Türkei und Russland - eurasische Rivalen

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Türkei und Russland – eurasische Rivalen

von Mischa Gabowitsch

Am 17. November dieses Jahres wurde im türkischen Schwarzmeerhafen Samsun mit großem Tamtam und im Beisein von Präsident Putin und Premierminister Erdogan der „Blue Stream“ eingeweiht. Durch diese Pipeline quer durch das Schwarze Meer gelangt schon seit Monaten Erdgas aus Russland in die Türkei. 3,7 Milliarden Kubikmeter pro Jahr sind es zurzeit, nach Verlegung einer zweiten Pipeline sollen es nach Putins Vorstellung 14 Milliarden werden. Auch eine Ölpipeline ist in der Diskussion. Damit würde die Türkei zu einem der wichtigsten Transitländer für die russischen Bodenschätze, auf die sich die Macht des Kremls im Wesentlichen gründet. Entsteht da am Rande der Europäischen Union eine eurasische Koalition, die über wirtschaftliche Interessen hinaus auch politische Implikationen haben könnte?

Ein Blick auf die Geschichte der seltsamen russisch-türkischen Beziehungen lehrt, warum es kaum zu einem langfristigen Bündnis kommen dürfte. Fast genau hundert Jahre liegen zwischen den beiden Ereignissen, die Russland und die Türkei in die Liga der Weltmächte katapultierten – der osmanischen Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 und der Einnahme des tatarischen Kasan durch Iwan IV. anno 1552. Bereits lange zuvor jedoch hatten beide Staaten einen Anspruch auf das politische und kulturelle Erbe von Byzanz angemeldet. Dieser Anspruch, dessen Wurzeln in das Reich der Rum-Seldschuken (11. bis 13. Jahrhundert) bzw. zur symbolischen Taufe der Rus im Jahr 988 zurückreicht, wird heute gern als historischer Beleg für die europäische Identität der beiden Länder angeführt – auch gegenüber den Skeptikern, die eine solche Identität in beiden Fällen in Zweifel ziehen.

Anders als Europas maritime Imperien – Spanien, Portugal, die Niederlande, Großbritannien und Frankreich –, aber ähnlich den Habsburgern, war für die Dynastien der Osmanen und der Romanows, wenn auch auf sehr verschiedene Weise, die Einbeziehung religiöser und ethnischer Minderheiten in ihr Herrschaftssystem entscheidend beim Aufbau ihrer Vielvölkerreiche, wenngleich auch militärische Eroberungen eine wichtige Rolle spielten.

Auf dem Wege nach Europa

Beide Imperien durchlebten aber auch Verfallsperioden, die reformorientierte neuen Herrscher dazu motivierten, eine Strategie der Modernisierung und Verwestlichung einzuleiten. Im Zuge dieser Entwicklung entstanden äußerst produktive – und vielfach oppositionelle – kulturelle Milieus, die jedoch an die autokratischen Regime gekettet blieben, die sie hervorgebracht hatten. Für die Intellektuellen wurde „der Westen“ – zunächst Frankreich, dann Deutschland – zum wichtigsten Orientierungspunkt – und später für die Modernisierungsgegner entsprechend zum Hauptfeind auf der Suche nach einem „eigenen Weg“.

Sowohl in der Türkei als auch in Russland hatten es Intellektuelle und politische Modernisierer bis vor kurzem mit einer vorwiegend bäuerlichen Bevölkerung zu tun, die sie als Haupthindernis auf dem Weg nach Europa sahen. Schließlich tun sich die politischen und intellektuellen Eliten in beiden Ländern (aber auch in anderen nichtwestlichen früheren Imperien wie etwa Japan) schwer damit, historische Verbrechen aufzuarbeiten. Und auf entsprechende Mahnungen aus dem Ausland reagieren sie mit nahezu hysterischer Feindseligkeit.

Die offensichtlichste Parallele ist jedoch auch die wichtigste: Beide Länder sind euroasiatisch. Obwohl weder Russland noch die Türkei jemals ernsthaft ihren europäischen Ambitionen abgeschworen oder sich auch nur als überwiegend asiatische Mächte wahrgenommen haben, liegt der Großteil der Territorien beider Länder auf traditionell als „asiatisch“ geltendem Gebiet. Die von turksprachigen Völkern bewohnten Regionen Zentralasiens und des Kaukasus haben sowohl für die Türkei als auch für Russland nicht nur eine geopolitische Bedeutung, sondern sind auch potenzielle Quellen alternativer Identitäten: Es sei nur an den russischen Eurasismus sowie an den Pantürkismus und den modischen Begriff avrasya erinnert. Im Westen wird oft vergessen, dass Russland immer noch das europäische Land mit der nach der Türkei zweitgrößten muslimischen Bevölkerung ist. Figuren wie der tatarische Intellektuelle Ismail Gasprinski (1851 bis 1914) hat die Muslime beider Reiche erheblich beeinflusst.

Vor diesem Hintergrund wie angesichts der geografischen Nachbarschaft und einer logischen geopolitischen Rivalität waren die Beziehungen zwischen den beiden Imperien über Jahrhunderte hinweg sehr antagonistisch und führten in 200 Jahren zu nicht weniger als acht Kriegen.

Zu sowjetischen Zeiten wurde diese nahezu permanente Feindschaft zweimal unterbrochen. Zunächst durch einen längeren Flirt zwischen der kemalistischen Türkei und dem jungen Sowjetrussland – zwei Rumpfstaaten, die dennoch die größten unter den vielen im Ersten Weltkrieg neu entstandenen Gebilden waren und gegen Feinde zu kämpfen hatten, die von der westlichen Entente unterstützt wurden. Schon 1920 nahm die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik, der Kern der späteren UdSSR, diplomatische Beziehungen zur Regierung der zukünftigen Türkischen Republik auf, die im Gegenzug die Sowjetunion sofort nach ihrer Ausrufung im Dezember 1922 anerkannte. 1921, noch vor Ende des russischen Bürgerkriegs und des Griechisch-Türkischen Kriegs, unterzeichneten die beiden Regierungen einen Freundschaftsvertrag, der Adscharien dem sowjetischen Georgien zusprach und der Türkei die Städte Kars, Ardahan und Artvin und ihr Umland.1

Diese relativ guten Beziehungen zwischen zwei autoritären Modernisierungsregimen überdauerten jedoch den Tod Atatürks und den Zweiten Weltkrieg nicht; danach ging die Türkei mit ihrer neuen Westbindung und einer verständlichen Furcht vor kommunistischem Einfluss andere Wege.

Freie Fahrt für russische Kriegsschiffe

Ein begrenzteres Tauwetter folgte in den 1960er-Jahren. 1958 hatte die Sowjetunion endlich Russlands jahrhundertealtem Anspruch auf den Bosporus und die Dardanellen eine formelle Absage erteilt. Diese Begehrlichkeit war im 18. und 19. Jahrhundert ein zentraler Aspekt der „orientalische Frage“ gewesen, die zu einem der wichtigsten geopolitischen Themen der europäischen Außenpolitik wurde.

Jeder russische Herrscher seit Peter dem Großen träumte von freier Fahrt für russische Kriegsschiffe durch die Meerengen, um das Schwarze Meer als russisches Binnengewässer abzusichern und ans Mittelmeer vorzudringen. Generationen messianischer russischer Nationalisten zog es nach Konstantinopel. Heute haben die Meerengen ihre geopolitische Bedeutung eingebüßt, obwohl die Türkei als Nato-Vorposten gegenüber der Sowjetunion auch Reminiszenzen an die alte „orientalische Frage“ auslöste.

In der Epoche des Kalten Krieges gehörte die Türkei dem einen und die UdSSR dem anderen Lager an. Der gegenseitige Argwohn erstickte jedes Interesse aneinander: In der Türkei entwickelte sich nichts, was mit der Sowjetologie der westlichen Nato-Partner vergleichbar gewesen wäre, und auch in der Sowjetunion blieb die Zahl der Experten für die moderne Türkei (vorzugsweise Spione) bescheiden, selbst im Vergleich zur erstaunlich geringen Anzahl sowjetischer Kenner der USA, Lateinamerikas oder der arabischen Welt. Der kulturelle Austausch beschränkte sich auf vereinzelte Literaturübersetzungen (eher russischer Literatur ins Türkische als umgekehrt) und – seltener – auf offiziell sanktionierte Besuche von Schriftstellern und Kritikern. Ein Sonderfall war der türkische Dichter Nâzim Hikmet, der als Kommunist 1950 flüchten musste und in der Sowjetunion Aufnahme fand.

In den letzten 15 Jahren nun, da Russland und die Türkei keine unmittelbaren Nachbarn mehr sind, haben die wirtschaftlichen und auch die politischen Beziehungen zwischen beiden Ländern ein Höchstmaß an Intensität erreicht. Vor allem dank der Energielieferungen ist Russland heute nach Deutschland der zweitwichtigste Handelspartner der Türkei. Türkische Bauunternehmen sind in Russland sehr präsent; seit kurzem gibt es in der Moskauer Innenstadt sogar ein schickes Einkaufszentrum in türkischem Besitz. Die Türkei ist das beliebteste Reiseziel für russische Touristen, die heute die größte Besuchergruppe an den Stränden der Süd- und Westküste stellen. Auch auf politischer Ebene gibt es regelmäßige gegenseitige Besuche. Und trotz schwelender Differenzen über Tschetschenien wird viel von einer neuen russisch-türkischen Partnerschaft gesprochen, die in beiden Ländern als Gegengewicht zur EU bedeutsam werden könnte.

Der Begriff „multipolare Welt“ ist in Russland seit dem Ende der Westeuphorie in Mode; insbesondere nationalistische Politiker halten ständig Ausschau nach potenziellen geopolitischen Partnern. Einige betrachten die Türkei als Erzfeind, wie etwa Wladimir Schirinowski, ein studierter Türkeiexperte, der Ende der 1960er-Jahre wegen kommunistischer Propaganda von Ankara ausgewiesen wurde, oder Jegor Cholmogorow, der von einer zweiten „orthodoxen“ Eroberung Konstantinopels träumt. Andere, etwa der rechtsextreme Ideologe Alexander Dugin, sehen in der Türkei einen potenziellen Verbündeten bei der Schaffung eines neuen antiamerikanischen Superreichs auf dem eurasischen Kontinent.

Zweifellos sind alle diese Projekte Hirngespinste. Der Grund dafür ist nicht etwa die geostrategische Rivalität zwischen Russland und der Türkei in Zentralasien, die sich ohnehin erledigt hat. Denn die pantürkischen Illusionen der frühen 1990er-Jahre haben sich totgelaufen. Ankara beschränkt sich heute auf das viel bescheidenere Projekt einer türkischen Kulturdiplomatie gegenüber den turksprachigen ehemaligen Sowjetrepubliken und auch, weniger spürbar, gegenüber den Muslimen in Russland.

Das Westeuropa der Nachkriegszeit bietet viele Beispiele, wie uralte Rivalen zu neuen Partnern werden können. Voraussetzung dafür ist jedoch stets eine Absage an Großmachtpolitik. Im Fall Russlands müsste dies zumindest bedeuten, den ungelenken Interventionismus des Kreml im Südkaukasus einzustellen. Doch in Moskau sind viele Beobachter überzeugt, dass die Türkei in diesem Falle nur allzu gern gemeinsam mit den USA die Zügel in die Hand nehmen würde.

Dieser Argwohn erklärt sich auch aus dem Fehlen kultureller Beziehungen und aus einem Mangel an Wissen übereinander. Die Öffnung des Eisernen Vorhangs hat eine Flut von Übersetzungen westeuropäischer Autoren mit sich gebracht und zahlreiche Besuche französischer, deutscher und amerikanischer Künstler und Musiker in Russland ermöglicht. Die Präsenz der türkischen Kultur jedoch beschränkt sich auf Tarkan, dessen Liedtexte niemand versteht, und einige Romane von Orhan Pamuk, die kaum jemand liest.

Die Situation in der Türkei ist etwas besser; aber auch hier ist die Literatur des 19. Jahrhunderts immer noch viel bekannter als die russische Gegenwartskultur. Trotz der beachtlichen wirtschaftlichen Verbindungen zwischen den beiden Fastnachbarn laufen die wenigen kulturellen Beziehungen stets auf dem Umweg über den Westen. Die einzige Ausnahme mag ein wenn auch begrenzter türkischer Einfluss auf die islamischen Gemeinden in Russland sein.

Ausgesprochen tragisch ist, dass durch den Eisernen Vorhang eine jahrhundertealte Tradition kultureller Mittler abgeschnitten wurde, die ganz praktisch-alltägliche Verbindungen zwischen den benachbarten Reichen geschaffen hatten. Diese Mittler waren zum einen Armenier, Griechen und andere Minderheiten, die Untertanen des Zaren wie des Sultans waren; zum anderen die Bewohner von Grenzregionen, etwa des multikulturellen Odessa, die Russisch und Türkisch sprachen und mit Waren wie Pelzen und Gewürzen, aber auch mit revolutionären Ideen handelten. Die zahlreichen „weißen“ Emigranten, die vor der russischen Revolution nach „Konstantinopel“ geflohen waren, waren nicht geeignet, eine solche Mittlerrolle zu spielen. Sie waren an der türkischen Kultur kaum interessiert und wurden ohnehin bald wieder vertrieben, weil sie angeblich die türkische Jugend verdarben.

Die Sprache des Westens sprechen

In Russland beschränkt sich heute das institutionelle Wissen über die Türkei auf das Institut für Orientalistik an der notorisch unterfinanzierten Russischen Akademie der Wissenschaften. Umgekehrt hat das einzige halbwegs bekannte Zentrum für Russlandstudien in der Türkei (an der Bilkent-Universität in Ankara) noch keine bedeutenden wissenschaftlichen Studien hervorgebracht. Russland ist in der modernen Türkei also noch bei weitem nicht so präsent wie etwa in den Nachbarstaaten Syrien und Irak, wo es immer noch viele Russlandexperten gibt.

Diese wechselseitige Unkenntnis ist insofern für die Zukunft bedeutsam, als sie die Möglichkeit einer Zusammenarbeit beschränkt. Doch eine antiwestliche Allianz wäre ohnehin unwahrscheinlich, weil die beiden Spielarten des Antiwestlertums so verschieden sind, dass sie als ideologische Basis für eine strategische Zusammenarbeit (als Alternative zur EU) nicht taugen. Auf russischer Seite dominiert derzeit noch der Phantomschmerz der ehemaligen Supermacht, auf türkischer Seite eher eine Enttäuschung über die zähen Beitrittsverhandlungen. Zudem sind die Volkswirtschaften beider Länder stark nach dem Westen ausgerichtet. So war eine italienische Firma am Bau der „Bluestream“-Pipeline beteiligt, und sie wurde vom italienischen Staat mitfinanziert, weshalb Silvio Berlusconi im November in Samsun mit Erdogan und Putin der Dritte im Bunde war. Auch die kulturellen Beziehungen sind auf den Westen ausgerichtet. Hier ist nicht zuletzt Deutschland – als Heimat der größten türkischen wie auch russischen Diaspora – ein kultureller Magnet. In Russland wie in der Türkei müssen diejenigen, die ihre europäische Identität unter Beweis stellen wollen, und selbst diejenigen, die ihrem Land alles Europäische absprechen, vor allem die Sprache des Westens sprechen.

Russland und die Türkei sind in dieser Hinsicht natürlich nicht einzigartig, sie teilen ihre prekäre Identität mit den meisten Entwicklungsländern (die man heute euphemistisch emerging markets nennt), ja mit den meisten nichtwestlichen Ländern überhaupt.

Und doch gibt es zwei Besonderheiten, die beide Länder gemeinsam haben: Sie sind die einzigen ehemaligen Imperien, die an die EU grenzen. Und sie glauben – zumindest theoretisch – an die Chance einer künftigen EU-Mitgliedschaft (auf mittlere Sicht im Fall der Türkei, auf sehr lange Sicht im Fall Russlands), obwohl ihnen die europäische Identität von den anderen Europäern häufig abgesprochen wird. Nicht selten sind dabei mehr Emotionen als Argumente im Spiel. Und selbst die größten Skeptiker müssen einräumen: Auch wenn Russland und die Türkei nicht europäisch sind, so sind sie dies doch weniger als andere Nichteuropäer.

Der wichtigste Unterschied liegt darin, dass die EU-Mitgliedschaft der Türkei, anders als die Russlands, von den Entscheidungsträgern der gegenwärtigen EU zumindest nicht ausgeschlossen wird. Auch deshalb ist heute in der Türkei, anders als in Russland, auf politischer, gesellschaftlicher und kultureller Ebene eine kritische Masse vorhanden, die sich für eine europäische politische Identität ausspricht und davon ausgeht, dass diese mit der nationalen kulturellen Identität potenziell vereinbar ist. Diese konsensuale Stimmung hat es möglich gemacht, weitreichende, wenn auch sicherlich noch ungenügende Reformen einzuleiten.

Das ist gut so; denn eine antiliberale, antidemokratische und antiwestliche Internationale, wie sie etwa Dugin vorschwebt, würde nicht nur den Westen gefährden, sondern auch die Zivilgesellschaft und die politischen Freiheiten in den beteiligten Ländern. Berechtigte Bedenken gegenüber einer kulturellen Globalisierung und einem übermäßigen westlichen Einfluss sollten uns nicht blind machen für die Gefahren, die eine auf der Opposition zum Westen basierende internationale kulturelle Zusammenarbeit birgt. Gegenüber Russland zeigt die EU heute, anders als im Falle der Türkei, noch nicht den politischen Willen, die Forderung nach Menschenrechten und Demokratie auf die Tagesordnung zu setzen. Vielleicht ist dies deshalb so, weil die EU den Russen andernfalls eine EU-Mitgliedschaft zumindest als entfernte Option in Aussicht stellen müsste.

Auf bilateraler Ebene scheint es durchaus möglich, dass sich die russisch-türkischen Beziehungen über den Energie- und Bausektor hinaus entwickeln, ohne zu einer bedrohlichen antiwestlichen Allianz zu mutieren. Ein solcher Hoffnungsschimmer wird aber nur sichtbar, wenn wir die Perspektive wechseln und statt der Hochkultur die „Graswurzel“-Ebene betrachten. Hier hat sich eine wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern über den „Kofferhandel“ und den Tourismus herausgebildet. Anfang der 1990er, als die Textilproduktion in der ehemaligen Sowjetunion zum Stillstand kam, versorgten die „Sackhändler“ – Privatleute mit voll gepackten Koffern – die Russen mit türkischer Kleidung. Obwohl im Niedergang begriffen, bleibt der Textilhandel für die Türkei eine wichtige Einkommensquelle. Händler aus dem Istanbuler Stadtviertel Lalile, die im Rahmen einer Studie zu dem Phänomen befragt wurden, erklärten, sie würden die Nachrichten aus Russland genauer verfolgen als die über die Türkei.2

Der Billigtourismus hat hunderttausende Russen in die Türkei gebracht. Zwar bleiben die meisten in ihren 5- Sterne-Ghettos von der Kultur des Gastlandes abgeschottet, doch es gibt inzwischen tausende russisch sprechender Türken und türkisch sprechender Russen wie auch Mischehen mit Kindern, die einmal in beiden Kulturen zu Hause sein werden. Die Frage ist, ob man sie jemals als Europäer anerkannt.

Fußnoten: 1 Mit Reminiszenzen an diese russische Vergangenheit spielt Orhan Pamuks in seinem Roman „Schnee“, der Kars zum Schauplatz hat. 2 „Turkey: suitcase trade part – trade is lucrative, but numbers are declining“, www.bisnis.doc.gov/bisnis/country/Turkey.htm. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.12.2005, von Mischa Gabowitsch

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