Angst vor Sahelistan

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Angst vor Sahelistan

Angst vor Sahelistan

Für Algerien war es eine gute Nachricht, als der UN-Sondergesandte für die Sahelzone, Romano Prodi, erklärte, eine Militäraktion im Norden Malis vor September 2013 sei ausgeschlossen.1 Denn das bedeutete zumindest einen Etappensieg für die von Algier bevorzugte politische Lösung des Konflikts gegenüber der militärischen Option, für die sich vor allem Frankreich starkmacht. Prodis Äußerung fiel zudem nur wenige Tage, nachdem General Carter F. Ham, Kommandeur des Afrika-Kommandos der US-Streitkräfte (Africom), erklärt hatte, ein „ausschließlich militärisches“ Vorgehen in der Region sei zum Scheitern verurteilt.2

Neun Monate sind eine lange Zeit – wenn es „nur“ darum geht, die Städte im Norden Malis zurückerobern, die sich seit dem letzten Frühjahr in der Gewalt von Tuareg-Rebellen und dschihadistischen Gruppen befinden. Aber Algerien braucht Zeit, um eine politische Lösung vorzulegen, in der viele Beobachter einen Gegenentwurf zu den französischen Plänen sehen. Die Haltung der französischen Regierung sei, so wird zumindest unterstellt, vor allem durch ihr Interesse an der Uranförderung im Sahel motiviert. Angesichts „der vielfältigen Interessen und Akteure, die in Mali aufeinandertreffen“, sei der von Prodi eingeräumte Aufschub viel zu kurz, meint ein algerischer Diplomat bei der Afrikanischen Union.3

Die algerische Führung ist seit der Einnahme der Städte im Norden Malis durch die Tuareg und dschihadistische Gruppen in eine schwierige Position geraten. Die Gefahren, die mit der Entstehung eines „Sahelistan“ – den Begriff hat Frankreichs Außenminister Laurent Fabius geprägt – verbunden wären, seien nicht zu unterschätzen, warnen vor allem die Franzosen; und Algerien muss sich zudem vorwerfen lassen, es nehme seine Rolle als Regionalmacht nicht wahr und trete „uneindeutig“, wenn nicht gar „wohlwollend gegenüber dem Terrorismus“ auf.4

Vielen Algeriern gefällt es gar nicht, dass man ihr Land zum direkten Eingreifen in den Mali-Konflikt drängt. In der öffentlichen Debatte wird immer wieder auf das Beispiel Libyen verwiesen und auf die Folgen der Nato-Intervention für die Lage an den algerischen Grenzen.

Einflussreiche Regierungsvertreter und Militärs lehnen ein militärisches Engagement kategorisch ab. Dadurch würden nur noch engere und unauflösliche Bande zwischen den Tuareg-Rebellen und den „Islamo-Gangstern“ entstehen, so ein Diplomat. Und der Konflikt könnte auf algerisches Gebiet übergreifen. In den vergangenen Monaten gab es im Grand Sud (der Region südlich des Hohen Atlas) mehrere Anschläge, die islamistischen Gruppen zugeschrieben werden – vielleicht ein Hinweis auf Terrornetzwerke, die jederzeit aktiviert werden können.

Dass ausländische Diplomaten und Medien der algerischen Armee so zusetzen, war auch schon Anlass für spöttische Kommentare, etwa die Warnung vor der „Nötigung durch vermeintliche Freunde“.5 Nach Ansicht von Mohamed Chafik Mesbah, einem ehemaligen Geheimdienstoffizier, geht es den westlichen Mächten vor allem um eine preiswerte Lösung: Sie wollen, dass „die Militäroperation von Algerien und anderen afrikanischen Partnern ausgeführt und bezahlt wird“.

Die meisten politisch Verantwortlichen räumen ein, dass die USA etwas differenzierter vorgehen, warnen aber vor der Unaufrichtigkeit Frankreichs. „Man muss schon ziemlich naiv sein, um zu glauben, dass Algerien in aller Unbefangenheit die Rolle einer Hilfstruppe für die strategischen Interessen Frankreichs in Afrika übernehmen wird“, meint Chafik Mesbah.6

Der Politologe Ahmed Adimi, auch er ein Exmilitär, erhebt ganz offen den Vorwurf, Paris wolle die algerische Armee ganz bewusst in den „malischen Treibsand“ schicken und das Land zu einem afrikanischen Pakistan machen.7

Und Bendjana Benamoumeur, ein weiterer Offizier im Ruhestand, befürchtet „eine äußerst gefährliche und anhaltende Instabilität, eine ‚Somalisierung‘ Malis und ‚Afghanisierung‘ der Region, die ausländische Mächte zur Einmischung einlädt“.8

In Frankreich wie in Mali ist immer wieder die Rede von der „uneindeutigen“ oder „manipulativen“ Rolle, die Algerien in der Sahelregion spiele. Darauf haben einige algerische Medien inzwischen mit einem Gegenvorwurf reagiert: Sie behaupten, die jüngste der dschihadistischen Gruppen, die Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika (Mujao), deren Aktionen sich bislang nur gegen Algerien richten, sei vom marokkanischen Geheimdienst oder vom Emirat Katar gesteuert.9

Auf die Frage, ob denn auch der algerische Geheimdienst DRS die Hand im Spiel habe, erwidert ein algerischer Experte: „Wenn das nur der Fall wäre! Dann wäre uns das Fiasko von Gao erspart geblieben.“ In der nordmalischen Stadt Gao waren am 5. April 2012 der algerische Konsul Boualem Sias und sechs seiner Mitarbeiter entführt worden, wodurch Algerien direkt in den Konflikt verwickelt wurde. In den algerischen Medien hagelte es damals Kritik an der Staatsführung, man warf ihr vor, „die Situation in Azawad falsch eingeschätzt“ zu haben.10

Algerien verfügt zwar über einigen Einfluss in der Region und trat auch immer wieder als Vermittler zwischen den Tuareg und der Führung in Bamako auf, hat aber offenbar nicht ausreichend Zugang zu gesicherten Informationen. So hat man beispielsweise die Nationale Bewegung für die Befreiung des Azawad (MNLA) überschätzt. In deren Führung saßen Persönlichkeiten, die den Verantwortlichen in Algerien wohlbekannt waren – mit dem Ergebnis, dass die MNLA in den Medien eher gut wegkam, was jedoch zur Lösung des Konflikts nicht viel beitrug.

Inzwischen weiß man, dass die MNLA-Vertreter, die Algerien den Schutz seines Konsulats in Gao zugesichert hatten, den islamistischen Mujao-Kämpfern keinen Einhalt gebieten konnten. Ende Juni leistete die MNLA in Gao ihren Offenbarungseid: Sie beugte sich einem Ultimatum der Ansar Dine und zog sich auch aus Timbuktu zurück. „Die Dschihadisten beherrschen den Norden“ titelte der Quotidien d’Oran vom 30. Juni und ging in seinem Leitartikel der Frage nach, ob diese Situation womöglich den Anlass für ein Eingreifen ausländischer Mächte liefert.

Die algerische Führung hat bei ihren Bemühungen um die Befreiung der Geiseln aus der Gewalt der Mujao und die Abwendung einer ausländischen Intervention zwar auf die – wiewohl geschwächte – MNLA gesetzt, aber noch mehr verließ sie sich auf den Einfluss von Ansar Dine: Deren Führer Iyad Ag Ghaly hatte lange Zeit im südalgerischen Tamanrasset gelebt, bevor ihm ein von Algerien vermitteltes Abkommen mit Bamako den Posten eines Konsuls in Dschiddah in Saudi-Arabien verschaffte.

Algerien lief damals die Zeit davon. Um das von Frankreich und den westafrikanischen Staaten geplante militärische Eingreifen noch zu verhindern, versuchte man mit aller Macht, das Bündnis zwischen Ansar Dine und den Dschihadisten aufzubrechen. Das erwies sich allerdings als schwierig, weil die Gruppierung sich offenbar radikalisierte – sie war sogar an der Zerstörung der Heiligtümer in Timbuktu beteiligt. Dadurch fühlten sich die Befürworter einer Intervention wieder zusätzlich bestärkt.

Der Chef von Ansar Dine wollte auf Zeit spielen, doch Algier verschärfte den Ton: „Wir machen ihnen mit äußerster Entschlossenheit klar, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt, sich von den Terroristen zu distanzieren. Die Führer dieser Bewegung müssen schnell entscheiden, ob sie Teil des Problems oder Teil der Lösung sein wollen.“11

Offenbar zeigten die Drohungen Wirkung, auch wenn kaum auszumachen ist, welche Streitigkeiten innerhalb von Ansar Dine dem Bruch mit der al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) vorausgingen. Algeriens Innenminister Daho Ould Kablia machte deutlich, worauf es seiner Regierung ankam: „Die Tuareg müssen in die Konfliktlösung eingebunden werden, bevor eine militärische Operation ins Auge gefasst wird.“ Für möglich hielt er das, weil die Tuareg in Algerien sehr enge Beziehungen zu ihren Verwandten im Norden Malis haben und befürchten müssten, in die Auseinandersetzungen hineingezogen zu werden.12

Letztlich zeigt sich in den Versäumnissen und offiziellen Ausflüchten nur die Unfähigkeit, in dieser äußerst unsicheren Region jenseits der eigenen Staatsgrenze politische Verantwortung zu übernehmen. Abdelaziz Rahabi, ehemaliger algerischer Botschafter, beklagt genau dieses Defizit: „Wir haben uns in den vergangenen Jahren mit viel Energie im Sudan engagiert, obwohl alle Welt wusste, dass die Teilung unvermeidlich war. Und dann sind wir für die Neue Partnerschaft für Afrikas Entwicklung (Nepad) eingetreten, obwohl uns das nur für ein paar Jahre einen Platz am Katzentisch der G 8 eingebracht hat. Aber die Sahelregion war uns nicht so wichtig, weder unser Präsident noch der Außenminister sind dorthin gereist. Jetzt müssen wir eben mit den Kollateralschäden dieser Krise zurechtkommen.“13 Lakhdar Benchiba

Fußnoten: 1 Liberté, 21. November 2012. 2 Le Monde, 16. November 2012. 3 Zitate ohne Quellenangabe stammen aus Interviews, die der Autor geführt hat. 4 „Les diplomates français multiplient les critiques ‚en off‘ contre l’Algérie“, 28. September 2012: www.maghrebemergent.info. 5 Le Quotidien d’Oran, 4. Juli 2012. 6 L’Expression, Alger, 15. Juli 2012. 7 Siehe adimiahmed.over-blog.com, 14. Oktober 2012. 8 Al-Watan, 4. August 2012. 9 L’Expression, 3. September 2012. 10 Le Quotidien d’Oran, 8. April 2012. 11 Al-Watan, 7. November 2012. 12 Le Soir d’Algérie, 8. November 2012. 13 Al-Watan, 11. Oktober 2012. Aus dem Französischen von Edgar Peinelt Lakhdar Benchiba ist Journalist in Algerien.

Le Monde diplomatique vom 11.01.2013, von Lakhdar Benchiba

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