stammen. „Die Hälfte des Budgets der Universität Toronto“, meint Pierre Sané, Untergeneraldirektor für die Abteilung Sozialwissenschaften.

Wofür gibt die Unesco dieses Geld aus? Zum Unterhalt des Hauptsitzes in Paris und 53 Filialen in aller Welt, für die Gehälter von 2 000 Beschäftigten aus 160 Ländern und für zahlreiche Experten aus dem Umfeld der 330 Nichtregierungsorganisationen, die von der Unesco offiziell anerkannt werden. Wie in der Gründungsurkunde vorgesehen, entstanden in den meisten Ländern nationale Unesco-Kommissionen, denen qualifizierte Persönlichkeiten angehören. Sie beraten ihre jeweilige nationale Delegation bei der Generalversammlung, dem Hauptgremium, in dem alle Mitgliedstaaten vertreten sind.

Die Unesco ist nach wie vor eine geachtete Institution, und die sie finanzierenden Regierungen machen sich das auch zunutze. Als die USA 1984 austraten und Großbritannien und Singapur kurze Zeit später nachzogen, büßte die Organisation an Bedeutung ein. Die Rückkehr Londons 1997 und Washingtons 2003 zeigte nicht die erhoffte Wirkung. „Die Unesco dient inzwischen nur noch als politisches und juristisches Labor zur Auslotung der weltweiten Kräfteverhältnisse auf intellektuellem Gebiet. Nur dass man das Denken […] nicht mehr als Voraussetzung zum Handeln betrachtet“, kommentiert ein ehemaliger hoher Unesco-Beamter, der anonym bleiben will.

Seit Ende der 1980er-Jahre gingen die Intellektuellen jedoch auf Abstand. Sichtbar wurde der Wandel, als der damalige Generalsekretär Federico Mayor mit großem Kommunikationsaufwand die „Weltdekade für kulturelle Entwicklung“ einläutete. Doch mangels finanzieller Mittel, Perspektiven und Konzepte musste der Elan bald versiegen.

Ähnlich war es bei der Bildung, die als zentrales Anliegen der Unesco gilt. 1948 hatten sich die Gründungsmitglieder einstimmig darauf verständigt, „weltweit die allgemeine Grundschulpflicht einzuführen“. Gut vierzig Jahre später musste die Unesco eingestehen, damit gescheitert zu sein.

Die 1990 im thailändischen Jomtien tagende Weltkonferenz zum Thema „Bildung für alle“ wies auf den fortschreitenden Verfall des Bildungssektors in den Ländern der Südhalbkugel hin. Doch zehn Jahre später musste die Unesco auf dem Weltbildungsforum in Dakar die verantwortlichen Minister immer noch bitten, „Grundbildung für alle“ doch möglichst bis 2015 zu verwirklichen.

Die Absichtserklärungen der Regierungen kontrastieren auffällig mit den Ergebnissen. Noch immer gehen weltweit 104 Millionen Kinder nicht zur Schule, können 861 Millionen Erwachsene nicht lesen und schreiben.2 Ein ehemaliger Bildungsminister aus Afrika klagt: „Die Unesco hat politisch und finanziell nicht genug Gewicht, um die Strategie unserer Regierungen zu verändern.“ Überdies, so der ehemalige stellvertretende Generaldirektor Henri Lopes, „verfügen handlungsfähige Organisationen wie Unicef und das UNO-Entwicklungsprogramm (UNDP) über eigene Mittel im Bildungsbereich, sie nehmen für entsprechende Projekte nicht mehr die Unesco in Anspruch“.

Die Unesco beschäftigt sich laut ihren Statuten mit gesellschaftlichen Fragen. 1978 veröffentlichte sie eine Erklärung über „Rasse und Rassenvorurteile“, die ein Beitrag dazu war, die pseudowissenschaftlichen Grundlagen des Rassismus zu diskreditieren und zu widerlegen. Zwanzig Jahre später verabschiedete sie eine „Allgemeine Erklärung über das menschliche Genom und Menschenrechte“. Leider sind diese Texte in keiner Weise rechtsverbindlich, da die Unesco nicht über die Macht verfügt, sie durchzusetzen. Seit ihrer Entstehung rief die Organisationen zahlreiche „Dekaden“ und „Weltjahre“3 aus, um die Staaten und Völker der Welt auf dringliche Anliegen hinzuweisen. Doch je häufiger sie zu diesem Mittel griff, umso mehr nutzte es sich ab.

Ein unbestreitbarer Erfolg war allerdings die 1972 verabschiedete „Internationalen Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt“.4 Mit ihr wurden immerhin Staaten wie Griechenland, Kambodscha oder Ägypten befähigt, die negativen Auswirkungen des Tourismus zu begrenzen.

Eine gewisse politische Autorität könnte die Unesco auch für den Fall zurückgewinnen, dass die Generalversammlung im Oktober die „Konvention zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen“ verabschiedet (siehe oberen Beitrag).

Jean-Michel Djian

Fußnoten: 1 Ramon Luis Acuna, „Bildung statt Waffen. Die Unesco unter neuer Führung“, Le Monde diplomatique, November 1999. 2 Unesco, Le Pari de l’égalité, Folgebericht zum Thema „Bildung für alle“, Paris 2003. 3 Etwa die Dekade des Wassers (2005–2015) oder die Dekade der Alphabetisierung (2003–2012). 4 Auf der Basis der Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt führt die Unesco seit 1972 eine Liste über das Weltkultur- und Naturerbe – wegen ihres kulturellen Werts, ihrer Naturschönheit oder ökologischen Bedeutung herausragende Orte. Aus dem Französischen von Bodo Schulze Jean-Michel Djian ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 14.10.2005, von Jean-Michel Djian