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Unsere lieben Neandertaler

Unsere lieben Neandertaler

Früher galt der Steinzeitmensch als brutal und kriegslüstern. Das sehen Paläoanthropologen heute anders

von Marylène Patou-Mathis

Auf die Frage nach dem Ursprung der menschlichen Gewalt gibt es zwei Antworten. Der englische Philosoph Thomas Hobbes behauptete im 17. Jahrhundert, der „Krieg aller gegen alle“ existiere seit Anbeginn der Menschheit („Leviathan“, 1651). Für den Philosophen und Naturforscher Jean-Jacques Rousseau hingegen war der „Wilde“ kaum von Leidenschaften getrieben – erst „die entstehende Gesellschaft macht dem entsetzlichsten Kriegszustande Platz“ („Diskurs über die Ungleichheit“, 1755).

Die Vorstellung vom gewalttätigen und kriegerischen Urmenschen ist eine Konstruktion der evolutionistischen Anthropologen und Prähistoriker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ihre Durchsetzung verdankt sie der Annahme, dass die Entwicklung der Menschheit linear und in ständigen Fortschritten verlaufen sei.

Den Speziesnamen Homo neanderthalensis – 1856 waren in Neandertal bei Düsseldorf Knochenreste des Urmenschen gefunden worden – hatte der britische Geologe William King bei einer Versammlung der British Association im Jahr 1863 eingeführt. Seither vergleicht man Körperbau und Verhalten des ausgestorbenen Urmenschen mit dem von Menschenaffen wie Gorillas und Schimpansen. In den Augen mancher Wissenschaftler war dieser Tertiärmensch das fehlende Glied zwischen dem Affen und der „Rasse der niederen Menschen“.

In den 1880er Jahren kam dann die sogenannte Migrationstheorie auf, der zufolge vorgeschichtliche Kulturen sich in bestimmten Territorien durchsetzten, indem sie die dort ansässige Bevölkerung verdrängten. Diese Theorie legte den Grundstein für die Überzeugung, Eroberungskriege hätten seit jeher existiert.

Den spitzen Gegenständen, die sie bei Ausgrabungen fanden, gaben die ersten Prähistoriker, ohne lang über deren Verwendung nachzudenken, kriegerische Bezeichnungen wie Keule, Speer oder Dolch. Die Weltausstellungen und die ersten Museen für Vor- und Frühgeschichte schlossen sich dieser Sichtweise an. Das 1871 im Hôtel des Invalides in Paris eröffnete Artilleriemuseum zeigte in seinen frühgeschichtlichen, antiken und ethnografischen Waffensammlungen für jede Periode lebensgroße Figuren in kriegerischer Montur. Das nährte die Vorstellung von einer kulturellen Kontinuität des Krieges seit den Anfängen der Menschheit. Doch unsere Urahnen haben, wie neueste Forschungen zeigen, diese Waffen benutzt, um Tiere zu töten und nicht Menschen.

Mehr noch als wissenschaftliche Arbeiten prägten Werke von Künstlern und Schriftstellern das Bild des Urmenschen und seines Lebens: die Skulpturen eines Emmanuel Frémiet, die Gemälde von Fernand Cormon, Pierre Boitards fiktive Naturgeschichte „Paris avant les hommes“ (1961) oder Jean-Henry Rosnys Kinderbuch „Der Kampf um das Feuer“ (1911).

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts sah man den Urmenschen fast ausnahmslos als eine Art Gorilla, der als besonders wild und lüstern galt. In populären Romanen schwenkte er primitive Waffen, Keulen oder Faustkeil, hielt Sklaven, mordete und gab sich dem Kannibalismus hin.

Diese Fiktionen schufen einen Archetypen des Urmenschen: ein stattlicher, mannhafter Held im Kampf gegen riesige Tiere wie dem Mammut oder dem Säbelzahntiger. Bewaffnet mit einer Keule und in ein Tierfell gehüllt, lebte er in einer Höhle, wo er Steinwerkzeuge herstellte. Aufrührerisch, instinktgeleitet und brutal kämpfte unser Urahn um das Feuer, die Eroberung einer Frau oder aus Rache für den Tod eines geliebten Wesens. Konflikte waren allgegenwärtig, als wäre der Krieg unabwendbar, besonders zwischen unterschiedlichen „Rassen“, deren Typologie man in der Regel den Berichten der Entdecker entnahm.

Im frühen 20. Jahrhundert stellten dann einige Soziobiologen, unterstützt von Anthropologen und Prähistorikern, die These auf, wir würden von „Mörderaffen“ abstammen. 1925 erklärte der australische Paläoanthropologe Raymond Dart, das brutale Raubtier namens Homo sapiens habe sich von Afrika aus nach Eurasien ausgebreitet und dabei die anderen zweibeinigen Affenarten ausgelöscht – eine Annahme, die 1961 durch Robert Ardreys Buch „Adam kam aus Afrika“ populäre Verbreitung fand. Als Jäger und Räuber sei der Urmensch von Natur aus aggressiv und der Krieg nichts anderes gewesen als eine Jagd auf Menschen.

Das Töten von Tieren mag als Ausdruck einer dem Menschen innewohnenden Gewalttätigkeit erscheinen. Ethnologische Studien zeigen jedoch, dass dabei seitens des Jägers meist keinerlei Aggressivität im Spiel war.1 Im Gegenteil: Das Töten von Tieren sozialisierte die unumgängliche Gewalt als kosmologischen Austausch zwischen Mensch und Natur.2 Außerdem trug es durch das Teilen der Beute zum Entstehen sozialer Bindungen bei. Inzwischen ist die These, der Mensch stamme, weil ein Räuber, von „Mörderaffen“ ab, ebenso überholt wie die 1912 von Sigmund Freud vertretene Vorstellung von der Urhorde.

Freud zufolge waren die Menschen in frühen Urzeiten in einer Urhorde organisiert, die unter der Herrschaft eines großen, tyrannischen Männchens stand. Da dieses Männchen alle Frauen der Horde für sich beanspruchte, blieb den männlichen Nachkommen nichts anderes übrig, als Frauen anderswo zu rauben. Eines Tages dann „taten sich die ausgetriebenen Brüder zusammen, erschlugen und verzehrten den Vater und machten so der Vaterhorde ein Ende“, schrieb Freud 1913 in „Totem und Tabu“. Er entwickelte die Begriffe „das primitive Innere“ und „Urtrieb“ und erklärte, innere Konflikte seien die Entsprechung der ewig währenden äußeren Kämpfe.

Ist diese „innere Rohheit“ nicht in Wirklichkeit ein „imaginäres geistiges Konstrukt, das ebenso wie die Rassentheorie oder die Eugenik von den Ideologien des 19. Jahrhunderts beeinflusst ist“, wie der niederländische Anthropologe Raymond Corbey3 behauptet? Neurowissenschaftliche Studien belegen, dass gewalttätiges Verhalten nicht genetisch vorprogrammiert ist. Obwohl bestimmte kognitive Strukturen ein solches Verhalten begünstigen, spielt das familiäre und soziokulturelle Umfeld eine wichtige Rolle. Viele soziologische, neurowissenschaftliche und prähistorische Arbeiten betonen auch, dass der Mensch von Natur aus empathisch ist und dass Empathie, ja Altruismus Katalysatoren der Menschwerdung waren.4

Einige menschliche Fossilien aus dem Paläolithikum weisen körper­liche Anomalien oder Knochenverletzungen auf, an denen erkennbar ist, dass ­Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen nicht getötet wurden.

Der Homo heidelbergensis war ein Kümmerer

In der spanischen Sima de los Huesos, Deutsch: „Knochengrube“, einer Ausgrabungsstätte in der Sierra de Atapuerca, wurden die zwischen 420 000 und 300 000 Jahre alten Überreste eines Kindes des Homo heidelbergensis gefunden, das offenbar eine Kraniosynostose hatte. Dabei handelt es sich um eine vorzeitige Verknöcherung der Schädelnähte, die das Wachstum des Gehirns behindert und zu einer Deformation des Schädels führt. Das Kind war also von Geburt an geistig behindert, wurde aber dennoch acht Jahre alt.

Die meisten Verletzungen an fossilen Knochen sind vernarbt, woraus abzuleiten ist, dass sich die Menschen um ihre Kranken und Verletzten gekümmert und nicht aus der Gemeinschaft verstoßen haben. Ein ungefähr 500 000 Jahre alter Homo heidelbergensis, der ebenfalls in Atapuerca gefunden wurde, litt, wie die Untersuchung seines Beckens und der Wirbelsäule ergab, an einer Knochenwucherung. Der ein Meter fünfundsiebzig große und mindestens hundert Kilo schwere Mann muss einen Buckel und beim Gehen starke Schmerzen gehabt haben – trotzdem wurde er von seinesgleichen so gut versorgt, dass er ungefähr fünfundvierzig Jahre alt wurde.

Inwieweit das Leben der Urmenschen tatsächlich von ständigem Kampf und gezielter Gewalt geprägt war, können wir herausfinden, indem wir die Art der Verletzungen an den Knochenfunden analysieren. Die ältesten Spuren von Gewalt stehen allesamt in Zusammenhang mit Kannibalismus. Mehrere archäologische Funde bestätigen diese Praxis in der Altsteinzeit, wobei es jedoch nur wenige Belege für die Tötung der verzehrten Individuen gibt. Außerdem ist es unmöglich, zwischen den Gruppen der „Esser“ und der „Gegessenen“ zu unterscheiden. Ansonsten sind Zeichen von Gewalt ausgesprochen selten,5 beziehungsweise sind sie oft nicht eindeutig zu erkennen, weil sie ebenso gut von einem Jagdunfall herrühren können.

Der älteste Beleg für nicht mit Kannibalismus assoziierter Gewalt wurde am Schädel eines archaischen Homo sapiens gefunden, der in einer Grotte bei Maba, in der chinesischen Provinz Guangdong, entdeckt wurde und zwischen 200 000 und 150 000 Jahre alt ist. Die Fraktur in Höhe des rechten Schläfenbeins soll von einem Schlag mit einem stumpfen Gegenstand aus Stein herrühren.

Der mehr als 100 000 Jahre jüngere Schädel eines dreißig- bis vierzigjährigen Neandertalers aus der Höhle Schanidar im Irak (Schanidar I) weist zwei Deformierungen auf – eine am rechten Stirnbein und die andere an der linken Augenhöhle – die allerdings, wie der Schürfer gleich vermerkte, auch durch einen Steinsturz verursacht worden sein können, der nach der Beisetzung des Körpers stattfand.

An der Stirn einer erwachsenen Neandertalerin, die im Kiesbett des Flusses Waag bei Sala in der westlichen Slowakei entdeckt wurde, ist die Spur eines scharfen Gegenstands zu erkennen, mit dem ihr eine nicht tödliche Verletzung zugefügt wurde. Im südwestfranzösischen Saint-Césaire hat ebenfalls eine junge Neandertalerin einen Schlag auf die rechte Stirnhälfte bekommen. Er wurde mit einem scharfen Werkzeug ausgeführt und verursachte eine starke Blutung und eine Gehirnerschütterung oder sogar ein Koma. Weitere Verletzungen durch Einwirkung spitzer Gegenstände aus Holz oder Stein wurden an Skeletten (zwischen 60 000 und 45 000 Jahre alt) von Neandertalern in Schanidar und neuzeitlichen Menschen im israelischen Skhul gefunden.

Ob diese Wunden von Unfällen oder gewalttätigen Konflikten herrühren, ist bei so weit zurückliegenden Ereignissen freilich schwer zu entscheiden. Bei Vernarbungen am Kopf liegt jedenfalls die Vermutung nahe, dass es sich um Spuren eines Unfalls oder eines vor dem Tod beendeten Kampfs handelt. Nur der Mann aus Skhul und der Junge aus der „Kindergrotte“ in den Balzi Rossi6 scheinen Gewalt erlitten zu haben.

Die Neandertaler von Schanidar waren dem US-amerikanischen Paläoanthropologen Erik Trinkaus7 zufolge Opfer von Jagdunfällen. Bei ihren Verletzungen – vor allem am Kopf und an den Armen – deutet alles auf schwere Stürze hin. Die Neandertaler jagten immerhin große Säugetiere, die sie aus nächster Nähe mit ihren Waffen bezwingen oder im Zweikampf töten mussten.

Die seltenen jungsteinzeitlichen Malereien an den Höhlenwänden von Cougnac und Pech-Merle im südfranzösischen Departement Lot und in der Höhle von Paglicci in Süditalien zeigen von Strichen durchbohrte Menschen, die oft als „verletzter Mann“ oder „vom Pfeil durchbohrter Mann“ bezeichnet werden. Aber auch hier könnte es sich um Bilder von Jagdunfällen oder Opferzeremonien handeln. In der altsteinzeitlichen Kunst gibt es keine einzige Kampf- oder Kriegsszene, wobei allerdings anzumerken ist, dass erzählerische Szenen überhaupt sehr selten sind.

Auf dem „Friedhof 117“ am rechten Nilufer, im heutigen nördlichen Sudan, haben französische Wissenschaftler in Zusammenarbeit mit dem British Museum die Überreste von gut 13 000 Jahre alten Skeletten und Waffen untersucht. Aus der Vielzahl der Knochenverletzungen und Pfeilspitzen schlossen sie auf einen langen, tödlichen Konflikt zwischen zwei Gemeinschaften. 59 Körper von Frauen, Männern und Kindern wurden hier allein oder zu zweit, zu dritt, zu viert oder zu fünft in Felsspalten gelegt und mit Steinplatten zugedeckt.

Der kanadische Anthropologe James E. Anderson8 behauptet, fast die Hälfte von ihnen sei eines gewaltsamen Todes gestorben, entweder durch Schläge gegen den Kopf oder weil Brust, Rücken oder Bauch von Lanzen oder Steingeschossen durchbohrt worden waren, von denen einige noch in den Körpern steckten. Außerdem hat man, nach der Flugbahn der Geschosse zu urteilen, wohl noch auf sie geschossen, als sie schon am Boden lagen.

Zum Ende der Altsteinzeit erlebte der Norden des Sudans eine zunehmende Trockenheit. Der Fundort im fruchtbaren Niltal, von einer unwirtlichen Natur umgeben, hat möglicherweise den Neid von Gruppen aus dem Landesinneren geweckt, vielleicht hat auch der Rückgang der verfügbaren Ressourcen aufgrund der zunehmenden Bevölkerungsdichte die Konkurrenz um deren Kontrolle angestachelt. Die archäologischen Funde enthalten jedenfalls keinerlei Hinweise auf eine fremde Herkunft der Wurfgeschosse. Insofern scheint dieser Fundort der erste nachgewiesene Fall kollektiver Gewalt zu sein.

Während der Altsteinzeit hat es wohl keine Kriege im heutigen Wortsinn gegeben. Dafür gibt es zunächst eine demografische Erklärung: In Europa schätzt man die damalige Bevölkerung auf einige tausend Individuen. Die Gruppen waren über große Gebiete verteilt, die Wahrscheinlichkeit, dass sie aneinandergerieten, war gering. Zudem waren diese kleinen Gruppen von höchstens fünfzig Personen auf Kooperation angewiesen, weil sie nur so ihre Reproduktion sicherstellen konnten. In der Jungsteinzeit beschleunigte sich mit der Pflanzen- und Tierzucht die Sesshaftwerdung. Es kam zu einem starken lokalen Bevölkerungswachstum.

Das Territorium, über das der Mensch in der Altsteinzeit verfügte, bot genug von allem, was zum Leben nötig war. Manche Anthropologen sind der Meinung, die prähistorischen Gesellschaften seien von einer reinen „Überlebensökonomie“ geprägt gewesen, andere hingegen sehen in ihnen nicht nur selbst versorgende, sondern sogar Überflussgesellschaften. Wo ausreichend Ressourcen vorhanden sind, geraten die verschiedenen Gemeinschaften nicht in Konflikt, da sie ihren Lebensunterhalt durch die Nutzung verschiedener Nahrungsmittel sichern können. Im Übrigen gibt es keine archäologischen Belege für Territorialkonflikte zwischen Einheimischen und Zuwanderern.

Als dann in der Jungsteinzeit – beziehungsweise im Neolithikum, zwischen 5000 und 2000 v. Chr. – die Domestizierung von Tieren und Pflanzen begann, wuchs der Bedarf an Grund und Boden, was zu Konflikten zwischen den ersten Gemeinschaften von Viehhirten und Bauern und den letzten Jägern und Sammlern führte. Mit der sogenannten Neolithischen Revolution setzte sich ganz allmählich die Vorratshaltung und eine produzierende Wirtschaftsweise durch. In Europa kam es zwischen 5200 und 4400 v. Chr. vermehrt zu Konflikten mit Zuwanderern (Belege finden sich etwa in Herxheim). Aus dieser Zeit gibt es zahlreiche Spuren von Menschenopfern und Kannibalismus.

Während die Sesshaften Vorräte anhäufen konnten, blieben die Reichtümer der nomadischen Jäger und Sammler zwangsläufig beschränkt – die Jagdökonomie generierte anders als die Produktionsökonomie keinen Überschuss. Lebensmittelvorräte und Besitztümer haben aber nicht selten Neid geweckt, interne Kämpfe provoziert oder als mögliche Beute zu Rivalitäten und Konflikten zwischen verschiedenen Gruppen geführt.

Erst in der Jungsteinzeit gab es Götter mit Dolchen

Der nächste Schritt war im Verlauf des Bronzezeitalters (im zweiten vorchristlichen Jahrtausend) die Entwicklung der Metallurgie und der aufkommende Fernhandel mit kostbaren Waren. In dieser Phase wurden die Krieger und deren Bewaffnung zu wahren Kultobjekten, der Krieg wurde institutionalisiert. Auf diese Kriegerkaste stützte sich die neu entstandene „Elite“ der Machthaber und Besitzenden, sobald es zu Konflikten kam.

Soziale oder ökonomische Ungleichheit gab es in der Altsteinzeit allem Anschein nach nicht. Alles deutet darauf hin, dass es sich um egalitäre Gesellschaften mit geringer Hierarchie handelte. Erst im Lauf des sozioökonomischen Wandels im Neolithikum tauchten in Europa Führer- und Kriegerfiguren auf, erkennbar an unterschiedlichen Grabbeigaben sowie in bildlichen Darstellungen. Bogenschützen richteten ihre Pfeile nachweislich nun auch gegen Menschen – diese Jagdwaffe hat, wie Höhlenzeichnungen in Ostspanien vermuten lassen, offenbar eine wichtige Rolle für die Zunahme von Konflikten gespielt.

Die Entwicklung der Landwirtschaft und der Viehzucht schuf die Grundlage einer sozialen Arbeitsteilung – auf größeren Feldern wurden mehr Arbeitskräfte gebraucht, und es formierte sich eine Elite mit eigenen Interessen und Rivalitäten. Im Verlauf des mittleren Neolithikums entstanden Kriegerkasten, und es gab Sklaven, die vermutlich meist Kriegsgefangene waren.

Dass damals den Gottheiten keine Menschenopfer dargebracht wurden, mag ein weiterer Grund für die relative Friedlichkeit in der Altsteinzeit sein. Verehrt wurde zunächst eine Urgöttin, von der die Urmenschen kleine Statuetten und Venusfigurinen mit stark betonten Brüsten, Bauch und Vulva anfertigten, wie zum Beispiel die berühmte, elf Zentimeter große „Venus von Willendorf“ oder die aus Mammutelfenbein geschnitzte „Venus vom Hohefels“, etwa sechs Zentimeter hoch und 40 000 Jahre alt. Es folgte im Neolithikum die Anbetung der Muttergöttin oder Großen Göttin. Auch aus dieser Zeit finden sich keinerlei Hinweise auf Menschen- oder Tieropfer.

Diese Praxis beginnt anscheinend erst während des mittleren Neolithikums, vermutlich im Zusammenhang mit Begräbnis-, Sühne- oder Gründungsriten (Hârșova in Rumänien, Fare-les-Oliviers in Frankreich). Mehrere europäische Fundstellen aus dieser Periode belegen, dass beim Tod bedeutender Männer Sklavenopfer gebracht wurden (Moulins-sur-Céphons, Le Gournier und Didenheim in Frankreich). Gegen Ende der Jungsteinzeit wird die göttliche Urmutter zunehmend von männlichen Gottheiten verdrängt, die oft mit einem Dolch bewaffnet dargestellt werden.

Der kampflüsterne, wilde Urmensch ist also nur ein Mythos, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden ist, um das Konzept der „Zivilisation“ und den Glauben an den ständigen Fortschritt seit den Anfängen zu bekräftigen. Anstelle des düsteren Bildes vom „grausamen Anbeginn“ setzt sich heute – vor allem mit dem Kulturrelativismus – die ebenso mythische Vorstellung von einem „goldenen Zeitalter“ durch.

Das wirkliche Leben unserer Vorfahren lag wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Wie die archäologischen Funde zeigen, waren Anteilnahme und Hilfsbereitschaft, Kooperation und Solidarität für den evolutionären Erfolg der Spezies Mensch wohl wichtiger als Konkurrenz und Aggressivität.

1 Pierre Clastres, „ Archäologie der Gewalt, Die Rolle des Krieges in primitiven Gesellschaften“, in: Autonomie, Nr. 8, August 1977, S. 25–42.

2 Philippe Descola, „Les natures sont dans la culture“, in: „Anthropologie: nouveaux terrains, nouveaux objets“, Sciences Humaines, hors-série, Nr. 23, Paris, Dezember 1998 bis Januar 1999.

3 Raymond Corbey, „Freud et le sauvage“, in: Claude Blanckaert (Hg.), „Des sciences contre l’homme, II. Au nom du bien“, Autrement, Nr. 9, Paris, März 1993.

4 Penny Spikins, Holly Rutherford und Andy Needham, „From Hominity to Humanity: Compassion from the earliest archaic to modern humans“, Time & Mind, Bd. 3, Nr. 3, Oxford, November 2010.

5 Eine Untersuchung von mehr als 12 000 Jahre alten menschlichen Knochen fand lediglich bei fünf der 209 in Südwestfrankreich gefundenen Individuen Anzeichen für Gewaltanwendung. Siehe Mary Ursula Brennan, „Health and Disease in the Middle and Upper Paleolithic of Southwestern France: A Bioarcheological Study“, Doktorarbeit, New York (University Press) 1991.

6 Die „Balzi Rossi“ (Deutsch: „Rote Felsen“) sind an der norditalienischen Mittelmeerküste, nahe der französischen Grenze gelegene Kalkfelsen, wo in sieben Wohnhöhlen menschliche Knochen aus dem Jung- und Mittelpaläolithikum gefunden wurden.

7 Erik Trinkaus, „The Shanidar Neandertals“, New York (Academic Press) 1983.

8 James E. Anderson, „Late Paleolithic Skeletal Remains from Nubia“, in: Fred Wendorf (Hg.), „Contributions to the Prehistory of Nubia“, Dallas (Southern Methodist University Press) 1965.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Marylène Patou-Mathis ist Forschungsdirektorin am CNRS und leitet die Abteilung Urgeschichte des Museums für Naturgeschichte Paris.

Le Monde diplomatique vom 13.08.2015, Marylène Patou-Mathis