Tortillapower in den USA

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Tortillapower in den USA

von Jean-François Boyer

Im Salinas Valley, zwischen ockerfarbenen Bergen, wächst einfach alles: Gemüse, Obst, Wein. Kalifornien ist eine der ertragreichsten Agrarregionen der Welt. Möglich wird der Anbau durch ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem mit kilometerlangen Kanälen. Auf den Feldern sieht man Landarbeiter, die auf Knien die Ernte einholen. Die Aufseher sind Mexikaner wie sie. Es gibt allerdings Verständigungsprobleme. Denn die meisten Arbeiter – Indios vom Stamm der Triqui und Mixteken aus dem mexikanischen Bundesstaat Oaxaca – sprechen kein Spanisch. In Südkalifornien verdienen sie ungefähr sieben Dollar pro Stunde, zehnmal so viel wie zu Hause.

„Da unten gibt es nichts, wovon wir leben können“, erzählt Ramiro, ein zwanzigjähriger Indio. Auf seinem Jogginganzug prangt das Logo der Forty Niners, der American-Football-Mannschaft von San Francisco. „Entweder bleibst du bei deiner Familie im Pueblo, dann kannst du zugucken, wie deine Kinder verhungern – oder du kommst hierher und verdienst genug Geld, um so viel nach Hause schicken zu können, dass es zum Überleben reicht.“ Am Feldrand stehen gut erhaltene Gebrauchtwagen, die Statussymbole ihres neuen Lebens. In der Pause – sie dauert eine halbe Stunde, nicht mehr – ziehen sie ihr Handy aus der Tasche und rufen ihre Freunde an.

In gebrochenem Spanisch oder mit Hilfe eines Dolmetschers beklagen sie sich über die contratistas. Diese Vermittler, selbst Latinos1 , die im Auftrag der amerikanischen Großfarmen Arbeitskräfte anwerben, stecken zwischen fünfzehn und zwanzig Prozent des Landarbeiterlohns ein. Dennoch treten die Triqui und Mixteken nicht der Gewerkschaft bei, die für sie deutlich bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne und sogar eine Krankenversicherung aushandeln könnte. José Manuel Morán, Mitglied der traditionsreichen Landarbeitergewerkschaft United Farm Workers, beklagt sich: „Alles, was diese Leute wollen, ist ein Job, ein Auto, genug zu essen und genügend Geld, um ihre Familien zu Hause unterstützen zu können. Sie hausen zu acht oder zu zehnt in einem Häuschen mit drei Zimmern, oder sie zahlen manchmal die Hälfte ihres Lohns, um mit ihrer Ehefrau allein in einem einzigen Zimmer leben zu können.“ Neunzig Prozent der Arbeitskräfte in der rasant expandierenden Landwirtschaft Kaliforniens sind illegale Einwanderer aus Mexiko oder Mittelamerika.

Seit Ende der Neunzigerjahre sind tausende von Mexikanern, darunter 4 000 Indios, in das Nest bei Greenfields gekommen. Don Andrés Cruz ist der Chef der kleinen Latino-Gemeinde. „Wenn sie uns eine Chance geben“, meint er, „dann können wir gute Amerikaner werden!“ José Manuel Morán geht noch einen Schritt weiter. Greenfields sei ein Paradebeispiel dafür, dass die Mexikaner sehr wohl imstande sind, sich anzupassen. Die Stadt hat heute viermal so viele Einwohner wie vor dreißig Jahren. 95 Prozent sind Mexikaner, auch der Bürgermeister, die Stadträte und die Verantwortlichen für das Schulwesen. Jeder Zweite ist amerikanischer Staatsbürger oder stolzer Besitzer einer Green Card. Natürlich sprechen sie zu Hause immer noch Spanisch. Aber sie alle können sich auch auf Englisch verständlich machen, die Kinder, die in Kalifornien geboren sind, sowieso. Im Gegensatz zu anderen Staaten wie Texas gibt es in Kalifornien keine zweisprachigen Schulen mehr. Englisch ist die einzige Unterrichtssprache.

„Die meisten Neuankömmlinge werden hier bleiben und sich einleben“, prophezeit Morán. „Alle haben sie dasselbe gesagt, als sie hier ankamen: Ich bleibe drei, vier Jahre, spare, und dann geht’s nach Hause zurück, einen kleinen Laden aufmachen.“ Die Zeit vergeht, der Sparstrumpf wird nur langsam voller: Wer hier einigermaßen gut verdient, gibt auch viel Geld aus, zumal wenn er ein Haus kauft. Selbst Illegale bekommen in den USA einen Kredit, wenn sie regelmäßige Einkünfte nachweisen können. „Dann wird geheiratet, man bekommt Kinder. Amerikanische Kinder! Tja, und dreißig Jahre später ist man immer noch hier.“

Einige Häuserblocks von den Wolkenkratzern im Zentrum von Los Angeles entfernt wirbt die Pupuseria für ihre mit Bohnen gefüllten Tortillas. In östlicher Richtung reihen sich hunderte solcher Reklameschilder kleiner Restaurants aneinander: Tiendas Mariposa, El Palacio centroamericano, Llantas nuevas Zamora, Ropa para la Familia. Dreißig Kilometer lang dasselbe Bild, bis zur Grenze von East Los Angeles. Mittendrin, vor einem monumentalen Wandgemälde mit Stars and Stripes und den Flaggen aller südamerikanischen Länder, steht auf der Plaza Olivera ein Altar für die Jungfrau von Guadelupe, die Nationalheilige Mexikos. Hier erbitten die Illegalen göttlichen Beistand.

Arbeitgeber können Arbeitskräfte für ein paar Stunden oder einen Tag anheuern. Dafür muss man keine Papiere haben. Bekommt man einen festen Job, braucht man eine Sozialversicherungsnummer und einen amerikanischen Pass. Als Neuankömmling findet man jedoch sehr schnell heraus, dass die patrones auch gefälschte Sozialversicherungsausweise und Führerscheine akzeptieren, die man für 70 Dollar das Stück auf jedem Flohmarkt im Süden der USA kaufen kann. Mit solchen Dokumenten ausgestattet, findet der Latino-Arbeiter einen Job als Gärtner, Tellerwäscher oder Reinigungskraft. 53 Prozent der Mexikaner, die in den USA leben, haben keine legalen Dokumente.

Carlos, der im Alter von fünf Jahren hierher kam und sich elf Jahre lang ohne Papiere durchgeschlagen hat, ist heute amerikanischer Staatsbürger. Dies hat er dem Verfahren zur Familienzusammenführung zu verdanken, das sein legal in Kalifornien lebender Onkel in die Wege geleitet hat. „Ich bin noch nicht am Ziel“, erklärt er. „Ich will ein eigenes Haus und wirtschaftliche Sicherheit für meine drei Kinder und meine Frau. Aber ich bleibe natürlich in den USA.“ Um Geld zurücklegen zu können, arbeitet der junge Mann neben seinem festen Job als Röntgentechniker abends noch als Parkboy für ein Restaurant.

Jeder zweite Bewohner von Los Angeles County ist Latino: 4,5 Millionen Menschen. Die meisten leben in East L.A. Aber der Eindruck kleinbürgerlicher Idylle täuscht. Viele Familien müssen mit einem Jahreseinkommen von weniger als 20 000 Dollar auskommen. Das reicht kaum für den Lebensunterhalt.2

Auch José Huizar kann eine Erfolgsgeschichte erzählen. Der heute 37-jährige Politiker kam ebenfalls im Alter von fünf Jahren aus dem mexikanischen Bundesstaat Zacatecas. Nach dem Schulabschluss bekam er ein Stipendium für die Princeton University. Heute ist er Kuratoriumsmitglied der Universität, engagiert sich in der demokratischen Partei und kämpft als Leiter der Schulbehörde seit Jahren für gleiche Bildungschancen der Latinos im Großraum Los Angeles. Zurzeit kandidiert er für den Stadtrat von Los Angeles.

Obwohl José Huizar zur ersten Einwanderergeneration gehört und im Herzen der mexikanischen Bastion aufgewachsen ist, hat er Mühe mit dem Spanischen. Der mexikanischen Kultur fühlt er sich nur noch vage verbunden: „Das betrifft eher das Verhalten, die Kleidung, die Musik, die man hört, die Küche, die man bevorzugt.“ Für assimiliert hält er sich noch nicht. Auf die Frage nach dem Titel des letzten Romans, den er auf Spanisch gelesen hat, lächelt er und antwortet: „Sie haben Recht, ich bin das, was man einen pocho nennt.“ Mit diesem Begriff wird im mexikanischen Dialekt ein Einwanderer bezeichnet, der im Begriff ist, seine Muttersprache zu verlieren und sich der amerikanischen Kultur anzugleichen. „Ich bin stolz darauf, Mexikaner zu sein“, sagt er dennoch. „Aber ich bin den USA auch sehr dankbar für das, was sie mir gegeben haben: eine gute Ausbildung und Arbeit.“

Die Vereinigten Staaten sind das Land, in dem nach Mexiko die meisten spanischsprachigen Menschen leben, noch vor Spanien und Kolumbien. Die Nachrichten und die Abendprogramme des Lokalfernsehsenders Univisión, des größten spanischsprachigen Fernsehsenders in den USA, haben häufig mehr Zuschauer als ABC, CBS oder NBC in Miami, New York oder Los Angeles. La Opinión in Los Angeles, La Voz in Houston, Rumbo in Texas, La Raza in Chicago präsentieren ihren Lesern jeden Tag eine neue success story: eine Familie aus Michoacán hat ihren eigenen Weinbaubetrieb gegründet, nachdem sie 30 Jahre lang in den Weinbergen von Napa Valley die Trauben geerntet hatte. Oder ein 29-Jähriger, der in Tijuana geboren ist, bringt seine eigene T-Shirt-Kollektion heraus.

Vicente del Rio serviert gerne Tequila auf der Terrasse seines Restaurants am Beverly Drive, einem Yuppie-Treffpunkt. In den letzten Jahren sind immer mehr Mexikaner aus der Mittelschicht in die USA eingewandert. Nach einer Untersuchung des Pew Hispanic Center würden zwei von fünf Mexikanern gern in den USA leben, auch ohne Papiere. Die Absicht, ihr Heimatland zu verlassen, „ist nicht mehr auf die armen Mexikaner beschränkt. Der Wunsch wird zunehmend in der Mittelschicht und selbst unter Akademikern laut“, bestätigt der Direktor des Pew Hispanic Center, Roberto Suro.3

Mehr HipHop als Salsa

Inzwischen kann man von Chicago bis San Antonio die Entstehung einer Hybridkultur beobachten: Die Hispanojugend aus den Armenvierteln tanzt nicht mehr zu den traditionellen Salsa- und Cumbiarhythmen, sondern begeistert sich für eine Musik made in USA, den Reggaeton, eine Mischung aus Reggae, HipHop, Rap und Latino-Sound. Und so mancher arrivierte mexikanisch-amerikanische Einwanderer der dritten Generation spricht zwar kaum Spanisch, schwärmt aber trotzdem für das Chicano-Theater.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen besteht das Programm, das die großen spanischsprachigen Sender anbieten, aus Werbung, primitiven Talkshows und tendenziösen Nachrichtensendungen. Mit einer Ausnahme: Radio bilingue bietet fast überall im Land anspruchsvolle Programme in Englisch, Spanisch und einigen Indianerdialekten und tut alles, um die Kultur der Hispanos davor zu bewahren, sich völlig im kommerziellen melting pot aufzulösen.

Politisch hat Amerika für die Repräsentanten der zweitgrößten Volksgruppe bislang nicht viel getan. Auch wenn zwei der wichtigsten Minister von George W. Bush, Justizstaatssekretär Alberto González und Handelsstaatssekretär Carlos Gutierrez, Latinos sind. Im Kongress sitzen 25 Abgeordnete und Senatoren lateinamerikanischer Herkunft – Mexikaner, Kubaner und Puerto-Ricaner –, und mehr als zwanzig Latino-Bürgermeister regieren in Städten mit über 100 000 Einwohnern in Kalifornien, Texas, Florida und Connecticut. Als im Mai dieses Jahres der für die Demokraten angetretene Antonio Villaraigosa den amtierenden Bürgermeister von Los Angeles, James Hahn, deutlich schlug, war das für viele Amerikaner ein Schock.

„La Red Latina“, das Latinonetz, wird von Politikern und hohen Beamte lateinamerikanischer Herkunft unterstützt und kann außerdem auf Verbände wie die League of United Latin American Citizen (Lulac), den Mexican American Legal Defense and Educational Fund (Maldef) oder den Consejo de la Raza bauen. All diese Organisationen setzen sich für die Integration der Einwanderer ein und unterstützen im Kongress Gesetzentwürfe, die die Situation der Illegalen regeln, sowie Sozialprogramme zugunsten von Migranten. Sie engagieren sich auch für eine bessere Schulbildung von Einwandererkindern. Vor allem aber vergeben sie Millionen Dollar an Stipendiengeldern, damit die Kinder von Zuwanderern studieren können. Politisch steht das Latinonetz der Demokratischen Partei nahe. Führende demokratische Politiker haben eine wichtige Rolle beim Aufbau des Netzes gespielt. Dazu gehören Henry Cisneros, der ehemalige Bürgermeister von San Antonio und Wohnungsbauminister unter Präsident Clinton, Bill Richardson, Gouverneur von Neumexiko, und Robert Menéndez, der demokratische Abgeordnete von New Jersey. Sie haben zum Beispiel auch die Wahlkampagne von Antonio Villaraigosa in Los Angeles und die von Senator Ken Salazar in Colorado finanziert.

In einem zweiten, weniger einflussreichen Netz, dem „Red Mexicana“, haben sich von Chicago bis San Antonio eingebürgerte Mexikaner und Einwanderer aus derselben Gegend in Clubes de oriundos zusammengeschlossen. Besonders aktiv sind die Clubs, deren Mitglieder aus den mexikanischen Bundesstaaten Zacatecas, Michoacán und Guanajuato kommen. Sie finanzieren Sozialprojekte, den Bau von Schulen oder Sportzentren in ihren Heimatgemeinden in Mexiko.

Die Latinos wollen Eins-a-Amerikaner sein

Um Geld zu sammeln, organisiert die „Red mexicana“ Bälle oder Bankette, auf denen Mariachi-Orchester oder Norteña-Musikbands auftreten. Man pflegt enge Beziehungen zu den mexikanischen Konsulaten und zum Institut der Auslandsmexikaner, das vom mexikanischen Präsidenten Vicente Fox gegründet wurde, um die Regierung in den Verhandlungen mit Washington zu unterstützen. Allerdings sind die Clubes de oriundos so gut wie nie in Großstädten aktiv. Dies zeigt, dass den Latinos sehr viel mehr daran liegt, einen Platz im Land zu finden, als ihrem Ursprungsland einen Platz in den Vereinigten Staaten zu verschaffen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine Untersuchung des Politikwissenschaftlers Harry Pachon. Die Latinos, so Pachon, zeichnen sich „durch eine hohe Arbeitsmoral und durch die Erneuerung des amerikanischen Ideals aus, das heißt, sie sind überzeugt, dass man es durch harte Arbeit und durch Zielstrebigkeit zu etwas bringen kann“. Der Traum von Amerika als dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten erklärt auch, warum die Latinos immer „ein so hohes Maß an Patriotismus“ gezeigt haben: 300 000 Amerikaner mexikanischer Herkunft haben am Zweiten Weltkrieg teilgenommen, und 130 000 Latinos waren beim Zweiten Golfkrieg gegen den Irak dabei.

Die erste Kongressabgeordnete nicaraguanischer Herkunft, Hilda Solis, verpasst dieser optimistischen Einschätzung jedoch einen Dämpfer: Dass die jungen Latinos in die Armee eintreten, geschehe hauptsächlich mangels beruflicher Alternativen, erklärt sie – und in der Hoffnung, nach dem Militärdienst richtige Papiere zu erhalten. Frau Solis bestätigt auch, dass die Latinos immer noch mehrheitlich demokratisch wählen, sobald sie die amerikanische Staatsangehörigkeit haben. Allerdings wächst die Tendenz, „rechts zu wählen“, sobald sie den Aufstieg in die Mittelschicht geschafft haben. 30 Prozent der Latinos in Kalifornien haben für Schwarzenegger und 40 Prozent für Bush gestimmt. Die Kubaner von Miami sind nicht mehr die Einzigen, die George W. Bush unterstützen.

Wählen dürfen nicht einmal 3 Prozent der Immigranten

Die Unterrepräsentation der Latinos in der amerikanischen Politik ist ein weiterer Punkt, der die Demokraten beunruhigt. Von den 41 Millionen Latinos, die in den Vereinigten Staaten leben, haben nur 7 Millionen das Wahlrecht. Für Mexiko erklärt Carlos González, Direktor des Instituts der Auslandsmexikaner, warum das so ist: „Anders als in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts erlaubt die heutige Struktur der amerikanischen Wirtschaft den Zuwanderern nicht mehr den raschen Aufstieg in die Mittelschicht. Wir leben heute in einer Dienstleistungsgesellschaft, und in dieser Wirtschaft haben in erster Linie diejenigen eine Chance, die zur Wissenselite gehören.“

Die Spuren der lateinamerikanischen Einwanderung lassen sich nicht zuletzt an der allgemeinen Stadtentwicklung und an manchen Bauten ablesen, wie der neokolonialen Fassade des riesigen Supermarkts von San José, der Hauptstadt des Silicon Valley. Die Eigentümer von Mi Pueblo kamen vor weniger als dreißig Jahren aus Mexiko. In den Regalen findet man Maistortillas, scharfe Saucen, schwarze Bohnen in Dosen und diverse Sorten von spanischem Pfeffer. Sehr viele dieser Lebensmittel sind Produkte der Marke El Me-xicano, die den Brüdern Márquez gehört, Einwanderern der ersten Generation, deren Fabriken am Stadtrand liegen. Die Latino-Supermarktketten machen Millionen Umsätze. Es ist offensichtlich leichter, sich auf dem amerikanischen Markt durchzusetzen, als einen Platz in der amerikanischen Politik zu erobern.

Die jährliche Kaufkraft der Latino-Community liegt bei etwa 700 Milliarden Dollar, 200 Milliarden mehr als das Bruttoinlandsprodukt von Argentinien. Die großen Firmen investieren erhebliche Summen in Marketing und Werbung, um auf diesem Markt Fuß zu fassen. Zwei Millionen Hispano-Unternehmen machen mit über zwei bezahlten Millionen Angestellten einen Jahresumsatz von rund 250 Milliarden Dollar. Sie betreiben Supermarktketten und Restaurants, Reinigungsunternehmen, Medien, Werbeagenturen, Transportunternehmen und Verpackungsfirmen.

Erfolgsgeschichten gibt es im Wirtschaftsleben

Die Latinos gründen sehr viel mehr kleine und mittlere Unternehmen als weiße oder schwarze Amerikaner. Die US Bank und die US Hispanic Chamber of Commerce (USHCC; 40 Handelskammern in Kalifornien, 20 in Texas) haben vor kurzem einen Finanzierungsfonds für Latino-Unternehmen mit einem Gesamtvolumen von einer Milliarde Dollar aufgelegt. Diese erfolgreiche wirtschaftliche Integration übersetzt sich in parteipolitische Orientierung. So hat die USHCC zum Beispiel 2005 öffentlich den von Bush nominierten streng konservativen Richter John Roberts als Kandidaten für den Supreme Court unterstützt. In der Tat sind die meisten Einwanderer aus Lateinamerika – überwiegend praktizierende Katholiken – in Sachen Familienpolitik, Abtreibung oder Homosexualität ebenso konservativ, wie die amerikanischen Ultrakonservativen.

In Houston besucht der Menschenrechtsaktivist Juan Álvarez jeden Tag eine Reihe von esquinas – Tankstellen, Supermärkte, Einkaufszentren – wo die illegalen Arbeiter ihre Dienste als Tagelöhner anbieten. In ganz Amerika gibt es rund 100 000 solcher jornaleros. Seltsamerweise sind die esquinas Mitte Oktober alle leer. Álvarez erklärt, warum: „Viertausend von ihnen sind nach New Orleans gegangen, um im Überschwemmungsgebiet zu arbeiten.“ Dass sie dafür weniger Geld bekommen als weiße oder schwarze Amerikaner, stört die illegalen Latinos wenig. Nur Ray Nagin, der afroamerikanische Bürgermeister von New Orleans, hat sich beklagt, dass die Stadt von einer „Überschwemmung“ durch die Latinos heimgesucht werde.

Fußnoten: 1 In den USA werden die Begriffe „Latino“ oder „Hispano“ ohne Bedeutungsunterschied verwandt. 2 Nach der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) musste man in den USA 2001 mindestens 8,70 Dollar pro Stunde (17 960 Dollar pro Jahr) verdienen, um nicht unter die Armutsgrenze zu fallen; 40,4 Prozent der Latinos lebten damals in Haushalten, die weniger als diese Summe zur Verfügung hatten. Vgl. James Cohen, „Spanglish America“, Paris (Le Félin) 2005. 3 pewhispanic.org/topics/index.php?TopicID=16. Aus dem Französischen von Sonja Schmidt Jean-François Boyer lebt als Journalist in Miami.

Le Monde diplomatique vom 09.12.2005, von Jean-François Boyer

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