07.01.2016

Diplomatie in Zeiten des Krieges

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Diplomatie in Zeiten des Krieges

Aufzeichnungen des sowjetischen Botschafters in London aus den Jahren 1937 bis 1943

von Iwan Maiski

Zwischenstopp Maiskis in Paris, April 1939 ullstein
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London, 16. November 1937. Heute haben Agniya und ich am „Staatsbankett“ teilgenommen, das King George zu Ehren von König Leopold von Belgien ausrichten ließ, der zu einem viertägigen Besuch angereist war. Es war ein Bankett wie jedes andere. 180 Gäste, die gesamte Königsfamilie, Mitglieder der Regierung, Botschafter (aber keine Gesandten) und eine Auswahl britischer Prominenz. Wir aßen von Goldtellern mit goldenen Gabeln und Messern. Im Unterschied zu den meisten englischen Diners war das Essen recht schmackhaft (es heißt, der König habe einen französischen Koch). Zwei Dutzend schottische Dudelsackpfeifer traten auf, füllten das Palastgewölbe mit ihrer halbbarbarischen Musik und wanderten dabei mehrere Male langsam um unsere Tische. Ich mag diese Musik. Es klingt etwas aus den schottischen Bergen und Wäldern darin an, aus fernen, längst vergangenen Jahrhunderten, aus der Urzeit der Menschheit. [...]

Leopold unterhielt sich mit Chamberlain, Hoare, Montagu Norman (Direktor der Bank von England) und den Botschaftern Grandi, Ribbentrop und Corbin.1 Die meiste Aufmerksamkeit schenkte er unübersehbar dem „Aggressor“ und dessen Kollaborateur. Mir kam diese Ehre selbstverständlich nicht zuteil: Die UdSSR interessiert heute keinen mehr. Auch der japanische Botschafter Yoshida, der verlegen in einer Ecke stand, wurde nicht aufgefordert, seine Aufwartung zu machen. Kein Wunder: Japanische Kanonen feuern in China gerade auf britisches Kapital! ...

Vor lauter Langeweile wollte ich mich schon in die Nebenräume zurückziehen, wo ich viele interessante Bekannte hätte treffen können. Genau in dem Moment wurde es im Bow Room lebhaft. Lord Cromer war in Begleitung von Churchill2 eingetreten, den er Leopold vorstellte. Kurz darauf kam George dazu. Die drei führten eine längere, angeregte Unterhaltung. Churchill gestikulierte wie wild und die beiden Monarchen brachen in lautes Gelächter aus. Dann war die Audienz vorbei. Churchill wandte sich ab und stieß direkt auf Ribbentrop, der mit dem berühmten „Deutschenfresser“ ein Gespräch anfing. Die beiden waren sofort von Zuhörern umringt. Ich verstand zwar nicht, worüber sie sprachen, aber aus der Entfernung sah ich, dass Ribbentrop mit der bekannt finsteren Miene dozierte, wohingegen Churchill die Umstehenden mit seinen witzigen Kommentaren zum Lachen brachte.

Nach einer Weile schien sich Churchill zu langweilen. Als er sich abwandte, fiel sein Blick auf mich. Dann geschah Folgendes: Vor aller Augen und in Anwesenheit der beiden Monarchen durchquerte Churchill den Saal und begrüßte mich mit einem kräftigen Händedruck. Wir haben uns dann sehr angeregt unterhalten, bis König George auf uns zutrat und Churchill beiseitenahm. Es entstand der Eindruck, dass George – verstört angesichts der unerklärlichen Vertrautheit Churchills mit dem „bolschewistischen Botschafter“ – entschlossen war, diesen vor dem „Moskauer Teufel“ retten. Ich wartete ab, was als Nächstes geschehen würde. Churchill beendete sein Gespräch mit George und kehrte zu mir zurück. Die mit Orden beladenen Aristokraten um uns herum waren ziemlich schockiert.

Was hatte Churchill zu sagen? Churchill erklärte mir rundheraus, dass sich der „antikommunistische Pakt“3 seiner Ansicht nach in erster Linie gegen das britische Empire richte und erst in zweiter gegen die UdSSR. Und er glaubt, dass dieses Abkommen zwischen den Aggressoren sehr bedeutsam ist, nicht so sehr heute als vielmehr in Zukunft. Deutschland sei der Hauptfeind. „Die wichtigste Aufgabe für uns alle, die wir die Sache des Friedens verteidigen“, sagte Churchill, „ist der Zusammenhalt. Sonst sind wir verloren. Ein schwaches Russland stellt die größte Gefahr für den Frieden und die Unverletzlichkeit des Empire dar. Wir brauchen ein starkes, ein sehr starkes Russland.“ Churchill senkte die Stimme und fragte mich über die jüngsten Ereignisse in Russland aus: Ob unsere Armee zu geschwächt sei, um dem Druck Japans und Deutschlands standzuhalten?

„Darf ich mit einer Frage antworten?“, erwiderte ich. „Wenn man einen untreuen General, der ein Korps oder eine Armee befehligt, durch einen ehrlichen und verlässlichen General ersetzt, ist dies eine Schwächung oder eine Stärkung der Armee? Wenn man den Direktor einen großen Waffenfabrik, der Sabotage betreibt, durch einen ehrlichen und verlässlichen Direktor ersetzt, ist dies eine Schwächung oder eine Stärkung unserer Militärindustrie?“ Und so fuhr ich fort, die populären Ammenmärchen über die Auswirkungen der „Säuberungen“4 auf die allgemeine Verfassung der UdSSR zu widerlegen.

Churchill hörte mir aufmerksam zu, schüttelte allerdings hie und da misstrauisch den Kopf und sagte: „Es ist sehr beruhigend, all dies zu hören. Wenn Russland stärker wird, nicht schwächer, dann ist alles gut. Ich wiederhole: Wir brauchen alle ein starkes Russland, und wir brauchen es sogar sehr!“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Dieser Trotzki ist der reinste Teufel. Er ist eine destruktive, keine konstruktive Kraft. Ich bin voll und ganz auf Stalins Seite.“

Ich fragte Churchill, was er über Halifax’5 bevorstehenden Besuch in Berlin denke. Churchill verzog das Gesicht und sagte, dass er die Reise für einen Fehler halte. Sie werde nichts bringen; die Deutschen würden nur noch mehr die Nase rümpfen und den Besuch als Zeichen für Englands Schwäche interpretieren. Dies nutze weder England noch fördere es den Frieden. Aber wenigstens sei Halifax ein Ehrenmann, er werde die „schändlichen“ Intrigen nicht mitmachen, zum Beispiel die Tschechoslowakei verraten oder Deutschland im Osten freie Hand gewähren. Dennoch hätten sie diesen Besuch niemals auch nur erwägen sollen!

Churchill reichte mir die Hand und schlug vor, dass wir uns öfter treffen sollten.

26. September 1938. Als Chamberlain aus Godesberg zurückgekehrt war, statteten ihm Attlee und Greenwood einen Besuch ab.6 Halifax war ebenfalls zugegen. Chamberlain begann sich lang und breit darüber auszulassen, dass Hitler „ein ehrenwerter Mann“ sei und beschwichtigt wäre, wenn er das Sudetenland bekommen habe. Greenwood war des Geredes überdrüssig und unterbrach den Premierminister mit der Frage: „Haben Sie Hitlers ‚Mein Kampf‘ gelesen?“ Chamberlain antwortete gereizt: „Ja, das hab ich, aber ich hab mit Hitler gesprochen und Sie nicht!“ [...]

„Aber was passier t, wenn die Tschechoslowakei Hitlers Forderungen zurückweist?“, fragten die beiden Labourführer. „Das wird vom Verhalten Frankreichs abhängen“, antwortete der Premierminister. „Und wenn Frankreich die Tschechoslowakei unterstützt? Wie wird sich die britische Regierung dazu verhalten?“ Chamberlain vermied eine direkte Antwort, meinte aber, das würde „eine neue Lage schaffen“, die das Kabinett noch nicht erörtert habe. Auch auf die Frage nach den Garantien für die neuen Grenzen der Tschechoslowakei konnte der Premierminister keine klare Antwort geben. Am Ende des Gesprächs kamen Attlee und Greenwood auf ihren ursprünglichen Punkt zurück: Welche Grundlage es für die Annahme gebe, das Sudetenland sei die letzte Forderung des Führers? Chamberlain rief erneut, mit frisch entflammtem Ärger:

„Ich habe Hitler gesehen und ich glaube ihm!“

***

30. September 1938. Gestern bin ich erst gegen 4 Uhr morgens ins Bett gegangen und saß die ganze Zeit vor dem Radio. Um 2.45 Uhr wurde schließlich verkündet, dass in München ein Abkommen erzielt wurde und der Friede in Europa gesichert sei. Aber was für ein Abkommen! Und was für ein Friede!

Chamberlain und Daladier haben vollständig kapituliert. Die Viererkonferenz hat im Wesentlichen das Godesberger Ultimatum mit kleineren und unerheblichen Änderungen akzeptiert. Der einzige „Sieg“, den die Briten und Franzosen errungen haben, besteht darin, dass die Übergabe des Sudetenlands an Deutschland nicht am 1., sondern am 10. Oktober stattfinden wird. Was für ein toller Erfolg! [...]

Ich wachte am Morgen mit Kopfschmerzen auf und mein erster Gedanke war, dass ich sofort Masaryk7 besuchen sollte. Als ich in sein Empfangszimmer kam, war niemand da. Eine Minute später hörte ich auf der Treppe eilige Schritte und dann schlich mein Gastgeber herein. Seine große, kräftige Gestalt hatte etwas Seltsames und Unnatürliches an sich. Masaryk warf mir einen flüchtigen Blick zu und versuchte Konversation zu machen: „Herrliches Wetter heute, nicht wahr?“

„Vergessen wir das Wetter“, sagte ich. „Deswegen bin ich nicht hier. Ich bin gekommen, um Ihnen in diesem außerordentlich schweren Augenblick mein tiefes Mitgefühl mit Ihrem Volk und meine große Empörung über das schändliche Verhalten Großbritanniens und Frankreichs auszudrücken!“

Es war, als ginge ein Stromstoß durch Masaryks reglose Gestalt. Plötzlich schmolz das Eis, und er wurde von einem Zittern ergriffen. Er schwankte auf fast komische Weise, dann sank er auf einmal bitterlich schluchzend an meine Brust. Ich war sprachlos und verwirrt. Während Masaryk mich küsste, murmelte er mit tränenerstickter Stimme:

„Sie haben mich in die Sklaverei an die Deutschen verkauft, wie sie früher Neger als Sklaven nach Amerika verkauft haben.“

Nach und nach wurde Masaryk ruhiger und begann sich für seinen Schwächeanfall zu entschuldigen. Ich antwortete mit einem festen Händedruck.

***

4. August 1939. Die Mitglieder der Militärgesandtschaft, die nach Moskau reisen sollte – Admiral Drax (Chefunterhändler), Air Marshal Burnett und Generalmajor Heywood –, kamen zum Mittagessen. Die Gäste waren sehr zurückhaltend und zogen unverfängliche Themen wie die Rebhuhnjagd vor, die sie wegen ihrer Reise nach Moskau verpassen würden. Beim Essen erfuhr ich etwas, was mich ernstlich alarmierte. Als ich Drax fragte, warum die Delegation nicht per Flugzeug nach Moskau reise, sagte er nach leichtem Zögern: „Wissen Sie, wir sind fast 20 Mann und jede Menge Gepäck ... Im Flugzeug wäre es einfach zu unbequem ...“

Ich fand seine Antwort wenig überzeugend und fragte weiter: „Warum nehmen Sie dann nicht ein Kriegsschiff? Einen schnellen Kreuzer zum Beispiel. Das würde Eindruck machen und Ihre Ankunft in Leningrad beschleunigen.“ Drax zögerte wieder und meinte grübelnd. „Aber dann müsste man 20 Offiziere aus ihren Kabinen werfen ... Das wäre unangenehm ...“ Ich traute meinen Ohren nicht. Wie zartfühlend und rücksichtsvoll!

Doch der Admiral beeilte sich, mich mit der Mitteilung aufzumuntern, dass die Militärgesandtschaft mit der „City of Exeter“ ein eigenes Schiff gechartert habe, um die britischen und französischen Unterhändler nach Leningrad zu bringen. An diesem Punkt mischte sich Korzh [der erste Botschaftssekretär] ein und bemerkte spitz, er habe heute vom Schiffseigner gehört, die Höchstgeschwindigkeit der „City of Exeter“ sei 13 Knoten pro Stunde. Ich warf Drax einen überraschten Blick zu und rief: „Ist das möglich?“

Drax murmelte nur verlegen: „Das Handelsministerium hat das Schiff gechartert. Die Details sind mir nicht bekannt.“

Die englischen und französischen Gesandten reisen also auf einem Frachtdampfer nach Moskau! Der Geschwindigkeit nach zu urteilen, muss es ein Frachter sein! Ausgerechnet jetzt, da der Boden unter unseren Füßen zu brennen beginnt! Unfassbar! Will die britische Regierung tatsächlich ein Abkommen? Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, dass Chamberlain unbeirrt sein eigenes Spiel betreibt: Was er braucht, ist nicht ein Dreierpakt, sondern nur Verhandlungen über einen Pakt, als Trumpfkarte, um einen Deal mit Hitler zu erreichen. [...]

***

1. September 1939. Heute, am frühen Morgen, hat Deutschland ohne jede Vorwarnung Polen angegriffen und polnische Städte bombardiert. Das polnische Heer und die Luftwaffe leisten überall heftigen Widerstand.

Nun hat der Krieg also begonnen. [...] Das Parlament trat um sechs Uhr abends zusammen. […] Chamberlain sah furchtbar bedrückt aus und erklärte mit ruhiger, tonloser Stimme, vor 18 Monaten habe er dafür gebetet, nicht die Verantwortung für eine Kriegserklärung auf sich nehmen zu müssen, aber nun fürchte er, das sei nicht mehr zu vermeiden. Die wahre Verantwortung für die Entfesslung des Krieges liege jedoch nicht beim britischen Premierminister, sondern „auf den Schultern eines Mannes – des deutschen Kanzlers“, der nicht gezögert habe, „um seiner sinnlosen Ziele willen“ die Menschheit in den Abgrund unermesslicher Leiden zu stoßen. Chamberlain versuchte mit der Faust auf die berühmte „box“ auf dem Tisch des Sprechers zu schlagen. All dies mit so ersichtlichen Qualen, mit so viel Verzweiflung in den Augen, der Stimme und der Gestik, dass einem schon vom Zusehen schlecht wurde. Und dies ist das Oberhaupt des britischen Empire im kritischsten Augenblick seiner Geschichte! Er ist nicht das Oberhaupt des britischen Empire, sondern sein Totengräber! ...

Wenn nicht im letzten Moment ein Wunder geschieht, wird sich Großbritannien innerhalb der nächsten 48 Stunden mit Deutschland im Krieg befinden.

3. September 1939. Heute ist das Dénouement tatsächlich eingetreten ... der Premierminister ging um 11.15 Uhr morgens auf Sendung und erklärte, dass sich Großbritannien ab jetzt mit Deutschland im Krieg befinde. [...]

Gegen Mittag ging ich ins Parlament. Chamberlain hatte bereits zu sprechen begonnen. Ein düsteres, ausgezehrtes Gesicht. Eine tränenerstickte, gebrochene Stimme. Bittere, verzweifelte Gesten. Ein gescheiterer, zerstörter Mann. Immerhin muss man dem Premierminister zugutehalten, dass er die Katastrophe nicht leugnet, die über ihn hereingebrochen ist.

„Dies ist ein trauriger Tag für uns alle“, sagte er, „und für keinen ist er trauriger als für mich. Alles, wofür ich gearbeitet habe, alles, was ich erhofft habe, alles, woran ich während meiner Laufbahn geglaubt habe – liegt in Trümmern.“

Ich hörte ihm zu und dachte: „Das ist der Führer eines großen Reiches an einem so entscheidenden Tag! Ein alter, löchriger, verblichener Regenschirm! Wen soll der schützen? Wenn Chamberlain noch länger Premierminister bleibt, ist das Empire am Ende.“

***

17. Juni 1940. Frankreich hat kapituliert. Was wird England jetzt tun? Es wird offensichtlich allein kämpfen. Was anderes bleibt ihm gar nicht übrig. Ich muss daran denken, was Randolph Churchill8 mir vor ein paar Wochen gesagt hat:

„Wenn es zum Äußersten kommt, kann Frankreich auch ohne sein Weltreich überleben. Seine Wirtschaft ist so beschaffen, dass es selbst bei Verlust seiner Kolonien als zweitrangige Macht noch passabel über die Runden kommen wird, eine Art Schweden, nur größer. Für England stehen die Dinge anders: Wenn wir unser Empire verlieren, werden wir nicht zu einer Macht zweiten, sondern zehnten Ranges absinken. Wir haben nichts. Wir werden alle Hungers sterben. Also bleibt ihm nichts anderes übrig, als bis zum Ende zu kämpfen.“

***

4. September 1941. Eine Viertelstunde früher aus dem Haus als verabredet. Der Mond schien hell. Fantastische Wolken rasten von West nach Ost. Wenn sie über den Mond zogen, färbten sich ihre Ränder rot und schwarz. Ein düsterer, unheilverkündender Anblick, als stünde die Erde kurz vor ihrer Zerstörung. Ich fuhr durch die vertrauten Straßen und dachte: „Noch ein paar Minuten und wir stehen vor einem bedeutenden, vielleicht entscheidenden historischen Augenblick. Werde ich dem gewachsen sein? Habe ich genug Kraft, Energie, Scharfsinn, Schnelligkeit und Verstand, um diese Rolle mit dem größtmöglichen Erfolg für die Sowjetunion und die gesamte Menschheit zu spielen?“

Innerlich angespannt, betrat ich die Eingangshalle des berühmten Hauses. Das gewöhnliche Leben brachte mich krachend auf den Boden der Tatsachen zurück. Der Portier, ein ganz normaler, livrierter englischer Portier, verbeugte sich tief und nahm meinen Hut. Ein zweiter Portier, der genauso aussah wie der erste, führte mich durch einen schummrigen Flur an lauter gehetzten jungen Männern und Frauen vorbei, wahrscheinlich die Sekretäre und Schreibkräfte des Premierministers. Man bot mir einen Stuhl an und meldete mein Eintreffen weiter. Diese ganze, über die Jahre so vertraute Routine fühlte sich an wie ein kalter Wasserguss, der meine Seele erschauern ließ.

Dann wurde ich in das Büro des Premierministers geleitet oder genauer in den Kabinettssaal. Churchill, im Smoking und mit der gewohnten Zigarre zwischen den Zähnen, saß inmitten leerer Stühle an einem langen, mit grünem Tuch bespannten Tisch. Eden, im dunkelgrauen Anzug aus leichtem Material, saß neben dem Premier. Churchill blickte mich misstrauisch an, paffte an seiner Zigarre und knurrte wie eine Bulldogge: „Gute Neuigkeiten?“

„Ich fürchte, nein“, antwortete ich und übergab dem Premierminister den Umschlag mit Stalins Botschaft. Er setzte seine Brille auf. Nachdem er eine Seite gelesen hatte, reichte er sie an Eden weiter. Ich saß neben dem Premier, schwieg und beobachtete sein Mienenspiel. Als Churchill zu Ende gelesen hatte, war deutlich zu sehen, dass ihn Stalins Botschaft stark beeindruckt hatte.

„Mr Churchill, nun kennen Sie und die britische Regierung die wahre Lage. Wir haben dem furchtbaren Ansturm der deutschen Kriegsmaschinerie elf Wochen lang allein standgehalten. Die Deutschen haben an die 300 Divisionen an unserer Front zusammengezogen. Niemand hilft uns in diesem Kampf. Die Lage ist bedrohlich. Es ist jedoch noch nicht zu spät, sie zu ändern. Aber dafür ist es unabdingbar, die Dinge, über die Stalin schreibt, schnell und entschlossen umzusetzen. Wenn nicht sofort die richtigen Maßnahmen ergriffen werden, ist es vielleicht schon zu spät. ... Entweder Sie unternehmen feste, entschiedene Schritte, um die UdSSR mit der nötigen Hilfe zu versorgen – dann wird der Krieg gewonnen, der Hitlerismus vernichtet und der Menschheit die Möglichkeit offenstehen, eine freie und fortschrittliche Entwicklung zu nehmen. Oder der UdSSR droht eine Niederlage, mit allen daraus folgenden Konsequenzen.“ Der Premierminister hörte schweigend zu, zog an seiner Zigarre und ließ nur ab und zu durch Gesten und Mimik eine Reaktion erkennen, während Eden sich Stalins Brief vornahm und mit Randnotizen versah.

„Ich habe keine Zweifel“, sagte Churchill, „dass Hitler an seiner alte Strategie festhalten will, seine Gegner der Reihe nach einzeln zu schlagen. Ich wäre bereit, 50.000 englische Leben zu opfern, wenn ich die Deutschen damit zwingen könnte, auch nur 20 Divisionen von Ihrer Front abzuziehen!“

Aber leider sei England derzeit nicht mal stark genug, um in Frankreich eine zweite Front zu errichten. „Der Ärmelkanal, der Deutschland davon abhält, nach England überzusetzen“, meinte der Premierminister weiter, „hält umgekehrt England davon ab, das besetzte Frankreich zu erreichen.“ Auch auf dem Balkan hält Churchill eine zweite Front gegenwärtig für unmöglich. Den Briten fehle es an den erforderlichen Truppen, Flugzeugen und Schiffen.

„Bedenken Sie“, rief Churchill aus „dass wir im Frühjahr volle sieben Wochen gebraucht haben, um drei bis vier Divisionen aus Ägypten nach Griechenland zu verlegen. Und dies, obwohl Griechenland kein feindliches, sondern ein befreundetes Land ist! Nein, nein! Wir können weder in Frankreich noch auf dem Balkan in eine sichere Niederlage marschieren!“

Als ich sah, dass es sinnlos war, mich weiter für die Eröffnung einer zweiten Front einzusetzen, trat ich den Rückzug an und konzentrierte mich auf die Frage der militärischen Unterstützung. Hier war der Premier, wie ich erwartet hatte, viel zugänglicher. Er versprach, Stalins Anfrage nach Panzern und Flugzeugen mit größtem Wohlwollen zu erwägen und uns dann eine definitive Antwort zu geben. „Aber erwarten Sie nicht zu viel von uns“, warnte Churchill. „Auch uns fehlt es an Waffen. Über eine Million britischer Soldaten sind noch unbewaffnet.“ [...]

„Ich will Ihnen nichts vormachen“, schloss Churchill. „Vor Einbruch des Winters werden wir Ihnen keine wesentliche Unterstützung gewähren können, weder durch Schaffung einer zweiten Front noch durch üppige Hilfslieferungen. Was wir Ihnen im Augenblick – etwa an Panzern und Flugzeugen – schicken können, ist gemessen an Ihren Bedürfnissen lächerlich. Es schmerzt mich, dies zu sagen, aber die Wahrheit muss Vorrang haben. 1942 wird sich die Lage ändern. 1942 werden wir und die Amerikaner Ihnen 1942 vieles liefern können. Aber im Moment ...“

Am Ende sagte Churchill mit einem halben Lächeln: „Nur Gott, an den Sie nicht glauben, kann Ihnen in den nächsten sechs bis sieben Wochen helfen.“ [...] Es war Viertel vor zwölf, als ich den Premierminister verließ. Wir hatten fast zwei Stunden miteinander gesprochen. Der Mond war untergegangen, und in den Straßen Londons, die im kompletten „black-out“ versanken, herrschte eine unheilvolle Stille.

***

5. Februar 1943. Wie reagiert Großbritannien auf unsere Erfolge? Es ist unmöglich, diese Frage in ein oder zwei Worten zu beantworten. Denn Englands Reaktion auf die Erfolge der Roten Armee ist kompliziert und widersprüchlich. Ich versuche meine Eindrücke zusammenzufassen. Niemand hat erwartet, dass wir nach der Feuerprobe des letzten Sommer noch so viel Kampfkraft haben würden. ... Das überwiegende Gefühl, das unsere Siege in England hervorrufen, ist allgemeines Erstaunen. Das zweite ist große Bewunderung für das sowjetische Volk, die Rote Armee und den Genossen Stalin. [...] Sein Erscheinen auf der Leinwand ruft stets lauten Beifall hervor – viel lauter als der Beifall, den man Churchill oder dem König zollt. Frank Owen (der jetzt in der Armee ist) sagte mir neulich, Stalin sei das Vorbild und die Hoffnung der Soldaten. Wenn ein Soldat mit etwas unzufrieden ist, wenn ihn ein Offizier beleidigt hat oder er sich über einen Befehl von oben ärgert, hebt er anklagend den Arm und ruft: „Warte nur, bis Onkel Joe hier ist! Dann werden wir es denen heimzahlen!“

Aber wenn man sich in höheren gesellschaftlichen Kreisen umhört, mischen sich in die Bewunderung mehr und mehr andere Gefühle, und zwar vornehmlich destruktive ... Die herrschenden Klassen reagieren missgestimmt oder vielmehr beunruhigt: Werden die Bolschewisten nicht zu stark? Gewinnen die UdSSR und die Rote Armee zu viel Ansehen? Und wird damit die „Bolschewisierung Europas“ nicht vielleicht allzu wahrscheinlich?

1 Premierminister Neville Chamberlain, Innenminister Samuel ­Hoare und die Botschafter Dino Grandi (Italien), Joachim von Rippentrop (ab dem 4. Februar 1938 Reichsaußenminister) und Charles Corbin (Frankreich).

2 Winston Churchill (1874–1965), der 1937 kein Regierungsamt inne­hatte, war ein entschiedener Gegner der Appeasementpolitik. Erst nach dem deutschen Überfall auf Polen holte ihn Chamberlain in sein Kabinett; nach dessen Rücktritt wurde Churchill am 10. Mai 1940 Premierminister.

3 Gemeint ist der Antikominternpakt von 1936 zwischen Deutschland und Japan.

4 Konnte Maiski wissen, dass sich der Terror des Jahres 1937 (2 Millionen Verhaftungen, 1, 3 Millionen Deportationen und 700 000 Hinrichtungen) vor allem gegen Nichtparteimitglieder richtete? Er muss zumindest gewusst haben, dass der sowjetische Geheimdienst mitlas; vgl. Sheila Fitzpatrick, „Going Native“, London Review of Books, 3. Dezember 2015.

5 Edward Wood, Viscount Halifax (1881–1959), ein enger Vertrauter Chamberlains, war ein Verfechter der Appeasementpolitik.

6 Chamberlain und Hitler hatten sich am 21. September 1938 in Bad Godesberg getroffen, um über das Sudetenland, seit dem Jahr 1919 Teil des tschechoslowakischen Staatsgebiets, zu verhandeln. Clement Att­lee war der Chef der Labour Party, Arthur Greenwood sein Stellvertreter.

7 Jan Masaryk (1886–1948) war von 1925 bis 1938 tschechoslowakischer Botschafter in London und ab 1940 Außenminister der Exilregierung in London.

8 Randolph Churchill (1911–1968), Winston Churchills einziger Sohn, hielt sich 1932 in Deutschland auf, um als Journalist über Hitlers Wahlkampf zu berichten.

Aus dem Englischen von Robin Cackett

Auszüge aus: Gabriel Gorodetsky (Hg.), „The Maisky Diaries. Red Ambas­sador to the Court of St James’s, 1932–1943, New Haven (­Yale University Press) 2015. Die deutsche Ausgabe erscheint im Herbst 2016 im C. H. Beck Verlag. In Vorbereitung ist eine dreibändige historisch-kritische Edition (eine russische Ausgabe erschien 2006 bis 2009).

Iwan Maiski (1884–1975) war von 1932 bis 1943 sowjetischer Botschafter in London.

Le Monde diplomatique vom 07.01.2016, von Iwan Maiski