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Brief an meine Schwester im Senegal

von Aminata D. Traoré

Am 18. April 2015 starben mehr als achthundert Menschen auf dem Meer vor Sizilien. Zweihundert von ihnen waren deine Landsleute, Senegalesen, fast ebenso viele kamen aus meiner Heimat Mali. Und von zahllosen anderen, die in den Massengräbern liegen, zu denen die Sahara und das Mittelmeer geworden sind, spricht schon niemand mehr und wird auch nie jemand sprechen.

Auch dein einziger Sohn1 war eines Tages mit 89 anderen aus Thiaroye nach Europa aufgebrochen. Das Meer hat ihr Boot verschlungen.

Wir sind uns begegnet, weil mich in Mali Mütter verschwundener Flüchtlinge, die weder vergessen noch resignieren wollen, gefragt haben: „Wir haben unsere Kinder weder lebendig noch tot wiedergesehen. Das Meer hat sie uns genommen. Wie konnte das geschehen?“ Sie wussten nichts von diesem mörderischen Meer, weil Mali von Land umgeben ist.

Niemals, mutige Yayi, vergesse ich den Moment der Sammlung, Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit beim „Kreis des Schweigens“, den wir gemeinsam im Februar 2011 beim Weltsozialforum in Dakar organisiert haben. Wir hofften, dass unsere Worte und unsere Aktionen mit Frauen in den Dörfern und Stadtvierteln dazu beitragen würden, den Fluch der neoliberalen Globalisierung, der auf so vielen Menschen lastet, abzuwenden. Tausende Kilometer lange Hindernisse wurden errichtet, die die Völker voneinander trennen und gegeneinander aufbringen. Dabei wären sie sicher zu Anteilnahme, Brüderlichkeit und echter Solidarität imstande, wenn ihnen klar wäre, dass sie von derselben Walze zermalmt werden. Stattdessen schürt man die Ängste der Opfer des globalisierten Finanzkapitalismus in Europa, sagt ihnen, Hilfe für Afrika sei vergeblich.

Die politische Landschaft in Europa hat sich verändert. Die Rechtsradikalen schlagen Wurzeln, gewinnen an Einfluss und treiben andere politische Kräfte vor sich her. Die Konservativen und, das ist das Schlimmste, Teile der Linken wollen beim „Schutz“ der Europäer vor den Barbaren nicht hintanstehen. Deshalb kaschieren sie die Plünderung unseres Kontinents, die Einmischung und die wahren Gründe ihrer Kriege. Sie reden von „Menschlichkeit“ für die Flüchtlinge, denen laut Asylgesetz Hilfe zusteht, und von „Unnachgiebigkeit“ gegenüber den „Wirtschaftsflüchtlingen“ aus dem schwarzen, südlichen Afrika. Kann Europa überhaupt zuhören? Derzeit zweifeln wir daran.2

Liebe Yayi, wir erleben gerade, wie sich unsere mächtigen Nachbarn im Norden durch ihren Umgang mit der Flüchtlingsfrage und mit der griechischen Schuldenkrise selbst entlarven. Es ist eine historische Gelegenheit, zu verstehen, wie Europa tatsächlich ist: nicht so, wie es sich mit der Erklärung des Jahrs 2015 zum „Europäischen Jahr der Entwicklung“ als großer Helfer präsentieren wollte.

Im erbarmungslosen Kräftemessen der EU mit dem griechischen Volk und seiner demokratisch gewählten Regierung, bis diese nachgegeben hat, erkennen viele Europäer die Ideen ihrer Gründer nicht mehr wieder. In Griechenland herrscht weiter der Terror der Ökonomie. Auch von Mali, Senegal und anderen afrikanischen Staaten verlangt man „Mut zu schmerzhaften Reformen“, der für die gewählten Regierungen darin bestehen soll, ihren Völkern unerträgliche Maßnahmen aufzuzwingen, um Auslandskredite zu bedienen, die ohne deren Wissen aufgenommen und für Dinge ausgegeben wurden, die nur selten ihren Bedürfnissen entsprachen.

Ich bin dir und Demba Moussa Dembélé, dem Leiter des Forum Africain des Alternatives, dankbar, dass ihr am 11. Juli zum Tag des Nachdenkens nach Bamako gekommen seid. Es ging um die Frage, ob sich Gerechtigkeit, Frieden und Sicherheit für die Menschen mit der Diktatur der Gläubiger vereinbaren lassen. Nachdem wir die Bindung des CFA-Franc an den Euro, die Handelsabkommen zwischen EU und den AKP-Staaten (Afrika, Karibik, Pazifik) und die verschiedenen Verträge über Wirtschaftspartnerschaften, Rückführung von Flüchtlingen und militärische Zusammenarbeit auf ihre Folgen für unsere Länder überprüft hatten, war die Antwort klar: Ganz sicher nicht!

Das Meer ist geplündert, die Fischer fliehen nach Europa

Das wesentliche Merkmal dieser Verträge, die unsere Länder unterzeichnet haben, ist Intransparenz. Deshalb wurde die Entscheidung des griechischen Ministerpräsidenten Tsipras, angesichts der unnachgiebigen Haltung der Kreditgeber sein Volk zu befragen, in unseren Breiten mit großer Anteilnahme verfolgt.

„Unnachgiebigkeit“ ist das Schlüsselwort der EU im Umgang mit der griechischen Krise und mit den Flüchtlingsströmen im Mittelmeerraum. Wie viele junge Griechen haben in den letzten sechs Monaten das Weite gesucht, und wie viele werden in den kommenden Monaten auswandern? Mit welchen Formen von Gewalt ist in diesem Land zu rechnen, dessen Jugend sich – anders als Teile der französischen, belgischen und britischen – offenbar nicht vom Dschihadismus angezogen fühlt? Und warum erkennen die Leute, die diesen Dschihadismus bekämpfen wollen, nicht, dass gescheiterte Fluchtpläne Jugendliche in die Radikalisierung treiben können? Diese Frage stelle ich mir, Yayi, wenn ich in den Norden meines Landes blicke, wo so manche, die in Libyen keine Arbeit mehr finden konnten, zu Fluchthelfern, zu Dschihadisten oder zu Drogenschmugglern geworden sind.

Vom EU-Gipfeltreffen am 23. April 2015 in Brüssel hatten wir keine Wunder erwartet. Doch nachdem sich Europa für die militärische Option entschieden hat, haben wir nun noch mehr Grund zur Sorge. Die Operation European Union Naval Force – Mediterranean (Navfor Med) wird sich als wirkungslos und vor allem als gefährlich für die Flüchtlinge erweisen. Navfor Med dient zur Überwachung der europäischen Küsten und beschränkt sich bisher auf Patrouillen und Aufklärung, da es keine Zustimmung des UN-Sicherheitsrats zur Zerstörung der Schleuserboote gibt. Federica Mogherini, Chefdiplomatin und Außenbeauftragte der EU, erklärte im Juni: „Unser Ziel sind nicht die Flüchtlinge, sondern diejenigen, die Geld verdienen mit deren Leben und allzu oft mit deren Tod.“

Es klang wie eine Antwort, als Diawori Coulibaly de Didiéni, die auch einen Sohn bei einem Bootsunglück verloren hat, forderte: „Sorgt dafür, dass unsere Kinder hier in Würde arbeiten und leben können.“ Auch du, Yayi Bayam, sagst nichts anderes, wenn du daran erinnerst, wie sich das Leben in den Fischerdörfern durch die Plünderung der fischreichen Gewässer Senegals verändert hat. Früher habt ihr nur hundert Meter von der Küste entfernt den Fisch gefunden, der euch Nahrung und Einkommen für ein Leben in Würde sicherte. Jetzt gibt es einseitige Fischereiabkommen, die den Fabrikschiffen erlauben, monatelang vor euren Küsten zu liegen, um sich vor euren Augen zu bedienen und den ganzen Fisch fertig in Dosen mitzunehmen, ehe sie die Anker lichten.3

Ist es ein Wunder, wenn verarmte und verzweifelte Fischer, ihres Landes beraubte Bauern, von subventionierten Agrarprodukten ruinierte Händler oder gedemütigte Flüchtlinge zu Schleusern werden?4 Deren Angebot bedient außerdem eine Nachfrage, die sich nicht einschränken lässt: die Nachfrage nach einem Aufbruch, einer Flucht, in der Hoffnung auf Rückkehr und auf ein besseres Leben für die Familie.

Aber alles ist versperrt, auch daran erinnerst du uns, Yayi: Schiffe, Hubschrauber und Flugzeuge kontrollieren die Küsten, damit die Menschen, denen man die Möglichkeit genommen hat, zu Hause ihren Lebensunterhalt zu verdienen, auch nicht flüchten können. Zur Ungerechtigkeit und zum Zorn über die Fischereiverträge kommen Residenzpflicht und Demütigungen durch ungerechte und unmenschliche Flüchtlingsabkommen.

Als unser „Tag des Nachdenkens“ zu Ende ging, wandte sich ein junger Teilnehmer mit den folgenden Worten an dich: „Liebe Mutter Yayi, auch ich bin der einzige Sohn meiner Mutter. Trockne deine Tränen. Das Meer hat dir einen Sohn genommen; aber wir alle sind deine Kinder.“ Davon bin auch ich überzeugt. Deshalb haben wir beschlossen, den Begriff der „sozialen Mutter“ zu fördern.

Lasst uns den kriegerischen Werten des globalisierten Finanzkapitalismus pazifistische und humanistische Werte entgegenhalten. Die Frauen in der Familie – Mutter, Tante, ältere Schwester – verkörpern diese Werte und spielen oft eine zentrale Rolle bei der Bewahrung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Solidarität. Mali hat dieses kulturelle Fundament, diese innere Kraft der Veränderung und des Fortschritts dringend nötig.

Die Bürgeruniversität, deren Gründung wir im März 2015 beim Weltsozialforum in Tunis beschlossen haben, wird den Rahmen für diese Bildung der Bürger bieten. Die Politikwissenschaftlerin Susan George schrieb, Wissen sei „immer ein Gegenmittel gegen Manipulation und das Gefühl der Ohnmacht. Ohne Wissen kann man nichts tun. Es ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für Handeln.“5 Das denken und sagen wir auch, und das lenkt unser Engagement und unseren Kampf.

1 Yayi Bayam Diouf ist die Mutter von Alioune Mar, der 2006 mit 26 Jahren ertrank, als er mit anderen jungen Senegalesen versuchte, Spanien zu erreichen.

2 Siehe www.foram-mali.org.

3 Siehe Jean-Sébastien Mora, „Europas Raubzüge zur See“, Le Monde diplomatique, Januar 2013.

4 Siehe Charlotte Wiedemann, „Mali oder das Ringen um Würde“, München (Pantheon) 2014.

5 Siehe: Susan George, „Les Usurpateurs. Comment les entreprises transnationales prennent le pouvoir“, Paris (Seuil) 2014.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Aminata D. Traoré war Kulturministerin in Mali und ist die Autorin u. a. von „L’Afrique humiliée“, Paris (Fayard) 2011.

Le Monde diplomatique vom 10.09.2015, Aminata D. Traoré