Kubas wackere Spitzel

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Kubas wackere Spitzel

Die Komitees zur Verteidigung der Revolution haben sich neue Aufgaben geschaffen

von Marion Giraldou

Havanna: koordinierter Einsatz gegen Zikamücken DESMOND BOYLAN/ap
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Es war der 28. September 1960. Nach mehreren tödlichen Anschlägen an verschiedenen Orten der Insel verkündete Fidel Castro, die kubanische Regierung werde angesichts der imperialistischen Aggressionen „ein System der revolutionären kollektiven Überwachung“ einführen.

Gemeint waren damit die Komitees zur Verteidigung der Revolution (Comités de Defensa de la Revolución, CDR). Gegründet wurden sie als Basisorganisationen auf der Ebene von Häuser- oder Straßenblocks. Die CDR sollten, so Castro, dafür sorgen, dass „alle Leute in jedem Block wissen, wer wer ist, wer was macht und welche Verbindungen er zur Diktatur hatte“.

Das System sollte dem Schutz Kubas vor einer möglichen Invasion konterrevolutionärer Kräfte dienen, die von der CIA unterstützt und finanziert wurden. Kaum zwei Jahre nach seinem Triumph von 1959 stellte Castro damit heraus, dass die Schlüsselrolle bei der Verteidigung der Revolution dem „Volk“ zukam, also den Kubanern, die sich dem Aufstand der „Barbudos“ (der Bärtigen) aus den Bergen der Sierra Maestra angeschlossen hatten.

Die CDR waren 1961 aktiv an der Abwehr der US-amerikanischen Invasion in der Schweinebucht beteiligt. Doch bald kontrollierte die Organisation, die eigentlich Angriffe von außen verhindern sollte, auch den Alltag der Bevölkerung: Jedes Mitglied der Komitees sollte sich intensiv um seine Nachbarn kümmern, um Leute zu erkennen und zu denunzieren, die womöglich Terroristen oder Spione waren.

Zu der Aufgabe, die Bevölkerung systematisch zu erfassen und ihre Wachsamkeit gegenüber Sabotage und anderen feindseligen Aktivitäten zu schärfen, kamen im Lauf der Zeit weitere Aufgaben im Dienst der Revolution: Die CDR organisieren Alphabetisierungs- und Impfkampagnen oder Hilfsleistungen für Hurrikanopfer, sie erstellen Kandidatenlisten für Provinz- und nationale Wahlen oder teilen Leute zum Wachdienst vor den Läden ein, wenn dort teure elektronische Geräte eingetroffen sind.

Die CDR wurden zum Transmissionsriemen zwischen Staat und Bevölkerung: Sie erklärten den Leuten die Vorschriften und Anforderungen des Staats und lieferten der politischen Führung zugleich Informationen von unten. Heute existieren auf allen Ebenen – vom Häuserblock über die zona (Viertel), das municipio (Gemeinde) und die Provinz bis zur nationalen Ebene – mehr als 130 000 solcher Komitees, in denen rund 8 Millionen Kubaner organisiert sind – nahezu die gesamte Bevölkerung über 14 Jahre.

Die Mitgliedschaft ist allerdings nicht obligatorisch, versichert Eloina,1 die Vorsitzende des CDR im Stadtteil Altahabana. Seit über zehn Jahren wird sie von den Nachbarn alljährlich wiedergewählt. Man schätzt ihre Arbeit, daher wird Eloina ihre ehrenamtliche Funktion, für die es keine Begrenzung der Amtszeit gibt, wohl noch viele Jahre ausüben. Wie ist es zu erklären, dass in ihrem Block alle Bewohner über 14 Jahre, insgesamt 40 in 24 Wohnungen, dem CDR angehören? Die Frage bringt sie aus dem Konzept: „Das CDR ist dafür da, die Leute zu beschützen – warum sollte jemand nicht mitmachen wollen?“

Fürs Mitmachen gibt es aber noch andere Gründe. Die meisten Kubaner über 30 Jahre wissen von irgendwelchen Bekannten, denen das Weiterstudium verwehrt oder die Karriere verstellt wurde, weil er oder sie zu wenig „revolutionäres Engagement“ im CDR gezeigt hatte. Im Jahr 2001 erzählte mir Vilma, eine junge Frau, die in der Tourismusbranche arbeitete, sie gehe immer zur Maidemonstration, obwohl sie dazu nicht verpflichtet sei. Aber sie war sich bewusst, dass ein Fernbleiben ihrer Karriere schaden würde. Auch die Arbeitszentren, bei denen man sich um eine Anstellung bewirbt, fordern häufig ein Empfehlungsschreiben des CDR. Schon das zeigt, welche Rolle die Komitees im Alltag der Kubaner spielen. „Als Vorsitzende kenne ich die Leute in meinem Haus“, erklärt Eloina, „wir sind eine große Familie.“ Nach der Logik des Systems steht es der Vorsitzenden zu, Leumund, Ehrlichkeit und Seriosität der Kandidaten, also deren Eignung zu beurteilen.

Im Hinblick auf solche „Zeugnisse“ stellt sich die Frage, inwieweit das Mitmachen beim CDR freiwillig ist, zum Beispiel wenn eine Fassade gestrichen oder um den Block herum das Unkraut gejätet werden muss. Kein Wunder, dass ein Jugendlicher aus dem Häuserblock meint: „Wieso soll das freiwillig sein, wenn es doch obligatorisch ist?“ Und doch fand sich dieser junge Mann letzten Sommer nicht bereit, bei der Gartenarbeit zu helfen – was noch vor 15 Jahren eine unvorstellbare Kühnheit gewesen wäre.

Die CDR besitzen also nicht mehr dieselbe Macht, Leute einzuschüchtern, wie sie Vilma noch vor 15 Jahren geschildert hatte. Zwar verfasst Eloina noch immer regelmäßig Empfehlungsschreiben, aber das revolutionäre Engagement hat nicht mehr dieselbe Bedeutung wie früher. Als Jaime sich beim Wachschutz am Flughafen bewarb, bescheinigten Eloina und ihre Vorstandskollegen, dass er ehrlich und pflichtbewusst sei, ohne seine mangelhafte Beteiligung an den Aktivitäten des CDR überhaupt zu erwähnen. Offenbar gilt dergleichen nicht mehr – wie noch vor einigen Jahren – als „konterrevolutionäre Einstellung“.

Als die Bedrohung durch die USA nachzulassen begann, ist es den CDR gelungen, ihre Aufgabenbereiche mehr und mehr zu auszuweiten. Und zwar in alle möglichen Richtungen, wie man beobachten kann: Der eine Vorsitzende sorgt sich vor allem um die Sicherheit und organisiert in seinem Wohnblock nächtliche Wachen. Ein anderer hat es eher mit der Bildung und kümmert sich um Hausaufgabenbetreuung.

Die Vorsitzende kennt die Blutgruppe jedes Nachbarn

Eloina liegen vor allem die Schwächsten am Herzen, Alte, Diabetiker und Schwangere. Sie kontrolliert auch die Impfungen und kennt die Blutgruppe aller CDR-Mitglieder in ihrem Block, für den Fall, dass das Gesundheitsministerium nach einem Unfall zu Blutspenden aufruft.

Die CDR versuchen auch, bei der Bewältigung des Alltags zu helfen. Die größten Probleme in Havanna sind die unregelmäßige Wasserversorgung, das unzureichende öffentliche Verkehrssystem und der Mangel an Wohnraum. Obwohl in manchen Vierteln die Frustration der Bewohner bisweilen in Wut umschlägt, kommt es dennoch nie zu Demonstrationen. Der Protest hält sich an die eingefahrenen Wege: Die Komitees informieren zunächst die Delegierten des Viertels.2 Ist die gesamte Gemeinde betroffen, etwa durch einem Hurrikan, wenden sich die Delegierten wegen der Katastrophenhilfe an die Gemeinderegierung: Für das Materielle ist der Staat zuständig. In den meisten Fällen müssen die CDR aber selbst eine Lösung finden.

In Altahabana fällt häufig die Wasserversorgung aus. Zahlreiche Häuserblöcke haben deshalb Speichertanks installiert, die immer aufgefüllt werden, wenn das Wasser läuft. Kommt wieder mal nichts aus der Leitung, werfen die Bewohner den Dieselmotor für die Pumpe an, die das Wasser aus dem Tank in die Wohnungen bringt. Das passiert meistens gegen 17 Uhr, damit die Leute Wasser haben, wenn sie von der Arbeit kommen.

Als der Motorverantwortliche von Eloinas CDR im August 2015 wegzog, berief die Vorsitzende eine Mitgliederversammlung ein. Die Einladung wird normalerweise von einem zum andern weitergesagt. Etwa indem Eloina ihrer Nachbarin Maricel durchs Fenster zuruft: „Genossin, am Sonntag ist Frei­willigeneinsatz, wir machen die Vorgärten sauber.“ Dann spricht Maricel an ihrer Eingangstür mit ihrer Nachbarin Ana, und wenn Mercedes vorbeikommt, weiß auch sie Bescheid und so weiter.

Dass alle 40 Bewohner innerhalb von zwei Stunden informiert werden, bedeutet aber nicht, dass auch alle kommen. Meist sind es nicht mehr als ein Dutzend Leute, die sich am Sonntagmorgen aufraffen und Unkraut jäten oder Wände streichen. Mit den jungen Leuten, die samstagabends ausgehen, mit den Alten und den Eltern kleiner Kinder könne man nicht rechnen, gesteht Eloina. Wenn es einmal nötig ist, dass alle kommen, muss sie von Wohnung zu Wohnung gehen: „Die Leute müssen sich angesprochen fühlen, man muss ihnen erklären, warum sie mitmachen sollen. Als CDR-Vorsitzende muss ich vor allem eine gute Pädagogin sein.“

Zur Diskussion über die Wasserversorgung sind 17 Personen gekommen, eine aus jeder Wohnung, wenn man die abzieht, die nicht laufen können oder arbeiten müssen. Man trifft sich im Garten. Um 18 Uhr sind alle da, aber es geht trotzdem noch nicht los. Man schwatzt angeregt, gegen Abend ist es nicht mehr so heiß, und wenn es einen Drink gäbe, könnte man meinen, es handle sich um ein gemeinsames Essen.

Dann aber eröffnet Eloina die Versammlung. Zuerst fordert sie die Leute auf, die Wasserhähne gut zuzudrehen, vor allem, wenn das Wasser gerade abgestellt ist. Ein paar Tage zuvor hat Marcelo das vergessen und eine Überschwemmung verursacht. Der Sünder nimmt ergeben hin, dass sich die anderen über ihn lustig machen. Dann kommt Eloina zum Kern der Sache. Sie müssen einen neue Verantwortlicher für den Motor finden. Es ist eine Aufgabe, die viel Arbeit bedeutet. Mario ist der Einzige, der sich zur Verfügung stellt; die Abstimmung erfolgt per Handzeichen; Mario wird ohne Gegenstimme gewählt.

Der Pumpenverantwortliche wird einstimmig gewählt

Manche CDR sehen ihre wichtigste Aufgabe noch immer darin, imperialistische Angriffe abzuwehren, das heißt: die Nachbarn zu überwachen. Aber auch das ändert sich. Seit Raúl Castro an der Macht ist, kann man auch ein „guter Revolutionär“ sein, ohne rastlos den Imperialismus zu bekämpfen.

Neuerdings wird die Bevölkerung sogar aufgerufen, die positiven Seiten der Annäherung an die USA zu würdigen, also das Ende des Handelsembargos und den wachsenden Tourismus. Damit die Menschen die neue Politik annehmen, muss der alte Feind entdämonisiert werden. Aber bei einem Teil der Bevölkerung löst die neue Linie nur neues Misstrauen aus, wie manche CDR-Vorsitzenden erkennen lassen.

Der kubanische Künstler Vladimir, der in Frankreich lebt, organisiert in Altahabana seit drei Jahren mit großem Erfolg ein Straßenkunstfestival. Bis 2014 brauchte er nur die Genehmigung der CDR-Vorsitzenden, um Wandbilder zu malen, Workshops für Kinder und Konzerte oder Theatervorführungen für die Bewohner des Viertels zu organisieren. Im Sommer 2015 hatten Vladimir und sein Künstlerfreund Rancel bereits mehrere Wandgemälde auf verschiedenen Häusern vollendet. Dann wollten sie noch einen wild gewordenen Hund malen, und daneben die Worte: „Was wirst du tun?“ Innerhalb weniger Minuten waren alle Kinder aus dem Viertel um sie versammelt und gaben ihre Kommentare ab. Später kamen auch Erwachsene hinzu, mit Bier und TuKola, der kubanischen Coca-Cola.

Kaum war der Hund gezeichnet, die Buchstaben gerade skizziert, da rief der CDR-Vorsitzende die Polizei an und sagte den Künstlern, sie sollten verschwinden. Für ihn war das Bild konterrevolutionär: ein Angriff auf die Normalisierung der Beziehungen zwischen den USA und Kuba. Das gesamte Publikum stellte sich in dieser surrealistischen Diskussion auf die Seite der Künstler und versuchte, den CDR-Vorsitzenden von seinem Irrtum zu überzeugen. Als die Polizisten eintrafen, fragten auch sie, warum man sie überhaupt gerufen hatte.

Als sich die Gemüter erhitzten und der Ton lauter wurde, beschlossen Vladimir und Rancel, nicht weiter an ihrem Gemälde zu arbeiten und sich stattdessen an die nächsthöhere Ebene zu wenden, an die Delegierte des Viertels. Unter den spöttischen Bemerkungen der Menge machte sich der CDR-Präsident hastig daran, das Bild mit einem altbekannten Revolutionsslogan zu übermalen: „Siempre en 26“3 .

Die unterschiedlichen Vorgehensweisen der CDR-Vorsitzenden zeigen, dass die Komitees keine starren politischen Institutionen sind. Ihre Entscheidungen und ihr Wirken hängen viel mehr als früher von den involvierten Menschen ab. Lange genug standen diese Organe für die repressivsten Züge des kubanischen Systems. Die Frage ist, ob sie künftig einen neuen Volkswillen artikulieren werden.

1 Alle Vornamen wurden geändert.

2 Der Delegierte eines Viertels wird alle zweieinhalb Jahre gewählt; er fungiert bei allen Problemen, die das gesamte Viertel und nicht nur ein einzelnes Komitee angehen, als Mittler zwischen den Einwohnern und der Gemeindeverwaltung.

3 Der 26. Juli ist kubanischer Nationalfeiertag und erinnert an den Sturm der revolutionären Guerilla unter Fidel Castro auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba im Jahr 1953.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Marion Giraldou ist Historikerin.

Le Monde diplomatique vom 10.03.2016, von Marion Giraldou