Subventionen gegen Afrika

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Subventionen gegen Afrika

von Tom Amadou Seck

In Westafrika leben 15 bis 20 Millionen Menschen direkt oder indirekt vom Baumwollanbau1 – einem der wenigen Wirtschaftsbereiche, in denen Afrika auch qualitativ wettbewerbsfähig produzieren kann. Doch die USA und die EU subventionieren ihre eigene Baumwollproduktion nach wie vor mit großen Summen.

Schon 2001 forderten die Sahelstaaten Tschad, Burkina Faso, Mali und Benin die WTO auf, diese Praxis zu stoppen.2 Sie erinnerten daran, dass die internationalen Geldgeber ihnen selbst strikte wirtschaftliche Regeln aufnötigen (wie Privatisierung der Baumwollunternehmen, Öffnung der Märkte).3 Als Gegenleistung verlangten sie von den Industriestaaten, ihre unfairen Subventionen einzustellen. Diese Forderung, auf die sich Produzenten, Unternehmen und NGOs geeinigt hatten,4 war 2003 einer der Gründe für das Scheitern der WTO-Ministerkonferenz im mexikanischen Cancún.5 Auf dem WTO-Gipfel von Hongkong steht sie erneut auf der Tagesordnung.

Der Weltmarkt für Baumwolle zeichnet sich dadurch aus, dass nicht der größte Produzent, sondern die führenden Exportstaaten den Weltmarktpreis bestimmen. Bei der Baumwolle sind das die USA mit einem Weltmarktanteil von 37 Prozent. Am meisten Baumwolle produziert aber China, wenn auch vornehmlich für den eigenen Bedarf. Zusätzlich importieren die Chinesen über 60 Prozent der Baumwollproduktion der afrikanischen Franc-Zone. Auf Platz 3 und 4 folgen Indien und Pakistan. Die afrikanischen Länder erzeugen 3,6 Prozent des Gesamtvolumens, ihr Anteil an den weltweiten Exporten liegt bei 17 Prozent.

Eine weitere Marktanomalie ist darin zu sehen, dass die USA die Baumwollproduktion mit direkten Beihilfen in Höhe von 3,5 Milliarden US-Dollar und Exportzuschüssen von 1,5 Milliarden Dollar stützen. Damit fließen knapp 50 Prozent der weltweiten Baumwollsubventionen an die US-amerikanischen Anbauer. Auch die EU zahlt Subventionen an spanische und griechische Baumwollerzeuger. Damit fördert sie die weltweite Überproduktion, die den Weltmarktpreis drückt, und zwar 2005 auf unter 0,45 Euro pro Pfund. Die afrikanischen Produzenten erwirtschaften schon bei einem Pfundpreis von 0,65 Euro keine Gewinne mehr. Sie werden daher in der Saison 2005/2006 ihre Anbauflächen reduzieren müssen.

Für Burkina Faso und Mali ist Baumwolle das Hauptausfuhrprodukt. Unter dem Rückgang der Einnahmen leiden auch andere Sektoren: Investitionen in den Straßenbau oder in Schulen oder Krankenstationen müssen warten.

Die Subventionen für die Baumwollproduzenten in den USA liegen dreimal so hoch wie die Entwicklungsgelder Washingtons für Afrika. 2004 bezog Mali US-Finanzhilfen in Höhe von 38 Millionen Dollar, im selben Jahr beliefen sich die Exporteinbußen auf 43 Millionen Dollar. Während der Baumwollpreis fällt, steigen die Brennstoffpreise (vor allem in Binnenländern wie Burkina Faso, Mali und Tschad), was die Produktionskosten in die Höhe treibt.

In den 1990er-Jahren unternahmen die afrikanischen Baumwollerzeuger erhebliche Anstrengungen, um sich den Anforderungen des Weltmarkts anzupassen. Unter dem Druck der internationalen Geldgeber privatisierten sie ihre Baumwollgesellschaften, die den Produenten bislang Mindestpreise und die Lieferung von Ausrüstungsgütern garantierten. Diese Umstrukturierung zerschlug die Organisation der Erzeugerketten und schwächte die Bauern. Deshalb gründete die Nationale Vereinigung der Baumwollerzeuger von Burkina Faso im Dezember 2004 mit den Erzeugergemeinschaften von Benin, Mali, Senegal, Kamerun und Madagaskar die Vereinigung der afrikanischen Baumwollerzeuger (Aproca). Diese fand Unterstützung beim Afrikanischen Baumwollverband ACA, dem die führenden Baumwollgesellschaften angehören. Sie organisierte eine „Cyberpetition“ gegen die Agrarsubventionen des Nordens, die 250.000 Menschen unterschrieben. Führende afrikanische Politiker befürchten aber Repressalien aus Washington im Rahmen des „African Growth and Opportunity Act“6 .

Die afrikanischen Länder möchten das Thema Baumwolle aus der allgemeinen Debatte über Agrarprobleme herauslösen, weil die Baumwollproduktion für ihre Volkswirtschaften eine solch vitale Bedeutung hat. Sie fordern kompensatorische Maßnahmen wie einen Notfonds für Baumwollproduzenten, erwarten Fortschritte von der agronomischen Forschung, die die Ernteerträge steigern, und wollen bei der Einführung gentechnisch manipulierter Varianten, die die Vereinigten Staaten in bilateralen Abkommen durchzusetzen suchen, ein Wörtchen mitreden.

Die in Cancún gegründete Süd-Süd-Allianz G 21 ist nicht frei von Widersprüchen. Im Agrarstreit könnte sich ein Sieg Brasiliens als Sieg des Agrobusiness über die afrikanische Familienlandwirtschaft herausstellen. Letztere ist nach Auffassung der UN-Sonderorganisation Fida (Internationaler Fonds für Agrarentwicklung) nach wie vor Motor für das Wachstum und die Produktivität der Nahrungsmittelerzeugung. Vor allem die familiale Landwirtschaft sichert die Versorgung mit Lebensmitteln und ermöglicht den Kampf gegen Hunger und Armut, auch und gerade im subsaharischen Afrika.

Fußnoten: 1 Sie leben vor allem in Mali, Benin, Burkina Faso, Tschad, Kamerun, Niger, Togo, Senegal, Zentralafrika und Guinea-Bissau. 2 Dazu Denis Pesche und Kako Nubukpo, „L’Afrique du coton à Cancún: les acteurs d’une négociation“, Politique africaine 158, Oktober 2004. 3 André Linard, „Cotton-Farmer und Baumwollbauern“, Le Monde diplomatique, September 2003. 4 Oxfam-ENDA, „L’or blanc devient poussière. Quelle voie pour le coton en Afrique de l’Ouest?“, Arbeitspapier 58 (April 2004) Dakar. 5 Benin und Burkina Faso unterstützten 2003 die erfolgreiche Klage des viertgrößten Baumwollexporteurs Brasiliens gegen die Agrarsubventionen der USA vor dem WTO-Streitbeilegungsorgan. 6 Das im Mai 2000 vom Kongress verabschiedete Gesetz regelt die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen den USA und 48 afrikanischen Ländern (ohne den Maghreb), www.agoa.gov. Aus dem Französischen von Bodo Schulze Der Senegalese Tom Amadou Seck ist Wirtschaftswissenschaftler und Autor von „La Banque mondiale et l’Afrique de l’Ouest. L’example du Sénégal“, Paris (Publisud) 1997.

Le Monde diplomatique vom 09.12.2005, von Tom Amadou Seck

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