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Bilder extremer Gewalt

Bilder extremer Gewalt

In Mexiko herrschen Mord und Folter. Ein bedrohter Journalist fordert uns auf, genau hinzusehen.

von Sergio González Rodríguez

Ich sitze vor einem Bildschirm, auf dem eine Videosequenz läuft: Ein unbekannter Mann wird gefoltert. Ein Fernsehsender hat mich zu einem Interview eingeladen, das für ein politisches Magazin aufgezeichnet werden soll. In einem der Büros ist ein Filmset improvisiert, und ich höre, vor einer Kamera sitzend, Fragen zum Thema extreme Gewalt, genauer: extreme kriminelle Gewalt.

Auf die Fragen meines Gesprächspartners antworte ich mit der Verteidigung einer These von Susan Sontag: Wir müssen es zulassen, dass die schrecklichen Bilder uns verfolgen.1 Sie sind eine Form der Selbsterkenntnis. Zensur bedeutet Manipulation der Wirklichkeit, sie vertuscht Korruption, Unfähigkeit, Ineffizienz und Verantwortungslosigkeit der Behörden.

Am Ende des Gesprächs bittet man mich, vor dem Bildschirm Platz zu nehmen. Ich soll Zeuge dieser Bilder sein. Dieselbe Kamera, die meine Antworten aufgezeichnet hat, wird wieder vor mir aufgestellt. Das hat offensichtlich ein Moment von Zwang. Ich erinnere mich an das „Kino-Auge“ des Dsiga Wertow2 und seine Maximen – Objektivität, Spontaneität, Genauigkeit, Einzelheiten – und nehme die Herausforderung an. Ich ahne sofort, dass eine Art Prüfung auf mich zukommt, der ich mich zu unterwerfen habe. Die Bilder laufen und ich setze mich hin.

Ich sehe mich selbst wie die Figur in Stanley Kubricks Film „Uhrwerk Orange“, die in therapeutischer Absicht extremen Gewaltszenen ausgesetzt wird, um eine instinktive Abwehr gegen Gewalt zu erzeugen.

Ich betrachte die Bilder: In einem unbekannten, geräumigen und hell erleuchteten Raum hängt eine Person von der Decke, kopfunter. Die kräftige Statur lässt erahnen, dass es ein Mann ist. Er ist vollständig in graue Plastik oder Stoff eingewickelt, um Füße, Knie, Taille und Hals mit silbernem Klebeband fixiert. Um ihn herum steht ein halbes Dutzend Männer in militärisch anmutenden grünen Uniformen mit schwarzen Sturmhauben über dem Gesicht, Waffen in der Hand. Sie überwachen die Folter. Der Anführer steht ganz vorn und gibt Anweisungen. Der Ton der Aufnahme ist schlecht. Das Opfer ahnt das Schlimmste und windet sich verzweifelt. Es schreit oder stöhnt.

Meine Augen treten an die Stelle der Kamera, die die Szene aufgenommen hat, was wiederum von der anderen Kamera festgehalten wird, die mich, den Beobachter, filmt. Spiegeltricks im Angesicht des Abnormen. Der Anführer der Killer trägt statt einer Sturmhaube die schwarz-weiße Horrormaske von Punisher aus dem Marvel-Comic, der Strafende, der droht, erpresst, entführt, foltert und tötet. Hinter der Punisher-Maske, einem Totenkopf mit katzenartigen Augenhöhlen und langen Zähnen, verbirgt sich im Comic ein Experte für Kampfsport, Waffen, Antiterrorkampf und militärische Taktik, der die Ermordung seiner Familie rächen will. In der Fassung, die vor mir abläuft, fehlen die Trickaufnahmen.

Neben dem mit der Punisher-Maske steht ein anderer, der als Helfer fungiert, er schwingt eine Machete. Beide nähern sich dem Opfer auf der Höhe der Genitalien: Sie kastrieren es. Das Opfer krümmt sich. Sein Geheul klingt wie aus der Ferne. Die Killer werfen das verstümmelte Organ auf den Boden, Blut strömt, in heftigen Konvul­sio­nen, während sich die beiden unterhalten, konzentriert auf die Folter.

Die Kamera versucht meine Reaktionen festzuhalten. Ich verstehe das Spiel: Ich weiche nicht aus, den Blick auf die Bilder gerichtet, ohne zu blinzeln. Ich bin mittendrin.

Dann kommt die Erinnerung zurück, an jene Nacht, in der ich von Kriminellen entführt und gefoltert wurde. Mit ihren Drohungen und Schlägen wollten sie meine journalistischen Nachforschungen über die Frauenmorde an der Grenze zu den USA stoppen. Ich habe es in meinem Buch „Huesos en el desierto“ (Knochen in der Wüste) ausführlich beschrieben:

Am 15. Juni 1999 wurde ich in Mexiko-Stadt in einem Taxi überfallen, abends auf dem Nachhauseweg. Das Taxi hielt plötzlich am Straßenrand. Sekundenschnell waren zwei Bewaffnete neben mir. Sie wiesen mich an, die Augen zu schließen und in die Mitte zu rutschen. Das Taxi fuhr wieder an, der Fahrer war ein Komplize. Ich sollte nur sprechen, wenn ich etwas gefragt wurde. Sie prüften meine Papiere, lasen meinen Namen und dass ich Journalist bin.

Sie beschimpften mich und schlugen mit ihren Revolvern auf mich ein, auf Brust, Gesicht und Kopf. Sie erklärten, sie würden mich in einer einsamen Gegend im Süden der Stadt fertigmachen. Das Taxi hielt wieder, einer der Bewaffneten stieg aus, ein anderer stieg ein, den sie El Jefe, Boss, nannten. Der traktierte mich weiter mit Faustschlägen und Ellbogenchecks, drohte mit Vergewaltigung und Mord, am Ende schlug er mit einem Eispickel zu und brachte mir tiefe Wunden an den Oberschenkeln bei.

Als ganz in der Nähe ein Streifenwagen mit blinkendem Blaulicht vorbeifuhr, wie ich durch die geschlossenen Lider mitbekam, ließen meine Angreifer von mir ab. Sie befahlen mir, das Blut vom Gesicht zu wischen, und setzten mich in derselben Gegend, wo sie mich entführt hatten, in einer einsamen Straße ab. Zum Schluss ermahnten sie mich dringend, die Klappe zu halten und diesen Überfall auf keinen Fall anzuzeigen. Sobald ich konnte, erstattete ich Anzeige, die ich später noch einmal bekräftigte. Die Behörden haben seitdem nichts unternommen.

Im Moment der Entführung entstand in meinem Leben ein Riss, und der ist immer noch da, unerbittlich, und er wird mich überleben. Ziel eines Verbrechens, eines Missbrauchs, einer Gräuel­tat zu werden, bedeutet, irreversibel und auf Dauer gezeichnet zu sein. Das Zerbrechen der normalen, alltäglichen Ordnung eines Menschen bewirkt eine Art „Anamorphose“, in dem Sinne, dass eine Verschiebung der Perspektive das ganze Leben verändert, eine perverse Veränderung der Realität erzwingt: den Absturz in die absolute Niedertracht.

Nach dem Angriff begann ich, mein Gedächtnis und mein Sprachvermögen zu verlieren. Die Ärzte diagnostizierten ein Hämatom zwischen Gehirn und Schädeldecke, und ich musste mich einer Notoperation unterziehen.

Nach einiger Zeit nahm ich meine Recherchen wieder auf, aber ein paar Monate später wurde ich wieder entführt, und wieder waren die Drohungen dieselben: Der Comandante ließe mir ausrichten, ich solle aufpassen, ich wisse ja, „worum es geht“. „Wir tun Ihnen nichts, wir sind nicht auf Drogen.“ Sie beschränkten sich auf psychologische Folter, immer wieder: „Der Comandante hat befohlen, dass wir Ihnen sagen, Sie sollen vorsichtig sein, haben Sie verstanden?“ Immer und immer wieder, über eine halbe Stunde lang. Danach ließen sie mich unter Drohungen auf einer Straße frei.

Wieder machte ich mit meinen Nachforschungen weiter, wollte die Komplizenschaft zwischen lokalen Eliten, Beamten, Polizisten und Kriminellen in den grenznahen Regionen aufdecken. Die mexikanischen Behörden weigerten sich, solchen Informationen nachzugehen.

Als ich mein Buch „Huesos en el desierto“ veröffentlichte, bekam ich wieder Todesdrohungen, also Drohungen, mich „verschwinden“ zu lassen. Und dennoch habe ich Glück gehabt: Seit 2000 sind in Mexiko 84 Journalisten ermordet worden. Niemand hat sie geschützt. Ihr Tod ist noch immer ungesühnt.

Der Krieg gegen den Drogenhandel hat in Mexiko zwischen 70 000 und 120 000 Menschen das Leben gekostet (dass genaue Zahlen fehlen, ist Teil des institutionellen Problems). Jedes einzelne dieser Opfer gibt dem Begriff „Anamorphose“ eine jeweils eigene Bedeutung.

Ich konzentriere mich weiter auf die Folteraufnahmen, die mich zum Zeugen eines barbarischen Rituals machten, das darauf zielt, einen Zustand der Panik zu erzeugen und eine rachsüchtige Überlegenheit zu demonstrieren. Der Kameramann vor mir hantiert an seiner Linse, und mir wird klar, dass er auf meine Augen zoomt. Ich bleibe unbewegt, ausdruckslos.

Im Bild setzen die Männer eine Elektrosäge an den Hals des Opfers: Sein Körper ist nur noch eine Masse zuckenden Fleisches. Die Killer beenden ihre Arbeit in wenigen Sekunden und halten den abgeschnittenen Kopf in die Kamera. Aus dem Hals trieft das Blut. Die Bilder versickern in einem schwarzen Hintergrund. Stille. Die Prüfung ist zu Ende. In dem Moment erinnere ich mich, das ich selbst Opfer bin.

In meinem Buch „El hombre sin cabeza“ (Der Mann ohne Kopf) habe ich ein Interview mit einem Profikiller veröffentlicht, der auf Enthauptungen spezialisiert ist. Das Treffen kam durch einen Mittelsmann zustande, den wir beide kannten.

Das Interview handelt auf grausige Weise von der rituellen Gewalt im Namen des Heiligen Todes: La Santa Muerte, ein volkstümlicher Kult, den die Drogenhändler, Soldaten, Polizisten, Kriminellen, Ausgegrenzten und Armen der elenden Vorstädte übernommen haben.

Dieser Auftragsmörder erzählte, wie er nach der Enthauptung seines Opfers vergossenes Blut in ein Fläschchen füllte, um es zusammen mit dem Boss seiner Gang nach speziellem Ritus dem Heiligen Tod zu opfern.

Im Oktober 2014 sah ich an einem Straßen­kiosk eine Zeitschrift mit dem Aufdruck, die Ausgabe sei „ungeeignet für ein gutes Gewissen“. Ich kaufte ein Exemplar, ging nach Hause und betrachtete die Bilder extremer Gewalt, die sämtliche Seiten füllten.

Ciudad Juárez, Bundesstaat Chihuahua: drei Männer und eine Frau liegen tot am Straßenrand, die Polizeiforensiker sind schon da; Cuernavaca, Morelos: ein ermordeter Mann, Gesicht und Hände mit Plastikband verklebt, die Hände in einer Haltung wie zum Gebet; Uruapan, Michoacán: an einem Berghang neben einer Schnellstraße liegt ein Dutzend blutiger Leichen übereinandergeschichtet, wie ein Hügelgrab; Culiacán, Sinaloa: auf einer Treppe an Bürgersteig liegen zwei männliche Körper, niedergeschossen, ihre Posi­tion lässt erkennen, dass sie hatten fliehen wollen, das Fleisch von großkalibrigen Kugeln zerfetzt; Boca del Río, Veracruz: etwa zwanzig Leichen hingerichteter Männer und Frauen, Hände und Füße mit weißem Klebeband zusammengeschnürt, nackt und halbnackt an einer Straße in einem Stadtgebiet; Torreón, Coahuila: vier abgeschnittene Köpfe aufgereiht hinter der Windschutzscheibe eines Autos; Mérida, Yucatán: auf einem Berg enthaupteter Leichen, einige in Decken eingehüllt, sodass die Tätowierungen auf der Haut der Opfer mit den Stoffmustern der Decken zusammenfließen; Oaxaca, Oaxaca: der Kopf eines Mannes, mitten auf einer Fußgängerbrücke aufgespießt über einer Tafel mit Drohungen gegen eine rivalisierende Bande. Zerfetztes Fleisch, strömendes Blut, Verstümmelungen, Schande.

Die extreme Gewalt, mit der Kriminelle und Drogenhändler ihre Bandenkriege austragen, ist eng mit der Subkultur der Gewalt des Staates verknüpft, die von Korruption, Ineffizienz, Unfähigkeit und Verantwortungslosigkeit herrührt.

All das ging mir wieder einmal durch den Kopf, als die Nachrichten fast gleichzeitig drei Ereignisse meldeten, die erneut belegten, wie stark die besagte „Anamorphose“ in unserem Land verankert ist.

Erstens die Hinrichtung von mindestens 15 Personen vermutlich im Laufe einer bewaffneten Auseinandersetzung von 22 mutmaßlichen Verbrechern mit der mexikanischen Armee im Tlatlaya, Bundesstaat Mexiko, am 30. Juni und 1. Juli 2014. Die Ermittlungen gehen davon aus, dass die Täter ein Offizier und drei der sieben beteiligten Soldaten sind.

Zweitens die Entführung, Folterung und Ermordung von sechs Studenten in Iguala/Ayotzinapa, Guerrero, und das Verschwinden von weiteren 43 am 26. und 27. September 2014. Sie befanden sich in den Händen von Polizisten und Kriminellen, die Komplizen der örtlichen Regierung waren.

Drittens der Fund von 46 Leichen, darunter 16 Frauen, beim Bau eines Entwässerungskanals in Ecatepec, Bundestaat Mexico, unweit der Hauptstadt. Als sich die Nachricht von dem Leichenfund verbreitete, versuchten die Behörden die Angelegenheit herunterzuspielen und zu vertuschen. Jeder dieser Fälle hat Besonderheiten, die eine kurze Untersuchung verdienen.

In Mexiko gehören Folter und Verletzung der Menschenrechte zur gängigen Praxis der Streitkräfte. Verschiedene internationale und zivile Organisationen haben dies mehrfach öffentlich gemacht. Ein Bataillon Soldaten kann eine Gruppe vermeintlicher Verbrecher niederschießen und dann so tun, als sei diese Hinrichtung Teil einer bewaffneten Auseinandersetzung gewesen; sie können den Ort des Verbrechens verändern, den Opfern Waffen in die Hand drücken, ihre toten Körper anders hinlegen und Überlebenden oder Zeugen mit dem Tod drohen.

Die Blutspritzer auf den Wänden und die aufgesetzten Schüsse, aber auch die Stimme einer überlebenden Zeugin können verraten, dass es Exekutionen waren. Die Anklage, wenngleich flüsternd, leise oder zaghaft vorgebracht, wird zum ohrenbetäubenden Schrei, desgleichen das Todesröcheln der Opfer oder das Wehklagen der Angehörigen über den gewaltsamen Tod ihrer Lieben.

Ein gewaltsamer Tod bedeutet ein Schauspiel der Barbarei. Davor wollen viele ihre Augen und Ohren verschließen. Sie ziehen die Zensur, das Schweigen vor, den schönen oder auch trivialen Schleier des ethischen und ästhetischen Gebots, der über die Grausamkeit gebreitet wird. Und der am Ende nur dazu beiträgt, dass die Barbarei weitergeht.

Die Blutflecken halten sich, wenn auch mit verwischten, verblassten Konturen, über Jahre hinweg an den Mauern, auf den Steinen. Selbst wenn man sie beseitigt, bleibt ein untergründiger, unauslöschlicher Geruch. Staub löst sich auf in der Zeit, der Blitz überdauert nicht den Donner, aber das Blut durchdringt die ganze Natur und das menschliche Gedächtnis.

Bei dem aufsehenerregenden Fall der Entführung, der Folter und der Ermordung der Studenten in Guerrero ist der Fall von Julio César Fuentes Mondragón besonders extrem. Dieser junge Mann floh verzweifelt, unter Schock, beim Ansturm der Polizisten, die aus Maschinenpistolen auf ihn und seine Kameraden feuerten, und fiel ihnen später doch in die Hände.

Sein Leichnam tauchte Stunden später in einem Industriegebiet von Iguala auf: Ein Aug­apfel war herausgerissen, das Gesicht gehäutet. Er starb an einem Schädelbruch.

Die Anamorphose wird zum grausamen Bilderrätsel, das Opfer und Täter erzeugt und kenntlich macht: Ich reiße dir die Augen aus, damit du mich nicht siehst, nicht siehst, was ich mit dir mache, du kannst dich nicht einmal selbst in deinem letzten Augenblick sehen, kannst nicht verstehen, was ich dir antue: meine Anonymität ist auch deine, ich nehme dir dein Gesicht und mache dich zu mir selbst.

Zehntausende Menschen, Mexikaner und Bürger anderer Länder Mittelamerikas, sind verschwunden, ohne dass die Behörden auch nur Vermisstenakten angelegt hätten. Das heimliche Einvernehmen des institutionellen Apparats mit dem organisiertem Verbrechen löscht sogar die Erinnerung aus.

Im heutigen Mexiko stehen nicht einfach die Guten gegen die Bösen, Räuber gegen Gendarm. Der Staat selbst ist in das Ganze verwickelt, über Generationen hinweg – eine ungeheuerliche Tatsache, vor der die führende Klasse und auch ­mancher Intellektuelle lieber die Augen verschließt.

Wörter, die schon so ferngerückt schienen, gehören wieder zu unserem täglichen Vokabular: Blut, Blei, Krieg, Polizei, Heer, Ermordete, Verschwundene, Tod, Gefahr, Schaden, Terror, Barbarei. Bekanntlich bedeutet jeder Gewaltakt ein traumatisches Erlebnis. Und sie erfordert eine Phase der Trauer, die im Fall Mexiko eine zweifache wäre: Trauer über die Erkenntnis, dass die Illusion eines vollständigen, kosmopolitischen, modernen, ästhetisch „reinen“ Land ohne Gegensätze, also die Naivität der Erwartungen, aufgegeben werden muss; und Trauer über die allmähliche Assimilierung an eine widersprüchliche, unliebsame, lästige Realität.

Der mexikanische Dichter Javier Sicilia, der sich nach der Ermordung seines Sohnes öffentlich für Bürgerrechte starkgemacht hatte, ist aus Enttäuschung über die leeren Versprechen von Politikern und Funktionären nach und nach verstummt. Sein letzter Gruß an den Sohn Juan Francisco lautete:

„Es gibt nichts mehr zu sagen/ die Welt ist des Worts nicht länger würdig/ sie haben es erwürgt in uns / erstickt so wie dich / dir die Lungen herausgerissen / und der Schmerz geht nicht von mir / die Welt besteht nur durch eine Handvoll Gerechte / durch dein Schweigen und meines / Juanelo“.

2014 wurden in geheimen Gräbern in Guerrero hundert Skelette entdeckt, und 2015 erfuhr die Welt von 60 verwesenden Leichen in einem verlassenen Krematorium in Acapulco.

Seit 2012 verschwindet in Mexiko alle zwei Stunden eine Person.

Kultur ist Zeit und Erinnerung. Leben und Sterben der Tausende von Opfern, die in den Jahren des Krieges und der Gewalt in Mexiko zu Beginn des 21. Jahrhunderts umgebracht wurden oder verschwunden sind, verdienen eine Erinnerung, die dieses Namens würdig ist, auf nationaler wie auf internationaler Ebene.

Wenn sich in Zukunft auch nur wenige an diese Opfer der Barbarei erinnern, so werden doch die Erzählungen, Zeugnisse, Romane, Essays, ­Gedichte, Filme, Fotografien, Musik und Kunstwerke bleiben, publizierte Dokumente einer ebenso persönlichen wie kollektiven Tragödie. Das ist das Mindeste, was wir den Toten schuldig sind: Dankbarkeit für ihre Existenz. Ohne ihre Präsenz, die uns umgibt, wird es für uns alle ­keine gangbare Zukunft geben. In Erwartung dieser Zukunft brauchen wir das Leben. Deshalb müssen wir stets alles für seine Vereidigung ­geben.

1 Susan Sontag, „Das Leiden anderer betrachten“, München (Hanser) 2004.

2 Dsiga Wertow (1896–1954) war ein sowjetischer Dokumentarfilmer. Er drehte unter anderem „Der Mann mit der Kamera“, 1929.

Aus dem Spanischen von Silke Kleemann und Katharina Döbler

Sergio González Rodríguez ist Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm „Campo de Guerra“, Barcelona (Anagrama Argumento) 2014, ausgezeichnet mit dem Premio Anagrama 2014 für Essayistik.

Le Monde diplomatique vom 13.08.2015, Sergio González Rodríguez