Wie der IS Europa radikalisiert

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Wie der IS Europa radikalisiert

Wie der IS Europa radikalisiert

In Paris sind radikale junge Europäer von potenziellen Straßenkämpfern zu dschihadistischen Terroristen geworden. Dass nun Muslime unter Generalverdacht stehen, ist der falsche Schluss. Ebenso der neue „Krieg gegen den Terror“ mit seinen absehbar fatalen Folgen.

von Adam Shatz

Vor dem libanesischen Bürgerkrieg galt Beirut als das Paris des Nahen Ostens. Heute hat es zunehmend den Anschein, als sei Paris zum Beirut Westeuropas geworden – eine Stadt der aufgeheizten ethnischen Spannungen, der Geiselnahmen und Selbstmordattentate. Inzwischen gehen die Menschen in Paris wieder über die Straßen und setzen sich ins Café, mit derselben Bereitschaft zur Normalität, wie sie die Libanesen seit Mitte der 1970er Jahre wunderbarerweise an den Tag legen. „Même pas peur!“, proklamieren sie trotzig auf Plakaten und an den Hauswänden der Place de la République. Und doch ist die Angst allgegenwärtig, nicht nur in Frankreich. Allein in den letzten Wochen hat die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) Massaker in Bagdad, in Ankara und in Beirut verübt und ein russisches Flugzeug mit 224 Passagieren zum Absturz gebracht. Den Überlebenden droht der IS weitere Attacken an, als lege er es darauf an, gewaltsame Vergeltungsschläge zu provozieren.

Genau diesem Wunsch scheint Frankreich – das schon durch die Attentate vom Januar traumatisiert war – nun entsprechen zu wollen. „Wir sind im Krieg“, erklärte François Hollande und ließ kaum 48 Stunden nach den Attentaten die IS-Hochburg Rakka bombardieren. Zudem will er eine Verfassungsänderung durchsetzen, um den auf drei Monate begrenzten Ausnahmezustand unbefristet verlängern zu können.

Damit hat der Islamische Staat – eine 35 000 Mann starke Miliz, deren selbst erklärtes „Kalifat“ von niemandem als Staat anerkannt wird – etwas erreicht, was Frankreich der algerischen Befreiungsbewegung FLN bis 1999 verweigert hatte. Dass man in Algerien einen Krieg geführt hat – und nicht nur einen Feldzug gegen „illegale Banden“ –, hat Paris erst 37 Jahre nach der algerischen Unabhängigkeit eingeräumt.

Zur Kriegspartei aufgewertet

Sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass Frankreich doch noch Bodentruppen nach Syrien entsendet, wäre damit für den IS die ersehnte Gelegenheit gekommen, die Soldaten der „Kreuzfahrer“ direkt auf dem eigenem Territorium zu bekämpfen.

Die Anerkennung als „Kriegspartei“ ist nicht der einzige strategische Erfolg des IS. Er hat es auch geschafft, Frankreich in Panik zu versetzen und die Spannungen im Land zu verschärfen. Das Massaker war die direkte Vergeltung für französische Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien und im Irak, aber die Islamisten hatten auch andere Gründe: Für sie ist Paris Symbol für eine verachtenswerte gottlose Zivilisation, ein Hort „der Prostitution und des Lasters“, wie in einem IS-Bekennerschreiben stand.

Frankreich ist in Nordafrika und im Nahen Osten nicht nur als ehemalige Kolonialmacht erinnerlich, es hat auch – zusammen mit Großbritannien – die Sykes-Picot-Linie durchgesetzt,1 die der IS nach der Einnahme von Mossul triumphierend niedergewalzt hat. Noch bedeutsamer ist aber: Frankreich ist das EU-Land mit dem höchsten Anteil muslimischer Staatsbürger, deren Familien zumeist aus den früheren französischen Kolonien eingewandert sind. Es gibt zwar eine wachsende muslimische Mittelklasse, und viele Muslime heiraten andersgläubige Partner. Doch eine nennenswerte Minderheit lebt immer noch in trostlosen, isolierten Vorstädten, in denen eine hohe Arbeitslosigkeit herrscht.

Bei einem Wirtschaftswachstum von nur 0,3 Prozent ist der „französische Traum“ für die meisten Bewohner der Banlieues heute längst ausgeträumt. Sie fühlen sich ausgegrenzt, erleben alltägliche Diskriminierung und brutale Polizeigewalt und haben oft den Eindruck, dass die säkulare Religion der „laicité“ nur als Instrument zur Maßregelung der Muslime dient.

So kann es nicht überraschen, dass sich mehr als tausend französische Muslime aufgemacht haben, um Ruhm und Bestätigung auf den syrischen und irakischen Schlachtfeldern zu finden. Die meisten der jugendlichen Dschihadisten haben sich nicht in der Moschee, sondern über das Internet radikalisiert. Einige von ihnen – auch die Attentäter vom Januar und vom November – saßen mehrfach im Gefängnis.

Der Westen und der Islamische Staat

Der Westen und der Islamische Staat

von Adam Shatz

Und jeder vierte der vom IS rekrutierten Franzosen soll zum Islam erst konvertiert sein.

Eine Gemeinsamkeit der meisten Dschihadisten besteht offenbar darin, dass ihnen jegliche ernsthafte religiöse Ausbildung fehlt. Untersuchungen belegen eine umgekehrt proportionale Beziehung zwischen muslimischer Frömmigkeit und Bereitschaft zum Dschihad. Diesen Befund hat Oliver Roy, Verfasser einiger Bücher über den politischen Islam, kürzlich so formuliert: „Wir haben es weniger mit der Radikalisierung des Islam als mit der Islamisierung des Radikalismus zu tun.“

Wenn der IS eine Gruppe französischer und belgischer Dschihadisten losschickt, um Pariser Bürger in Restaurants und Konzerthallen zu massakrieren, will er eine Welle feindseliger Reaktionen gegen Muslime auslösen, damit deren Frustration noch weiter anwächst. Die Opfer der Angriffe vom 13. November waren jedoch ganz unterschiedlicher Religion und Hautfarbe, das Morden war wahllos, und in Seine-Saint-Denis, wo die Bomben vor dem Stade de France hochgingen, leben auch viele Muslime.

Theoretisch könnte diese Tragödie also – anders als das Charlie-Hebdo-Attentat vom Januar – die Gesellschaft zusammenschweißen. Allerdings sind es vor allem die Muslime, die unter den Notstandsmaßnahmen und der neuen Rhetorik nationaler Selbstbehauptung zu leiden haben.

Faycal Riyad, ein Franzose algerischer Abstammung, der an einem Gymnasium in Aubervilliers unterrichtet (ganz in der Nähe der Fluchtwohnung der Attentäter, die von der Polizei am 18. November belagert wurde), beschreibt das veränderte politische Klima: Im Januar habe Hollande in seiner Rede klar zwischen Islam und Terrorismus unterschieden, jetzt aber habe er gewissermaßen das Gegenteil getan. „Er sprach von der Notwendigkeit, die Grenzen dichtzumachen, womit die Täter quasi zu Ausländern wurden; aber vor allem stimmte er in den Ruf des Front National ein, dass man Franzosen mit Doppelpass die französische Staatsbürgerschaft entziehen müsse, wenn sie wegen Aktionen gegen das Interesse des Landes verurteilt werden. Durch solche Töne werden unsere Ängste noch verstärkt.“

Marine Le Pen kann also jubeln. Ihr rechtsextremer Front National hat bei den Regionalwahlen im Dezember sehr gut abgeschnitten. Doch die antimuslimische Stimmung beschränkt sich nicht mehr auf die äußerste Rechte. Auch in der rechten Mitte wird vor einer „fünften Kolonne“ der Muslime gewarnt. Und eine gewichtige Stimme von Sarkozys Republikanern2 schlägt sogar vor, 4000 mutmaßliche Islamisten in Sonderlagern zu internieren.

Kampf mit Champagner und Waffen

Ein weiteres strategisches Ziel hat der IS bereits erreicht, nämlich eine Verbindung zwischen dem Massaker und der Flüchtlingskrise herzustellen. Während das Bild von dem dreijährigen Aylan Kurdi aus Kobani, dessen Leiche an einem türkischen Strand angespült wurde, mehr und mehr verblasst, prägt sich stattdessen der gefälschte syrische Pass ein, der in Paris neben der Leiche eines der Attentäter gefunden wurde. Dass dieser Mann mit einem auf den Namen Ahmad Almohammad ausgestellten Pass von der griechischen Insel Leros nach Frankreich gelangen konnte, lässt auf eine sorgfältige Planung schließen.

Damit verfolgt der IS nicht nur die Absicht, die vor dem Kalifat fliehenden Syrer zu bestrafen; er will offenbar auch Misstrauen gegenüber den Flüchtlingen schüren und das Mitgefühl der Europäer schwächen, das durch die Angst vor Arbeitslosigkeit und den Vormarsch rechter Antieinwanderungsparteien ohnehin schon strapaziert wird. Marine Le Pen forderte einen sofortigen Einreisestopp für syrische Flüchtlinge; in den USA meinte der Republikaner Jeb Bush, man dürfe nur christliche Syrer ins Land lassen. Doch wenn der Westen die syrischen Flüchtlinge abweist, wird deren Verzweiflung weiter anwachsen – was dem IS wiederum sehr gelegen käme.

Im Gegensatz zu anderen Pariser Vierteln, die in den letzten Jahren immer nobler und exklusiver geworden sind, hat sich im 10. und 11. Arrondissement, wo die am 13. November angegriffenen Restaurants und das Bataclan liegen, eine eher gemischte Wohnstruktur mit dem dazugehörigen, stellenweise etwas schäbigen Straßenbild erhalten. Der Charme dieser Viertel wurde in der französischen Presse ausgiebig besungen – als hätten die Attentate vor allem dem Lebensstil der Boheme gegolten. Charlie Hebdo titelte: „Sie haben die Waffen. Scheiß drauf. Wir haben den Champagner.“ Dazu hat Thomas Legrand im Sender France Inter angemerkt: „In Wahrheit haben wir Champagner . . . aber auch Waffen.“

Frankreich hat diese Waffen in den letzten Jahren immer häufiger und aggressiver eingesetzt. Das verstärkte Eingreifen in der muslimischen Welt begann unter Nicolas Sarkozy, aber noch energischer hat den Interventionismus François Hollande praktiziert, der sich damit als Erbe von Guy Mollet erwiesen hat. Der frühere Chef einer sozialistischen Regierung (1956/57) hat Frankreich sowohl in das Suez-Abenteuer von 1956 als auch in den Algerienkrieg geführt.

Frankreich war auch das erste Land, das im März 2011 – noch unter Sarkozy – den Aufständischen in Libyen zu Hilfe kam. Das Unternehmen endete zwar, nachdem auch die USA eingestiegen waren, mit dem Sturz Gaddafis, aber das Land fiel anschließend in die Hände von teils dschihadistischen Milizen und Banden von Waffenhändlern, zu deren Kunden auch der IS gehört.

Unter Hollande hat Frankreich auch sein Verhältnis zur Netanjahu-Regierung vertieft. So wurden etwa Boykottaufrufe gegen israelische Produkte, die aus den besetzten Gebieten stammen, unter Strafandrohung gestellt. Und Frankreichs „Wirtschaftsdiplomatie“ in der arabischen Welt ist lediglich eine schönfärberische Umschreibung für die immer engeren Beziehungen zum saudischen Königreich, das über den Export des wahhabitischen Islam maßgeblich zur Ausbreitung der dschihadistischen Ideologie beigetragen hat.

Das Bündnis mit Riad ist alt. Als radikale Islamisten 1979 die Große Moschee in Mekka besetzten und Geiseln nahmen, kamen französische Elitetruppen den Saudis zu Hilfe. Die haben dann 63 Aufständische öffentlich enthauptet, so wie es heute der IS tut. Während das Verhältnis zwischen den USA und Saudi-Arabien seit dem Atomabkommen mit dem Iran deutlich abgekühlt ist, suchte Paris die Nähe zu den Saudis – und wusste deren Verärgerung über Obama und sein Drängen auf einen Ausgleich mit Teheran für sich zu nutzen. Auch in der Syrienfrage stand Frankreich stets auf der Seite Riads und bietet sich – in Konkurrenz mit den USA – als Hauptlieferant für modernste Waffensysteme an.

Eine Politik des magischen Denkens

In einem seiner letzten Interviews sagte der 2010 verstorbene britische Historiker Tony Judt: „Als Bush erklärte, wir bekämpfen den Terrorismus ‚dort‘, damit wir ihn nicht ‚hier‘ bekämpfen müssen, vertrat er eine sehr amerikanische Position.“ In Europa sei eine solche Rhetorik nicht nachvollziehbar, denn hier sei den Politikern bewusst, dass „ein Krieg zwischen westlichen Werten und islamischem Fundamentalismus“, der US-Kommentatoren so logisch und selbstverständlich erscheint, keinesfalls auf Bagdad beschränkt bliebe. Er würde 30 Kilometer vom Eiffelturm entfernt seine Fortsetzung finden.

Das will die heutige französische Regierung nicht wahrhaben. Die meisten Menschen in Paris wurden vom 13. November völlig überrascht – bis auf jene, die mitbekommen, was der IS sagt. Schon Ende September hatte Marc Trévidic, ein auf Terrorismus spezialisierter Untersuchungsrichter, warnend darauf hingewiesen, dass Frankreich wegen seiner Aktivitäten im Nahen Osten zum „Feind Nummer 1“ des IS geworden ist.3 Einen Tag nach dem Attentat sagte er im Sender France 2: „Es ist immer dieselbe Geschichte. Wir lassen eine terroristische Gruppe zu einem Monster werden, und wenn es uns anfällt, sind wir überrascht.“ Zudem pflege man Freundschaft mit Ländern, „die für die Verbreitung dieser Ideologie verantwortlich sind – wie Saudi-Arabien. Das ist völlig widersinnig.“

Der IS zieht eine Art magisches Denken auf sich. Liberale Falken wie der New-York-Times-Kolumnist Roger Cohen fordern in Churchill-Manier eine Bodenoffensive, auf die – nach Afghanistan und dem Irak – weder die westlichen Politiker noch ihre Wähler große Lust haben. Dagegen fordern linke Stimmen ein Ende des Drohnenkriegs, den Bruch mit den Saudis und die Schaffung eines Palästinenserstaats. Im Onlinemagazin Jadaliyya wird argumentiert, nur Neokonservative könnten „halluzinieren“, die Attentäter würden den Westen oder Frankreich für das attackieren, was sie sind, und nicht für das, was sie tun. Allerdings hat der IS in seinem Kommuniqué erklärt, man habe Paris für den „Kreuzzug“ bestraft und zugleich als „Hauptstadt der Prostitution und des Lasters“ angegriffen. Diese Aussage sollten wir ernst nehmen. Die Wut über die Politik des Westens ist sicher eines der Motive, die dschihadistischen Gruppen Zulauf verschaffen. Und doch ist der IS keine Organisation, die nur reagiert, sondern eine Bewegung mit entschieden apokalyptischer Agenda.

Elias Sanbar, Botschafter der Palästinensischen Autonomiebehörde bei der Unesco, verweist auf die erstaunliche Tatsache, dass der IS, anders als der Vietkong oder die FLN oder die Palästinenser, keine konkreten territorialen Forderungen hat. Und so notwendig die Schaffung eines palästinensischen Staats auch ist, zumal für die Palästinenser – der IS ließe sich damit wohl kaum beeindrucken, denn er lehnt das gesamte Staatensystem des Nahen Ostens ab und will die vom Sykes-Picot-Abkommen festgelegten Grenzen beseitigen.

Der Islamexperte Olivier Roy gibt allerdings zu bedenken, dass die Perspektiven des behaupteten Kalifats territorial stark eingeschränkt sind. Er sieht deshalb die Pariser Attentate nicht als Zeichen der Stärke, sondern der Verzweiflung. Es gebe keine Gebiete, in die der IS unter Berufung auf die Verteidigung der sunnitischen Araber expandieren könnte: „Im Norden sind Kurden, im Osten irakische Schiiten, im Westen Alawiten, die jetzt von den Russen geschützt werden. Und alle leisten Widerstand.“ Weder die Libanesen, denen der Andrang der syrischen Flüchtlinge große Sorgen bereitet, noch die Jordanier noch die Palästinenser seien für die Faszination des Kalifats empfänglich: „Weil der IS im Nahen Osten blockiert ist, stürzt er sich Hals über Kopf in den globalisierten Terrorismus.“4

Das Argument ist verführerisch und klingt fast beruhigend: Der IS ist nur scheinbar in der Offensive, in Wirklichkeit ist er – nach dem Verlust von Kobani und Sindschar – fast am Ende. Solche Überlegungen wurden auch schon nach 9/11 angestellt, als es hieß, al-Qaida habe den „entfernten Feind“ im Westen angegriffen, weil man den „nahen Feind“ nicht besiegen konnte.

Heute klingt diese Theorie weniger plausibel. Al-Qaida hat sich in einigen Regionen wieder erholt, vor allem dank des Irakkrieges. Und der IS, der ja ein Ableger der irakischen al-Qaida ist, unterscheidet nicht so genau zwischen nahen und fernen Feinden, weil alle Abtrünnigen seine Feinde sind. Obwohl er erhebliche territoriale Eroberungen gemacht hat – was bin Laden und Sawahiri nie auch nur versucht haben –, beruht seine Macht nicht nur auf dem Kalifat. Für ihn gibt es außer dem realen auch ein virtuelles Territorium. Er rekrutiert sich aus einem wachsenden Kreis von Leuten, die nicht nur den IS, sondern den Islam als solchen im Internet entdeckt haben: in Chatrooms und Foren, wo sich die geografische Entfernung per Mausklick verflüchtigt.

Der IS hat es in der Tat geschafft, zwei weit voneinander entfernte und völlig unterschiedliche staatsbürgerschaftliche Krisensituationen kurzzuschließen. Es ist ihm gelungen, die Ausgrenzung junger Muslime in Europa und die Ausgrenzung der Sunniten in Syrien und im Irak zu einem einzigen Narrativ zusammenzuspinnen, das von der Entmachtung der sunnitischen Muslime handelt.

Olivier Roy hat recht, dass der IS eigentlich nicht „gewinnen“ kann, aber er muss sein Kalifat gar nicht ausdehnen, um im Geschäft zu bleiben. Denn im Sinne der globalen Spektakelkultur laufen seine Geschäfte ausgezeichnet. Paris hat seit 1970 mehrere Terrorakte erlebt, aber der Angriff auf das Bataclan hatte eine neue Dimension und war sogar noch beängstigender als die Al-Qaida-Attentate in Madrid und London.

Ein Bombenanschlag auf einen Zug, bei dem die Täter unsichtbar bleiben und die Opfer so plötzlich sterben wie bei einem Erdbeben, ist irgendwie leichter zu verarbeiten als ein mörderischer Überfall durch maskierte Männer mit Kalaschnikows, die ihre Opfer beschimpfen, um sie dann systematisch niederzumähen.

Die Botschaft lautet offenbar: So geht es in Bagdad und Aleppo zu, so ist es, wenn man sich völlig hilflos fühlt, so ist es, wenn man sich im Krieg befindet. Mit diesem Massaker und der Ankündigung ähnlicher Angriffe in Paris und anderen „Kreuzfahrer“-Städten ist überaus deutlich geworden, in welcher Sackgasse sich der Westen heute befindet – in die er sich weitgehend selbst manövriert hat (siehe den Artikel von Serge Halimi auf Seite 8).

Hollande mag noch so selbstgewiss von einem Krieg reden, der den IS ein für allemal vernichten werde, doch seine Optionen sind begrenzt und unschön, und sein Mangel an Fantasie macht die Aussichten nicht besser. Zwar könnten Massenverhaftungen und eine umfassende Überwachung das Land kurzfristig sicherer machen, aber damit würde man dem IS nur die nächste Generation entfremdeter Jugendlicher in die Arme treiben. Und der Ausnahmezustand, den Hollande ausgerufen hat, könnte sich bald gegen ihn wenden, wenn sich bei den Bewohnern der Vorstädte das Gefühl verstärkt, dass sie unter einem internen Kolonialregime leben.

Die wichtigste Aufgabe des Staates dürfte darin bestehen, die Wurzeln des dschihadistischen Terrorismus in Frankreich selbst zu bekämpfen, wo ein muslimischer Name nach wie vor eine Belastung ist. Französische Bürger, die in dritter und vierter Generation von Nordafrikanern abstammen, werden immer noch „Einwanderer“ genannt, ihre Wohnviertel als „verlorene Territorien der Republik“ bezeichnet, als gehörten sie nicht einmal zu Frankreich.

Eine langfristige Politik mit dem Ziel, die Diskriminierung der Muslime zu beenden und ihre Teilhabe an Arbeit, Gesellschaft und Politik zu sichern, würde dazu beitragen, die Verführungskraft des radikalen Islamismus zu schwächen. Auch sollte man sich fragen, wie es kommt, dass 70 Prozent der Häftlinge in den französischen Gefängnissen Muslime sind. Aber Mut und Weitsicht sind bei französischen Politikern selten geworden, erst recht in Zeiten von Terrorismus und Sparzwang. Und Hollande gibt acht, dass er sich nicht zu weit links von Marine Le Pen positioniert.

Frankreichs Luftschläge gegen IS-Stellungen mögen das Rachebedürfnis der französischen Öffentlichkeit bedienen, aber in Syrien werden die Bomben die Leute wohl kaum gegen ihren Herrscher aufbringen, wenn sie nicht gar das Gegenteil bewirken. Wenn er seine Angriffe jetzt auch noch mit Russland koordiniert, folgt Hollande der Linie der französischen Rechten, die schon seit einiger Zeit einen pathologischen Neid auf Putin verspürt.

Französischer Neid auf Putin

Aber auch ein solches Bündnis könnte wiederum dem IS in die Hände spielen, denn für die syrischen Sunniten ist Putin – neben Assad – die verhasste Figur schlechthin. Deshalb würde ein Luftkrieg in Abstimmung mit Russland und in heimlicher Allianz mit Assad die Wut der Sunniten weiter anheizen und der IS-Propaganda neue Munition liefern.

In einem Interview mit dem Fernsehsender Vice News hat Obama kürzlich den IS als „Kind des Irakkriegs“ bezeichnet.5 In der Tat würde der IS wahrscheinlich nicht existieren, wenn der irakische Staat nicht beseitigt und durch ein sektiererisches, von Schiiten dominiertes System ersetzt worden wäre. Dennoch liegt die Verantwortung für das Problem IS nicht ausschließlich bei Bush, Blair und Konsorten. Auch der Krieg in Libyen und Obamas Nachsichtigkeit gegenüber dem ägyptischen Sisi-Regime haben dazu beigetragen, dass sich der IS weit über den Irak hinaus ausdehnen konnte.

Den größten Schaden hat jedoch die gefährliche Unstimmigkeit der Syrienpolitik Washingtons angerichtet. Als Obama Assad zum Rücktritt aufforderte, ging er offenbar davon aus, dass dessen Tage gezählt seien, sobald ein US-Präsident dies behauptet. Aber damit verstärkte er auch die Erwartungen der syrischen Opposition, dass sie auf die Unterstützung der USA würden rechnen können, wenn Assad sie unter Feuer nähme. Doch Obama hatte keinerlei Absicht, US-Truppen zu entsenden oder auch nur eine Flugverbotszone durchzusetzen. Seine Entschlossenheit, die Absetzung des syrischen Präsidenten zu erzwingen, war stets geringer als die Entschlossenheit Moskaus und Teherans, Assad an der Macht zu halten.

Obamas Wunsch, nicht in einen Krieg hineingezogen zu werden, wirkte ermutigend auf Assad, der die Absichten der USA genauer interpretierte als die Opposition. Die zunehmend zersplitterten Rebellengruppen suchten sich, nachdem sie von den USA keine direkte Unterstützung bekamen, Waffen und Hilfsgelder, wo immer sie sie finden konnten, also in der Türkei, in Katar und Saudi-Arabien oder bei Scheichs und Geschäftsleuten der Golfstaaten. Aber diese Hilfe war mit Auflagen verbunden – mit ideologischen Richtlinien und einer entschiedenen Stoßrichtung gegen die Schiiten.

Dank der Rücksichtslosigkeit von Erdoğan und den Herrschern in Katar konnten dschihadistische Gruppen – von der Al-Nusra-Front bis zum IS – die Anti-Assad-Rebellion kapern (siehe den Beitrag von Pierre Conesa auf Seite 6). Der Westen drückte dabei ein Auge zu, bis er sich gezwungen sah, seine eigenen „gemäßigten“ Rebellenorganisationen zu bilden, die gegen die Islamisten keine Chance hatten. Als die Regierung in Washington dann verlangte, dass Assad noch vor einem Übergangsprozess zurücktreten müsse, zog sie den Krieg in die Länge. Und machte, da der Libanon, die Türkei und Jordanien nicht unendlich viele Flüchtlinge aufnehmen konnten, die europäische Flüchtlingskrise unvermeidlich.

Alle Akteure, die am syrischen Desaster mitwirken – die Golfstaaten, die Türkei, die Hisbollah, Russland, die USA – haben an der Entstehung dieses Monsters mitgewirkt, aber keiner von ihnen scheint bereit zu sein, das Monster zu bekämpfen, ausgenommen die Kurden (siehe den Artikel von Akram Belkaïd auf Seite 7). Die Frage nach dem Schicksal Assads verhindert die Bildung einer gemeinsamen russisch-amerikanischen Front gegen den IS. Die Assad-Truppen und ihre Verbündeten, wie die Hisbollah und die iranischen Revolutionsgarden, konzentrieren ihre Angriffe auf syrische Rebellengruppen, die – anders als der IS – das Assad-Regime direkt bekämpfen.

Gespür für das Gefühl der Demütigung

Die Golfstaaten wiederum, deren Imame zur Ausbreitung des dschihadistischen Extremismus beigetragen haben, sind wegen des iranischen Atomprogramms und der Huthis im Jemen so nervös, dass sie lieber keinen Finger rühren. Zumal wenn ihr Eingreifen am Ende Assad stärken könnte. Und Erdoğans Hauptsorge gilt nicht dem IS, sondern den aufständischen Kurden.

Die USA und Frankreich schließlich beruhigten sich bis vor einem Jahr mit der Vorstellung, der IS sei nur ein regionaler Akteur, natürlich abscheulich, aber gegen westliche Interessen werde er kaum vorgehen, eher ein Ärgernis als eine Bedrohung der nationalen Sicherheit. Inzwischen ist der IS die dschihadistische Gruppe, und niemand weiß, was man tun kann, ohne das Problem damit zu verschärfen. Und alles, was man jetzt unternehmen kann, könnte sich als „too little, too late“ erweisen.

Es ist wahr, dass der IS dem Westen militärisch nicht gewachsen ist. Die Angriffe vom 13. November stehen in der anarchistischen Tradition der „Propaganda der Tat“. Wir sollten auf diese Propaganda nicht hereinfallen, denn die Gesellschaftsordnung in Europa ist nicht gefährdet. Aber es wäre auch ein Fehler, das Problem zu unterschätzen.

Der IS hat es mit einigem Geschick – und mit Gespür für die Gefühle der Demütigung – geschafft, sich in zwei der schwierigsten Konflikte unserer Zeit einzuschalten: in die Beziehung der europäischen Gesellschaften zu ihren inneren muslimischen „Anderen“, und in den konfessionellen Machtkampf, der seit 2003 auf dem Gebiet von Syrien und dem Irak tobt. Früher wären solche Konflikte wahrscheinlich getrennt geblieben. Doch heute sind sie verbunden genau durch die Geräte, die zu den Symbolen der Globalisierung geworden sind: Handys, Laptops und Tablets. Von „nah“ und „fern“ oder auch „Rückwirkungen“ zu sprechen, hilft uns nicht mehr weiter. Der Schauplatz des Konflikts hat keine klaren Grenzen, seine Ursachen sind vielfältig und überlagern sich. Sie sind tief verwurzelt in Geschichten postkolonialer Verbitterung und westlich assistierten Staatszerfalls.

Die Attentate von Paris bezeugen nicht etwa einen „Kampf der Kulturen“, sondern vielmehr die Tatsache, dass wir tatsächlich in einer einzigen, wiewohl ungleichen Welt leben, in der die Qualen und Katastrophen in einer Region sich unweigerlich auf andere Regionen auswirken, in der also alles zusammenhängt, mit zuweilen tödlichen Folgen. Trotz all seiner mittelalterlichen Züge hält das Kalifat des IS der Welt, die wir gemacht haben, den Spiegel vor – nicht nur in Rakka und Mossul, sondern auch in Paris, Moskau und Washington.

1 Das Abkommen vom Mai 1916 war aus arabischer Sicht die Blaupause für die spätere Aufteilung der nahöstlichen Territorien des Osmanischen Reichs in ein britisches und ein französisches Mandatsgebiet.

2 Die konservative UMP hat sich Ende Mai 2015 in „Le Républicains“ (LR) umbenannt.

3 Paris Match, 30 September 2015.

4 New York Times, 16. November 2015.

5 www.vice.com/read/fixing-the-system-0000760-v22n10

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Adam Shatz ist Redakteur und Autor bei der London Review of Books.

© London Review of Books, für die deutsche Übersetzung Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 10.12.2015, von Adam Shatz

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