Artikel

Artikel drucken zurück

Am Ende kommt der Kredithai

In den USA sind fast alle verschuldet – aber wehe denen, die nicht zahlen können

von Maxime Robin

Carlos Rivera steht im Schatten der New Yorker Hochbahn am Schalter eines Check Casher am Broadway im Herzen von Brooklyn. Er bittet die Angestellte hinter der Glasscheibe um Aufschub: „No tengo los 10 pesos“ („Ich habe die 10 Dollar nicht“). In dieser Gegend wimmelt es von solchen Läden, 236 Brooklyner Adressen findet man allein in den Gelben Seiten. „Checks cashed“ flackert in fetter Neonschrift von bunt beklebten Fassaden, manchmal hängt auch noch ein riesiges leuchtendes Dollarzeichen im Fenster. Check Casher wickeln Bargeldtransfers ab und lösen Schecks von Menschen ein, die kein Bankkonto besitzen: Der Betrag wird abzüglich einer Kommission (etwa 2 Prozent bei 100 Dollar, zuzüglich diverser Gebühren) ausgezahlt. Und sie bieten sehr kurzfristige Kredite zu horrenden Zinsen an.

Diese kleinen Läden, von denen es landesweit Tausende gibt, bilden eine mächtige, vielgestaltige Finanzindustrie, die allgemein als predatory lenders bezeichnet wird, „räuberische Kreditgeber“. Den Namen verdankt sie ihrem aggressiven Geschäftsmodell: Einen Kreditnehmer lässt man niemals davonkommen; oft muss er einen neuen Kredit aufnehmen, um die Schulden aus dem vorherigen Vertrag begleichen zu können.

Trotz ihres schlechten Rufs sind diese skrupellosen Geldverleiher vor allem in den USA äußerst erfolgreich. Die einzelnen Bundesstaaten versuchen mehr schlecht als recht, das Geschäft zu regulieren. Das aggressivste Finanzprodukt ist der payday loan („Zahltagkredit“); ein Darlehen mit extrem kurzer Laufzeit (höchstens zwei Wochen), das man mit hohen Zinsen an dem Tag zurückzahlt, an dem man seinen Lohn bekommt. So muss ein Kunde beispielsweise für einen 300 Dollar-Kredit an dem Tag, an dem er seinen Lohn erhält, 346 Dollar zurückzahlen. Im Bundesstaat New York ist der payday loan verboten, in Kalifornien ist er legal.

Die Branche existiert erst seit 20 Jahren; allein im letzten Jahr hat sie 45 Milliarden Dollar Gewinn gemacht. In den USA gibt es mittlerweile mehr Check Cashers als McDonald’s- und Starbucks-Filialen zusammen. 2002 entstand das unabhängige Center for Responsible Lending (Zentrum für Verantwortliche Kreditvergabe, CLR), das Missbräuche dokumentieren soll. In einem Jahr, lautete damals die Schätzung, hätten sich die Gesamtkosten für solche Kredite auf 9,1 Milliarden Dollar belaufen – zusammengesetzt aus Zinsen und Gebühren sowie Pfändungen im Fall von Zahlungsunfähigkeit. 13 Jahre später lassen sich die Kosten gar nicht mehr so genau kalkulieren: „Die Gesamtsumme beläuft sich auf mehrere hundert Milliarden Dollar“, teilte das CLR im vergangenen Juni mit.1 Nicht nur Millionen Amerikaner seien betroffen, das ganze Land würde davon in Mitleidenschaft gezogen.

Wer arm wird, verliert sein Bankkonto

 Für Mittellose ist in den USA sowieso schon alles teurer: von ganz alltäglichen Dienstleistungen über Lebensmittel bis hin zu Versicherungen. Der Begriff poverty penalty ist nicht neu: David Caplovitz entwickelte ihn bereits 1967 in einer soziologischen Abhandlung, die heute ein Klassiker ist: „The Poor Pay More“ („Die Armen zahlen mehr“).2 Seine Analyse ist immer noch zutreffend. „Die Armen zahlen mehr für einen Liter Milch und für Wohnungen von schlechterer Qualität“, stellte Earl Blumenauer, demokratischer Abgeordneter aus Oregon, 2009 fest. Die 37 Millionen US-Amerikaner, die unter der Armutsgrenze leben, und die weiteren 100 Millionen, die darum kämpfen, ihren Lebensstandard zu halten, „müssen für Dinge bezahlen, die für die Mittelschicht eine Selbstverständlichkeit sind“.3

Ein Beispiel unter vielen: Nach einem Bericht der Verbraucherschutzorganisation Consumer Federation for America legen Kfz-Versicherungen bei der Einstufung mehr Wert auf das Bildungsniveau und den Beruf des Kunden als auf dessen unfallfreie Fahrbilanz. In zwei Dritteln der untersuchten Fälle „zahlten gute Autofahrer, die arm waren (rund 25 Prozent), mehr als die Reichen, die bereits einen Unfall verursacht hatten“.4

„Man muss reich sein, um sich ein Leben als Armer leisten zu können“, konstatierte die Washington-Post-Reporterin DeNeen L. Brown.5 Und dann listete sie all die kleinen Dinge auf, die das Leben von Arbeitnehmern erschweren, die knapp bei Kasse sind: Zeitverlust im Verkehr, überall Warteschlangen für Dienstleistungen von minderer Qualität und so weiter und so fort. Alles ohne Zeit für Erholung und das Recht, zu scheitern.

Manchmal nimmt ein derart durchgetaktetes Leben ein tragisches Ende, wie das von Maria Fernandes, die im September 2014 in ihrem Auto auf einem Parkplatz in New Jersey starb. Die 32-Jährige war seit vier Jahren bei der Schnellimbisskette Dunkin’ Donuts angestellt, insgesamt hatte sie drei verschiedene Jobs (nachmittags, nachts und an den Wochenenden), um die Ausbildung ihrer Tochter zu finanzieren. Sie bekam den damals in New Jersey gültigen Mindestlohn: 8,25 Dollar die Stunde. Monatlich zahlte sie 550 Dollar für ein möbliertes Apartment, in dem sie nur sehr selten schlief. Stattdessen ruhte sie sich in ihrem Auto aus, bei laufendem Motor und angeschalteter Klimaanlage, um frische Luft im Innenraum zu haben. Auf dem Rücksitz bewahrte sie einen Benzinkanister auf. Bei einer ihrer Schlafpausen fiel der Kanister um; giftige Dämpfe verbreiteten sich im Auto, sie erstickte. Ein Sprecher von Dunkin’ Donuts würdigte sie in einem Nachruf als „vorbildliche Mitarbeiterin“.6

Zurück zu dem Check Casher in Brooklyn. Die Frau am Schalter macht Carlos Rivera einen Vorschlag: Die Rückzahlung seiner Schulden hat Zeit bis zum nächsten Tag. Sie spricht ihn mit dem Vornamen an, offenbar ist er Stammkunde. Erleichtert führt er ein kurzes Telefonat und versichert seinem Gesprächspartner auf Englisch, dass er das Geld zurückzahlen werde. Dann zieht er mit seinem Einkaufswagen weiter. Er sammelt Pfandflaschen, pro Flasche bekommt er 10 Cent. Außerdem lebt er von kleinen Arbeiten „auf dem Bau“. Früher hatte er einmal ein Konto bei der Bank gehabt, aber wann das war, weiß er nicht mehr.

Durchschnittlich acht Kreditkarten pro Haushalt

Die traditionellen Finanzinstitute eröffnen immer seltener Filialen in Wohngebieten mit niedrigem Einkommensniveau. In dem Viertel, in dem Carlos Rivera lebt, Stuyvesant Heights, gibt es nur zwei Banken für 85 000 Einwohner: bankenmäßig eine Wüste, ebenso wie 650 weitere Wohnviertel in den USA.7 Dabei liegt Stuyvesant Heights nur zehn Metrostationen von der Wall Street entfernt, dem Nervenzentrum des globalen Finanzmarkts. „Filialen in sozial schwachen Vierteln zu eröffnen lohnt sich für die Banken nicht“, erklärt uns Lisa Servon, Professorin für Stadtpolitik an der New School in New York. Die Bewohner seien eher eine Bürde als eine Quelle für potenzielle Profite: „Sie haben kein Geld und verbringen zu viel Zeit am Schalter. Die Banken wollen das Gegenteil: Kunden, die sie nie sehen, die aber ihr Geld bei ihnen anlegen.“

Also haben die Check Cashersin den armen Vierteln die Banken abgelöst. Sie gründen ihr Geschäftsmodell auf kundennahen Service, Diversifikation ihrer Dienstleistungen (Verkauf von Prepaid-SIM-Karten, Lottoannahme und so weiter) und auf die Gebühr, die sie für jede Transaktion berechnen. „Die Banken wollen einen einzigen Kunden mit einer Million Dollar; wir wollen Millionen Kunden mit einem Dollar“, erklärt Joe Coleman ohne Umschweife. Er ist Präsident von RiteCheck; die Firma hat ein Dutzend Niederlassungen in der Bronx und Harlem.8 Für die Armen sind solche Läden die letzte Rettung vor den unsicheren und mitunter auch gefährlichen Kreditgeschäften mit den loan sharks (Kredithaien) von der Straße. Diese Geldverleiher haben nicht nur den Ruf, gute Verbindungen ins kriminelle Milieu zu haben. Sie schrecken nicht vor Gewalt zurück, um die geliehenen Summen plus Zinsen einzutreiben.

Servon erzählt auch von einer neuen Form des zinslosen Mikrokredits, die die Immigrantencommunitys von New York, vor allem die Hispanics, aber auch die Senegalesen und Araber, mit ins Land gebracht haben. Das Prinzip ist einfach: Mehrere Personen legen einen kleinen Betrag in einen gemeinsamen Topf. „Jede Woche nimmt sich reihum ein anderer den Topf“, erklärt die Professorin, die über solche alternativen Kreditformen forscht. Über deren Verbreitung und wirtschaftliche Bedeutung in den USA kann sie aber noch nichts sagen.

Die Armen sind für die Chase Manhattan Bank oder die Bank of America uninteressant, aber, wie Lisa Servon festgestellt hat, gilt auch das Umgekehrte: „Sie gehen lieber zu einem Check Casher, weil sie bei den Banken wegen der Überziehungszinsen noch viel mehr bezahlen müssten.“ Die Banken sind noch gieriger; außerdem vergeben sie keine kurzfristigen Kredite, die den Bedürfnissen der Armen entgegenkommen. Jedes Institut verfügt über ein Arsenal von durchschnittlich 49 möglichen Sanktionen gegenüber dem Inhaber eines Girokontos; eine schlichte Abhebung über das geduldete Limit hinaus kann eine ganze Kaskade von teuren Konsequenzen nach sich ziehen.

Laut der Zahlen, die der US-amerikanische Einlagensicherungsfonds Federal Deposit Insurance Corporation bei den zehn größten US-Banken eingeholt hat, beträgt die Hälfte der Überziehungen weniger als 36 Dollar. Betrachtet man diese Überziehungen als kurzfristige Kredite, belaufen sich die Zinsen auf beinahe unvorstellbare 5000 Prozent pro Jahr.

2011 haben in den USA die Banken allein mit Überziehungszinsen 38 Milliarden Dollar verdient.9 „Überziehungen werden immer teurer“, kommentiert Servon. „Die finanzielle Lage der Amerikaner ist unsicherer geworden, die Einkommen schwanken. Viele haben mehrere Jobs, arbeiten hier ein paar Stunden und dort ein paar Stunden. Sie haben nichts auf die hohe Kante gelegt, sind immer knapp bei Kasse und überziehen regelmäßig ihr Konto. So summieren sich die Strafzinsen.“ Der Fall ist nicht selten, dass jemand vor der Finanzkrise über ein festes Einkommen verfügte und jetzt zwei prekäre Teilzeitjobs hat, die nach Stunden bezahlt werden. Die Kosten für Gesundheit, Bildung, Kinderbetreuung sind explodiert, und „die Arbeitgeber bieten weniger Sozialleistungen, während die Amerikaner immer mehr Ausgaben schultern müssen. Es gibt kein Recht auf Scheitern mehr. Das ist der Kern des Problems.“

Ein normaler US-Bürger ist ein verschuldeter US-Bürger, der seine Schulden fristgerecht zurückzahlt. Inzwischen werden aber fast 10 Millionen US-Haushalte gar nicht mehr von dem Radarsystem der Banken erfasst. Das heißt, sie besitzen keinen credit score, also keine Bonitätspunktzahl, die in den USA unverzichtbar ist. Die dreistellige Ziffer beginnt in der Regel bei 300 (sehr niedrig) und reicht bis 850 (sehr gut), mit Varianten, die bei 100 anfangen und bei 990 aufhören, je nach Bankinstitut. Die Bonitätspunktzahl ist inzwischen genauso wichtig wie die Sozialversicherungsnummer; in den USA richtet sich das ganze Leben nach ihr aus. Sie beweist, dass man seine Verbindlichkeiten pünktlich begleicht und als hinreichend vertrauenswürdig befunden wurde, um einen Kredit aufzunehmen.

Anfangs durften nur die Banken vor der Bewilligung von Immobilienkrediten die Bonitätspunkte abrufen. Mittlerweile können auch Geschäftsinhaber, Versicherungen, Vermieter und sogar der potenzielle Arbeitgeber die Bonität ihrer Kundinnen, Mieter und Bewerber überprüfen. Ein guter Score ist Anlass für Stolz. Selbst bei Partnerbörsen im Internet taucht diese Zahl auf.10 Eine zu spät bezahlte Rechnung hat sofort Auswirkungen; wenn sich die Probleme häufen, stürzt der Score ab, und die Banken nehmen sich das Recht heraus, den Zinssatz zu erhöhen.

Eine gesetzliche Obergrenze für Zinsen gibt es nicht

Am Schlimmsten ist der komplette Ausschluss aus der Bankenwelt, weil kein Wert für die Bonität ermittelt werden konnte: Dann wird die betreffende Person credit invisible, als Kreditnehmer unsichtbar. Die Türen schließen sich, das Leben wird teurer und komplizierter. Nach einem Bericht der Verbraucherschutzbehörde Consumer Financial Protection Bureau sind in Wohngebieten mit niedrigem Einkommensniveau 30 Prozent der Menschen von der Kreditvergabe durch Banken ausgeschlossen. Von diesem finanziellen Kainsmal sind vor allem Schwarze und Hispanics betroffen: 15 Prozent gegenüber 9 Prozent der Weißen und Asiaten.11

Während in Europa das Sparen gelehrt wird, ermutigt die amerikanische Konsumgesellschaft traditionell zur Aufnahme eines Kredits.12 Die Verschuldung der privaten Haushalte wächst kontinuierlich. Keine Schulden zu haben, gilt sogar als Anzeichen für finanzielle Probleme. Gegenwärtig besitzt jeder US-amerikanische Haushalt im Durchschnitt acht Kreditkarten. Nach Angaben des Urban Institute belaufen sich die Konsumentenkredite durchschnittlich auf 15 000 Dollar pro Familie.

Diese Entwicklung geht auf eine Entscheidung zurück, die Ende der 1980er Jahre getroffen wurde und en passant die alten Strukturen komplett über den Haufen geworfen hat: die Freigabe von Wucherzinsen, das heißt die Abschaffung von Obergrenzen für Bankzinsen.13 Auf einmal bekam mehr oder weniger jeder US-Amerikaner einen Kredit, und die Banken konnten mehr oder weniger willkürlich die Zinssätze festlegen. Die Zahl der Privatinsolvenzen explodierte, die Konsumkredite erreichten ein Niveau wie noch nie seit der Weltwirtschaftskrise.

„Keine andere Branche kann so etwas machen“, empörte sich die demokratische Abgeordnete Elizabeth Warren.14 Sie gehört zum linken Flügel der Partei, sitzt seit 2013 im US-Senat und hat sich ganz der Aufgabe verschrieben, die Verfehlungen der Kreditbranche zu entlarven. Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass im Jahr 2010 die Verbraucherschutzorganisation Consumer Financial Protection Bureau als Bundesbehörde gegründet wurde. Warren hat über viele Jahre in Harvard gelehrt, und zwar Finanzrecht. Um zu belegen, wie undurchsichtig die Finanzbranche agiert, sagt sie, dass nicht einmal sie in der Lage sei, auszurechnen, wie viele Zinsen sie für ihre Kredite zu bezahlen hat.

Die Banken verdienen am meisten an den Mitgliedern der Mittelschicht und all jenen, die für ihren Aufstieg in die Mittelschicht arbeiten. Sie sind es, die nur unter größten Schwierigkeiten ihre Schulden zurückzahlen können, und so summieren sich die Strafzinsen ins Unermessliche. Laut Elizabeth Warren halten vor allem diese Kunden die Kreditbranche am Leben, „die Menschen, die in Schwierigkeiten stecken, nahe an der Zahlungsunfähigkeit, diejenigen, die jeden Monat gerade eben die fälligen Zinsen bezahlen können und die manchmal in Verzug geraten, die ab und zu einen ungedeckten Scheck ausstellen und hin und wieder eine Zahlungsfrist versäumen.“

Zum Beispiel Claire Shrout, Krankenschwester, verheiratet, zwei Kinder: Ein unvorhergesehenes Ereignis hat das Leben der Familie aus Oregon durcheinandergebracht: Claires Mann erkrankte an Krebs, als sie mit ihrem zweiten Sohn schwanger war. „Mein Mann hatte gerade seine letzte Chemo hinter sich gebracht, als ich entbunden habe“, erzählt sie. Wegen der Kredite, die sie während ihres Studiums aufgenommen hat, konnte sie nie Geld sparen und ein Polster für Notfälle anlegen: „Jeden Monat gingen tausende von Dollar für Rechnungen drauf.“

Ihr Ehemann musste wegen der Krankheit seine Arbeit aufgeben, und auch Claire konnte vier Monate lang nicht arbeiten. „Ohne Einkommen mussten wir uns Geld leihen. Das ging vor allem für Medikamente, Essen und Miete drauf. Um den ersten Kredit zurückzuzahlen, haben wir einen zweiten aufgenommen. Und um den zweiten zurückzuzahlen, einen dritten . . . So haben die Probleme angefangen.“ Die Erkrankung eines Partners, ein kaputter Keilriemen, der Ausbildungskredit: Alles Mögliche kann einen zu schnell an den Rand des Bankrotts bringen.

Für die Kreditbranche sind die Shrouts perfekte Kunden. Claire Shrout hat Mitte der 1990er Jahre an der Universität Oregon ihren Abschluss gemacht. Die Kosten ihres Studiums waren „sehr moderat, vor allem verglichen mit heute“. Sie erzählt, dass immer am Anfang eines Studienjahrs auf dem Campus große Zelte standen, wo man den Studenten in Partyatmosphäre Kreditkarten anbot. „Die Vertreter der Kreditkartenfirmen waren junge Leute wie wir, mit bunten T-Shirts. Wenn man einen Vertrag unterschrieb, bekam man ein kostenloses Essen oder eine Frisbeescheibe. Es ist dumm, aber mit 17 fällt man darauf rein. Man denkt, man braucht nur mit den Fingern zu schnippen und kann machen, was man will. Später wird das Gehalt schon reichen, um alles zurückzuzahlen.“

In vier Studienjahren hat sie fünf verschiedene Kreditkartenverträge unterschrieben. „Es wurde üblich, auf diese Weise Probleme zu regeln.“ Als sie mit 28 heiratete, verdiente Claire 25 000 Dollar im Jahr und hatte 13 000 Dollar Schulden, ihr Ehemann 8000 Dollar.

Claires Eltern haben am Boston College studiert, „aber beide brauchten keinen Kredit, um das Studium zu finanzieren, wie das heute die Regel ist“. Ihr Vater hatte ein Job an der Tankstelle und ein Stipendium. Damit kam er gut zurecht. Ein Studienjahr am Boston College kostet derzeit 48 540 Dollar – mit Zimmer auf dem Campus 62 820 Dollar.

Die Amerikaner verschulden sich nicht für den Swimmingpool im Garten oder einen Geländewagen, sondern um das Lebensnotwendige zu finanzieren: Wohnung, Gesundheit, Auto, Ausbildung, Versicherungen. „In anderen Ländern, in denen so etwas besser organisiert ist, müssen sich die Menschen wegen der Gesundheit oder der Ausbildung nicht verschulden“, seufzt Claire Shrout neidvoll. „Wäre ich eine Mutter in Schweden, sähe unsere Familiengeschichte ganz anders aus, und ich hätte mehr als zehn Monate Mutterschaftsurlaub gehabt. Ich will nicht alle Schuld auf die Gesellschaft oder die Kreditinstitute abwälzen, ich trage meinen Teil der Verantwortung. Aber in den Vereinigten Staaten sind die jungen Leute durch Schulden mehr gefährdet als anderswo. Sie bleiben sich selbst überlassen. Das öffnet dramatischen Entwicklungen Tür und Tor. Das gesamte System kann räuberisch werden.“

Die Schulden von Carlos Rivera oder Claire Shrout sind nur winzige Geldflüsse; aber sie fließen in den riesigen Strom von Krediten, der in den letzten drei Jahren um 22 Prozent angeschwollen ist. 2014 erreichten die Konsumkredite den historischen Höchststand von 3200 Milliarden Dollar.

1 „The cumulative costs of predatory practices“, Center of Responsible Lending, Durham, Juni 2015.

2 David Caplovitz, „The Poor Pay More: Consumer Practices of Low-Income Families“, New York (Free Press) 1967.

3 DeNeen L. Brown, „The high cost of poverty: Why the poor pay more“, in: The Washington Post, 18. Mai 2009.

4 „Largest auto insurers frequently charge higher premiums to safe drivers than to those responsible for accidents“, Consumer Federation of America, Washington, 28. Januar 2013.

5 DeNeen L. Brown, „The high cost of poverty“, siehe Anmerkung 3.

6 Rachel L. Swarns, „For a worker with little time between 3 jobs, a nap has fatal consequences“, in: The New York Times, 28. September 2014.

7 Russell D. Kashian, Ran Tao und Claudia Perez-Valdez, „Banking the unbanked: Bank deserts in the United States“, Madison (University of Wisconsin) 2015.

8 Siehe Lisa Servon, „The high cost, for the poor, of using a bank“, in: The New Yorker, 9. Oktober 2013.

9 „Graphic: Checking account risks at a glance“, The Pew Charitable Trust, Philadelphia 2011.

10 „Where Good Credit Is Sexy!!“: www.creditscoredating.com.

11 Consumer Finance Protection Bureau, „Credit Invisibles“, Office of Research, Mai 2015: files.consumerfinance.gov.

12 Siehe dazu Christopher Newfield, „La dette étudiante, une bombe à retardement“, in: Le Monde diplomatique, September 2012.

13 Die US-Gesetze über Wucher leiten sich von dem englischen Common Lawab. Siehe dazu Steven Mercatante, „The deregulation of usury ceilings, rise of easy credit, and increasing consumer debt“, in: South Dakota Law Review, Vermillion 2008.

14 „Frontline“, PBS, 23. November 2004.

Aus dem Französischen von Ursel Schäfer

Maxime Robin ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 08.10.2015, Maxime Robin