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Ungleiche Pässe

von Igiaba Scego

Boote, Schlepper, Flüchtlinge, Migration, Grenzsicherung, Krise, Aufnahmezentren, Mauern, Rettungsaktionen. Das sind die Wörter, die wir am häufigsten verwenden, wenn wir von der Bewegung der Körper im Raum sprechen. Aber warum verwenden wir in diesem Kontext eigentlich nie das Wort Reise? Sind die Afghanen, Syrer und Somalier etwa keine Reisenden? Seit einer ganzen Weile denke ich, dass wir beim Thema Migration genauer hinschauen und unsere Aufmerksamkeit auf die Ungleichheit des Reisens richten sollten.

Im April war ich zum taz-Kongress in Berlin eingeladen. Da ich aus privaten Gründen nicht über Nacht bleiben konnte, musste ich frühmorgens hin und nachmittags zurück nach Rom. Ich weiß schon – so etwas macht man eigentlich nicht. Es war aber trotzdem schön. Der Tiergarten glitzerte im Sonnenschein, und neben mir auf dem Podium saß die wunderbare Luciana Castellina. Sie hatte so viel zu erzählen: Von ihrer jüdischen Familie in Triest und Rom, wo sie am 9. August 1929 geboren wurde, von ihren Erlebnissen im Schatten der Schoah, den politischen Kämpfen der Kommunisten und ihren Reisen und Begegnungen als Journalistin bei il manifesto. Den ganzen Tag hätte ich ihr zuhören mögen, ohne Rücksicht auf meine körperliche Verfassung – zu allem Überfluss hatte ich auch noch meine Tage bekommen. Abends war ich ein Zombie, erschöpft, aber glücklich.

All das war möglich dank Schengen – und weil ich italienische Staatsbürgerin bin. Die ganze Reise über dachte ich an die Menschen, die in den vergangenen Monaten den Grenzfluss bei Idomeni durchwatet haben. Viele hatten einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, um nach Deutschland zu kommen: Sie mussten Schlepper bezahlen, in übel riechenden Baracken, Zelten oder auf der Straße hausen, sie wurden geschlagen, bekamen schlechtes Essen, wurden noch schlechter medizinisch versorgt und mussten in Schmutz und Kälte ihre Kinder zur Welt bringen: Menschen wie wir, mit einer Nase und zwei Beinen, wenn nicht eins davon eine Mine zerfetzt hat.

Reisen ist nicht einfach, wenn du nicht im richtigen Land geboren bist. Auf unserem technologisch fortschrittlichen, unzivilisierten Planeten herrscht eine wahre Apartheid. Wenn du nicht den richtigen Pass hast, ist dein Leben an der Grenze zu Ende. Du bist ein Problem, ein Risiko, ein Ärgernis, deinetwegen werden Barrieren errichtet. Schon eine Urlaubsreise wird zur mission impossible. Die kanadische Beratungsfirma Arton Capital hat 2015 einen Reisepass-Index erstellt, der zeigt, mit welchem Pass man wie viele Länder bereisen kann.

Unter den Spitzenreitern sind natürlich die Vereinigten Staaten. Mit einem US-Pass steht einem die Welt offen: In 154 Länder kommt man ohne Visum rein. Paradoxerweise haben viele US-Amerikaner ihr Land nie verlassen – aus ökonomischen Gründen.

Der Index hat mich neugierig gemacht, und natürlich habe ich gleich nachgeschaut, wie meine beiden Länder, Italien und Somalia, im Reise-Ranking abschneiden. Der italienische Pass gehört zu den stärksten der Welt. Doch mit dem somalischen Pass wird alles anders. Ich hatte nie einen, wegen des langen Bürgerkriegs, und hätte ich nur diesen einen gehabt, hätte das mein Leben stark beeinflusst: Ein Somalier kommt praktisch nirgendwo hin, der somalische Pass liegt auf Rang 89.

Nur 32 Länder erlauben einer Somalierin die visumfreie Einreise. Am großzügigsten ist Haiti, wo Somalier ohne Visum einreisen und drei Monate bleiben dürfen. Auf den Malediven, in Mikronesien und in Mosambik bekommt man als Somalierin ein Visum für einen Monat. Und nach Malaysia, Singapur und St. Vincent und auf die Grenadinen dürfen Somalier auch visafrei einreisen. Der Rest der Welt, insbesondere die westliche, bleibt ihnen verschlossen. Auch Italien, das Somalia jahrzehntelang kolonial ausgebeutet und dort sogar seinen Giftmüll entsorgt hat, vergibt kein Visum. Praktisch ist es so: Somalier können nicht legal und sicher reisen.

Das war schon einmal anders. In den 1970er und 1980er Jahren war Rom voller afrikanischer Studenten, die einen Teil ihrer Ausbildung an italienischen Universitäten absolvierten, bevor sie in ihre Herkunftsländer zurückkehrten. Pasolini hat sie für seinen Dokumentarfilm „Appunti per un’Orestiade africana“ („Notizen für eine afrikanische Orestie“, 1970) interviewt.

Wenn ich mir auf YouTube die Szene ansehe, in der die Studenten aus Äthiopien, Burkina Faso oder dem Kongo angeregt mit dem Regisseur diskutieren, überkommt mich jedes Mal derselbe Gedanke: Diese elegant gekleideten, klugen jungen Männer mussten sich nicht in die Hände von Schleppern begeben, sie sind einfach ins Flugzeug gestiegen.

Die Welt war früher nicht perfekt, aber es gab die Möglichkeit, zu reisen und ein Visum zu bekommen, auch wenn es nicht immer einfach war. Heute geht das nur noch mit Hilfe der Mafia – die machen jetzt das Weltreisebüro. Wie ist es zu dieser Zweiteilung der Welt gekommen? Eine Welt, in der die einen in hundert und mehr Länder reisen können, während die anderen kaum den Kopf durch die Tür stecken dürfen?

Afrikaner können selbst innerhalb von Afrika nicht ungehindert reisen: Für 55 Prozent der afrikanischen Länder brauchen sie ein Visum.1 In 22 Prozent der Fälle müssen sie es zu Hause beantragen, in 33 Prozent an der Grenze oder im Zielland. Von 55 afrikanischen Ländern verfolgen nur 13 eine Politik der leichten oder gar visafreien Einreise für andere afrikanische Bürger.

Theoretisch hätte Afrika sich nach dem Abkommen von Abuja 1991 auch eine Art Schengenraum schaffen können. Aber dazu kam es bislang noch nicht.2 Kürzlich berichtete die Kenia­nerin Ciku Kimeria, Reisebloggerin und Referentin für internationale Entwicklung, wie ihr in der Elfenbeinküste niemand glauben wollte, dass sie weder auf Verwandtenbesuch noch wegen der Arbeit da war, sondern schlicht als Touristin.3 Touristen – das sind Franzosen, vielleicht noch Engländer oder Deutsche, in jedem Fall Weiße. So ähnlich wie in dem Film „Ricomincio da tre“ (Ich fang wieder bei Drei an) von Massimo Troisi, in dem alle, die seinen neapolitanischen Akzent hören, zu ihm sagen: „Aus Neapel? Du suchst also Arbeit“, und er peinlich berührt antwortet: „Nein, ich bin Tourist.“

Ciku ist eine erfahrene Reisende, sie hat schon 42 Länder besucht, davon 16 in Afrika. Von ihrem Kontinent hätte sie sich eine Stellungnahme gewünscht wie: „Wir vertrauen einander, auch wenn der Rest der Welt uns misstraut.“ In Wirklichkeit, bemerkt sie bitter, kann sich ein Nordamerikaner auf ihrem Kontinent freier bewegen als eine Afrikanerin wie sie.

Mit einem schwachen Pass kannst du nicht im Ausland studieren, nicht am Erasmus-Programm teilnehmen, du kannst nicht einfach zu einem Konzert deiner Lieblingsband fahren oder einen Last-Minute-Flug buchen, du nimmst nicht leichten Herzens ein Job­angebot im Ausland an, und das Wort Tourist streichst du am besten gleich aus deinem Wortschatz.

Damit will sich Trisha Velarmino von den Philippinen nicht abfinden. Tausende User aus der ganzen Welt wenden sich an die Reisebloggerin („P.S. I’m On My Way! Travel, life and dreams“). Patty, ebenfalls von den Philippinen, schreibt auf Trishas Blog in einem wütenden Post: „Ich habe es so satt, wie wir eingeschränkt werden.“ Es geht ihr nicht nur um die Philippinen, sondern um alle, die einen Dritte-Welt-Pass haben und von Australien, den USA und Europa träumen.

Über das Internet und die sozialen Medien schauen die Länder dieser Welt einander in die Augen. Den Ton gibt jedoch der Westen an. Kein Wunder, dass Jugendliche weltweit davon träumen, nur ein einiges Mal einen Blick in die Glitzerwelt von Beyoncé, Leonardo DiCaprio oder Cristiano Ronaldo zu werfen. Auch deshalb ist Patty so frus­triert. Die Schwierigkeiten, an ein Visum zu kommen, machen sie depressiv, sie fühlt sich unnütz und klein. Wer nicht reisen kann, ist auch nichts wert.

Trisha, bei der dieser Wutausbruch ankommt, stimmt nicht in das Gejammer ein, sondern gibt Patty und anderen Usern ein paar „Geheimtipps“, wie sie die begehrten Visa ergattern können. Sie könne zunächst in die Länder einreisen, für die ihr philippinischer Pass ausreicht. Das sind immerhin 61, und die anderen solle sie sich für später aufheben.

Trisha hat zum Beispiel drei wunderbare Monate in Marokko verbracht. Sie sammelt möglichst viele Stempel in ihrem Pass, um einen guten „Reise­lebenslauf“ vorweisen zu können. Im italienischen Konsulat haben sie zu ihr gesagt: „Du bist ganz schön rumgekommen für dein Alter.“ Das wirkt sich positiv aus. In Bolivien kann eine Philippinerin 60 Tage bleiben, in Brasilien 90, in Brunei 14, in Ecuador 90 – und so geht es weiter mit Israel, Vanuatu, Sambia. Es gibt etliche Webseiten wie die von Trisha. Sie sind optimistisch, fröhlich, unterhaltsam. Sie versuchen gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Und doch müssen wir uns die Frage stellen, ob es richtig ist, dass manchen Personen die Welt offensteht, nur weil sie in einem bestimmten Land geboren sind, während andere immer vor verschlossenen Türen stehen. Passt das zu unserer Welt, heute?

Viele wollen nach ihrer Reise wieder zurückkehren; sie wollen studieren, sich spezialisieren oder sich einfach nur mal umsehen. Westler dürfen das. Für alle anderen ist es ein Pro­blem, ja ein Leidensweg. Und es bleibt oft ein Traum, der sich, wenn überhaupt, nur unter großen Gefahren realisieren lässt. Deshalb ist es wichtig, legale Reisemöglichkeiten zu schaffen. Es gibt viele echte Probleme auf dieser Welt. Doch die schlichte Bewegung von einem Ort zum anderen hat erst der Westen zum Problem gemacht.

Es wird Zeit, dass Reisen für alle Menschen sicherer wird. Das ist der größte Widerspruch, in den wir uns verstrickt haben: Wir reden immerzu von Sicherheit, von Antiterrormaßnahmen und ständiger Abwehrbereitschaft – und lassen gleichzeitig zu, dass die meisten Menschen, die sich auf eine Reise begeben, auf die Mafia angewiesen sind.

1 Siehe „Viaggiare non è facile per un africano ... anche in Africa“, auf dem Blog von Daniele Barbieri.

2 Die Afrikanische Union (AU) hat vor Kurzem einen eigenen elektronischen AU-Pass für ganz Afrika vorgestellt. Bis 2020 soll auf dem gesamten Kontinent Reisefreiheit herrschen.

3 Siehe „The trials, restrictions and costs of traveling in Africa if you’re an African“, Quartz Africa vom 17. März 2016.

Aus dem Italienischen von Ambros Waibel

Die Schriftstellerin und Journalistin Igiaba Scego ist in Rom geboren. Eine längere Fassung ihres Beitrags „Viaggiare è impossibile se non sei nato nel paese giusto“ erschien am 11. April 2016 auf internazionale.it.

© Igiaba Scego; für die deutsche Übersetzung Le ­Monde diplomatique, Berlin.

Le Monde diplomatique vom 07.07.2016, Igiaba Scego