Tunesische Freiheiten

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Tunesische Freiheiten

Tunesische Freiheiten

Frauen mit und ohne Schleier wollen mitreden

von Florence Beaugé

Lange herrschte in Tunesien das Bild von der emanzipierten Frau vor. In den Grenzen der muslimischen Welt stimmte das auch: Seit dem Personenstandsgesetz von 1956 waren in Tunesien Polygamie, Zwangsehe und Verstoßung der Ehefrau verboten. Vor allem hatten die Frauen das Recht auf Scheidung. 1959 wurde das Frauenwahlrecht eingeführt, 1973 folgte die Legalisierung von Abtreibungen. Und da es stets auch einige Frauen im Kabinett gab, nahm das Ausland Präsident Zine el-Abidine Ben Ali das Bild von der emanzipierten tunesischen Frau gerne ab.

Seit dem Fall des Diktators im Januar 2011 gestehen sich jedoch viele ein, dass dies ein Mythos war. Gleich neben den brillanten Medizinerinnen, Anwältinnen und Unternehmerinnen von Tunis kämpfen Frauen um ihr Überleben; leben Analphabetinnen, die Armut, Ausgrenzung und Gewalt erfahren.

In den letzten vier Jahren hat sich zwar wenig geändert, aber das Recht auf politische Betätigung und freie Meinungsäußerung lassen sich die Frauen nicht mehr nehmen. Allein das ist ein großer Fortschritt. Alle, aber vor allem die Frauen betonen: „Endlich sehen wir Tunesien, wie es wirklich ist. Wir erkennen die wahren Probleme. Diese Freiheit hat zwar auch ihre Kehrseiten, weil einige unserer Errungenschaften heute infrage gestellt werden. Aber wenigstens wissen wir jetzt, wo unser Feind steht“, sagt die Soziologin und Aktivistin Khadidja Chérif. Alle erinnern sich noch an die Debatte, ob die neue Verfassung das Verhältnis zwischen Mann und Frau als „gleich“ oder „komplementär“ definieren sollte. Oder an den Satz der ehemaligen, inzwischen ausgeschlossenen, Ennahda-Abgeordneten Habib Ellouze, die Beschneidungen als „ästhetische Operation“ verharmloste.

Machistische Reden, islamistische Parteien und wachsender Extremismus: Die Frauen fühlten sich bedroht – und wehrten sich. Bei der Präsidentschaftswahl vom Dezember 2014 stimmten die Tunesierinnen mehrheitlich für den säkularen Kandidaten Béji Caid Essebsi, weil sie ihm am ehesten zutrauten, der Unsicherheit und der dschihadistischen Bedrohung entgegenzutreten. Laut einer Meinungsumfrage stimmten 56 Prozent der Männer und 75 Prozent der Frauen für Essebsi.

„Auf dem Papier ist die Schlacht gewonnen, aber nicht in den Köpfen“, sagt Souhayr Belhassen, Ehrenpräsidentin der Fédération internationale des ligues des droits de l’Homme (FIDH). Jenseits der großen Städte entdeckt man Gegenden, in denen „die Modernisierung niemals angekommen“ ist, meint auch Emna Mnif. Die Medizinprofessorin engagiert sich für die Entwicklung vernachlässigter Regionen. Die tunesische Elite habe jahrzehntelang übersehen, „dass es auch eine andere Kultur in Tunesien gibt – eher konservativ als religiös – und dass man auf die hätte zugehen müssen“.

Amira Yahiaoui, die junge Leiterin der NGO Al-Bawsala, einer Art Abgeordneten-Watch, kann das nur bestätigen. In den letzten vier Jahren habe zwischen der vermeintlich modernen Elite und dem Rest der Gesellschaft kein wirklicher Dialog stattgefunden. Vielmehr herrsche Ausgrenzung und Misstrauen: „Das hat die Kluft zwischen den Frauen vertieft.“ Nach dem Anschlag auf das tunesische Nationalmuseum vom 18. März schien die Spaltung der Gesellschaft in Pro- und Anti-Ennahda-Fraktionen vorübergehend überwunden.

Doch das erneute Attentat vom 19. Juni, bei dem am Strand von Sousse 38 Menschen getötet wurden, stürzt die Gesellschaft in tiefe Zweifel. Der zunächst als Einzeltäter beschriebene Attentäter soll seit Monaten Kontakte zu Islamisten gehabt haben. Wie schon bei dem mörderischen Anschlag auf Touristen vor dem Nationalmuseum bekannte sich auch jetzt die Terrorgruppe IS zu der Tat.

Es gibt keine Rückkehr zum Patriarchat. Bei der stillen oder öffentlichen Konfrontation geht es um zwei gegensätzliche Gesellschaftsmodelle: Das laizistische ist vor allem in Tunis und den nördlichen Vororten zu Hause, das religiös und traditionell geprägte in den ärmeren Schichten, die sich für die jahrzehntelange Unterdrückung unter dem laizistischen Regime revanchieren wollen.

Zwischen Béja und Tunis liegen zwar nur gut 100 Kilometer, aber die beiden Städte trennen Welten. Die landwirtschaftlich geprägte Region ist nicht nur berühmt für seine Störche: „Die Frauen schuften, und die Männer sind arbeitslos, im Café oder zu Hause“, hören wir immer wieder. Die Frauen vom Land habe man praktisch vergessen, meint Hosni Abdel Karim, Vorsitzender des Vereins für nachhaltige Entwicklung in Béja. Dabei leben 34  Prozent der Bevölkerung auf dem Land. „In Tunis spricht man über die Frauen, ohne sie zu kennen. Dort hat man von den Lebensverhältnissen der Landbevölkerung – jeden Tag Wasser und Holz schleppen – keine Ahnung.“

Fünf Frauen bearbeiten mit gekrümmtem Rücken ein Erbsenfeld. Monia ist 30, der Bruder arbeitslos, eine Großmutter pflegebedürftig. Ihr Leben ist hart, sagt sie. „Aber was soll ich anderes machen? Ich kann weder lesen noch schreiben.“

Ein typisches Frauenschicksal, sagt Ichrak Ghrabi über Monia. Ghrabi ist Sportlehrerin an einem Gymnasium von Béja und engagiert sich ehrenamtlich für die Frauen auf dem Land. „Für ein paar Dinar übernehmen die alles: Feldarbeit, melken, Tiere versorgen, Brot backen … ganz zu schweigen von ihrer Anfahrt, wie Vieh auf der Lade­fläche der Lastwagen, ohne jeden Schutz. Die Männer weigern sich, für ein so niedriges Gehalt zu arbeiten. Die Frauen haben keine Wahl. Aber vor allem wollen sie arbeiten, weil ihnen das eine gewisse Unabhängigkeit verschafft.“

Unterschiedliche Lebensentwürfe in Stadt und Land

Während im Süden des Landes immer mehr Jungen die Schule abbrechen, schaffen es im Norden viele Mädchen erst gar nicht hinein. „Ich kenne sogar Väter, die ihre 13-jährigen Töchter als Hausmädchen nach Tunis verkaufen“, erzählt Ghrabi. Im Hinterland von Monastir, dem Zentrum der tunesischen Textilindustrie – die 19 Prozent zum BIP beiträgt – sind die Frauen nicht viel besser dran. Eine Fabrik nach der anderen musste schließen. In Ksar Hellal und Ksibet haben in den letzten Jahren 7500 Arbeitnehmer ihren Job verloren, 87 Prozent davon Frauen.

Nach zehn, zwanzig Jahren Arbeit für die belgische Textilfirma Jacques Bruynooghe Global, die auch H & M und Zara beliefert, wurden die Frauen von heute auf morgen vor die Tür gesetzt. Nun kämpfen sie ums Überleben und warten auf den Tag, an dem sie ihre miserable Rente ausgezahlt bekommen. Eine Mutter von vier Kindern erzählt: „Ich habe zwar wieder Arbeit gefunden, aber nur schwarz.“ Gezahlt wurde nur jeden dritten Monat, als sie protestierte, meinte der Chef: „Von den Belgiern hast du dich schön ausbeuten lassen. Und bei mir, einem Tunesier, weigerst du dich?‘“

Laut offizieller Statistik sind lediglich 25 Prozent der Arbeitsplätze in Tunesien von Frauen besetzt. 2014 waren 12,7 Prozent der Männer arbeitslos und 22,5 Prozent der Frauen.2 Bei den Universitätsabsolventen fanden 21,2 Prozent der Männer keinen Job, bei den Frauen waren es 40 Prozent.

In Ksibet, 25 000 Einwohner, dominiert das Gefühl, seit der Revolution sei „alles schlechter“ geworden. Auch hier blickt man mit Misstrauen auf die Frauen in Tunis: „Die bourgeoisen Tanten von La Marsa nerven uns mit ihren schönen Reden“, schimpft die 28-jährige Buchhalterin Ibtihene. „Die sprechen nur für sich selbst“, meint ihre Freundin Nejoua.

Beim Thema Gleichbehandlung im Erbfall stimmen die beiden jungen Frauen allerdings mit der weiblichen Bourgeoisie von Tunis überein. „Es ist ungerecht, dass Söhnen ein doppelt so hoher Anteil am Erbe zusteht wie den Töchtern.“ Weil der Koran in dieser Frage eindeutig ist, konnte die Regierung kein Gesetz erlassen.

Auch wenn der Süden von Tunesien arm ist, die Frauen sind davon überzeugt, dass sie hier besser leben. „Hier sind die Männer arbeitsam“, sagen sie mit einem Lächeln. In Zarzis, Médenine oder Djerba sind Schleier und lange Kleider die Norm. Die Frauen hier sind glücklich, dass sie den Hidschab offen tragen können, ohne dass irgendein Polizist ihn mit Gewalt herunterreißen kann wie unter Ben Ali. „Das war ein großes Leid“, erzählen sie, etwa von den Schikanen gegenüber den Angehörigen von Islamisten und die Kontrollen auf dem Kommissariat, bis zu achtmal am Tag. Bei den Parlamentswahlen 2014, bei denen die Ennahda in Tunesien insgesamt viele Stimmen verlor, votierte der konservative Süden immer noch klar für die Islamisten-Partei.

Über Moncef Marzouki, der bis Dezember 2014 Staatspräsident war, hört man in Tunis nur die verärgerte Kritik, er sei gegenüber den Islamisten zu lax gewesen. Im Süden dagegen wird Marzouki geradezu vergöttert. Zum Beispiel von Nafissa in Médenine: „Der Mann ist Arzt und wirklich anständig. Wir bedauern, dass er abgewählt wurde“, sagt die 40-jährige Lehrerin, die zu ihren Jeans ein violettes Kopftuch trägt. Sie ist geschieden, aber sie fühlt sich wohl hier im Süden, trotz der harten Lebensbedingungen, trotz des Wüstenklimas und fehlender öffentlichen Transportmittel. All diese Nachteile würden durch die Solidarität der Familie aufgewogen.

Auf der Insel Djerba, in der Nähe des Dorfs El May gibt die Familie von Nour El Houda ein Fest zur Hochzeit ihrer Cousine. Die Frauen und Mädchen haben ihre traditionellen Kleider angezogen, alle sind verschleiert. „Vor der Revolution habe ich mich für nichts interessiert. Jetzt arbeite ich in der Weberei meines Mannes, bald werde ich dort die Chefin!“, verkündet die 30-jährige Ferdaous lachend. Vor 2011 reagierten die Ehemänner auf die kleinste Initiative ihrer Frauen mit Panik – aus Angst vor Repressalien des Regimes. Den Schleier zu tragen oder sich in einem Verein zu engagieren, war ihnen streng verboten. Ferdaous betont: „Im Moment habe ich einen Freibrief, und ich bin stolz darauf!“

Auch die 40-jährige Frau El Houda hat sich gegen ihren Mann durchgesetzt und engagiert sich voller Begeisterung in einem Verein. Da bietet sie per Internet neuerdings Kurse für Mütter an, um diese „wieder ihren Kindern näherzubringen“. Auch in Tunesien haben viele Frauen Angst um ihre Söhne. Fardeous kennt vier junge Männer, die nach Syrien gegangen sind, um sich dem Islamischen Staat anzuschließen. Einer ist schon tot: „Das waren normale Leute, keine Extremisten.“

Besam Jebali, ebenfalls aus Djerba, hatte sich unter Ben Ali stets geweigert, zur Wahl zu gehen. Heute sitzt die studierte Personalmanagerin für die Ennahda im Parlament. Was diese dynamische Frau besonders aufregt, sind die Stereotype, die in Tunis in Umlauf sind: auf der einen Seite die „angeblich demokratischen Frauen, die keinen Schleier tragen“; auf der anderen die Verschleierten, denen man vorwirft, sie würden das „Projekt einer rückständigen Gesellschaft“ verteidigen.

„Wir sind alle demokratisch“, erklärt Jebali, „und es ist nicht der Schleier, der den Unterschied macht. Den Schleier zu tragen, ist ein religiöser Brauch, der jetzt legal ist, und keineswegs Pflicht.“ Empört ist sie über Frauen, die mit dem Champagnerglas in der Hand behaupten, sie seien repräsentativ für die Tunesierinnen. Denen hält sie entgegen: ‚Nein, Sie gehören zu einer Minderheit. Sie haben das Recht, Alkohol zu trinken und in wilder Ehe zu leben, aber versuchen sie nicht, uns ihr Modell aufzuzwingen!“

Solche unverblümten Aussagen verstören in der Hauptstadt, wo die Ennahda, zu Recht oder Unrecht, häufig mit den salafistischen Extremisten gleichgesetzt wird. Kaum jemand konnte  sich  vorstellen,  dass  die  islamistische Partei eine Zukunft hat. „Das sind Lügner, die reden mit gespaltener Zunge“, lautet der allgemeine Vorwurf.

Aber welches Rezept gibt es gegen den Obskurantismus? In Tunis verweisen alle auf die Notwendigkeit, den Bildungssektor zu reformieren, der unter Ben Ali verkommen ist. „Meine Priorität? Die Kinder!“, verkündet Samira Maari, Ministerin für Frauen und Familie. „90 Prozent der Kindergärten sind heute privat, die Träger sind meistens Vereine oder Koranschulen, ohne Kontrolle oder Aufsicht.“

Im Schul- und Universitätsbereich bleibt noch viel zu tun. „Dass das Land in den 1970er Jahren so stark war, rührte von dem hohen Bildungsniveau. Heute ist meine größte Sorge der Zerfall der Universitäten“, gesteht Expräsident Moncef Marzouki.

Viele befürchten, dass das traditionelle Gesellschaftsmodell die Oberhand gewinnt. „Die Frauen haben einen Lebensstil entwickelt, der sich den Erwartungen der Islamisten anpasst. Ich glaube nicht, dass das nur eine Mode ist oder eine Tarnung. Es geht tiefer und wird auch nicht wieder verschwinden“, sorgt sich Neila Chaabane Hamouda, ehemalige Staatssekretärin für Familie.

Sollte man dieses Modell angesichts der salafistischen Gefahr frontal bekämpfen? In Tunis wird diese Frage bejaht. Im übrigen Land hält man diesen Ansatz für kontraproduktiv, weil er die Spannungen verschärft. Derzeit sind sich die Tunesierinnen – im Norden wie im Süden – nur in einem Punkt einig: „Wir sind Kämpferinnen, und wir lassen uns von niemandem etwas aufzwingen!“

1 Nationales Statistikinstitut Tunesien (INS), Arbeitsmarktberichte, 2006–2014.

Aus dem Französischen von Jakob Farah

Florence Beaugé ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 09.07.2015, von Florence Beaugé

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