Nachwirkungen des Algerienkriegs

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Nachwirkungen des Algerienkriegs

Ungleichzeitige Erinnerungen bei Siegern und Besiegten von Mohammed Harbi

In den vergangenen Jahren hat in der französischen Öffentlichkeit eine politische und moralische Diskussion über den algerischen Unabhängigkeitskrieg stattgefunden. In die Kritik geraten ist dabei vor allem, dass Fakten gefälscht und Erinnerungen negiert worden waren. Im Mittelpunkt jedoch stand immer wieder die fehlende Bereitschaft, den Zusammenhang zwischen der Kolonialzeit und der aktuellen Einwanderungspolitik zu begreifen.1

Wie ist diese Debatte in Algerien aufgenommen worden? Und: Welches Bild bleibt am Ende von der sozialen und historischen Wirklichkeit der Kolonialzeit? Es will wie eine List der Geschichte erscheinen, dass noch jede der Krisen des algerischen Regimes ausgerechnet im ehemaligen „Empire“ Frankreich alte Leidenschaften um das einstige koloniale „Kronjuwel“ entfacht hat.

Dreimal war man in Algier nach der Unabhängigkeit wieder mit der kolonialen Vergangenheit konfrontiert: Mit den Unruhen von 1980 (dem „Berberfrühling“) wurde der Gründungsmythos des algerischen Nationalismus infrage gestellt; mit der Volkserhebung von 1988 wurde der politischen Monopolstellung der Nationalen Befreiungsfront (FNL) ein Ende gesetzt; und mit dem Abbruch der Wahlen im Januar 1992 begann der Krieg zwischen den Militärmachthabern und den Islamisten. In allen diesen inneralgerischen Auseinandersetzungen ging es somit immer – auch – um Frankreich. Guy Pervillé hat sehr richtig bemerkt, dass die Hauptkontrahenten „die Auseinandersetzung als eine Wiederholung des Befreiungskrieges [ansahen], wobei jede Seite für sich die Heldenrolle des Freiheitskämpfers beanspruchte“.2

Vor diesem Hintergrund haben in Frankreich die Verlierer des Unabhängigkeitskriegs (die repatriierten Siedler, die ehemaligen Hilfstruppen und die antigaullistischen Militärs) gemeinsam mit den rechten Einwanderungsgegnern (etwa vom Front National) noch einmal die Bilder der Kolonialzeit heraufbeschworen. Dabei erleichterte es ihnen die internationale Lage, die FLN in die Nähe von Terrororganisationen zu rücken – eine Art späte Rache der Algerienfranzosen.

Doch dieses Wiederauftauchen der Vergangenheit in der Gegenwart nahm eine überraschende Wendung, als am 20. Juni 2000 die ehemalige algerische Widerstandskämpferin Louisette Ighilahriz in einem Le-Monde-Interview davon berichtete, wie sie 1957 in Algier auf Anweisung der Kommandeure französischer Fallschirmjägereinheiten gefoltert wurde.

Da General Massu die Anwendung solcher „Befragungsmethoden“ nicht leugnete, entwickelte sich in Frankreich eine heftige Debatte über die Folterpraktiken während des Algerienkriegs. Doch während man in Frankreich nach der historischen Wahrheit suchte, reagierte man in Algerien eher verhalten. Kein Wunder, denn in Algerien war schon seit den 1980er-Jahren ein politischer und moralischer Niedergang zu beobachten, der mit einer drastischen Zunahme der Gewalt einherging.

Die Auseinandersetzung zwischen einem Militärregime, das sich bei seinen Repressionsmaßnahmen um Rechte und Vorschriften kaum scherte, auf der einen und einer religiös inspirierten Bewegung, deren diverse Fraktionen zu allen Schandtaten bereit waren, auf der anderen Seite entwickelte sich rasch zu einem Albtraum. Massaker, außergerichtliche Hinrichtungen und das „Verschwinden“ von Menschen gehörten zum Alltag. Ahmed Ben Bella, Staatspräsident Algeriens von 1962 bis 1965, zog bereits 1994 eine düstere Bilanz: „Heute ist oft von systematischen Razzien die Rede, und auch von Terroristen. […] Das ruft bei uns seltsame Erinnerungen wach, wir alle kennen noch die Sprachregelungen, die vor dreißig Jahren unter General Massu oder General Salan üblich waren.“3

Plötzlich funktioniert die Opferrolle nicht mehr, hinter der sich in Algerien oft eine fremdenfeindliche Haltung verbirgt. Die Jüngeren, die die Kolonialzeit gar nicht erlebt haben und mit den Nöten ihres Alltags kämpfen, haben ohnehin ein anderes Bild von Frankreich. Die politische Führungsschicht dagegen sucht nach neuen Wegen, die Vergangenheit wachzurufen: Die Schuld Frankreichs soll dabei nicht mehr im Mittelpunkt stehen und die Verantwortung der Eliten für die Entwicklung des Landes möglichst unerwähnt bleiben.

Seit 1988 steht der Kaiser samt seinem Hofstaat aus Opfern und Gefolterten nackt da. Es ist an der Zeit, den Krieg zu beenden, Frankreich mit diplomatischen Mitteln zur Anerkennung der Leiden des algerischen Volkes zu bewegen und jeden Gedanken an Vergeltung aufzugeben. Im Übrigen gilt es, unnachsichtig auch die heutigen Verfehlungen in Algerien aufzuklären. In offiziellen Kreisen ist dieses Problem nicht mehr tabu. Man redet darüber – doch ob es, wie in Frankreich, eine öffentliche Debatte geben wird, bleibt abzuwarten. Die Freiheitskämpfer von einst wollen davon jedenfalls nichts wissen.

Was zu geschehen hat, um die offenen Fragen aus der Kolonialzeit anzugehen, darüber gehen die Meinungen in Algerien auseinander. Die „Stiftung 8. Mai 1945“ etwa, die 1990 von dem ehemaligen Parlamentspräsidenten Bachir Boumaza gegründet wurde, beharrt auf der Strafverfolgung der Franzosen, die im Mai 1945 an den Massakern in Sétif beteiligt waren.4 Erst jüngst, Anfang 2005, hat Hubert Colin de la Verdrière, der französische Botschafter in Algier, diese Vorfälle als „unentschuldbare Tragödie“ bezeichnet. Hier könnte sich eine Lösung abzeichnen, doch das vom französischen Parlament verabschiedete Gesetz vom 23. Februar 20055 , das eine positive Bewertung des Kolonialismus in den Schulbüchern fordert, wurde in Algerien kritisch aufgenommen: Präsident Bouteflika sprach Anfang Mai von „negationistischen Tendenzen“ und von der „moralischen Blindheit“ der französischen Parlamentarier.

Nostalgie versus historische Wahrheit

Die Zeitverzögerung, mit der die FLN sich am 7. Juni 2005 dem Protest Bouteflikas anschloss, deutet darauf hin, dass man die Angelegenheit nicht hochspielen will. Schließlich soll im Dezember 2005 ein Freundschaftsvertrag zwischen Algerien und Frankreich unterzeichnet werden. Verhandelt wird hinter verschlossenen Türen, um sich gewisse Nostalgiker vom Halse zu halten: Die Franzosen fürchten die Verklärer des kolonialen Algerien, die bereits mehrfach eine Rehabilitation der OAS versucht haben, während die Algerier sich mit den Traditionswächtern (etwa den Vertretern der Freiheitskämpfer) auseinander setzen müssen.

„Es gibt natürlich Geschäftsleute, die für den Freundschaftsvertrag nicht viel übrig haben“, heißt es in einem Leitartikel der algerischen Tribune. „Nachdem sie sich selber zu den Hütern der Grundwerte erkoren haben, polemisieren sie unter Berufung auf ebendiese Werte gegen die französische Sprache, was sie jedoch nicht daran hindert, ihre Kinder zum Studium nach Frankreich zu schicken und sich das einiges kosten zu lassen.“6 Französisch ist, wie man erkennt, neben dem Arabischen und der Berbersprache Tamazight in Algerien immer noch Landessprache. Und damit sind wir wieder bei den Kontroversen um die Kolonisierung.

Die Erinnerungen der Völker folgen gemeinhin anderen Pfaden als die Arbeiten der Historiker. Auf welches Geschichtsbild man sich beruft, hängt von politischen Leidenschaften, Vorurteilen oder gegenwärtigen Absichten ab. Die beiden gegensätzlichen Denkmuster, von denen die kollektiven Erinnerungen an die Kolonialzeit geprägt sind, beruhen auf plumpen Vereinfachungen. Diese erlauben es den Hitzköpfen, sich in bestimmte Standpunkte hineinzusteigern, und den Strategen, politische Manipulationen vorzunehmen.

Auf der einen Seite gibt es das Denkmuster der französischen Nationalisten, die selbstgewiss die „zivilisatorischen Leistungen“ des Kolonialismus preisen und dafür auch zahlreiche Belege anführen: das Straßen- und Eisenbahnnetz, die bedeutenden Häfen, die Sicherheit im Lande, die Schulen und Krankenhäuser usw. Natürlich reden sie nicht davon, dass all dies nichtetwa entwickelt wurde, um Algerien mit Fortschritt, Aufklärung und Demokratie zu beglücken, sondern allein den Interessen der Kolonialmacht diente. In ihrem Algerien kamen die Algerier nicht vor.

Die Denkmuster auf der anderen Seite wirken wie ein Spiegelbild: In Algerien gilt die Kolonialzeit als eine Episode der Geschichte, die 1962 mit der Unabhängigkeit beendet war. Das neue, unabhängige Algerien, so der Gedanke, habe wieder an den nationalen Aufbruch von 1830 angeknüpft; wenn das Land sich als Teil des Osmanischen Reiches hätte weiterentwickeln können, wäre Algerien heute gewiss allen Problemen gewachsen. Nur die Kolonisierung habe das fortschrittsorientierte Algerien in eine Erstarrung gezwungen, aus der es es nunmehr zu seiner arabisch-muslimischen Identität zurückgefunden habe.

Beiden Denkmustern ist gemeinsam, dass sie die Erkenntnisse der Historiker ignorieren. Die Geschichtswissenschaft hat dargelegt, dass die Kolonisierung, ihrer eigenen Logik folgend, anfangs hauptsächlich aus simpler Unterwerfung und Ausbeutung bestand; die Gewalt institutionalisierte sich erst später, etwa Ende der 1880er-Jahre. Ohne den gewaltsamen Charakter des Imperialismus zu bestreiten, kann man doch nicht übersehen, dass es auch einen Prozess der wechselseitigen Akkulturation gegeben hat – ein von den Kolonialherren durchaus nicht erwünschter Effekt. In Algerien bedeutete dies zum Beispiel, dass das Ideal der Revolution sowie Forderungen nach politischer Demokratie Verbreitung fanden und dass soziale wie gewerkschaftliche Bewegungen entstanden. Algerien hätte sich dieses Erbes aus der Kolonialzeit bewusst sein müssen, als es seinen Unabhängigkeitskampf gewonnen hatte.

Man sollte sich also fragen, welche Interessen hinter den Kampagnen stecken, die sich zur Verfolgung gewisser Ziele die Vergangenheit zurechtlegen. Wer an der Wahrheit interessiert ist, muss auch die vorkoloniale Gesellschaft in den Blick nehmen, ihre Herrschaftsformen und Hierarchien und ihre erbarmungslose Unterdrückung der Schwachen. Nicht erst die Kolonialzeit, auch das präkoloniale Algerien hatte Herrschaft und Unterdrückung gekannt. Jenseits aller Unterschiede, die zweifelsohne bestanden, gab es auch eine strukturelle Kontinuität. In beiden Fällen handelte es sich um Herrschaft und Unterwerfung. Was wir heute brauchen, ist ein besseres Verständnis unserer Vergangenheit – aber die Macht der alten Mythen und der neuen Interessen ist nicht zu unterschätzen.

Fußnoten: 1 Siehe dazu Nicolas Bancel, Sandrine Lemaire, Pascal Blanchard (Hrsg.), „La Fracture coloniale“, Paris (La Découverte) 2005. 2 Bezeichnung für die Soldaten der Befreiungsarmee. Siehe Guy Pervillé, „La guerre d’Algérie vue de France“, Confluences Mediterranée, Nr. 19, Paris, Herbst 1996. 3 In TF 1, am 28. Dezember 1994. 4 Mohammed Harbi, „Von den Anfängen des Algerienkrieges“, Le Monde diplomatique, April 2005. 5 Siehe Claude Liauzu, „Hausaufgaben für Kolonialisten“, Le Monde diplomatique, April 2005. 6 „Au nom du père!“, La Tribune (Algier), Sonderausgabe, 3. Juli 2005. Aus dem Französischen von Edgar Peinelt Mohammed Harbi ist Historiker und Autor (zusammen mit Benjamin Stora) von „La Guerre d’Algérie, 1954–2004, la fin de l’amnésie“, Paris (Laffont) 2004.

Le Monde diplomatique vom 09.12.2005, von Mohammed Harbi

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