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Mein Haus, mein Pick-up, meine Ölquelle

In Texas verdienen private Grundbesitzer am Öl unter ihrem Land

von Christelle Gérand

Guten Tag, ich bin der Besitzer des Untergrunds hier“, ruft Richard L. Dockery dem Wachmann zu, der das Automatiktor öffnet. Der dahinter liegende Feldweg ist von Bohrschächten gesäumt, die von oben wie quadratische Kanaldeckel aussehen. Zwischen dem Gebüsch sind sie kaum zu erkennen. Mit dem Frackingboom und dem Erfolg des Schieferöls ist Dockery Millionär geworden. In Three Rivers, einem 2000-Seelen-Dorf südlich von Texas, fließt das schwarze Gold in Strömen.

Der Abbau erfolgt lautlos. Dockery hätte auch hier wohnen bleiben können. Er zog es jedoch vor, sich ein paar Kilometer weiter ein größeres Haus zu bauen, und hat deshalb sein altes Grundstück verkauft. Aber der Untergrund gehört ihm noch – nach texanischem Recht ist das möglich. Das heißt, er bekommt auch den Erlös aus dem Erdöl und kann entscheiden, was mit den Lagerstätten geschehen soll, selbst wenn seine Entscheidungen oberirdische Folgen haben, wie der Bau einer Pipeline.

Anders als in Frankreich oder Deutschland, wo über fossile Brennstoffe der Staat zu entscheiden hat, können diese in Nordamerika auch Einzelpersonen gehören. Wenn eine Ölfirma auf dem Gelände eines Privateigentümers bohren möchte, muss sie lediglich dessen Untergrund pachten. Der Besitzer erhält bei Vertragsunterzeichnung eine meist großzügige Bonuszahlung und danach monatlich einen prozentualen Anteil an den Einnahmen. Laut dem Nationalen Besitzerverband von Abbau- und Förderrechten (National Association of Royalty Owners, Naro) haben 12 Millionen US-Amerikaner eine solche Vereinbarung getroffen. Seit der Ölpreis von 107 Dollar (96 Euro) pro Barrel (159 Liter) im Juni 2014 auf etwa die Hälfte gefallen ist, haben sich auch ihre monatlichen Einnahmen halbiert.

Bei der Inspektion seines Besitzes kommt Richard Dockery an drei Ölquellen vorbei, die noch nicht ausgeschöpft werden. „Wissen Sie, wann es hier mit dem Fracking losgeht?“, erkundigt er sich bei dem einzigen anwesenden Arbeiter, der den Pumpendruck überprüft. „Nein“, antwortet der alte Mann im Pick-up, „aber bestimmt nicht, bevor die Preise wieder steigen!“ Bei vier anderen Quellen wird bereits gefördert. Ihnen verdankt Dockery monatlich eine „sechsstellige Summe“, die zu seinen Einkünften als Immobilienhändler hinzukommen. Genauer wird er nicht, er sagt auch nicht, wie hoch seine ausgehandelte Beteiligung an der Bruttoförderung ist.

Frank Joseph ist da gesprächiger. Er sitzt am Steuer seines Mietwagens und begutachtet das etwa zwei Stunden östlich von Three Rivers gelegene Lavaca County. Joseph ist von Washington angereist, um das 1200 Hektar große Grundstück zu inspizieren, für das er seit dem Tod seiner Mutter vor fast 20 Jahren die Abbaurechte besitzt. Hier gibt es keinen Wachposten, keinen Arbeiter, noch nicht einmal ein Hinweisschild auf die Betreibergesellschaft. Lediglich eine Rohrleitung zeugt von den unterirdischen Aktivitäten. Die etwa zwei Meter große Metallvorrichtung wird wegen der vielen Ventile und Messgeräte, die aus dem Schaft ragen, „Weihnachtsbaum“ genannt. Sie erhebt sich inmitten eines Kiesfelds von etwa zehn Quadratmetern. Drumherum scheint die Natur ihren Platz zu behaupten.

Mit sichtlicher Freude lässt Joseph den Blick über die Eichenwälder, Seen und Felder schweifen, auf denen das Vieh weidet. „Seit meiner Pensionierung vor vier Jahren bin ich damit beschäftigt, im Namen der 22 Erben meines Ururgroßvaters Verträge auszuhandeln. Der hat vor gut hundert Jahren dieses Stück Land gekauft.“ Der ehemalige Journalist erzählt, wie er „seinen Reporterhut an den Nagel gehängt“ und monatelang recherchiert hat, bevor er irgendetwas unterschrieb. Er ist stolz darauf, eine Förderrechtvergütung von 25 Prozent für die einzige Ölquelle auf seinem Grundstück ausgehandelt zu haben.

400 000 von den landesweit 1,1 Millionen aktiven Ölquellen in den USA sind ähnlich klein: Sie liefern weniger als 15 Barrel am Tag, zusammen etwa 11 Prozent der gesamten Förderleistung des Landes. Sie werden seit den 1970er Jahren ausgebeutet und sind jetzt bald erschöpft.1 Doch trotz der mageren monatlichen Erträge bringen sie immer noch erhebliche Bonuszahlungen ein. „2011 hatte ich einen Dreijahresvertrag mit Square Mile Energy, einem Unternehmen in Houston, abgeschlossen“, erzählt Joseph. „Sie waren an 325 Acres unseres Grundstücks interessiert, und wir haben sie für 250 Dollar den Acre verpachtet,2 also für über 81 000 Dollar.“ Joseph hatte keinerlei Kontakt mit einem Vertreter der Firma. „Das läuft alles über einen Mittelsmann, einen Exsoldaten.“

Uni-Kurse für Besitzer von Fördergrundstücken

Laut Jack Fleet, Präsident des texanischen Besitzerverbands von Förderrechten, haben 2,5 Millionen Texaner ihren Untergrund verpachtet. Hier gibt es 300 000 Ölquellen – 3 der 8,7 Millionen Barrel Rohöl, die 2014 täglich in den USA gefördert wurden, kamen aus Texas.3

Sobald die Ölfirmen herausfinden, dass irgendwo Öl unter der Erde lagert, schließen sie in der ganzen Gegend Pachtverträge ab. Viele der gepachteten Untergründe werden dann doch nicht erschlossen. „Unsere Mitglieder verdienen durchschnittlich 500 Dollar im Monat“, gibt der Präsident der Vereinigung an. „Wenn man allerdings die ganz wenigen Einzelnen herausrechnet, die wirklich enormes Glück hatten, verdient der Großteil monatlich 100 Dollar.

Wie Dockery gehört auch Fleet zu den Leuten, die „enormes Glück hatten“. Dank des von seinem Urgroßvater in Oklahoma erstandenen Grundstücks besitzt der Texaner vier ertragreiche Quellen. Doch mit dem Ölpreisverfall sind auch seine Geschäfte schwieriger geworden: „Ich musste den Vertrag ablehnen, den mir Chesapeake anbot. Im Dezember 2014 hat mir die Firma einen Pachtvertrag über drei Jahre vorgeschlagen. Einen Monat später boten sie mir die gleiche Summe für fünf Jahre an, mit der Option einer Verlängerung um weitere drei Jahre.“ Die Grundstückseigentümer schließen lieber Verträge über kurze Laufzeiten ab, weil sie dann häufiger eine Bonuszahlung erhalten.

In den Vororten von Dallas, wo das horizontale Fracking künftig die Ölförderung unter Vorstadthäusern möglich machen soll, schließen sich die Einwohner inzwischen zusammen. Samuel Smith, Geschäftsführer einer Spedition und Mitglied der Bürgerinitiative von Arlington, erklärt: „Die Unternehmen versuchen uns weiszumachen, dass wir jetzt unterschreiben müssen oder nie. Das ist einfach falsch.“ Die Ölkonzerne dürfen nur fördern, wenn die Mehrheit der Bewohner eines Flurstücks bereit ist, ihre Förderrechte zu verpachten. Wenn diese nicht unterzeichnen, müssen die Konzerne ein besseres Angebot vorlegen. So war Chesapeake nach langem Kräftemessen bereit, statt der ursprünglich gebotenen 300 Dollar einen Bonus von 1500 Dollar pro Acre zu zahlen.

Zu Beginn des Frackingbooms gegen Ende der nuller Jahre konnten sich die Ölfirmen die Ahnungslosigkeit der Grundbesitzer noch zunutze machen. Viele Privatleute unterschrieben damals Verträge, die ihnen einen einmaligen Bonus, aber keine monatlichen Zahlungen zusicherten. Inzwischen wissen sie, um wie viel Geld es geht. An der privaten Texas Christian University (TCU) in Fort Worth werden sogar Kurse für Eigentümer von Fördergrundstücken angeboten. 25 meist ältere Teilnehmer lauschen den Ausführungen von George Wilson, der eine eigene Consultingfirma hat. Die eine Hälfte der Kursteilnehmer hat eine Viehfarm mit viel Land, die andere hat kleinere Grundstücke geerbt. Bei den derzeitigen Preisen wäre eine eher trübe Stimmung zu erwarten gewesen, aber die Leute nehmen es gelassen. Wie ein Mantra wiederholen sie nach der ersten Stunde den Satz: „Beim Erdöl gibt es ein ständiges Auf und Ab.“

Ken Morgan leitet das Institut für Energie an der TCU und ist stolz, dass sein Auto mit Erdgas fährt. Seiner Ansicht nach haben die Grundbesitzer keinen Grund, über die mageren Zeiten zu klagen, weil sie buchstäblich nichts tun, um dieses Geld zu verdienen. Er selbst erhält für einen Hektar Land monatlich 700 Dollar. „Das ist so, als bekämen Franzosen 25 Prozent der Einnahmen aus dem Wein, der auf ihrem Boden wächst, ohne mit der Weinlese oder sonst irgendetwas zu tun zu haben. Wenn aber der Staat die Weinberge in Besitz nähme, gäbe es eine Revolution. Das Öl hier ist wie der Wein: In Texas ist es Teil unserer Tradition und Vergangenheit und soll in Familienbesitz bleiben.“ Nach kurzer Pause fährt er sehr ernst fort: „Bei uns gibt es keinen wirklichen sozialen Ausgleich, aber die Abbau- und Förderrechte sind der beste Weg, unglaubliche Reichtümer umzuverteilen!“

Die privaten Grundbesitzer sind nicht die Einzigen in den USA, die von den rechtlichen Bestimmungen profitieren. Kirchen, Krankenhäuser, Vereine, sie alle können Eigentümer von Bodenschätzen sein. Übrigens wird derzeit auch auf dem Campus der TCU an zwei Quellen Öl gefördert. Den riesigen Metallbohrer, der dafür verwendet wird, kann man im Vorraum des Instituts für Energie bewundern. Brian Guttierez, als Vizepräsident der TCU zuständig für die Finanzen, verrät nicht, was die Quellen monatlich abwerfen. Die Universität besitzt hundert Hektar Land im Barnett Shale, wo große Mengen Erdöl und Erdgas lagern. Ken Morgan seinerseits spricht von Beträgen in sechsstelliger Höhe, insofern wird der Ölpreisverfall durchaus Auswirkungen auf das Budget der Universität haben.

Sekretärin im Rathaus und Ölmillionärin

Die Eigentümer der Quellen müssen sich aber auch noch anderen Problemen stellen. Viele US-Amerikaner haben Angst vor den Folgen des Frackings, besonders in Texas, wo diese Technologie entwickelt wurde. Immer häufiger auftretende Erdbeben,4 und die Angst vor verseuchtem Wasser haben die Einwohner der Universitätsstadt Denton im November 2014 veranlasst, sich in einer Abstimmung gegen den Einsatz dieser Technik auszusprechen. In städtischen Gebieten, wo die konventionelle Ölförderung durch Pumpen nicht möglich ist, bedeutet dies de facto ein Förderverbot. Leslee Davis, eine freundliche pensionierte Lehrerin, der in Denton vier Hektar gehören, verklagte unmittelbar nach der ihres Erachtens verfassungswidrigen Abstimmung die Stadt. „Sie nehmen uns einfach einen Teil unseres Eigentums weg, ohne jede Entschädigung!“

Die privaten Grundbesitzer wie die Unternehmen scheinen aus der Ölkrise der 1980er Jahre gelernt zu haben. Die meisten von ihnen waren schon vor dem Einbrechen des Ölpreises vorsichtig und gaben ihren Beruf nicht auf. Richard Dockery gibt zu, dass er zwar weniger arbeitet, aber weder er noch seine Frau hätten je vorgehabt, nur von Petrodollars zu leben. „Wir sind hier aufs Arbeiten programmiert“, sagt er lachend.

Wirklich reich geworden sind in Texas ein paar Leute mit unvorstellbar großem Grundbesitz, der zuvor als Weideland oder Jagdgebiet genutzt wurde. Ob jemand durch das schwarze Gold gut verdient oder auf der falschen Seite des Zauns lebt, erkennt man vor allem an der Größe des Pick-ups.

In Three Rivers hat sich das zu versteuernde Einkommen seit 2008 vervierfacht. Doch die Häuser sind baufällig, die Stromleitungen sanierungsbedürftig. Als städtische Sporthalle dient das Gebäude eines ehemaligen Fleischmarkts. Die Nachbarstadt Tilden will kein Geld für Computer und Softwareprogramme ausgeben – hier werden die Gerichtsakten immer noch mit Schreibmaschine getippt. Geburts- und Sterbeurkunden, aber auch Grundbücher, in denen festgehalten ist, wem die Bodenschätze gehören, werden in einem eigens dafür reservierten Raum aufbewahrt. Die Sekretärinnen erscheinen weiterhin täglich zur Arbeit, obwohl beide Millionärinnen sind, seit sie den Untergrund ihrer Grundstücke verpachtet haben.

„Hier wird es nicht gern gesehen, wenn man seinen Reichtum zur Schau stellt. Und außerdem, seien wir doch ehrlich: Wofür soll man das Geld hier denn ausgeben?“, meint Richard Dockery mit einem Blick auf die trockenen Ebenen, die sich vor uns ausbreiten, so weit das Auge reicht. Er hatte drei Träume, zwei hat er sich schon erfüllt: ein neuer Pick-up und eine Reise nach Argentinien. Trotz der niedrigen Ölpreise wird wohl auch der dritte noch wahr werden: eine Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela.

1 Gregory Meyer, „US stripper well operators eye closures amid low oil price“, Financial Times, London, 14. Dezember 2014.

2 Entspricht 223 Euro für 4046 Quadratmeter.

3 Daten der US-Behörde für Energieinformation (EIA) zum vierten Quartal: www.eia.gov/dnav/pet/pet_crd_crpdn_adc_mbblpd_a.htm.

4 Das geologische Institut der Vereinigten Staaten (United States Geological Survey, USGS) verzeichnete von Oktober 2008 bis Januar 2015 mehr als 120 Erdbeben in der Region von Dallas-Fort Worth. Vorher gab es dort noch nie ein Erdbeben.

Aus dem Französischen von Birgit Bayerlein

Christelle Gérand ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 09.07.2015, Christelle Gérand