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Fromm und rechts in Alabama

Fromm und rechts in Alabama

Beim Parteitag der Republikaner in Mobile wurde Donald Trump nicht beim Namen genannt. Die Lokalpolitiker dort fürchten ihn nicht nur wegen seiner radikalen Reden, sondern auch als Yankee aus dem Nordosten. Das Fußvolk der Partei dagegen freut sich über einen Kandidaten, der dem politischen Establishment fernsteht.

von Serge Halimi

Mobile, Alabama, 27. Februar. Drei Tage vor dem „Super Tuesday“ mit Vorwahlen in mehreren südlichen US-Bundesstaaten findet der Parteitag der Republikaner von Alabama im großen Saal des Kongresszentrums statt. Einige hundert Landes- und Kommunalpolitiker nehmen daran teil.

Überraschenderweise trifft man hier eher einen schwarzen Delegierten als einen Fan von Donald Trump. Dabei scheint der New Yorker Milliardär in Alabama sehr beliebt zu sein, was sich bei den Vorwahlen bestätigen wird. Und die Republikanische Partei besteht hier fast ausschließlich aus Weißen.1

Keiner der Redner auf der Tribüne erwähnt den Namen Trump – aber alle haben ihn im Kopf, denn sein erfolgreicher Wahlkampf stellt die Weichen für die Zukunft der Partei. Bei jeder Wahl gibt es ein oder zwei Kandidaten, die innerhalb der Partei nicht sonderlich beliebt sind. Der texanische Senator und Trump-Rivale Ted Cruz zum Beispiel: Den meisten seiner Parlamentskollegen fällt es schwer, diesen unsympathischen Mann zu unterstützen. Aber bei Trump geht es um etwas ganz anderes: um das, was man in der Wirtschaft als „feindliche Übernahme“ bezeichnen würde.

Viele Republikaner und die überwiegende Mehrheit der Parteitagsdelegierten sind nämlich der Ansicht, Trump habe keinerlei politisches Fundament und außer seinem übersteigerten Narzissmus und seinen autoritären Ausbrüchen nichts zu bieten. Der Ruf seiner Luxushotels oder seiner Wodkamarke sei ihm wichtiger als die Zukunft der „Partei von Lincoln und Reagan“. Daher veranstalten die republikanischen Delegierten an diesem Samstag in Mobile ein recht hilflos wirkendes Manöver: Sie bestätigen per elektronischer Abstimmung die Grundsätze ihrer Partei – und fürchten zugleich, dass Trump diese bald zu Konfetti verarbeiten wird.

Abscheu und Verehrung für Trump

Um zu überprüfen, ob das kleine Gerät, mit dem sie über die verschiedenen Anträge abstimmen werden, richtig funktioniert, wählen die etwa 300 Delegierten des Landesverbands zunächst ihren Lieblingskriegsfilm: „Patton“ siegt mit weitem Vorsprung vor „Pearl Harbor“. Die zur Auswahl stehenden Filme und das Ergebnis lassen darauf schließen, dass die Parteivertreter große Schlachten lieben – solche, die mit einem Sieg enden.

Danach folgen die wichtigeren Abstimmungen: 76 Prozent sind dafür, dass die nächsten Vorwahlen in Alabama „geschlossen“ stattfinden, also nur unter registrierten Wählern der Partei. Der Zweck dieser Entscheidung ist klar: 2020 sollen es unorthodoxe Kandidaten wie Trump schwerer haben, demokratische oder parteiungebundene Wähler an die Urnen locken zu können. Beim nächsten Antrag wird die Botschaft an den Casino-Besitzer Trump noch deutlicher: Gefordert wird das Verbot „jeder Form von Glücksspiel“ in Alabama.

Das restliche Parteitagsprogramm ist Routine: Man kritisiert die „zerstörerische Politik von Barack Obama und Hillary Clinton“, erinnert daran, dass der Ausgang der Präsidentschaftswahl auch für das politische Kräfteverhältnis im obersten Gerichtshof entscheidend sein wird, fordert erneut, das Abtreibungsgesetz zu verschärfen, und lehnt ein weiteres Mal schärfere Waffenkontrollen ab.

Am Eingang zum Versammlungssaal werden an mehreren Tischen unter entsprechenden Plakaten die Kandidaten präsentiert, die sich Ende Februar noch im Rennen befinden: Ted Cruz, Marco Rubio, John Kasich und Ben Carson. Anstecker und Aufkleber mit ihren Namen werden verteilt. Donald Trump ist hier nicht vertreten. Die republikanischen Mandatsträger von Alabama rechnen in jedem Fall schon mit einer Katastrophe: entweder im November, wenn Trump verliert, oder danach, wenn er gewählt wird.

Dass man ihn hier nicht mag, hat offenkundig nichts mit seinen Schmähungen gegen Muslime zu tun: Im Antrag Nr. 2016-06 wird vorgeschlagen, die USA sollten allen „Flüchtlingen aus Ländern, die Verbindungen zum

radikalen Islam unterhalten“, das Asyl verweigern. „Man hat den Eindruck, die halbe Welt will in die Vereinigten Staaten kommen und Amerikaner töten“, verteidigt ein Abgeordneter die Eingabe. Sein Statement und die unscharfe Formulierung des Antragstextes machen deutlich, dass hier bestenfalls rudimentäre Kenntnisse der internationalen Politik vorhanden sind. Der französische Reporter im Saal wird ganz naiv gefragt, ob denn die Mehrheit der Bevölkerung seines Landes muslimisch sei. Der Antrag wird mit knapper Mehrheit abgelehnt.

Beim anschließenden Dinner (das zwar 150 Dollar kostet, aber trotzdem nicht schmeckt) sind zwei Drittel der Kellner schwarz, 98 Prozent der Gäste weiß. Jeder der Kandidaten hat einen Vertreter hingeschickt. Im Falle von Ben Carson ist es dessen Sohn. Er greift Trump indirekt an, indem er zu Beginn seiner Tischrede aus der Bibel zitiert: „Hütet euch vor falschen Propheten.“ Sein Vater wird sich 13 Tage später dennoch entschließen, Trump zu unterstützen. Der Redner für Ted Cruz zieht ebenfalls das biblische Register und will damit auf die politische Verlässlichkeit des Kandidaten hinweisen: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ Marco Rubio hat ein politisches Schwergewicht geschickt: Rick Santorum ist in evangelikalen Kreisen sehr beliebt. Offenbar weniger bekannt ist der Kommunalpolitiker, der anschließend Trumps Kandidatur verteidigt: „Das Beste an ihm ist, dass er die Massen mobilisiert.“

Schließlich folgt der angekündigte Höhepunkt des Abends, der die Organisatoren sicherlich am teuersten zu stehen kam: Mark Geist, ehemaliger Angestellter eines privaten Sicherheitsdienstes in Libyen, heute hoch bezahlter Vortragsredner, erzählt detailliert, wie sich der Angriff auf das US-amerikanische Konsulat in Bengasi im September 2012 abgespielt hat.2 Seine Schlussfolgerung, mit der an diesem Abend alle einverstanden sind, ist eindeutig: Die Nachlässigkeit von Hillary Clinton, damals Außenministerin unter Obama, sei für den Tod von Botschafter John Stevens verantwortlich.

Das ist der Ton dieses Wahlkampfs. Dabei sind die Leute hier keine Wutbürger, keine Opfer von Prekarisierung oder der Verlagerung von Arbeitsplätzen. Fast jeder hat seine Reise, das Hotelzimmer und das Essen selbst bezahlt. Beim örtlichen Mindestlohn von 7,25 Dollar – dem niedrigsten im ganzen Land – müsste man dafür zwei bis drei Wochen arbeiten.

Wird die Abscheu dieser republikanischen Parteifunktionäre vor Obama und Clinton am Ende größer sein als ihr Misstrauen gegen Trump? Für Vaughn Poe, einen der wenigen schwarzen Kommunalpolitiker hier, ist das keineswegs sicher. Die Beliebtheit des New Yorker Milliardärs führt er auf den Einfluss von Reality Shows und den Hang der Wähler zum Extremismus zurück.

Mit Gott gegen den Yankee

Der Dozent für IT-Sicherheit an der Universität Alabama ist besorgt: „Adolf Hitler war auch sehr beliebt. Und wie hat das geendet? Wenn Trump unser Kandidat wird, wird das für mich sehr schwierig. Das kann ich meinem Land doch nicht antun, für ihn zu stimmen.“ Trump sei auch gar kein Republikaner. „Er ist eigentlich Demokrat. Echte Konservative lassen sich von Donald Trump nicht täuschen. Er ist ein Mann, der Deals macht, das ist sein Metier. Ich wäre nicht überrascht, wenn er sich Mitte September [wenn die Kandidaten der beiden großen Parteien offiziell gekürt werden] dazu entschließen würde, Hillarys Vize zu werden. Der Partei bliebe dann keine Zeit mehr, einen neuen Kandidaten zu finden.“

Die Hypothese einer derart abgefeimten Intrige mag merkwürdig erscheinen. Aber viele Republikaner, die sich angesichts von Trumps untypischer politischer Karriere Sorgen machen, haben nicht vergessen, dass er Hillary Clinton zu seiner dritten Hochzeit eingeladen hatte. Und solche Gerüchte und Verdächtigungen sind keineswegs auf wütende, von Fox News angestachelte Lokalpolitiker beschränkt. Am 16. März beschuldigte Ted Cruz in Arizona die Medien, „die fast alle von Linken geleitet werden“, sie täten alles dafür, dass die Republikaner Trump nominieren. „Denn sie wissen, dass er auf dieser Erde der einzige Kandidat ist, den Hillary Clinton schlagen kann.“

Alabama wurde 136 Jahre lang (von 1874 bis 2010) von den Demokraten regiert und hat sich seither zu einem sicheren Republikaner-Staat gewandelt. Barbara Priester, eine robuste 80-Jährige und Republikanerin der ersten Stunde, ist Mitglied des Exekutivkomitees ihrer Partei in Alabama. Anfang der 1960er Jahre kämpfte sie gegen Alabamas demokratischen Gouverneur ­George Wallace, mit dem Trump häufig verglichen wird – auch er war eine schillernde Persönlichkeit. Wallace’ Tiraden gegen das Establishment und die Intellektuellen, sein Rassismus und seine gewaltsame Unterdrückung der Bürgerrechtsbewegung sind in die amerikanische Geschichte eingegangen.

Viermal kandidierte Wallace für das Präsidentenamt. 1968, als Kandidat der American Independent Party, gewann er in Alabama und vier weiteren Südstaaten. Dieser Sieg war umso verblüffender, als er gegen zwei politische Schwergewichte antrat: den Republikaner Richard Nixon, der die Wahl schließlich gewann, und Hubert Humphrey von den Demokraten. Bei Wallace’ Wahlkampfauftritten kam es häufig zu Tumulten wie heute bei Donald Trumps. Er forderte die Störer – damals meist Hippies – dann gern auf, sich erst mal zu waschen und zu rasieren. Hatte er bessere Laune, schlug er vor, ihnen eine „Widmung auf die Sandalen“ zu schreiben. Bei seiner dritten Kandidatur fürs Weiße Haus 1972 wurde er Opfer eines Attentats, seitdem saß er im Rollstuhl. Trotzdem bekleidete Wallace weiter das höchste Amt in seinem Bundesstaat und wurde insgesamt viermal Gouverneur.

„Wallace’ Stärke“, meint Ann Bennett, die Tochter von Barbara Priester, die sich ebenso wie ihr Ehemann Kevin bei den Republikanern engagiert, „kam daher, dass er die Stimme eines besiegten Volks verkörperte, der Südstaaten. Das erklärt auch den Erfolg von Trump heute. Obama hat aus Amerika ein besiegtes Volk gemacht. Wir haben im Irak verloren, in Afghanistan und gegen den IS. Die Leute sind bereit, den größten Unfug zu akzeptieren, wenn ihnen jemand verspricht, dass wir es denen heimzahlen.“

Ein besiegtes Volk wegen seiner schwachen Führer – das ist ein wiederkehrendes Thema in den Reden Donald Trumps. Ihn treibt der Narzissmus des Big Business, in dem alle Kämpfe „gewonnen“ werden müssen – und ein autoritärer Nationalismus. Diese Haltung ist heute wieder schick, aber Trump bekannte sich bereits vor über 25 Jahren in einem Playboy-Interview dazu.3 Für die Präsidenten der beiden Supermächte jener Zeit, Bush Senior und Michail Gorbatschow, hatte er nur Verachtung übrig. Die Staatschefs der Welt hätten „gar keinen Respekt mehr vor uns“, so Trump damals. „Sie lachen über unsere Dummheit“, „sie tanzen uns auf der Nase herum.“ Nun ist er in die Arena gestiegen, „um Amerika wieder groß zu machen“. Er will die Freihandelsabkommen bekämpfen und an der Grenze zu Mexiko eine Mauer bauen. China und Mexiko stehen auf seiner Liste der Staaten, die die Leichtgläubigkeit Washingtons ausnutzen.

Mit der 38er gegen das Establishment

Mit George Wallace ist Barbara Priester bereits einem Demagogen begegnet, der die Verantwortung für die meisten Probleme des Landes der politischen Klasse zuschob, die angeblich Minderheiten, Ausländer und Kriminelle schützte. Sie erinnert sich, dass er auch ein Meister der medialen Mani­pu­la­tion war: Wallace beschimpfte Journalisten und erklärte sich zum Sprecher des einfachen Mannes; einer, der Klartext redet und seine Ideen vertritt, koste es, was es wolle.

Deshalb misstraut Barbara Priester Donald Trump. Wie Tochter Ann und Schwiegersohn Kevin Bennett verfolgte sie regelmäßig die Umfragen, um ihre Nachbarn und ihre Kirchengemeinde zur Unterstützung desjenigen Kandidaten aufzurufen, der die besten Chancen gegen Trump in Alabama hat. Alle drei schwankten zwischen Rubio und Cruz, bevor sie sich für Letzteren entschieden – vergeblich.4

Dem gesellschaftlichen und kulturellen Universum des Ehepaars Bennett könnte niemand ferner sein als Trump. Ann besitzt eine 800 Hektar große ehemalige Plantage in der Nähe der kleinen Universitätsstadt Auburn, die für ihr Footballteam berühmt ist. Ihr Mann verwaltet das Gut und organisiert dort Hirschjagden. Ihr baptistischer Glaube bestimmt ihr Leben und einen Gutteil ihrer Aktivitäten. Sie finden, in der Politik brauche man vor allem Kompetenz und Erfahrung. Höflich und ohne die Stimme zu heben, verteidigen sie die Einschränkungen für die Zentralgewalt nach dem 10. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassun,5 die Unabhängigkeit der lokalen Macht und die ländlichen Traditionen des Südens.

Und jetzt stürmt da ein geschiedener Milliardär an die Spitze ihrer Partei, der sein Privatleben in Boulevardblättern ausgebreitet und neben zwei Modells in hautengen Kleidern in einem Wrestlingring posiert hat. Dieser Mann, der noch nie in ein Amt gewählt wurde, verkündet nun im Fernsehen, als Präsident werde er nicht zögern, den amerikanischen Soldaten Befehle zu erteilen, die lästige gesetzliche Grenzen einfach überschreiten. Er werde auch Handelsabkommen infrage stellen, ohne sich um die Zustimmung des Kongresses zu kümmern. Ann Bennett fühlt sich traurig und ratlos: „Wir können nichts tun, um ihn aufzuhalten. Aber das wäre nicht das erste Mal, dass uns New York und der Nordosten überrollen.“

Was halten Trumps Anhänger in den Südstaaten davon? Dianne Jay, die wir in Auburn treffen, hat immer die Republikaner gewählt. Sie trägt in ihrer Handtasche eine 38er Smith & Wesson und liest die Lokalzeitung nicht, weil sie ihr zu links ist. Jay regt es auf, dass die Wähler von Donald Trump meist als wütende Männer bezeichnet werden. Ihrer Meinung nach handelt es sich um eine „Bewegung von Amerikanern, die keiner hören wollte, die sich zurückgezogen und ihr Vertrauen in die Parteien verloren haben. Die Leute an der Spitze der Republikaner behandeln Trump wie einen Arbeiter, obwohl er Milliardär ist. Er hat sein Geld selbst verdient, er ist ein Macher, kein Schwätzer. Das Einzige, was sie selber tun, ist reden, reden, reden.“ Sie hätten sich verbündet, um Trump den Weg zu versperren – mit dem Ergebnis, dass die „Bewegung“ gegen sie aufgestanden sei. „Mike Huckabee hat recht: Sie sollten froh sein, dass der Aufstand gegen die Führungsriege und die Vetternwirtschaft in der Partei mit Wahlzetteln (ballots) und nicht mit Kugeln (bullets) passiert.“6

Auch wenn Dianne Jay der Begriff nicht gefällt – ihre Abneigung gegenüber den republikanischen Kongressabgeordneten klingt sehr nach Wut. „Sie wollen lieber die Partei spalten und Hillary Clinton den Sieg überlassen, als enttarnt zu werden. Keiner soll sehen, was hinter den Kulissen vor sich geht: die Lobbys, die Deals, die Korruption. Mir gefällt an Donald Trump, dass er seinen Wahlkampf selbst finanziert und den Vertretern der Interessengruppen nichts schuldet. Mitch McConeell (der republikanische Mehrheitsführer im Senat) verdient über 1 Million Dollar im Jahr, Paul Ryan (Sprecher des Repräsentantenhauses) über 900 000 Dollar. Sie haben also einiges zu verlieren, wenn jemand kommt und sagt: Okay, jetzt werden wir diesen Speck mal abschneiden.“

Obwohl er Trump rein gar nichts abgewinnen kann, hegt Kevin Bennett ähnliche Gefühle für die „Wall Street Gang“, wie er sie nennt: „In beiden Parteien herrscht dieselbe Kultur der wohlhabenden Städter. Für sie ist unser Land nur ein Streifen Erde, den man auf dem Weg von einer Küste zur anderen überfliegt. Bei der Finanzkrise von 2008 hätten wir einfach alles untergehen lassen sollen. Das wäre zwar sehr hart gewesen, aber damit hätten wir so ziemlich die Korruption ausgerottet.“

Die Verteidigung hat das Wort. Am Montag, den 29. Februar, findet in einer ehemaligen Flaschenfabrik in Opelika nahe Auburn das jährliche republikanische Dinner für das County statt. Zur ersten Veranstaltung dieser Art 1994 kamen weniger als 40 Gäste, an diesem Abend sind es fast 300. Mike Rogers, der Kongressabgeordnete des Wahlkreises, weiß, dass er nach dem Fahneneid und dem Gebet auf die Korruptionsvorwürfe reagieren muss, die gegen seine Kollegen in Washington – nicht nur die Demokraten – erhoben werden.

Die Anhänger von Trump und Cruz halten den republikanischen Parlamentariern vor, sie hätten trotz ihrer Mehrheit im Kongress keine der wichtigen Entscheidungen des Weißen Hauses gekippt – weder die Gesundheitsreform „Obamacare“ noch das Abkommen mit dem Iran noch den Abschiebestopp für bestimmte Einwanderergruppen –, obwohl man sie genau dafür gewählt habe. Wurden sie vom System bestochen und sind inzwischen selbst Mitglieder des „Washington-Kartells“, wie es Ted Cruz nennt? Rogers erwidert, man brauche eine Zweidrittelmehrheit, um das Veto des Präsidenten zu überstimmen.

Seinen Parteifreunden rät er zur Geduld: „Im letzten Jahr dieser sozialistischen Regierung werden wir nichts mehr ausrichten können. Wir müssen nur dafür sorgen, dass nichts Schlimmes mehr passiert. Wenn wir dann endlich einen republikanischen Präsidenten haben, werden wir ihm als Erstes ein Gesetz zur Abschaffung von Oba­macare vorlegen; und als Nächstes die Aufhebung des Dodd-Frank-Gesetzes zur Bankenregulierung. Diese sozialistische Regierung wird bald nicht mehr als eine schlechte Erinnerung sein.“

Alle zusammen gegen Einwanderung

Das Mysterium ist jedoch, wie sich Donald Trump in einer Gegend und in einer Partei durchsetzen konnte, wo die Evangelikalen so starken Einfluss haben. Dianne Jay hat vorher Mike Huckabee unterstützt, einen ehemaligen Baptistenpfarrer, der für „traditionelle Familienwerte“ eintritt. Heute engagiert sie sich für einen Casino-König, dessen Glauben zweifelhaft scheint, der flucht wie ein Kutscher und im Fernsehen über die Anatomie seines Geschlechtsteils spricht. Sie hat damit kein Pro­blem: „Donald Trump ist gegen Abtreibung und für das Schulgebet; Sie finden zurzeit keinen, der traditioneller eingestellt ist. Schauen Sie sich seine Familie an: Das ist die Verkörperung des amerikanischen Traums. Okay, er war dreimal verheiratet, aber Ronald Reagan führte auch mehr als eine Ehe. Wenn Sie den gesamten Menschen betrachten, dann sind wir alle Sünder. Und wenn man schon anfängt, Steine zu werfen, dann müsste der ganze Senat gesteinigt werden.“

Trump ist es offenbar gelungen, seine Anhänger fest an sich zu binden; er hat außer Dianne Jay noch über 7 Millionen Follower auf Twitter. Die peinlichen Enthüllungen in den Medien, die Kritik von Künstler und Intellektuellen bestärken seine Anhänger noch: „Ich vertraue Trump“, sagt Jay. „Er muss nichts mehr beweisen. Er hat schon eine großartige Familie und 10 Milliarden Dollar.“

Egal ob es um den Verlust von Arbeitsplätzen, die niedrigen Löhne, die Zerrüttung der christlichen Identität des Landes, die Unfähigkeit des Staats, seine Grenzen zu sichern, oder um Zukunftsängste geht: Immer kommt man auf das Thema Einwanderung.7 „Es war Donald Trump, der das Thema aufgebracht hat“, sagt Ann Bennett. „Keiner wollte darüber reden. Er hat es getan. Unsere Schulen quellen über vor Einwanderkindern, aber man hat nicht das Recht, den Aufenthaltsstatus der El­tern zu überprüfen. Und wenn man auf die Einhaltung der Gesetze pocht, wird man als Rassist beschimpft. Ich weiß nicht, ob es machbar ist, eine Mauer zu bauen, aber wir brauchen eine Grenze. Obama hat sie geöffnet. Jetzt haben die Leute die Nase voll. Sie sehen sehr wohl, dass keine Partei die lateiname­rikanische Wählerschaft verärgern will.“

Trumps Kampagne wird von vielen Ängste genährt. In Alabama hört man Gerüchte von Terrorzellen, die aus Mexiko in die USA einsickern, von Tunneln unter der Grenze, über die Tonnen von Drogen ins Land geschafft werden, von einer ausländischen Armee, die sich auf 12 Millionen Einwanderer stützen kann. Seit der Wahl Obamas 2008 und seiner Wiederwahl 2012 warnen die Parteistrategen der Republikaner jedoch davor, das Einwanderungsthema aufzugreifen, da kein Kandidat ohne einen großen Teil von Wählerstimmen der Hispanics ins Weiße Haus gelangen könne.

Die rechtskonservative Kolumnistin Ann Coulter stellte folgende These auf: Wenn zu der Zeit, als die Demokraten Jimmy Carter und Walter Mondale gegen Reagan kandidierten, die Bevölkerung der USA bereits so wenig „weiß“ gewesen wäre wie heute, dann hätte Carter 1980 gesiegt, ebenso Mondale vier Jahre später. Seltsamerweise gibt sich Coulter trotzdem überzeugt, Trump habe gute Chancen – sie unterstützt ihn. Dabei scheint er sich einzig an eine schrumpfende, überwiegend weiße und männliche Wählerschicht zu wenden. Im November könnte Hillary Clinton also sehr wohl die Kandidatin der Wahl für die unterschiedlichsten Gruppen werden, für Angehörige von Minderheiten ebenso wie für Wall-Street-Banker, für Feministinnen und für Befürworter des Freihandels. Mit einer einzigen Mission: Trump zu stoppen.

Sollte eine solche Koalition Clinton ins Präsidentenamt hieven, dann wird sie nicht lange halten. Bereits der Wahlkampf von Bernie Sanders hat gezeigt, dass eine derartige Zwangsehe schnell an ihre Grenzen stößt. Wichtige Argumente aus Sanders’ Reden, in denen er die Korruption in der US-Politik anprangerte, wurden sogar vom gegnerischen Lager übernommen. Und nicht nur von Donald Trump – auch Ted Cruz verkündete: „Die Republikaner sind fast genauso schlecht wie die Demokraten. Viel zu viele von ihnen gehen mit der Wall Street, den Lobbys und dem Big Business ins Bett, und alle betrachten die illegale Einwanderung als Quelle billiger Arbeitskräfte.“

Wenn es um Firmen­verlagerungen und um Fragen des Freihandels geht, könnte man Dianne Jay fast für eine Wählerin von Bernie Sanders halten. Die konservative Republikanerin zeigt uns ein dreiminütiges Video im Netz, das sie sehr schockiert hat: Der Chef von Carrier, einem Subunternehmen von United Technologies, verkündet darin seinen 1400 Angestellten in Indianapolis, ihre Produktion werde demnächst nach Mexiko verlegt8 – um „wettbewerbsfähig zu bleiben und den langfristigen Bestand des Geschäfts zu sichern“, wie er unter Buhrufen erklärt. Diese Geschichte gehört inzwischen zu den Wahlkampfschlagern von Trump. Die Arbeiter, auch die gewerkschaftlich organisierten, hören genau zu, was er sagt. Hier könnten die Karten neu gemischt werden.

Seit Beginn dieses Wahlkampfs laufen die Wünsche der republikanischen Wähler nicht nur den Vorstellungen früherer republikanischer Präsidenten zuwider, sondern auch dem Großteil ihrer Abgeordneten und den Finanziers und Beratern ihrer Partei. Gleichzeitig werden diese nicht einfach alles aufgeben, was ihre politische Identität seit den Reagan-Jahren bestimmt und ihnen auch viel eingebracht hat. Der Krieg innerhalb der republikanischen Partei hat gerade erst begonnen.

1 Das gilt auch für die meisten anderen Bundesstaaten in der Region, siehe Benoît Bréville, „Im tiefen Süden“, in: Le Monde diplomatique, Oktober 2012.

2 Mitchell Zuckoff (und Mark Geist), „13 Hours: Der Insider-Bericht über die wahren Ereignisse in Benghazi“, Kulmbach (Plassen Verlag) 2016.

3 Playboy, Chicago, März 1990.

4 Am 1. März 2016 gewann Donald Trump bei den Vorwahlen in Alabama 43,4 Prozent der Stimmen; Ted Cruz erhielt 21,1 Prozent, Marco Rubio 18,7 Prozent und Ben Carson 10,2 Prozent.

5 „Die Machtbefugnisse, die von der Verfassung weder den Vereinigten Staaten übertragen noch den Einzelstaaten entzogen werden, bleiben den Einzelstaaten oder dem Volke vorbehalten.“

6 Der Gleichklang von ballots (Wahlzettel) und bullets (Kugeln) geht auf eine berühmte Rede des schwarzen Bürgerrechtlers Malcolm X aus dem Jahr 1964 zurück.

7 Wegen seiner Haltung in der Einwanderungsfrage sprach sich der republikanische Senator Jeff Sessions aus Alabama am 28. Februar als erster Parlamenta­rier für Trump aus.

8 Siehe „Carrier Air Conditioner (part of United Technologies) Moving 1,400 Jobs to Mexico“, YouTube.com, 11. Februar 2016.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Le Monde diplomatique vom 07.04.2016, Serge Halimi