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Landlust in China

Die ersten Aussteiger kehren mit neuen Ideen in die Dörfer zurück

von Martine Bulard

Zahnlose Bauern, die Hände schwarz von Erde, die Leiber gezeichnet von Mangel und harter Arbeit, düstere Häuser mit Fußböden aus gestampften Lehm und nichts als ein paar Kartoffeln zu essen – ganz China kennt diese Bilder. Sie stammen aber nicht, wie man meinen könnte, aus dem 19. Jahrhundert, sondern wurden im Dezember 2012 aufgenommen, als Präsident Xi Jinping in Begleitung des Staatsfernsehens dem Dorf Luotuowan, drei Autostunden von Peking entfernt, einen Besuch abstattete.

Wenn sich Chinas Bauern heutzutage erheben – was immer häufiger vorkommt1 –, dann protestieren sie gegen die Kommunistische Partei und deren lokale Funktionäre. Sie klagen über willkürliche Enteignungen, korrupte Kader und Fabrikbetreiber, die ungestraft Böden und Flüsse verschmutzen.

Alarmiert durch die bäuerlichen Proteste, reiste Präsident Xi neun Monate nach seinem Amtsantritt durchs Land. Er wollte sich selbst ein Bild vom „Aufbau neuer sozialistischer Dörfer“ machen, den sich die Regierung vor acht Jahren zum Ziel gesetzt hatte und der offensichtlich ins Stocken geraten war.

2015 hat die Kampagne für bessere Bildung und Gesundheitsversorgung das Dorf Luotuowan offensichtlich immer noch nicht erreicht. Kommt man auf den Besuch des Präsidenten zu sprechen, hellen sich die Mienen der Dorfbewohner sofort auf. „Als hätten wir Mao gesehen“, ruft eine alte Frau. „Unser Dorf ist jetzt in ganz China bekannt“, meint eine andere. Alle hoffen darauf, dass die Touristen „auf den Spuren von Präsident Xi“ nach Luotuowan kommen, wie damals beim „Großen Steuermann“ Mao, dessen Geburtsort Shaoshan zur Pilgerstätte wurde.

Von außen sieht das Dorf adrett aus: Der Lehmweg durchs Dorf wurde durch eine breite Straße ersetzt, die Abhänge mit Schottersteinen befestigt. Im Oberdorf, wo die Asphaltstraße endet, stehen neue Häuser, und ein größeres Anwesen ist in Bau. Die Regierung habe Subventionen versprochen, erklären die Männer auf der Baustelle. Im Unterdorf haben die Funktionäre dagegen nur den Einbau von weißen PVC-Fenstern abgesegnet. An den Rahmen kleben noch die Verpackungsreste.

Die meisten Dorfbewohner sind alt, oft sogar sehr alt, und es sind fast nur Frauen. Die Männer leben und arbeiten in der Stadt. Nach Angaben des Gemeindevorstehers bekommen hier fast alle nur die Mindestrente von 110 Yuan im Monat (knapp 16 Euro). Wer körperlich noch dazu in der Lage ist, bestellt einen Gemüsegarten. Manche ziehen ihre Enkelkinder auf, deren Eltern in der Stadt leben, wie Frau Wang, die uns ihren Vornamen nicht verraten will. Mit ihrem mehrere mu großen Feld (ein mu entspricht 0,66 Hektar) und drei Schweinen zählt sie bereits zu den Wohlhabenden. Alle leben von dem Geld, das Sohn, Tochter, Ehemann oder Bruder schicken, die einmal im Jahr zu Besuch kommen.

Frau Wang ist jünger als ihre Nachbarinnen und war vom hohen Besuch weniger beeindruckt: „Mal abgesehen von der neuen Straße hat sich nach der Stippvisite des Präsidenten nicht viel getan. Wir müssen immer noch genauso hart arbeiten.“ In diesem Teil der Provinz Hebei machen alle Dörfer einen ärmlichen Eindruck. Auf winzigen Parzellen werden die Feldfrüchte von Hand angebaut. Manche Bauern ziehen ihren Pflug noch wie im Mittelalter an einem Lederriemen über der Stirn hinter sich her.

Umso mehr überraschen uns die beiden jungen Frauen, auf die wir in einem anderen Dorf treffen. Sie sitzen plaudernd auf einer Bank und warten darauf, dass ihre Kinder von der Schule kommen. Sie träumen nicht vom Weggehen. Die eine trägt einen kurzen Rock, schwarze Strumpfhosen und ein knappes, paillettenbesetztes Oberteil, die andere rote Boxershorts und eine Spitzentunika – genauso ziehen sich auch die Moderatorinnen von Spielshows im chinesischen Fernsehen an. „Ich habe keine Ausbildung“, sagt die eine. „Was soll ich in der Stadt? Hausfrau sein? Da geht es mir hier genauso gut.“ Wie ihre Nachbarin pflückt sie Heilkräuter in den Bergen, um etwas nebenbei zu verdienen: „Die lassen sich gut verkaufen, und wenn man eine ergiebige Stelle findet, kann man am Tag bis zu 70 Yuan verdienen.“ Für Bauernfamilien, die im Schnitt nicht mehr als 700 Yuan im Monat zur Verfügung haben, ist das viel Geld.

An den steilen Hängen der Gelben Berge (Huang Shan) in der Provinz Anhui liegt der kleine Ort Taiping, den man nur mit dem Minibus erreichen kann. Hier wächst der „Tee des Affenkönigs“ (Tai Ping Hou Kui), der 2004 zu einer der besten chinesischen Teesorten gekürt wurde. Die Ernte ist gerade vorbei. „Die Arbeit ist immer noch genauso hart, aber seit unser Tee ausgezeichnet wurde, hat sich alles verändert“, erzählt Kan Qinling. Sie rechnet sogar damit, dass ihr Sohn seinen Job in der Stadt aufgibt: „Hier hat er eine sichere Zukunft.“ 1992 bekam man für das Kilo „magischen Tee“ 160 Yuan; 2014 waren es 6000 Yuan.

Dieses Jahr ist der Preis leicht gefallen, es gibt weniger Bestellungen – ein Nebeneffekt von „Präsident Xis Kampf gegen die Korruption“, meint Frau Kan. Die Funktionäre dürften keine Geschenke mehr annehmen und seien angehalten, billigeren Tee zu trinken. Taipings relativer Wohlstand schlägt sich auch im Straßenbild nieder. Die niedrigen Holzhäuser wurden durch einstöckige, weiß verkleidete Wohnblöcke ersetzt. Das sieht zwar nicht schöner aus, ist aber komfortabler.

Im Gegensatz dazu zehrt das Dorf Zhaji gerade von seiner Schönheit inmitten üppig grüner Hügel. Ebenfalls in Anhui gelegen, ist es nur zwei Autostunden von der Millionenstadt Huangshan entfernt, von wo die Touristen zu ihren Ausflügen in die Gelben Berge aufbrechen. Maler aus Peking und sogar einen französischen Ethnologen zog es schon hierher: Julien Minet kam auf einer Unesco-Mission Ende der 1990er Jahre in die Gegend. Zwei Jahre reiste er durch die Dörfer und blieb schließlich in Zhaji hängen, wo ihm ein Dorfbewohner eine Ruine hinterließ, ein 600 Jahre altes Teehaus. Nach seiner Restaurierung wurde es 2003 wiedereröffnet.

Das historische Zhaji entstand während der baufreudigen Ming-Dynastie (1368 bis 1644) und ist nahezu komplett erhalten geblieben: Die Häuser mit den geschwungenen Giebeln, die engen Gassen mit den im Lauf der Jahrhunderte von vielen Füßen rund polierten Pflastersteinen, die Tempel und kleinen Ladenwerkstätten an beiden Ufern des Flusses, in dem die Frauen wie eh und je ihre Wäsche mit Wäscheklopfern bearbeiten. Und trotz seiner Auszeichnung als „touristische Sehenswürdigkeit“ ist Zhaji nicht überlaufen, da es noch immer schwer zugänglich ist. Die Leute leben von ihren Feldern und dem einen oder anderen Geschäft.

Onlinehandel und der Tee des Affenkönigs

„Ich mache in Tourismus“, erzählt die energische Zha Yuehung. Ihr Mann schweigt dazu. Sie haben ihr altes Haus, in dem noch die Schwiegermutter lebt, gegen ein brandneues zweistöckiges Gebäude mit sechs Zimmern inklusive Bädern eingetauscht. „Unser Gästehaus ist nicht offiziell“, erklärt sie und lässt durchblicken, man habe sich mit den örtlichen Behörden arrangiert. Trotzdem verdienen sie weder mit der Zimmervermietung noch mit dem Anbau von Reis, Tee und Mais genügend Geld: „Unser Einkommen besteht zum größten Teil aus dem Geld, das unsere Töchter schicken, die in Schanghai arbeiten.“

Ihre Schwägerin Ye Huinjin, die danebensitzt und strickt, bekommt keine derartige Unterstützung. Dafür arbeitet sie als Näherin in einer Textilfabrik in der Provinzhauptstadt Hefei. „Es ist hart, aber ich verdiene 3000 Yuan (445 Euro) im Monat, das ist ein guter Lohn.“ Vor allem kann ihre Tochter in der Großstadt aufs Gymnasium gehen, „das beste in Anhui; so hat sie gute Chancen, die Aufnahmeprüfung für die Universität zu bestehen“ – das berühmte Gao-Kao-Examen, die Eintrittskarte für einen qualifizierten Arbeitsplatz in der Stadt.

Frau Ye schläft im Schlafsaal der Fabrik. Ihre Tochter ist im Internat und besucht sie am Wochenende. Und der Ehemann ist im Dorf geblieben, um sich um seine Eltern und den Sohn zu kümmern, der die Mittelschule besucht und jeden Samstag aus dem Wohnheim nach Hause kommt. Die gesamte Familie trifft sich nur zweimal im Jahr: zum Frühlingsfest und in den Sommerferien, insgesamt weniger als 14 Tage.

So leben viele Bauernfamilien, getrennt durch äußere Umstände. Unzureichende Familieneinkommen und die schlechte Versorgungslage (vor allem mangelt es an Schulen) zwingen viele Väter oder Mütter und manchmal auch beide Elternteile zum Umzug in die Stadt. 247 Millionen Chinesen mussten seit den Reformen von 1979 in die Städte ziehen, die meisten unter prekären Verhältnissen: Wanderarbeiter genießen nicht denselben Status und Zugang zu Wohnraum, Bildung und Gesundheitsversorgung wie die Städter. Neuerdings ziehen daher manche wieder zurück aufs Land, sobald sie es sich leisten können.

Im alten, düsteren Haus des Tofu­produzenten von Zhaji warten zwei junge Männer auf Touristen. Sie führen uns gleich zum anderen Flussufer, um uns ihre neueste Errungenschaft zu zeigen: ein schickes, helles Café mit WLAN. Es gibt Espresso und Smoothies. „Wir haben es nicht eröffnet, um damit das große Geld zu machen“, erklärt der 29-jährige Zha Zhi. „Wir wollten einen Treffpunkt für junge Leute haben.“ Im gesamten Dorf und seiner Umgebung sind nur zehn Einwohner unter 35.

Zha Zhi hat gerade eine kleine Auszeit zwischen zwei exklusiven Ferienlagern für Stadtkinder, die er im Auftrag eines Pekinger Geschäftsmanns organisiert. Er trägt westliche Markenkleidung und bereut es nicht, Peking verlassen zu haben: „Hier ist die Lebensqualität besser. Wir sind zwar noch nicht viele, aber etliche meiner Freunde, die wegziehen mussten, träumen davon, zurückzukehren. Ich komm mir vor wie ein Pionier.“

Ein paar Kilometer weiter, im Dorf Hou An: Die 28-jährige Zhu Yayou trägt am Knie eingerissene, mit Strasssteinen besetzte Jeans. Auf ihrem Schoß sitzt ein kleiner Junge. Sie hat es geschafft: „Vor vier Jahren bin ich aus Hefei zurückgekommen.“ Die Informatikerin arbeitete „bei einer ausländischen Firma“. Aber sie wollte ihren Sohn selbst großziehen und ihn nicht wie die meisten Binnenmigranten den Großeltern überlassen. Da es in ihrem Dorf keine Arbeitsplätze gab, stieg sie über Taobao, Chinas größtes Auktionsportal, das zum IT-Konzern Alibaba gehört, in den Onlinehandel ein. Sie ließ die Stadt hinter sich und zog in einen Neubau mit Terrasse und moderner Einbauküche. Draußen auf dem Hof steht trotzdem noch ein traditioneller Gaskocher, auf dem ihre Mutter das Essen zubereitet, umgeben von frei laufenden Hühnern.

Im ersten Stock liegt das Büro mit Computer und einem kleinen professionellen Fotostudio, auch einige Verkaufsartikel lagern hier. Zhu bietet Damenbekleidung an. Sie wählt die Hersteller aus, lässt sich Proben schicken und lädt die Fotos hoch, auf denen sie selbst als ihr eigenes Model die Kleider, Hosen und T-Shirts vorführt. Seit Dezember 2014 hat sie ihr Angebot erweitert und verkauft Eier, Tee und Hühner – als sogenannte Bioware, die vor allem Städter aus der Mittelschicht bestellen.

Der Onlinehandel hat in ganz China sprunghaft zugenommen; 2014 lagen die Umsätze bei über 12 Billionen Yuan (1,725 Billionen Euro), eine Steigerung von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr.2 Der forcierte Ausbau der Infrastruktur (Schnellzüge, Straßen und so weiter) hat dafür gesorgt, dass die Waren rasch zum Kunden gelangen. Zhu verdient zwischen 6000 und 7000 Yuan (zwischen 890 und 1037 Euro) im Monat, doppelt so viel wie in Hefei. Sie kann es sich leisten, mit ihrem Mann und Freunden im Auto zum nächstgelegenen Kino oder zur Karaokebar zu fahren.

Die Umweltverschmutzung, die prekären Lebensbedingungen in der Stadt und das nachlassende Wirtschaftswachstum sorgen dafür, dass das „New Rural Reconstruction Movement“, die Neue Bewegung für den Wiederaufbau des ländlichen Raums, gerade wieder eine Renaissance erlebt.3 Seit den 1990er Jahren wurde die Bewegung vor allem durch den Agrarwissenschaftler Wen Tiejun vorangebracht. Er ist als Dekan der Fakultät für Agrarwissenschaft und ländliche Entwicklung an der Pekinger Renmin-Universität, Mitglied der staatlichen Umweltschutzkommission und Berater der Landwirtschaftsbank perfekt in den Apparat integriert. Zugleich engagiert er sich öffentlich in alternativen politischen Aktionen.

Wir treffen Tiejun in einem der neuen, schicken Vororte von Peking. Mit seiner Basecap und der schwarzen Brille wirkt er wie ein amerikanischer Professor. Scherzend präsentiert er sich als „Konservativer“, denn er kämpfe dafür, dass die Bauern „ihr Land behalten“. Als Erneuerer will er jedoch mit den neoliberalen Wirtschaftstheorien brechen. „Warum sollen wir hier Farmen nach amerikanischem Vorbild aufbauen, die weder unserer Geschichte noch der Realität in unserem Land entsprechen?“, fragt er. „Die Bauern hatten bei uns traditionell immer mehrere Berufe und haben nicht nur Landwirtschaft betrieben.“

Der Architekt Wang Shu, der als erster Chinese 2012 mit dem Pritzker-Preis (eine Art Nobelpreis für Architektur) ausgezeichnet wurde, gehört der neuen Bewegung zwar nicht offiziell an, vertritt aber ähnliche Ansichten. Er beklagt das Verschwinden einer ländlichen Bildungsschicht, die sich früher um die Pflege traditioneller Kulturtechniken gekümmert hat. Tausende Dörfer seien auf diese Weise eingegangen, sagt Wang.

Dabei treibt ihn keineswegs die Sehnsucht nach einer mystifizierten Vergangenheit an. Er träumt vielmehr von „Dorf-Städten“, in denen ländliche und urbane Kulturen einander befruchten. Man müsse den Kurs ändern, „eine andere Gesellschaft aufbauen, die nicht nur auf den vertikalen Hierarchien der Klassengesellschaft basiert, sondern auch horizontal organisiert ist, denn das ist das Wesen ländlicher Kultur“, sagt Wang Shu,4 der eine Hochschule für Architektur aufbauen möchte, die außerhalb der Stadt liegt.

Der Pekinger Künstler Ou Ning lebt bereits auf dem Land: Er ist in das Ming-Dorf Bishan (Provinz Anhui) gezogen, um die „Kommune von Bishan“ zu gründen. Sein Vorbild sei aber nicht die maoistische Volkskommune, sondern die Pariser Kommune von 1871. Der international bekannte Künstler, Kurator großer zeitgenössischer Ausstellungen und Gründer der literarischen Zeitschrift Tian Nan („Chuzpe“) könnte sein Leben damit verbringen, von einem Festival zum nächsten zu reisen. Er würde damit viel Geld machen. Aber er will nicht in einer Kunstblase leben.

Im Grunde hätten seit Mao alle chinesischen Staatschefs immer nur westliche Ideen umgesetzt, vom europäischen Kommunismus bis zum Neoliberalismus US-amerikanischer Prägung, konstatiert Ou Ning: „Beide haben Probleme ohne Ende verursacht. Es ist an der Zeit, dass die chinesischen Intellektuellen über den Sinn und die Richtung unserer Entwicklung neu nachdenken.“ Eine Entwicklung, bei der die Kultur nicht länger das Privileg weniger Städter ist.

Ou Ning zeigt uns die Buchhandlung, die er gemeinsam mit dem Inhaber der berühmtesten Buchhandlung von Nanking in einem wunderschönen ehemaligen Tempel eingerichtet hat. Jetzt fehlt nur noch die Kundschaft aus dem Ort – bislang kaufen hier vor allem Touristen ein. Dann führt er uns zu seiner neuesten Gründung in die „Schule der Pflüger“, eine Mischung aus modernem WLAN-Café, Non-Profit-Laden für regionales Kunsthandwerk und Veranstaltungs- und Ausstellungsraum zum Thema Landwirtschaft.5

Einerseits scheint auch in Bishan die Zeit stehen geblieben zu sein. Auf den Feldern sieht man gebeugte Gestalten, die Mais aussäen oder mit der Sense ganze Rapsfelder mähen, und die Frauen treffen sich bei Sonnenaufgang am Waschplatz. Den Alteingesessenen gefällt aber auch der neue Trubel in ihrem Dorf, wie uns der ehemalige Lehrer Yao Linlan erzählt, den wir morgens mit einer Zeitung in der Hand auf der Straße treffen. Er führt uns durch das Straßenlabyrinth, zeigt uns die alte „Gasse der Gebildeten“ und geht mit uns in Häuser, die gerade renoviert werden. Er ist sehr stolz darauf, dass seine Fotos in Ou Nings Galerie hängen.

Wir treffen auch den ehemaligen Soldaten, Zimmermann und Dichter Qian Shi’an. Er hat einen Garten mit etwa vierzig verschiedenen Sträuchern und Dutzenden Blumensorten angelegt und nimmt ebenfalls an der „Schule der Pflüger“ teil: „Mit 71 hab ich jetzt das Gefühl, wieder jünger zu werden“, sagt er, als er uns in seinem bescheidenen Haus zu Süßkartoffelnudeln und Lotoswurzeln einlädt.

Wang Shouchang hat lange auf diesen Neuanfang gewartet. Die Leute nennen ihn „den Historiker“, obgleich er nie studiert hat. Sein ganzes Leben hat er Reis angebaut und sich zugleich ein enzyklopädisches Wissen über Bishan angeeignet. Er legte ein Dorfarchiv an und fertigte von den schönsten Häusern und Landschaften minutiöse Zeichnungen an – „für meine Kinder“, wie er uns erklärt.

Vieles von dem, was Wang im Laufe der Jahre gezeichnet hat, ist verschwunden. Seine Skizzen wurden veröffentlicht, und man fragt ihn um Rat, wenn es um die Dorfgeschichte geht. Er kümmert sich um die Bücher in Ou Nings Buchhandlung und berät die Bauern, die im Winter in den Laden kommen. Voller Begeisterung erzählt uns Wang Shouchang von den verschiedenen Besuchern und potenziellen Neu-Bishanern, wie dem Forscher aus Nanking, der Tanztruppe oder dem Kleinunternehmer, der hier ein Geschäft aufmachen möchte.

Einige Familien bieten inzwischen Gästezimmer an. „Die Leute kommen her und finden es schön. Das hat mich schon stolz gemacht“, meint eine Frau, die früher in der Umgebung in einer Fabrik gearbeitet hat. Ou Ning sucht jetzt gleichgesinnte Unternehmer und Geldgeber für neue Projekte. Anfangs wurde er noch vom Landkreisamt unterstützt. Als er aber gegen die Einführung einer Kurtaxe und die Flut von neuen Souvenirläden protestierte, die nichts mit der Arbeit der Bauern zu tun haben, verschlechterte sich die Beziehung zu den Behörden.

Natürlich liegen nicht alle auf einer Wellenlänge mit Ou Ning. Viele wünschen sich einfach nur ein besseres Leben und wollen Geld verdienen. Manche verweisen auf das etwa zehn Kilometer entfernte Dorf Huangcun, das 2000 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde: Vor seiner Restaurierung, inklusive Wiederaufbau im alten Stil, wurden sämtliche Dorfbewohner vertrieben. Als alles fertig war, forderte man einige zur Rückkehr auf, um die künstlich aufgebaute „Sehenswürdigkeit“ wieder mit Leben zu füllen.

Bislang sind intellektuelle Aussteiger, die sich auf dem Land niederlassen, zwar immer noch die Ausnahme. Doch die Diskussion über das neue Landleben geht weiter, und sie erstreckt sich bis in die Kreise der Regierungsberater in Peking.

1 Allein im Jahr 2013 wurden offiziell 190 000 Massenproteste gezählt.

2 Olivier Vérot, „La vague du e-commerce en Chine s’étend dans les campagnes chinoises“, 15. Mai 2015, www.ecommerce.fr.

3 Vgl. Wen Tiejun und andere, „Ecological Civilization, Indigenous Culture, and Rural Reconstruction in China“, Monthly Review, Februar 2012. Die Bewegung wurde bereits in den 1920er Jahren von James Yen und anderen in China begründet. Während des Zweiten Weltkriegs hielt sich Yen in den Vereinigten Staaten auf. 1960 gründete er auf den Philippinen das International Institute of Rural Reconstruction (IIRR), das viele Länder weltweit beraten hat. James Yen kehrte erst 1980 nach China zurück; im Jahr 2003 gründeten Graswurzelaktivisten in Dingzhou das James Yen Institute for Rural Reconstruction.

4 Im Gespräch mit dem französischen Architekten Bruno-Jean Hubert, „Cité de l’architecture et du patrimoine“, Paris 2014.

5 Siehe auch Oliver Wainwright, „ ‚Our cities are insufferable‘: Chinese artists go back to the land“, The Guar­dian, 2. Dezember 2014.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Le Monde diplomatique vom 12.11.2015, Martine Bulard