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China saniert Japan

von Odaira Namihei

Es herrschte eine merkwürdige Stimmung an jenem 26. April 2005 in Pekings Wissenschafts- und Technologiepark Zhonguancun: Während im Zentrum der chinesischen Hauptstadt tausende aufgebrachte Jugendliche gegen Japan und Tokios Sicht der Geschichte1 protestierten und zum Boykott japanischer Produkte aufriefen, drängten sich die Schaulustigen vor den Verkaufsständen von Zhonguancun. Man wollte wenigstens einen Blick auf die Computer und Spielkonsolen werfen, die als künftige Importe aus dem Land der aufgehenden Sonne ausgestellt waren.

An den Eingängen verhinderten die Wachleute privater Sicherheitsdienste, dass der Aufruhr der Straße sich auf die Räume ausweitete, wo die Produkte von Sony und Co. von einem fachkundigen Publikum bewundert wurden. Trotz der scharfen Sicherheitsvorkehrungen gelang es einigen Jugendlichen, in das Einkaufszentrum vorzudringen. Sie trugen T-Shirts mit Aufdrucken auf Chinesisch und Englisch „Dizhi Rihuo, Xing Wo Zhonghua“ – „Fuck Japanese, China is strong“.

Den Verkäufern an den IBM-Ständen schienen diese Slogans fast willkommen zu sein. Die PC-Sparte von IBM war schließlich im Januar 2005 vom größten chinesischen PC-Hersteller Lenovo aufgekauft worden. Die Händler nutzten die Proteste zur Eigenwerbung: „Unsere Computer sind genauso gut wie die von Sony. Sie werden sehen, eines Tages wird Sony von einem chinesischen Unternehmen aufgekauft. Lenovo hat es schließlich auch geschafft, IBM zu übernehmen“, erklärt ein Verkäufer dem Besucher aus dem Westen.

Der Mann konnte vor sechs Monaten noch gar nicht ahnen, wie richtig er mit seiner Prophezeiung lag. Gewiss muss ein Riese wie Sony noch nicht befürchten, von einem chinesischen Rivalen geschluckt zu werden. Aber es ist nicht zu übersehen, dass chinesische Unternehmen immer häufiger begehrliche Blicke auf die technologischen Errungenschaften Japans werfen. „Den chinesischen Unternehmen geht es in erster Linie darum, das Know-how und die Produktionstechnologien zu erwerben, für die kleine und mittlere japanische Unternehmen auf der ganzen Welt berühmt sind“, bestätigt Tanaka Shigeaki, stellvertretender Leiter des Büros der Japanischen Außenhandelsorganisation (Jetro) in Schanghai.

Das wachsende Interesse der Chinesen am Ankauf japanischer Technologie beunruhigt die Öffentlichkeit des asiatischen Nachbarlandes. Die Japaner reagieren durchaus nicht begeistert, wenn chinesische Firmen immer mehr kleine japanische Betriebe aufkaufen. Denn schließlich zahlt Japan seit Jahren den größten Teil der Wirtschaftshilfe, die der chinesische Nachbar erhält.2 Außerdem hat China inzwischen die USA in den bilateralen Handelsbeziehungen überholt und ist zum wichtigsten Handelspartner Japans avanciert. 3

Diese Entwicklung begann 2001. Vor fast vier Jahren übernahm Shanghai Electric – ein chinesischer Industriekonzern, dem bereits 300 Firmen mit einer Gesamtbelegschaft von rund 210 000 Personen gehören – den Druckmaschinenhersteller Akiyama, eine kleine, aber renommierte japanische Firma. Die konnte dank des zugeschossenen chinesischen Kapitals vor dem Konkurs gerettet werden.

Die Chinesen tauften die Firma in „Akiyama International“ um. Es war der Beginn einer Erfolgsstory, die wohl kaum jemand für möglich gehalten hätte. In den darauf folgenden Jahren konnte das Unternehmen seinen Umsatz verzehnfachen, vor allem dank seiner Exporte nach China, wo der Druckereimarkt gerade florierte. Drei Jahre nach der Übernahme durch Shanghai Electric war aus der konkursbedrohten Firma, die in der Peripherie Tokios vor sich hin gedümpelt hatte, ein vitales Unternehmen geworden. Die Zahl der Mitarbeiter stieg innerhalb kurzer Zeit von 79 auf 160, das System der Koppelung der Löhne an die Beschäftigungsdauer konnte beibehalten werden, und die Mitarbeiter bezogen erstmals seit Jahren wieder Prämien für ein besonders gutes Betriebsergebnis.

Die Mitarbeiter von Akiyama International freuen sich natürlich über die positiven Veränderungen ihrer Arbeitsbedingungen. Einige fragen sich allerdings besorgt, welche Interessen die Manager von Shanghai Electric in Wahrheit verfolgen. „Der Technologietransfer von Japan nach China ist nichts Neues“, meint Tanaka Shigeaki. „Aber bisher ging es dabei niemals um Spitzentechnologie. Inzwischen haben die chinesischen Unternehmen jedoch begriffen, dass man japanische Unternehmen aufkaufen muss, um an die Spitzentechnologie zu kommen und die eigenen technologischen Kapazitäten auszubauen. Und um allzu großes Aufsehen zu vermeiden, kaufen sie vor allem marode Unternehmen auf.“

Ein weiterer Beweis für das entschlossene Vorgehen chinesischer Unternehmen, um auf dem japanischen Markt Fuß zu fassen und technologisch aufzuholen, ist die Übernahme von Ikegai durch Shanghai Electric im November 2004.

Freundliche Übernahmen

Ikegai ist ein alteingesessenes japanisches Unternehmen. Die 1889 gegründete Firma gehört zu den Pionieren in der Werkzeugmaschinenbranche. „Wenn man von Übernahme oder von Investitionen spricht, hat man normalerweise das westliche Modell vor Augen. Und das bedeutet in der Regel Umstrukturierungen, um höhere Renditen zu erzielen“, erklärt Zhang Chunhua, ein Manager bei SEC Japan, der japanischen Tochter von Shanghai Electric. „Uns geht es um etwas ganz anderes. China ist nach wie vor in vielen Bereichen ein Entwicklungsland. Unser Interesse geht daher in erster Linie dahin, die Handelsbeziehungen mit den Unternehmen zu intensivieren, die wir aufkaufen, und nicht so sehr dahin, die Renditen zu erhöhen. Die Werkzeug- und Druckmaschinen sind eine ideale Ergänzung unserer Unternehmensstrategie, zumal wenn man bedenkt, dass es in China eine riesige Nachfrage nach diesen Produkten gibt.“

Nach Aussagen der Wirtschaftsexperten wird sich diese Tendenz in den nächsten Jahren noch verstärken – trotz der unvermeidbaren politischen und wirtschaftlichen Spannungen, die zwischen beiden Ländern bestehen. 4 Innerhalb von gerade einmal vier Jahren haben sich die Investitionen chinesischer Firmen in Japan mehr als vervierfacht: von 260 000 Dollar auf rund 100 Millionen. Das sind natürlich vergleichsweise unerhebliche Summen, wenn man an die Milliarden denkt, die westliche Unternehmen wie Daimler oder Renault hinblättern mussten, als sie bei Mitsubishi Motors und Nissan einstiegen. 5

Der Vertreter der japanischen Außenhandelsorganisation in Schanghai erinnert sich noch gut, wie die ersten westlichen Investoren, die Mitte der 1990er-Jahre auf dem japanischen Markt auftauchten, auch nicht gerade mit offenen Armen empfangen wurden. Heute dagegen nimmt in Japan niemand mehr Anstoß an der Präsenz westlicher Firmen. So könnte es in einer nicht allzu fernen Zukunft auch den chinesischen Investoren gehen. Auch wenn sich viele Japaner nicht vorstellen mögen, dass China eines Tages die dominierende Wirtschaftsmacht in Asien sein könnte.

Das Misstrauen der Japaner sitzt tief, nicht nur weil die japanisch-chinesischen Beziehungen ohnehin durch die Vergangenheit belastet sind, sondern auch wegen der jüngsten antijapanischen Ausschreitungen. So sind die chinesischen Unternehmer besonders darum bemüht, die Japaner nicht zu düpieren. 6 „Ich erinnere mich daran, wie der Leiter der Handelskammer von Schanghai seine Mitglieder aufforderte, alles zu vermeiden, was von den Japanern als kränkend empfunden werden könnte, um sicherzustellen, dass es keine Probleme bei der Fusion mit japanischen Unternehmen gibt“, erzählt Tanaka Shigeaki.

Die Geschichte der Übernahme von Toa, einem mittelständischen Pharmaunternehmen in Toyama an der japanischen Westküste, durch den chinesischen Riesen Sanjiu im Frühjahr 2003 bestätigt solchen Optimismus. Toa fehlte es an dem notwendigen Kapital, um seine Aktivitäten auf dem heiß umkämpften japanischen Markt auszuweiten. Doch ohne eine solche Expansion wäre ein Überleben des Unternehmens langfristig nicht gesichert gewesen. Als Toa von Sanjiu aufgekauft wurde (im Westen besser unter der Marke 999 bekannt), wurde dies allgemein als ein Glücksfall angesehen. Mit seinem dichten Netz von über 10 000 Geschäften auf dem Festland bietet der chinesische Konzern der japanischen Firma hervorragende Vertriebsmöglichkeiten für ihre Produkte. Es war eine gute Chance für das kleine japanische Unternehmen, das ohne fremde Hilfe nicht in der Lage gewesen wäre, neue Märkte zu erschließen.

Im Gegenzug hat sich der Gigant Sanjiu, indem er Toa unter seine Fittiche genommen hat, einen kostengünstigen Zugang zum japanischen Pharmamarkt verschafft, auf dem chinesische Arzneimittel derzeit heiß begehrt sind. „Das Beispiel Sanjiu zeigt auf jeden Fall, dass solche Fusionen für beide Seiten von Nutzen sind und dass die chinesischen Investitionen in Japan nicht zwangsläufig als Erniedrigung der Japaner angesehen werden müssen“, erklärt einer der Manager bei Toa.

Diese Einschätzung wird auf der Insel allerdings keineswegs von allen geteilt. Viele Japaner können sich nur schwer mit der Tatsache abfinden, dass chinesische Unternehmen immer stärker in ihrem Land Fuß fassen. Die Aktivitäten der chinesischen Triaden, die den Immobilienmarkt in bestimmten Vierteln von Tokio beherrschen, in denen japanische Investoren gar nicht erst zum Zuge kommen – tragen dazu bei, die Vorurteile gegen den chinesischen Nachbarn zu bestärken. Aus einer Meinungsumfrage von Yomiuri Shimbun,7 der wichtigsten Tageszeitung des Landes, geht hervor, dass die Japaner ihre chinesischen Nachbarn mit wachsender Antipathie beobachten. Die jüngsten antijapanischen Ausschreitungen in China haben diese Entwicklung sicherlich noch begünstigt. Und der Erfolg des jüngsten Mangas von Hirokane Kenshi8 – in denen es vor allem um Verständigungsprobleme zwischen chinesischen und japanischen Geschäftsleuten geht – dürfte ebenfalls nicht dazu beigetragen haben, die Wogen zu glätten.

Dennoch gibt es zu der wirtschaftlichen Annäherung beider Länder keine Alternative. Und stabile Wirtschaftsbeziehungen wären zugleich eine wichtige Voraussetzung für die politische Stabilität in der Region. Aufgrund der Vergangenheit ist allerdings keiner der beiden Staaten bereit, der anderen Seite eine dominierende Rolle zu konzedieren. Der Ausbau von Unternehmensbeteiligungen wäre daher ein idealer Weg, um sich näher zu kommen. Zumal der Nationalismus in beiden Ländern die alten Gräben zu vertiefen und neue zu schaffen droht, die vorerst nicht so leicht zu überwinden sind.

„Die Zunahme der chinesischen Investitionen in Japan ist langfristig eine sehr gute Sache, denn die chinesischen Unternehmer werden ein vitales Interesse daran haben, dass die Beziehungen zwischen beiden Ländern stabil bleiben“, erklärt Tanaka Shigeaki. Diese Botschaft ist allerdings bei einigen Besuchern des Computerfachmarkts in Peking offenbar noch nicht angekommen.

Fußnoten: 1 Siehe Claude Leblanc, „Böse Geister und Chrysanthemen. Patriotismus in Tokio und Peking“, Le Monde diplomatique, Oktober 2004. 2 Japan hat seit 1979 insgesamt 23,894 Milliarden Euro Wirtschaftshilfe an China gezahlt (Zahlen nach einem Bericht des japanischen Außenministeriums von Juni 2005). 3 Jetro Sensa, Magazin von Jetro, Tokio, Mai 2005. 4 Mo Bangfu, Nichichûwa naze wakariaenainoka („Warum Japan und China sich nicht verstehen können“), Tokio (Heibonsha-Verlag) 2005. 5 Der französische Automobilkonzern erwarb 1999 für ca. 5 Milliarden Euro 36,8 Prozent der Nissan-Anteile. 2002 hat er seine Beteiligung an dem Autokonzern auf 44,4 Prozent aufgestockt. 6 Nach einer Umfrage von Zhongguo Qingnianbao (der Pekinger „Tageszeitung für die Jugend“) vom 24. November 2004 haben 53,6 Prozent der Befragten von Japan eine „gute Meinung“. 7 Nach dieser Umfrage vom 16. Dezember 2004 fanden 71 Prozent der Befragten, China sei nicht zu trauen. Aus einer Umfrage vom 6. Dezember 2004 der konservativen Tokioter Tageszeitung Sankei Shimbun geht hervor, dass mehr als 57 Prozent der Japaner dafür sind, die Entwicklungshilfe an China einzustellen. 8 Hirokane Kenshi, „Jomu Shima Kosaku“ („Vorstandsvorsitzender Shima Kosaku“), in Shukan Morning, Tokio (Kodansha-Verlag) 2005. Dieses Manga erzählt von den Problemen eines japanischen Unternehmens, das versucht, in China Fuß zu fassen. Zwei der Episoden handeln von den antijapanischen Demonstrationen im Frühjahr 2005. Aus dem Französischen von Sonja Schmidt Odaira Namihei ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 11.11.2005,