Die heilige Kuh ist ein politisches Tier

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Die heilige Kuh ist ein politisches Tier

von Naïké Desquesnes

Verteidiger des Kuhschutzgesetzes: Dayananda Swami in BangaloreAIJAZ RAHI/ap
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Um zu begreifen, was die Kuh in Indien bedeutet, reicht es nicht, sich die Bilder von gehörnten Wiederkäuern in Erinnerung zu rufen, die seelenruhig auf der Straße liegen. Um zu verstehen, warum die Brahmanen die Kühe für heilig erklärt haben, muss man auf die Ursprünge des indischen Nationalismus zurückkommen.

Die Kuh war bereits unter der Mogulherrschaft vom 12. bis zum 18. Jahrhundert ein politisches Tier, ebenso während der britischen Kolonialzeit im 19. Jahrhundert. Ihr Schutz spielte bei der Entwicklung einer einheitlichen Hindu-Theologie eine wichtige Rolle. Diese sogenannte Hindutva setzt die indische Nation mit der hinduistischen Bevölkerungsmehrheit gleich und schließt alle Rindfleisch essenden Minderheiten aus, zu denen vor allem die 177 Millionen Muslime in Indien (14 Pro­zent der Bevölkerung) zählen. Diese Ideologie vertritt heute ausgesprochen wirkungsvoll der Sangh Parivar („Familie“),1 ein mächtiger Verband nationalistischer Organisationen, dem die Regierungspartei Bharatiya Janata Party (Partei des indischen Volkes, BJP), die Partei von Premierminister Narendra Modi, der Rashtriya Swa­yam­se­vak Sangh (Nationale Freiwilligenvereinigung, RSS) sowie die beiden noch militanteren Hinduorganisationen Vishwa Hindu Parishad (Weltrat der Hindus, VHP) und Bajrang Dal (BD) angehören.

Ende letzten Jahres wurden im Namen des Schutzes der Kuh mehrere Muslime ermordet. Am 28. September lynchten 200 Menschen in einem Dorf im nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh einen fünfzigjährigen Mann und verletzten seinen Sohn schwer, weil die Familie Rindfleisch gegessen haben soll. Am 9. Oktober wurde in Kaschmir ein mit Kühen beladener Lkw mit einer selbst gebastelten Bombe angegriffen. Der junge muslimische Fahrer erlag seinen Brandwunden. Fünf Tage später wurde im Nachbarstaat Himachal Pradesh ein zwanzigjähriger Muslim, der angeblich mit Rindern handelte, von mehreren Menschen zu Tode geprügelt. Am 2. November wurde ein Mann von einer hinduistischen Menge getötet, die ihn beschuldigte, eine Kuh gestohlen zu haben.

Den Mördern spielt ein politisches Klima in die Hände, in dem unter dem Druck der Nationalisten die Gesetze zum Verbot des Rinderhandels immer strenger kontrolliert werden. Die Verfassung von 1949 empfiehlt den einzelnen Bundesstaaten, eigene Gesetze zu erlassen, die die Schlachtung von Kühen verbieten. Acht der 29 indischen Bundesstaaten haben diese Empfehlung bis heute nicht umgesetzt, dort können Kühe zu Fleisch verarbeitet werden, das verkauft und gegessen wird. In drei weiteren Staaten unterliegt die Schlachtung strengen Vorschriften. In den übrigen 18 Staaten ist sie strikt verboten, Zuwiderhandlungen werden mit Haftstrafen von bis zu zehn Jahren geahndet. In fünf Staaten, in denen sogar das Essen von Rindfleisch ausdrücklich verboten ist, führt die Polizei in bestimmten Restaurants immer wieder Durchsuchungen durch.

In Indien lebt aber auch eine Rinderrasse, die keinen derartigen Schutz genießt: der Wasserbüffel, ein meist schwarzer Wiederkäuer, der in der Mythologie für den Dämon steht. Da er in allen Bundesstaaten außer Chhattisgarh für den Export geschlachtet werden darf, konnte Indien im vergangenen Jahr zum weltweit größten Exporteur von Rindfleisch aufsteigen und den bisherigen Spitzenreiter Brasilien auf Platz zwei verweisen.

Viele Muslime, Christen und Ureinwohner haben ebenso wie die unteren sozialen Klassen, die Angehörigen niedriger Kasten, kein Problem damit, Rindfleisch zu essen – es ist zwar tabu, aber dafür sehr billig. Wer das Fleisch beim Metzger kauft, nennt das heilige Tier freilich nicht beim Namen, sondern spricht von „der Dicken“. Die Unberührbaren sind es gewohnt, Rindfleisch zu essen, weil sie sich traditionell um Tierkadaver zu kümmern hatten; sie nutzten darüber hinaus auch die Haut, die sie zu Leder gerbten. Heute sind die meisten Metzger und Verkäufer in den kommunalen Schlachthöfen Muslime, während in den großen industriellen Schlachthöfen auch Hindus und Nichtmuslime arbeiten, in einigen Fällen sogar als Chefs.

Was immer die Ultranationalisten behaupten, Rindfleisch war lange vor der Ankunft der Muslime ein wichtiger Bestandteil der kulinarischen Tradition in Indien.2 In den ältesten heiligen Texten der Hindus ist die Kuh eine Göttin, die „es nicht verdient, getötet zu werden“, aber sie wird dennoch gelegentlich geopfert oder gegessen, etwa um einen hohen Gast zu ehren. Die Dinge änderten sich, als gegen Ende des vedischen Zeitalters (zwischen dem 1. und 2. Jahrhundert v. Chr.) die Popularität der teils streng asketisch lebenden hinduistischen Wandermönche (Sadhus) zunahm und zugleich ein Konkurrenzkampf zwischen den Jainisten und den Buddhisten ausbrach, die beide die Tötung von Tieren strikt ablehnen.

Die Brahmanen, die bis dahin Kühe (und die in der Gegend verbreiteten Zebus) geopfert hatten, fühlten sich durch die Entwicklung bedroht – und erklärten sich fortan zu Beschützern der Rinder; nach und nach folgten auch die anderen Kasten. Wer Rindfleisch aß, galt nun als unrein, Kuhdung dagegen als besonders wertvoll. Bis heute gibt es in Indien Läden, die Medizin und Kosmetika aus Rinderurin und Kuh­fladen verkaufen.

Der Historiker Bhagwan Josh führt die Bedeutung der Kuhsymbolik für die Konflikte zwischen den Glaubensgemeinschaften auf die Invasion der Mogule zurück. „Damals mussten sich die Hindus gesellschaftlich unterordnen, obwohl sie in der Mehrzahl waren.“3 Den Angehörigen höherer Kasten räumten die muslimischen Herrscher allerdings bestimmte Rechte ein. Und mehrere Mogulkaiser untersagten ­sogar offiziell, Rinder zu schlachten.

Zur ersten Politisierung des Themas kam es am Ende des 19. Jahrhunderts, als der Brahmane Dayananda Sa­ra­swati, Gründer der fundamentalistischen Reformbewegung Arya Samaj („Gemeinde der Arier“), den Schutz der Kuh für seine hindunationalistischen und restaurativen Ideen nutzte. Sa­ra­swa­ti schuf den Mythos vom Goldenen Zeitalter der arischen vedischen Ära zwischen dem 6. und 2. Jahrhundert v. Chr. Seiner Meinung nach ging diese große Epoche nur zu Ende, weil es den Hindus nicht gelang, sich gegen die arroganten, rassistischen Kolonisatoren und Muslime zu wehren. Letztere schildert Saraswati als Leute, deren Angriffe sich nicht nur gegen heilige Kühe, sondern auch gegen Hindufrauen richteten. 1882 gründete Saraswati die Gesellschaften zum Schutz der Kuh (Gorakshini Sabha). Dort versammelten sich die aus den oberen Kasten stammenden Landbesitzer, die fürchteten, die britische Kolonialherrschaft könnte ihre Macht beschneiden.

Schon bald ging es weniger um den Schutz der Tiere als um antimuslimische Propaganda. Man verteilte Kettenbriefe in den Dörfern – der Empfänger musste die Nachricht abschreiben und an mehrere Leute weitergeben. „Wenn du einen Muslim mit einer Kuh siehst, dann ist es deine Pflicht, sie ihm wegzunehmen“, heißt es in einem dieser Briefe. Im Zuge von Aktionen zur „Kuhrettung“ kam es in den Jahren 1893 und 1917 zu schweren Unruhen. Jeder Haushalt musste sich mit einer Zwangsabgabe an den Kosten für die Unterbringung der beschlagnahmten Tiere beteiligen. Mit dem Geld wurden auch die Reiseprediger finanziert; deren flammende Reden brachten privilegierte Hindus mit Scharen weniger gebildeter Zuhörer zusammen.

1924 erfand Mohandas Karamchand (Mahatma) Gandhi, der Anführer der Unabhängigkeitsbewegung, eine gemäßigte Version der Gorakshini Sabha: die Organisa­tio­nen im Dienst der Kuh (Go Seva Sangh). Er sagte, er sei bereit, „sein Leben zu opfern, um die Kuh zu retten“, die er tief verehrte. Aber er erhob in diesem Zusammenhang keine Vorwürfe gegen die Muslime. Er unterstützte zwar die muslimischen Forderungen gegenüber den britischen Kolonialherren, versuchte aber zugleich, einen Schutz der Tiere auszuhandeln: „Es wäre eine feine Geste, die ihnen zu beträchtlicher Ehre gereichen könnte, wenn die Muslime den Massentötungen von Kühen ein Ende bereiten würden, und zwar aus freien Stücken, aus Rücksicht auf die religiösen Gefühle der Hindus und aus Verpflichtung ihnen gegenüber.“4 Wer weiß, ob das als freundschaftlicher Druck oder als politische Erpressung gemeint war – Gandhis Sorge um das heilige Tier bestärkte jedenfalls die Fundamentalisten, statt sie zu beschwichtigen, und verlieh dem Thema mehr politische Bedeutung.

Heute werden die Symbole und Aktionsformen dieser aus der Kolo­nial­zeit stammenden Bewegung neu belebt. Das belegt auch der Lynchmord vom 28. September 2015 im Dorf Bisara, in dem die hohe Kaste der Rajputen regiert.5 Die Männer, die die Menschenmenge zum Haus des Opfers geführt haben, gehörten der BJP oder – wie der Sohn des Dorfchefs – den Milizen des Sangh Parivar an. Ein paar Wochen zuvor war ein Priester ins Dorf gekommen, wie einst die Wanderprediger, und hatte das Gerücht in die Welt gesetzt: Im Tempel beschuldigte er die Familie Akhlak, eine Kuh getötet zu haben (in Wahrheit handelte es sich um eine Ziege). Als Kettenbrief fungierte das Foto eines Rinderskeletts, das per Mobiltelefon verbreitet wurde.

Im Norden Indiens halten in letzter Zeit immer häufiger Milizionäre mit Stirnbändern im Orange des Sangh Parivar Tiertransporte an, die ihnen verdächtig erscheinen. Und wenn der Fahrer ein Muslim ist, wird er angegriffen. Die geretteten Kühe werden an „Zufluchtsorten“ untergebracht, die von Tierschutzorganisationen unterhalten werden. Oft werden die gestohlenen Kühe von ihren Rettern dann auf dem Schwarzmarkt an Metzger verkauft.

Da das versprochene Wirtschaftswachstum bislang ausgeblieben ist, kann sich Premierminister Modi6 nicht mehr wie 2014, zu Beginn seiner Amtszeit, als moderater Heilsbringer aufspielen. Sein politisches Umfeld setzt ihn unter Druck, seine alte Muslimfeindlichkeit wiederzubeleben; seine Verwicklung in die Pogrome von 2002 in Gujarat ist allen noch gut im Gedächtnis. Modi wagte es nicht, den Lynchmord vom 28. September 2015 zu verurteilen. Erst acht Tage später hat er ihn als „traurig und bedauerlich“ bezeichnet. Seine Kollegen hingegen hielten sich nicht zurück. Der Landwirtschaftsminister erklärte die Schlachtung von Kühen zur „Todsünde“. Der BJP-Ministerpräsident des Bun­desstaats Haryana ließ verlauten: „Die Muslime können weiter in diesem Lande leben, wenn sie aufhören, Rindfleisch zu essen.“

Damit setzen die Hindunationalisten ihre Ideologie durch: Die Tiere werden geschützt, aber nicht die Menschen, die an ihrem Schicksal selbst schuld sind. „Diese politischen Kräfte wollen eine langfristige kulturelle Hegemonie etablieren“, meint der Historiker Josh. „Die jetzige Regierung ist ohne die Stimmen der Muslime an die Macht gekommen. Sie sagt diesen Bürgern ganz deutlich: ‚Ihr habt keinen Platz mehr im indischen Machtgefüge.‘ “ So festigen die oberen Kasten, die weniger als 15 Prozent der Hindubevölkerung stellen, im Namen der Kuh ihre politische, wirtschaftliche und kulturelle Herrschaft über die Minderheiten.

Aber es gibt auch Inder, die sich für mehr Solidarität engagieren. An der Osmania-Universität in Hyderabad im Zentrum des Landes findet jedes Jahr ein nichtkonfessionelles „Rinderfestival“ statt, bei dem die säkulare Gesellschaft verteidigt und gleichzeitig Respekt für bestimmte religiöse Praktiken gefordert wird. Beim letzten Rinderfestival im Dezember 2015 wurden erstmals etwa dreißig Studenten wegen „Rindfleischverzehrs in der Öffentlichkeit“ verhaftet.

1 Vgl. www.bpb.de/apuz/31206/hindu-nationalismus-gefahr-fuer-die-groesste-demokratie?p=all.

2 Siehe Dwijendra Narayan Jha, „The Myth of The Holy Cow“, London (Verso) 2002. Das Buch wurde von einem Gericht in Hyderabad verboten, die Richter forderten außerdem, den Verfasser zu inhaftieren.

3 Siehe Shashi Joshi und Bhagwan Josh, „Struggle for Hegemony in India: Culture, Community and Power“, Neu-Delhi (Sage Publications) 2012 (1. Auflage: 1994).

4 Zitiert bei Philippe Godard, „Gandhi et l’Inde. Un ­rêve d’unité et de fraternité“, in: Les Documents, Paris (Syros) 2007.

5 „Mob lynching in Dadri. A report“, in: Economic and Political Weekly, Bd. 50, Nr. 42, Kalkutta, 17. Oktober 2015.

6 Siehe Christophe Jaffrelot, „Herr Modi aus Gujarat“, Le Monde diplomatique, April 2014.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Naïké Desquesnes ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 10.03.2016, von Naïké Desquesnes