Die Toten zählen

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Die Toten zählen

Die Toten zählen

Als die Redakteure der britischen Tageszeitung The Guardian am 28. März 2007 die Zahl der Kriegsopfer im Irak ermitteln wollten, stellten sie fest, dass es gesicherte Zahlen nur für die Seite der Invasoren gab.

Vom Beginn der Invasion im März 2003 bis zum Truppenabzug Ende 2011 sind im Irak 4 484 US-Soldaten gefallen. Die Zahl der getöteten irakischen Zivilisten hingegen ist ungewiss, die Schätzungen bewegen sich zwischen etwas mehr als 100 000 und einer Million. Das Iraq Body Count Project hat nun eine Schätzung unternommen, bei der nur die Toten berücksichtigt werden, die exakt dokumentiert werden konnten (was bedeutet, dass auch diese Zahlen noch deutlich unterhalb der tatsächlichen Opferzahlen liegen). Die Rede ist von 115 000 bis 130 000. Dazu müssten noch 24 000 tote Soldaten und Aufständische gezählt werden.

Dagegen verweist Richard Norton, Herausgeber der britischen Medizin-Fachzeitschrift The Lancet, auf eine Studie der Johns Hopkins University, nach der 650 000 Iraker infolge der US-Invasion umgekommen seien. „Da feiern wir 150 Jahre Abschaffung der Sklaverei“, schreibt Norton, „und halten gleichzeitig an einer der schlimmsten Menschenrechtsverletzungen der letzten fünfzig Jahre fest. Es ist unerfindlich, weshalb wir nichts dagegen unternehmen. Es ist unerfindlich, warum wir nicht den kollektiven Rücktritt der Regierung fordern!“

Noch im Jahr 2012, also nach dem Rückzug der USA, wurden über 4 500 tote Zivilisten gezählt. Und der vor zehn Jahren angeblich „befreite“ Irak ist vom Frieden weit entfernt.

Auch nach dem Ende der Militäroperationen gab es noch zahlreiche kriegsbedingte Todesfälle.1 2009 richteten die Ärzte der Poliklinik von Falludscha einen dringenden Appell an die Vereinten Nationen und verlangten eine unabhängige Untersuchung: „Im September 2009 sind von 170 Neugeborenen 24 Prozent in der ersten Lebenswoche gestorben; davon wiesen 75 Prozent erhebliche Missbildungen auf.“

Zwischen 2007 und 2010 führte ein Forscherteam von irakischen Medizinern im Auftrag des gynäkologischen Instituts der University of Michigan in Falludscha und Basra eine Stichprobenstudie durch, deren Ergebnisse im September 2012 veröffentlicht wurden.2 Das Fazit der Autoren lautet: „In Falludscha wurden mehr Fälle von Krebs, Leukämie und Kindersterblichkeit registriert als nach 1945 in Hiroshima und Nagasaki.“ Die Einwirkung von toxischen Metallen, die zum Beispiel bei der Bombardierung von Falludscha und Basra durch die verwendete Munition freigesetzt wurden, beeinträchtigt nachweislich die Entwicklung des Fötus. Jean-Pierre Séréni

Fußnoten: 1 Vgl. Agnès Stienne, „Irak: Auf das Feuer des Kriegs folgt der Krebs“, Blog Visions cartographiques, 5. Dezember 2012: blog.mondediplo.net/2012-12-05-Irak-apres-les-feux-de-la-guerre-les-cancers. 2 „Metal Contamination and the Epidemic of Congenital Birth Defects in Iraqi Cities“, in: Bulletin of Environmental Contamination and Toxicology 89 (2012). S. 937–944, zugänglich über: www.springerlink.com.

Le Monde diplomatique vom 08.03.2013, von Jean-Pierre Séréni

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