Brief aus Wien

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Brief aus Wien

Brief aus Wien

von Florian Klenk

Ich wohne seit einiger Zeit in einem der lebendigsten Viertel dieser Stadt, am Yppenplatz in Ottakring. An dem Tag, als ich in meine neue Wohnung zog, wurde vor meiner Haustüre eine Frau erschlagen, und das war nicht irgendein Mord.

Den Yppenplatz nennen die Leute „Yppendorf“. Viele Türken und Kroaten leben hier, einst war hier ein armes Arbeiterviertel, doch nun erlebt es einen Aufschwung, so wie ganz Wien. Der Bäcker Gül hat die ganze Nacht geöffnet, weil er so viele boomende Restaurants beliefern muss, und in den Dachstühlen der alten Mietskasernen haben sich die Bobos (aus bourgeois und bohémien) schöne Appartements eingerichtet. Unten in den Weinhandlungen nippen sie am Roten Muskateller. Daneben rauchen junge Türken Wasserpfeife.

Der Yppenplatz ist ein Vorzeigebezirk des rot-grün regierten Wien. Kosmopolitisch, sozial durchmischt und hip. Die Stadt hat sich das viel kosten lassen, 60 Millionen Euro hat die regierende Sozialdemokratie in nette Straßen, in Spielplätze und in Sozialwohnungen investiert. Die neuen Marktstände sehen jetzt ganz cool aus, giftgrün lackiert sind sie, junge Architekten haben sie designt.

Aber seit dem Mord hat einer dieser Marktstände eine Delle. Wenn man genau hinsieht, dann sieht man unter dem Marktstand auch noch einen dunklen roten Fleck, es ist eingetrocknetes Blut. Ein junger Bursche aus Afrika hat hier in diesem Multikultiidyll eine Putzfrau aus dem Arbeiterbezirk Simmering mit einer Eisenstange erschlagen, eine Funktionärin der Freiheitlichen Partei. Er hat sie nicht einfach nur erschlagen, er hat sie mit Dutzenden Schlägen so zugerichtet, dass ein hartgesottener Polizist am Tag danach am Tatort eine Kerze anzündete und seine Tränen nicht verbergen konnte. Eine Polizistin, so erzählte er mir, habe sich versetzen lassen. Die Feuerwehr brauchte Stunden, um den Tatort zu reinigen.

Der Mörder stammte aus Kenia und war illegal im Land. Er war hier allen bekannt, er hieß Francis und war obdachlos. Er war vermutlich auch schizophren. Immer wieder attackierte er Menschen. Schon einmal ging er mit einer Eisenstange auf einen Passanten los. Einfach so. Er pisste in die Hauseingänge, zerschlug Scheiben, er zündelte und brüllte. Er war ein öffentliches Ärgernis, aber eben auch ein Patient. Ein Kranker, den niemand haben wollte.

Die Leute hier, sie sind ziemlich tolerant, versorgten ihn dennoch mit Brot, die Türken reichten ihm Baklava. In der Nacht schlief er unter ihren schicken Buden, und in der Früh rollten die Bobos ihre Bugaboos über seine Pisse. Er war ein Bursche ohne Aufenthaltsrecht. Ein lebendes Problem, um das sich niemand kümmerte – keine Psychiatrie, kein Bewährungshelfer, niemand. Das sonst so auf Ordnung, Hilfe und Sauberkeit bedachte Rote Wien war auf einmal nicht da.

Wenn Francis wieder tobte, riefen zwar alle die Polizei. Die aber kam und sagte: „Schon wieder der Francis!“, und fuhr wieder davon. Auch die Richter interessierten sich nicht für ihn. Sie machten ihm zwar wegen vieler kleiner Vergehen immer wieder den Prozess, aber es machte ihnen auch nichts aus, wenn er einfach nicht erschien. Bis zu dem Tag, an dem Francis die Putzfrau erschlug.

Der Mord an dieser Frau erschütterte nicht nur den Yppenplatz, sondern auch den Bundeskanzler. Wie kann es sein, fragten sie alle, dass hier einer auf der Straße lebt und niemand eingreift, obwohl doch sonst ständig nach dem Staat gerufen wird? Der Mord brachte die Leute auf. Denn er war nur das schlimmste Signal eines sozialen Niedergangs und einer Verwahrlosung des öffentlichen Raums, die man in Wien, das in den letzten Jahren boomte und prosperierte, nie toleriert hat.

In der nahen U-Bahn-Linie 6, einer von dem bekannten Architekten Otto Wagner gebauten Jugendstil-Linie, fanden fast täglich Massenschlägereien zwischen Drogen dealenden Asylwerbern statt. Eine junge Afghanin wurde von ihrem Freund in den Kopf gestochen, weil sie seine Avancen ablehnte. Schulkinder wollten nicht mehr an dieser Station vorbeigehen aus Angst vor den Hunden der Drogenkranken, die hier ihre Cornerboys aus Lagos trafen. Was hier geschah, passte nicht so recht ins Bild eines Landes, das die Flüchtlingskrise eigentlich sehr gut bewältigt hatte. Und es passte nicht zu einer Stadt, die keine Verwahrlosung zulässt. Man hätte nun meinen können, dieser Bezirk wähle zu 80 Prozent die FPÖ. Doch das Gegenteil ist der Fall. Das Yppenviertel stimmte bei der Bundespräsidentschaftswahl (die nun wiederholt werden muss) zu 80 Prozent für den grünen Kandidaten, den Wirtschaftsprofessor Van der Bellen. Das Yppendorf will keine rechtsnationalistischen Anführer.

Und das hat Gründe, die alle Städte interessieren sollten. Der Bezirksvorsteher ist ein Sozialist mit dem klassischen Wiener Namen Franz Prokop. Er versprach: „Wir holen uns den Bezirk wieder zurück!“ Mit „wir“ meinte er nicht nur die autochthonen Wiener, sondern alle. Die Türken, Inder, Araber, Serben, Kroaten. In diesem Vorstadtbezirk brennen ja keine Autos, sondern hier werden sie liebevoll tiefergelegt. Mit wummernden Bässen rollen sie am Samstagabend durch den Bezirk.

Prokop also wollte dieses multikulturelle Viertel vor dem Niedergang retten. Kriminalsoziologen würden einen wie ihn als Vertreter des new left ­realism on crime nennen. Er ist einer, der erkennt, dass zu viel Toleranz gegenüber jenen, die sich nicht an die Gesetze halten, vor allem den Schwächeren schadet. Den Rentnerinnen, den Kindern in den Parks, die auf einmal neben Dealern spielen – und der Putzfrau aus Simmering, die hier in der Nacht nach getaner Arbeit erschlagen wurde.

Und so schlug der Bezirksvorsteher im Rathaus Alarm. Es wurden auf sein Betreiben effektivere Gesetze erlassen, Polizisten müssen nun ständig patrouillieren, statt im Wachzimmer zu sitzen. Sozialarbeiter, Gebietsbetreuer und Parkbetreuer sind nun auf einmal sichtbar. Der Justizminister hat eine Untersuchungskommission eingerichtet, um zu klären, wieso sich niemand um Francis kümmerte.

Und jetzt, drei Monate später? Das Yppendorf ist für seine Bewohner zurückgewonnen. Statt Massenschlägereien gibt es wieder Grätzelleben1 . Die Cornerboys mit ihren Drogen sind verschwunden, es fahren wieder die türkischen Kinder mit ihren bunten Tretautos auf den Gehsteigen. Das Gefühl der Unsicherheit schwindet, und die Freiheitlichen kriegen hier keinen Fuß in die Tür.

1 Grätzel: Kiez, Viertel.

Florian Klenk ist Chefredakteur des Wiener Stadtmagazins Der Falter sowie Autor des Reportagenbands „Früher war hier das Ende der Welt“, Wien (Zsolnay) 2011.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 11.08.2016, von Florian Klenk

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