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Wählerwanderung in Macomb County

Kurz vor der Wiederwahl von George W. Bush im Jahr 2004 fragte der amerikanische Journalist Thomas Frank: „Warum wählen die Armen rechts?“1 Diese Frage stellt sich seit 1980, als Ronald Reagan an die Macht kam, nachdem ein Teil der weißen Wählerschaft aus dem Arbeitermilieu und der unteren Mittelschicht nicht mehr für die Demokraten, sondern für die Republikaner gestimmt hatte. Diese massive Wählerwanderung war umso erstaunlicher, als viele der gewerkschaftlich organisierten Wähler in Gebieten lebten, die besonders stark unter der Rezession litten.

Diese Entwicklung versucht der demokratische Politikberater Stanley Greenberg anhand der politischen und soziologischen Analyse von Macomb County zu erklären. In dem nördlich von Detroit gelegenen Landkreis, in dem überwiegend Angehörige der weißen Mittelschicht und Arbeiter leben, stimmten 63 Prozent im Jahr 1960 für John F. Kennedy und gegen Richard Nixon. 1984 aber gingen dort zwei Drittel der Stimmen an Ronald Reagan. Greenberg zufolge haben im Lauf dieser 24 Jahre die Klasseninteressen mehr und mehr an Bedeutung verloren, während die „traditionellen Werte“ wieder hochgehalten wurden.

Am 4. November 2008 hat Macomb County allerdings mit 53 Prozent Barack Obama gewählt. In einem Kommentar mit dem Titel „Goodbye, Reagan Democrats“, der eine Woche später in der New York Times erschien, veröffentlichte Greenberg die Ergebnisse einer Umfrage, die er am Wahlabend durchgeführt hatte: 60 Prozent der 750 in Macomb County befragten Personen erklärten, sie würden sich mit Obama „wohlfühlen“ und „seine Werte teilen“.

Erstaunlicher fand Greenberg aber die Resultate im Nachbarkreis Oakland County, einem der reichsten Bezirke der USA und jahrelang Hochburg der Republikaner. Hier bekam Obama 57 Prozent der Stimmen. Der massive Zustrom der gebildeten Mittelschicht – darunter viele Angehörige ethnischer Minderheiten –, aber auch die sich zuspitzende Wirtschaftskrise haben dem demokratischen Kandidaten den Sieg gebracht.

„Mein Macomb-Barometer bewährt sich“, folgerte Greenberg. „In vier Jahren werden wir vermutlich erleben, dass die Kandidaten ihre Conventions in Oakland County durchführen, um das neue Amerika zu sehen.“

Bei regionalen Wahlen werden trotzdem auch in Zukunft Angst, Rassismus und die abwehrende „Nimby“-Haltung (Not in my backyard, nicht in meinem Hinterhof) bestimmend für die Wahlentscheidung sein. Sowohl die republikanischen als auch die demokratischen Abgeordneten von Macomb County und Oakland County wehren sich nach Kräften dagegen, den Reichtum ihrer Bezirke mit den Bewohnern der Stadt Detroit zu teilen.

Fußnote:

1 Thomas Frank, „Was ist mit Kansas los? Wie die Konservativen das Herz von Amerika erobern“, dt. von Friedrich Griese, Berlin (Berlin Verlag) 2005.

Le Monde diplomatique vom 15.01.2010,