Die Ungerührten

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Die Ungerührten

In Großbritannien hüten Hinduvereine das Kastenwesen – mit dem Segen der Regierung Cameron

von Alexia Eychenne

Auch in Southall, Londons „Little India“, achtet man auf standesgemäße Verbindungen ullstein
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Ram Lakha führt seine Besucher durch die prächtigen Säle des mittelalterlichen Rathauses von Coventry. Seit über 25 Jahren ist er Stadtverordneter im einstigen Industriezentrum im Herzen der Midlands; 2005 und 2006 war er sogar Bürgermeister. Doch sein Einstieg in die Politik fand unter erschwerten Bedingungen statt.

1989 wollte die Labour Party den jungen Mann bei den Kommunalwahlen als Kandidaten aufstellen, in einer Hochburg der indischen Community. Sie war in den 1950er Jahren entstanden, als die Fabriken von Coventry dringend Arbeitskräfte brauchten. Heute leben in der 330 000-Einwohner-Stadt 40 000 Einwanderer und deren Nachkommen. „Die weißen Parteimitglieder unterstützten alle meine Kandidatur“, erzählt Lakha, „aber meine indischen Genossen waren dagegen.“

Sie gingen davon aus, dass Lakha in der Exilgemeinde kein mehrheitsfähiger Kandidat wäre. „Es ging das Gerücht um, das gegnerische Lager würde dazu aufrufen, keinen ‚Chamar‘ zu wählen“, erzählt der Kommunalpolitiker. Im hinduistischen Kastenwesen werden die Chamar als sogenannte Unberührbare (Dalits) diskriminiert. Lakha ist tatsächlich als Chamar im Pandschab aufgewachsen, bis er 1977 mit 21 Jahren nach Großbritannien ging.

Das Stigma der Herkunft verfolgte ihn bis in die Wahlheimat. In der Fabrik wurde er gleich von seinen indischen Arbeitskollegen, die aus höheren Kasten stammten, schikaniert. „Seit meiner Kindheit hatte ich gelernt, den Kopf zu senken und eine Art inneren Widerstand zu entwickeln“, erzählt Lakha, der am Ende in einem Wahlkreis gewann, in dem nicht so viele Einwanderer aus Indien kamen.

Lakhas Geschichte ist kein Einzelfall. Nachdem Indien 1947 die Unabhängigkeit erlangt hatte, wanderten in den 1950er Jahren viele Dalits nach Großbritannien aus. Man weiß nicht, ob von den etwa 1,5 Millionen indischstämmigen Briten 40 000, 50 000 oder gar 200 000 Dalits sind, denn es gibt keine verlässlichen Zahlen.

Vergeblich hatten die Dalits gehofft, dass die Diskriminierungen in der neuen Heimat aufhören würden. Stattdessen werden sie selbst heute noch an ihre „niedere“ Herkunft erinnert: In der Schule, bei der Arbeit oder auf Ämtern sind sie den Diskriminierungen indischer Einwanderer aus höheren Kasten ausgesetzt, die sie an ihrer Religion, ihrem Namen oder dem Herkunftsort als Dalit identifizieren.

In den 1950er Jahren sei die sozia­le Durchmischung viel größer gewesen, erzählt Ram Lakha. Da hätte man sich unter Kollegen und Mitbewohnern – man lebte in winzigen Häusern zu mehreren in einem Zimmer – noch gegen die Anfeindungen im Aufnahmeland solidarisiert. Die Kastenzugehörigkeit spielte kaum ein Rolle. Zehn Jahre später, die Familien waren inzwischen nachgezogen, änderte sich das. Die Ehefrauen, erklärt der Ethnologe Nicolas Jaoui, seien meistens sehr fromm gewesen und eher ungebildet: „Nach ihrer Ankunft spielten traditionelle religiöse und familiäre Vorstel­lungen wieder eine stärkere Rolle. Es bildeten sich Kastenvereine, die begannen Geld zu sammeln und eigene Tempel zu gründen.“ Danach lösten sich die unter den ersten Einwanderern geknüpften Bande wieder auf.

Viele Dalits fühlten sich aus den Tempeln der Jats, der größten Einwanderergruppe aus dem Pandschab, die sich als höhere Kaste betrachtet, ausgeschlossen. „Die Leute beteten nicht im selben Tempel und heirateten vor allem nicht untereinander“, erklärt Satpal Muman. Und so ist es geblieben. Der Londoner Informatiker Muman gründete 2003 CasteWatchUK, den ersten Verein gegen Kastenvorurteile.

Der Brahmane auf der Cocktailparty

Typisch sei etwa die folgende Begegnung, die er vor einigen Jahren auf einer mondänen Cocktailparty in London hatte: Einer der Gäste stellte sich ihm gleich als Brahmane vor, also als Angehöriger der höchsten Kaste, und wollte so herausfinden, aus welcher Kaste Muman stammte. „Wenn man in der indischen Exilgemeinde aufsteigen will, ist man ständig mit diesem ausgeprägten Kastendenken konfrontiert“, meint er. „Wer aus einer höheren Kaste stammt, wird automatisch privilegiert.“

Bei „Unberührbaren“ reißen scheinbar harmlose Fragen jedes Mal alte Wunden auf. Anfang der 2000er Jahre arbeitete Mumans Frau in einer Firma, wo sie von Kollegen gemobbt wurde, nachdem diese herausgefunden hatten, dass sie eine Dalit ist. „Sie räumten ihr Geschirr weg, damit es nicht in Kontakt mit dem Geschirr der anderen kam. So ging man früher mit den Unberührbaren um“, erzählt Muman. „Ich will damit nicht sagen, dass ein solches Benehmen allgemein verbreitet ist, aber das Kastenbewusstsein ist es auf jeden Fall, und das führt zu Diskriminierungen, wenn bestimmte Leute auf mächtigen Posten sitzen.“

In den letzten Jahren haben Wissenschaftler versucht, mehr über die Kastendiskriminierung in Großbritannien herauszufinden. Das war aber gar nicht so einfach, weil viele Opfer nicht darüber sprechen möchten. 2006 veröffentlichte das britische Dalit Solidarity Network (DSN-UK) eine Studie, die auf etwa 100 Interviews und Fragebögen basiert. „85 Prozent der Befragten vertraten die Ansicht, dass die Inder in Großbritannien das Kastensystem mittragen“, heißt es in dem Bericht, der die Diskriminierungen am Arbeitsplatz, in Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen und beim Zugang zu den Tempeln beschreibt.1 In einer Studie von 2009 sagten 58 Prozent der 213 befragten Dalits, sie seien von anderen indischen Einwanderern diskriminiert worden.2

2011 kam es in Coventry zu einem Prozess, der landesweit für Schlagzeilen sorgte. Vijay Begraj, ein Dalit und Angestellter einer Anwaltskanzlei, hatte gegen seinen Arbeitgeber geklagt. Nach seiner Heirat mit einer Jat war er von Kollegen, die gegen die Verbindung waren, schikaniert worden. Der Prozess wurde wegen Verfahrensfehlern eingestellt. Seitdem kocht das Thema immer wieder hoch. 2012 twitterte Bobby Friction, Radiomoderator bei BBC-Asian Network, er werde keine Lieder mehr spielen, die das Kastensystem verherrlichen. Daraufhin verbreiteten sich im Netz tausendfach geteilte Pundschabi-Songs über den „Stolz, ein Jat zu sein“.

In ihren letzten Amtsmonaten brachte die Labour-Regierung 2010 den „Equality Act“ durchs Parlament, der sämtliche Verordnungen zum Schutz vor Diskriminierungen (Alter, Reli­gion, Geschlecht, sexuelle Orientierung et cetera) zusammenfasst. Dalitnahe Labour-Abgeordnete schlugen vor, auch Kastenvorurteile auf die Verbotsliste zu setzen. Dieser Antrag kam nicht durch; es sollte erst mal der Beweis erbracht werden, dass diese Art von Diskriminierung überhaupt existiert.

Mit dieser Aufgabe wurde das Na­tio­nal Institute of Economic and Social Research (NIESR) betraut. Die beiden Autorinnen des ersten Jahresberichts3 konnten zwar keine empirischen Daten vorlegen, doch die zitierten Aussagen glichen denen, die das Dalit-Netzwerk gesammelt hatte. In ihrer Schlussfolgerung empfahlen sie gesetzgeberische Maßnahmen, da man nicht davon ausgehen könne, dass das Problem innerhalb der indischen Gemeinde gelöst werden könne.

Dalit-Gruppen für ein neues Gesetz

Für die Befürworter des Diskriminierungsverbots, die darauf gesetzt hatten, dass der NIESR-Bericht Konsequenzen haben würde, war der Wahlsieg der Tories im Mai 2010 ein harter Schlag. Die neue Regierung habe sich bislang auf kein einziges Treffen eingelassen, schimpft Meena Varma, die energische Leiterin des DSN-UK. „Ein Gesetz hat zwar nicht die Macht, Mentalitäten zu verändern, aber es hat Einfluss auf Verhaltensweisen“, sagt die Aktivistin.

Meena Varma gab nicht auf, und das zahlte sich schließlich aus: Im April 2015 forderte das Parlament die Koalitionsregierung aus Konservativen und Liberaldemokraten auf, das Diskriminierungsverbot nach Kasten in den Equality Act aufzunehmen. Im Sommer 2015 sollte es in Kraft treten.

Doch es kam anders. Im Mai 2015 errangen die Tories die parlamentarische Mehrheit und regierten fortan ohne Liberaldemokraten. Diese hatten im Wahlkampf den Dalit-Vereinen Versprechungen gemacht, wohingegen sich die Konservativen auf die Seite der Hindu- und Sikh-Organisationen schlugen, die intensiv gegen das Diskriminierungsverbot lobbyierten.

Satish Sharma, ein ehemaliger IT-Berater, steht an der Spitze des National Council of Hindu Temples. Ein paar Tage vor der Wahl veröffentlichte er mit anderen Hinduvertretern einen Aufruf zugunsten der Tories. Hindus oder Sikhs, die vorhaben sollten, Labour zu wählen, würden in ihr Verderben rennen, wie „Puten, die für Weihnachten stimmen“, hieß es in dem offenen Brief an die indische Community.

Sharma ist sowieso der Ansicht, dass nur die Hindus diskriminiert werden, und zwar von den Linken: „Der Gesetzesvorschlag ist hinterlistig. Er beruht auf unzureichenden Beweisen und wurde nicht mit uns abgestimmt“, erklärt er uns in einem Tempel in South­all, dem Londoner „Little India“. Laut Sharma bilden die vier gesellschaftlich-religiösen Kasten (Varnas) weder eine Hierarchie noch sei man ein Leben lang in einer Kaste gefangen. Und was ist mit all den strikt endogamen Heiratsannoncen? Das seien rein persönliche Vorlieben, meint Sharma.

Ob ein Gesetz wirklich das Richtige ist, fragen sich aber auch neutrale Beobachter, denn für Außenstehende sind die verschiedenen Stufen der Diskriminierung tatsächlich schwer zu durchschauen. Eleanor Nesbitt, die an der Universität Warwick über Einwanderer aus dem Pandschab forscht, bezweifelt, dass die britische Justiz überhaupt beurteilen kann, ob eine Anfeindung etwas mit der Kaste zu tun hat oder mit einem ganz anderen Konflikt. Ein Gesetz könnte unter Umständen die paradoxe Folge haben, dass bei vielen nichttraditionell lebenden indischstämmigen Briten das Kastenbewusstsein wieder gestärkt wird.

Andere meinen, der britische Multikulturalismus sei schuld: „Als die Inder im Vereinigten Königreich eintrafen, wurden sie von den Behörden ermuntert, ihre eigenen Traditionen zu pflegen“, beklagt Davinder Prasad von Caste­WatchUK. Die Förderung der Diversität habe die Spaltungen innerhalb der südasiatischen Gemeinde verstärkt. Der Ethnologe Jaoui bestätigt das: „Das System reproduziert sich in den Institutionen, wie zum Beispiel in den Schulen. In den Lehrbüchern wird immer noch behauptet, das Kastenwesen sei fester Bestandteil des Hinduismus. Die Stadt- und Gemeinderäte, die die Tempel mitfinanzieren, können ebenfalls Angehörige bestimmter Kasten bevorzugen. Sogar die Dalit-Vereine verorten sich in diesem Rahmen.“

Angesichts der Empfindlichkeiten und parteipolitischen Vereinnahmungen sind viele Befürworter des Gesetzes wenig optimistisch. Jeremy Corbyn, der neue Chef der Labour-Partei, führte lange den Vorsitz einer Parlamentariergruppe, die sich für die Rechte der Dalits einsetzt: „Es sieht nicht gut aus, aber wir werden die Regierung weiterhin in die Pflicht nehmen.“

Zumindest das Gerichtsurteil vom 17. September 2015 hätte zuversichtlich stimmen können: Die Hausangestellte Permila Tirkey hatte ihre ehemaligen Arbeitgeber, die wie sie selbst indischer Herkunft sind, wegen moderner Sklaverei und rassistischer Diskriminierung verklagt. Nach Auffassung der Richter hatte das Paar die Haushälterin aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer niedrigen Kaste eingestellt und meinte daher, das Recht zu haben, sie schlecht zu behandeln.

Für die Dalit-Aktivistin Varma ist das Urteil aber kein Anlass zur Freude. Sie befürchtet vielmehr, dass die Regierung es als „Ausrede benutzen könnte, um nicht mehr tun zu müssen. Außerdem ist es kein Präzedenzfall. Bei anderen Fällen könnte die bestehende Gesetzgebung nicht greifen.“ Gegenden wie Coventry, wo eine große Dalit-Gemeinde lebt, seien eher die Ausnahme: „Bei den meisten Politikern steht das Thema ganz unten auf der Agenda.“

1 „No escape: Caste discrimination in the UK“, Dalit Solidarity Network UK (DSN-UK), London, Juli 2006.

2 „Hidden apartheid – Voice of the community“, ­Anti Caste Discrimination Alliance (ACDA), Derby, November 2009.

3 Hilary Metcalf und Heather Rolfe, „Caste discrimination and harassment in Great Britain“, National Insti­tute of Economic and Social Research (NIESR), London, Dezember 2010.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Alexia Eychenne ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 07.04.2016, von Alexia Eychenne