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Anders wachsen

von Jean Gadrey

Seit einigen Jahrzehnten lässt sich in den reichen Ländern und neuerdings auch in den Schwellenländern ein tendenzieller Rückgang des Wirtschaftswachstums beobachten. Vor diesem Hintergrund beginnen selbst Ökonomen zögerlich die Möglichkeit einer Welt ohne Wachstum in Betracht zu ziehen. So halten etwa Paul Krugman oder Larry Summers aus den USA „ein Jahrhundert Stagnation“ durchaus für plausibel.1 Und der französische Starökonom Thomas Piketty warnt: „Mit einer Rückkehr des Wachstums werden wir den zentralen Herausforderungen, die sich den reichen Ländern stellen, nicht begegnen können.“2

Merkwürdigerweise benennt keiner der Zitierten eine der wichtigsten Ursachen: die fortschreitende Erschöpfung der meisten natürlichen Ressourcen.3 Ein sprechendes Beispiel dafür, wie tief das Leitbild von der Wachstumseuphorie im Bewusstsein der Regierenden verankert ist, zeigt etwa eine Rede des französischen Präsidenten, in der es ausgerechnet um den Kampf gegen den Klimawandel geht: „Sie wissen, dass in Frankreich die nächste Klimakonferenz stattfinden wird. Frankreich muss also Vorbild sein. Klimawandel und Energiewende sind jedoch auch Herausforderungen für das Wachstum. Sobald wir die Instrumente der Energiewende einsetzen, gibt es Wachstum.“4

Das neue Mantra lautet also „grünes Wachstum“: eine Energiewende, die das Wachstum ankurbelt, das wiederum die Energiewende erleichtern soll. Natürlich ist es richtig, in erneuerbare Energien, Wärmedämmung, Energieeffizienz, biologische Landwirtschaft und umweltfreundliche Mobilität zu investieren. Aber das darf nicht dazu führen, den schwierigen Fragen auszuweichen: Welche Produktionen müssen heruntergefahren werden, weil sie negative Auswirkungen auf Klima und Artenvielfalt haben? Welche Mengen an fossilen Energieträgern müssen wir im Boden lassen, um die Erderwärmung zu begrenzen? Wenn es zwischen 60 und 80 Prozent sind, wie neueste Schätzungen nahelegen, welche Folgen hat das für das weltweite Wachstum, das immer noch hauptsächlich von diesen Energien abhängt? Allgemeiner gesprochen: Ist ein – selbst geringes – Wirtschaftswachstum überhaupt mit den Reduktionszielen für Treibhausgasemissionen vereinbar, die erforderlich sind, damit wir die kritischen Schwellenwerte der CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre nicht überschreiten?

Der Ökonom Michel Husson hat einfache Prognosemodelle entwickelt, mit denen sich berechnen lässt, welches Wachstum des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) oder des BIPs pro Kopf bis 2050 mit den verschiedenen Szenarien des Weltklimarats vereinbar wäre.5 Husson erstellte seine Vorhersagen gemäß der Annahmen zum Rückgang der Kohlendioxid-Intensität6 und kam zu dem Schluss, dass das bescheidenste Ziel des IPCC (Halbierung der weltweiten Treibhausgasemissionen von 2010 bis 2050) nur erreicht werden könne, wenn man von sehr optimistischen Annahmen zum Rückgang der Kohlendioxid-Intensität ausgeht (jährlich minus 3 Prozent, in den vergangenen 20 Jahren waren es 6 Prozent!) und eine spürbare Verlangsamung des BIP-pro-Kopf-Wachstums in Kauf nimmt (im weltweiten Durchschnitt 0,6 Prozent). Das ehrgeizigste Ziel – der Rückgang des CO2-Ausstoßes um 85 Prozent bis 2050 – scheint hingegen außerhalb jeder Reichweite zu liegen.

Das „grüne Wachstum“ ist also ein Mythos, wenn man damit ein Wachstum meint, das mit der Endlichkeit der materiellen Ressourcen (wie fossile Energieträger, Rohstoffe, Anbauflächen, Wälder und Wasser) und einer strengen Begrenzung der Klimarisiken und anderer Schäden für die Weltmeere oder die Artenvielfalt vereinbar ist. Doch wie soll sie aussehen, die vom Wachstumskult befreite Welt? Heißt das, wir müssen im Namen der Umwelt auch gesellschaftliche Rückschritte hinnehmen?

Die Wachstumsgläubigen sind in Denkmustern gefangen, in denen die Zukunft nur als Neuauflage der Vergangenheit gedacht werden kann. Sie können sich gar nicht vorstellen, dass man auch etwas anderes „ankurbeln“ kann als Unmengen von Produkten, die mit geplanter Obsoleszenz hergestellt, mit großen Werbekampagnen vermarktet und dank eines Lebens auf Pump ständig verbraucht werden. Ihr Lieblingsargument: Ohne ausreichend starkes und kontinuierliches Wachstum werden keine Arbeitsplätze geschaffen. Die Dreieinigkeit des Wachstumsliberalismus – Wettbewerbsfähigkeit erzeugt Wachstum, Wachstum erzeugt Arbeitsplätze – ist von trauriger Schlichtheit. Trotzdem richtet sich die Politik weiterhin daran aus.

Langsame Arbeit, Arbeit für alle

Wachstum zur Schaffung von Arbeitsplätzen braucht man jedoch nur nach dem heutigen Modell, das auf dem Prinzip ständiger Produktivitätssteigerungen beruht; also dem Grundsatz, mit demselben Arbeitsvolumen immer mehr Güter herzustellen. In diesem Modell führt ein Nullwachstum oder ein Wachstum, das schwächer ist als die Produktivitätssteigerungen, zum Rückgang des Arbeitsvolumens und damit der Arbeitsplätze, wenn die Arbeitszeit pro Person gleich bleibt. Arbeitszeitverkürzungen oder Jobsharing-Modelle wären kurz- und mittelfristig die wirksamsten Antworten auf den Anstieg der Arbeitslosigkeit. Aber auch so wird man dem Produktivismus nicht entkommen.

Wir müssen das alte Programm, also die Verteilung der Produktivitätszuwächse, aufgeben und gegen ein neues eintauschen: die Verteilung der Qualitäts- und Nachhaltigkeitszuwächse. Man muss Produktion und Verbrauch an einer qualitativen Logik der Sorge um Menschen und Dinge, um den Zusammenhalt der Gesellschaft und die Biosphäre ausrichten, indem man die Qualität der gesellschaftlichen und ökologischen Gemeingüter ins Zentrum von Wirtschaft und Politik stellt: Maßhalten in der Quantität, Wohlstand in der Qualität. Das bedeutet auch, Ungleichheiten zu bekämpfen, damit die neue Konsumweise auch für alle zugänglich ist. Dies ist zugleich die wichtigste Bedingung, damit die ärmeren Schichten die Neuausrichtung nicht als ökologische Strafe empfinden.

Eine Wirtschaft, die sanfter mit den Menschen, der Natur und der Arbeit umgeht und emissionsneutrales Lowtech statt Hightech favorisiert, stellt viel mehr sinnvolle Arbeitsplätze bereit als die heutige produktivistische Ökonomie. Der Grund dafür ist einfach: Um ohne Wachstum genauso viele Produkte, dafür aber sauber, grün, gesund und unter guten Arbeitsbedingungen herzustellen, braucht es mehr menschliche Arbeitskraft. Beispielsweise verlangt die biologische Landwirtschaft 30 bis 40 Prozent mehr Arbeitseinsatz als die industrielle und chemische Landwirtschaft, um dieselbe Menge an Obst, Gemüse und Getreide herzustellen.

Ist diese Vision einer neuen „great transformation“ nicht unrealistisch? Nein, denn solche Lösungen werden bereits überall in der Welt umgesetzt. Man findet zahlreiche gute Beispiele, aus Indien, Lateinamerika, Afrika, den USA und Europa, die sich etwa über das Netzwerk Alternatiba und dessen baskische Gründungsorganisation Bizi! (Leben!) verbreiten.

1 Paul Krugman, „Secular stagnation, coalmines, bubbles, and Larry Summers“, The Conscience of a Liberal, New York Times, 16. November 2013, krugman.blogs.nytimes.com.

2 Thomas Piketty, „La croissance peut-elle nous sauver?“, in: Libération, Paris, 23. September 2013.

3 Vgl. dazu etwa Birgit Mahnkopf, „Peak Everything, das gefährliche Maximum“, in: Le Monde diplomatique (Hg.), „Atlas der Globalisierung. Weniger wird mehr“, Berlin (Taz Verlag) 2015.

4 „Intervention lors de son déplacement à Sassenage en Isère“, 21. August 2015, www.elysee.fr.

5 Michel Husson, „Un abaque climatique“, Anmerkung Nr. 89 (PDF), 20. August 2015, hussonet.free.fr.

6 Dieser Wert bezeichnet die Kohlendioxidemissionen pro produzierter BIP-Einheit.

9 Vgl. Bénédicte Manier, „Un million de révolutions tranquilles“, Paris (Les Liens qui libèrent) 2012.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Jean Gadrey ist Wirtschaftswissenschaftler.

Le Monde diplomatique vom 12.11.2015, Jean Gadrey