15.01.2010

Wie Gold, nur besser

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Wie Gold, nur besser

Fette Dividenden aus Afrikas Böden von Joan Baxter

Mit der Gründung einer privaten Finanzgesellschaft im Jahr 1876 wollte sich Belgiens König Leopold II. die Kontrolle über die heutige Demokratische Republik Kongo sichern. Um seine imperialen und materiellen Absichten zu verbergen, tarnte er das Unternehmen als wissenschaftlich-philantropische Gesellschaft. Mit diesem Trick gelang es Leopold auf der Berliner Konferenz von 1884/85, die Abgesandten der USA und 13 europäischer Staaten von der Ehrenhaftigkeit seiner Pläne zu überzeugen. Die Konferenz fasste den Beschluss, dem belgischen König die Souveränität über den Freistaat am Kongo zu übertragen. So begann die koloniale Zerstückelung des afrikanischen Kontinents.

Eine Zeitreise von 125 Jahren: Am 18. November 2009 hält Tony Blair im neoimperialen Ambiente des Londoner Queen Elizabeth II. Conference Centre eine Rede vor dem sogenannten Sierra Leone Investment Forum. Zu den Organisatoren der Veranstaltung gehörte die von Blair gegründete African Governance Initiative (AGI), die darauf aus ist, Sierra Leone an potenzielle Investoren zu verkaufen. Der ehemalige britische Premierminister verweist die Interessenten auf die „Millionen Hektar landwirtschaftlich nutzbarer Flächen“, die in Sierra Leone zu haben sind.1 In seinem Eifer scheint Blair ganz entgangen zu sein, dass auf diesen Flächen ein paar Millionen Landeskinder leben, die auf deren Erträge angewiesen sind.

Der alte König Leopold hätte sich auf diesem Investment Forum bestimmt wie zu Hause gefühlt und wissend mit dem Kopf genickt, als Blair seine Zuhörer aufforderte, Land und Strände in Sierra Leone aufzukaufen und damit stattliche Gewinne zu machen.2 Auch der hehre Anspruch, „einen praktikablen Ansatz im Sinne von Entwicklung und Armutsbekämpfung“ zu verfolgen, hätte dem belgischen König ein nostalgisches Déjà-vu-Gefühl vermittelt: Sein damaliger Plan, sich einen großen Teil von Afrika einzuverleiben – natürlich im Namen von Entwicklung und Fortschritt –, hat offenbar alerte und erfolgreiche Nachahmer gefunden.

Die neuerliche Zerstückelung Afrikas hat begonnen. Nur sind die Akteure heute nicht die Könige und Königinnen kolonialer Reiche, sondern die Majestäten der Finanzmärkte, Großkonzerne und reichen Staaten. Sie richten ihre begehrlichen Blicke auf das Kapital, das sich noch im Besitz der Afrikaner befindet: der landwirtschaftlich nutzbare Boden. Internationale Banken und Investmentfonds, Industrieländer, Agrarkonzerne und reiche Einzelunternehmer wollen auf Riesenflächen gigantische industrielle Großfarmen aufziehen, die Nahrungsmittel und Biosprit produzieren sollen – für den Export und den Profit, versteht sich.

„Ausländische Direktinvestitionen in die Landwirtschaft“ lautet die harmlose Vokabel für das neue land grabbing auf dem afrikanischen Kontinent.3 Die Institutionen, die diese Landnahme propagieren, sprechen von einem Geschäft, bei dem es nur Gewinner gibt. Zu denen gehören unter anderem die International Finance Corporation (IFC) der Weltbank, der International Fund for Agricultural Development (Ifad) und sogar die Welternährungsorganisation FAO, obwohl deren Generaldirektor Jacques Diouf sich anfangs dazu hinreißen ließ, das land grabbing als eine Form von „Neokolonialismus“ zu bezeichnen.

Diesen Gedanken hat sich wenig später ein anderer zu eigen gemacht: Muammar al-Gaddafi. Auf dem Welternährungsgipfel Mitte November letzten Jahres in Rom rief der libysche Staatspräsident die Welt zum Kampf gegen „den neuen Feudalismus“ auf. Er vergaß dabei nur, dass er selbst zu den neuen Feudalherren gehört: Im Nachbarstaat Mali, wo die Wüstenbildung rasant voranschreitet, hat sich Libyen 100 000 Hektar wertvollen Ackerboden am Nigerufer unter den Nagel gerissen.

Auch Peking ist mit von der Partie. Angeblich 2,8 Millionen Hektar groß ist die Fläche, die China in der Demokratischen Republik Kongo gepachtet hat, um die größte Ölpalmenplantage der Welt aufzuziehen.4 Und Philippe Heilberg, der dem New Yorker Investmentfonds Jarch Capital vorsteht, hat im Süden des Sudan mit dem Sohn des Warlords Paulino Matip einen Pachtvertrag über 400 000 Hektar Land abgeschlossen.5 Susan Payne, Exchefin von Goldman Sachs und heute an der Spitze von Emergent Assets Management, betreibt unter anderem einen African Land Fund, der bereits in sieben afrikanischen Staaten Land aufgekauft hat – laut Werbeprospekt handelt es sich durchweg um „sozial verantwortliche Investitionen“.

In Äthiopien organisierten fünfzig große saudische Unternehmen ein Forum über Investitionschancen bei landwirtschaftlichen Exportprodukten, auf dem die Möglichkeiten des Grunderwerbs in Ostafrika vorgestellt wurden. Der Inder Sai Ramakrishna Karuturi, der mit seiner Expansionsstrategie den Agrogiganten Cargill abhängen will, besitzt nach eigenen Aussagen die größte „land bank“ der Welt. Ein Großteil dieses Bodens liegt in Äthiopien,6 dem Land also, dessen Regierung die Welt um Nahrungsmittelhilfe für 6,2 Millionen Menschen anfleht, nachdem eine Dürrekatastrophe die Ernten vernichtet hat. Die äthiopische Regierung hat bereits 600 000 Hektar verpachtet und sucht Investoren für weitere 3 Millionen Hektar, auf denen riesige – und sehr wasserintensive – Plantagen für Exportprodukte entstehen sollen.7 In der Republik Kongo mit ihrem wertvollen und bedrohten Regenwald bekommen südafrikanische Großfarmer vom Präsidenten 10 Millionen Hektar zur agrarischen Nutzung angeboten. Und die Liste solcher Projekte in Afrika wird ständig länger.

Die lange und traurige Vorgeschichte des heutigen land grabbing begann mit der Ausbeutung von Millionen Afrikanern, die als Sklaven in die Neue Welt verschleppt wurden, um dort als Plantagenarbeiter den Reichtum der amerikanischen Großgrundbesitzer zu mehren. Dann kam die Epoche der kolonialen Ausplünderung, in der sich die Europäer die Bodenschätze und Diamanten sowie das Holz Afrikas aneigneten, gefolgt von jahrzehntelanger neokolonialer Ausbeutung, die mit den ersten Ölfunden begann. Inzwischen wurde die Ausplünderung mit neuen Methoden betrieben: mit politischer Einmischung, etwa um nationalistische Führer und Widerstandsbewegungen zu bekämpfen oder auszuschalten, oder mit monetaristischen Strategien wie den berühmten Strukturanpassungsprogrammen von IWF und Weltbank. Und natürlich mittels eines liberalisierten Welthandels, der die afrikanischen Märkte für die Dumpingwaren der westlichen Industriestaaten „geöffnet“ hat.

Übernahme durch Katastrophenkapitalisten

Nach alledem ist der afrikanische Kontinent verschuldet, abhängig und dem ausländischen Kapital auf Gedeih und Verderb ausgeliefert – und damit reif für die Übernahme durch „Katastrophenkapitalisten“. Als solche bezeichnet Naomi Klein die Unternehmer, die die ökonomischen, politischen, gesellschaftlichen und ökologischen Katastrophen unseres Planeten zu verantworten haben und auch hinterher noch zwischen den Trümmern ihre Geschäfte betreiben.8

Bei ihrem Wettlauf um die Gunst der Katastrophenkapitalisten rennen sich die afrikanischen Staatsführer fast über den Haufen. Sie alle locken die landgierigen Unternehmen mit allerlei Zugeständnissen und Anreizen. Sie sind so naiv zu glauben, dass sich mit gigantischen, für den Export produzierenden Agrarkonzernen auch die Ernährungs- und Beschäftigungsprobleme in ihren Ländern lösen ließen – und scheinen zu vergessen, welche Bedeutung die kleinbäuerliche Subsistenzlandwirtschaft bei ihnen hat.

Der wichtigste Pate dieser afrikanischen Politiker ist die International Finance Corporation der Weltbank, die auf dem ganzen Kontinent „One Stop Shops“ eingerichtet hat. Diese Agenturen für Investitionsförderung sind genau genommen nur dazu da, den Investoren lästige Steuern zu ersparen und sie vor Gesetzen zu bewahren, die den Schutz der Arbeiter, der Menschenrechte, der Umwelt und letztlich der afrikanischen Souveränität gewährleisten könnten.

Häufig behaupten die Investoren, das von ihnen erworbene Land sei „ungenutzt“ oder „untergenutzt“ oder läge einfach nur brach. Dieses Argument, das auch afrikanische Regierungen gern heranziehen, verkennt aber die Bedeutung des ausgeklügelten Systems der Bodennutzung, bei dem die Brache dazu dient, die Bodenqualität zu verbessern und ganze Landschaften oder etwa bestimmte Wasserläufe zu schützen. Gleichfalls übersehen wird dabei der unglaubliche Reichtum an Nahrungsmitteln, Gewürzen, Ölen, Aromastoffen und medizinischen Substanzen, den diese angeblich ungenutzten Wald- und Buschflächen für die einheimische Bevölkerung darstellen.

Das International Food Policy Research Institute (Ifpri) schätzt, dass in den letzten beiden Jahren mindestens 20 Millionen Hektar afrikanischen Bodens in mehr als 30 Ländern entweder verkauft oder für einen Zeitraum von 30 bis 100 Jahren verpachtet wurden.9 Viele dieser Geschäfte werden hinter verschlossenen Türen ausgehandelt, oft mit dem Segen traditioneller Herrscher und Häuptlinge. Die sollten sich eigentlich als Hüter des Bodens verstehen, lassen sich aber häufig durch ein kleines Geschenk oder einen schlecht bezahlten Verwaltungsjob auf der Plantage des Investors zur Unterschrift bewegen.

Der Klimawandel als Katalysator

Die erworbenen Flächen wollen die Käufer – zumal die aus den ölreichen Golfstaaten und China – als Offshore-Farmland nutzen, um damit ihre eigene Lebensmittelversorgung sicherzustellen, und sei es auf Kosten der der Afrikaner. Auch sollen auf etlichen Flächen künftig Pflanzen für Biosprit wachsen: Nahrungsmittelpflanzen wie Zuckerrohr, Ölpalmen, Maniok und Mais oder andere Pflanzen wie Purgiernuss (Jatropha). Dabei ist gerade in den Ländern die eigene Nahrungsmittelversorgung stark gefährdet, weil ihre Wasservorräte schwinden und die Bodenerträge sinken – und zwar als Folge des Klimawandels, für den Afrika bekanntlich nicht verantwortlich ist.

Der Klimawandel wirkt für das land grabbing einerseits als Beschleunigungsfaktor, weil er Ängste vor Lebensmittelknappheit erzeugt und damit die Profiterwartungen verbessert. Umgekehrt kann aber auch der Landhunger des Agrobusiness den Klimawandel beschleunigen. Denn die dadurch verdrängte traditionell kleinbäuerliche Landwirtschaft zeichnet sich in der Regel durch eine hohe Biodiversität aus, die den Boden vor den Auswirkungen des Klimawandels schützt.10

Ausgerechnet diese traditionellen Anbaumethoden sind von den Großprojekten des Agrobusiness besonders bedroht: Diese Monokulturen erfordern gigantische Mengen an Pestiziden, Herbiziden und Kunstdünger, der aus fossilem Brennstoff gewonnen wird, sowie den Einsatz von Maschinen, die einen hohen Verbrauch an fossilen Brennstoffen und Wasser haben. Das International Institute for Sustainable Development (IISD) urteilt deshalb, das land grabbing sei in Wahrheit ein „water grabbing“, also der Zugriff auf die Wasserquellen.

Zusätzlich angeheizt werden die Landkäufe durch die globale Nahrungsmittelkrise. Deren Ursache liegt nicht etwa in einem allgemeinen Nahrungsmittelmangel, sondern im Mangel an erschwinglichen Nahrungsmitteln für die rund eine Milliarde Menschen, die weltweit Hunger leiden. Als 2008 die Weltmarktpreise für Lebensmittel plötzlich in die Höhe schossen, ging dies zum Teil auf die wilde Spekulation zurück, die EU und USA mit ihren neuen Biospritvorgaben ausgelöst hatten. Der Run auf erneuerbare Treibstoffe – die nach Ansicht vieler Experten den Klimawandel kaum eindämmen werden – verstärkt paradoxerweise also auch den Run auf die afrikanischen Böden.

Auch die globale Finanzkrise treibt das land grabbing weiter an. Ausgelöst haben diese Krise dieselben risikoliebenden Banken, Investmentunternehmen und Finanzinstitute, die für ihr Kapital nun nach sicheren Anlagemöglichkeiten suchen. „Land bank“ (Bodenbank) ist die neue Bezeichnung für Ackerland, das die Manager der Hedgefonds, der Private-Equity-Branche und der großen Pensionsfonds propagieren. Nach Ansicht des Finanzexperten Chris Mayer ist Landerwerb eine Wertanlage „wie Gold, nur besser“.11

Diese von Investmentbankern, Konzernen und Milliardären betriebene Form der Landwirtschaft – beziehungsweise das, was unter diesen Umständen von der Landwirtschaft noch übrig bleibt – ist ungefähr das Gegenteil der Anbaumethoden, wie sie in Afrika 80 Prozent der Bauern betreiben. Eine umfangreiche Langzeitstudie belegt eindeutig, wie nachhaltig und ökologisch vernünftig diese Art des bäuerlichen Wirtschaftens ist.12

Das sieht der Chef der Abteilung Agribusiness bei der IFC anders. Für Oscar Chemerinski gibt es in der Frage nach dem „richtigen Modell für Afrika“ eben „unterschiedliche Denkansätze“. Er beruft sich auf eine Weltbank-Studie, aus der hervorgehe, dass agrarische Großunternehmen und kleinbäuerliche Landwirtschaft in einer „starken symbiotischen Beziehung“ koexistieren können. Wie mag das wohl in den Ohren des Kleinbauern im Norden Ghanas klingen, der eines Tages seinen Acker nicht mehr betreten konnte, weil die Firma Biofuel Africa 23 700 Hektar Land in der Gegend erworben hat, um dort die Biospritpflanze Jatropha anzubauen?

Olivier de Schutter dagegen, der UN-Sonderberichterstatter für das „Right to Food“-Programm, hält solche Investitionen in landwirtschaftliche Exportprodukte für eine Katastrophe. De Schutter spricht sich entschieden gegen alle Investitionen aus, die die Nahrungsmittelsicherheit der betroffenen Länder gefährden. Er weist darauf hin, dass afrikanische Präsidenten und Regierungen die entsprechenden Verträge unterzeichnen, ohne sie vor ihre Parlamente zu bringen, und dass sie sich dabei auch noch gegenseitig Konkurrenz machen, statt sich zusammenzutun. Denn nur gemeinsam könnten sie regionale Kriterien erarbeiten und die Investoren beispielsweise verpflichten, auch die örtliche Infrastruktur zu verbessern und mindestens die Hälfte aller produzierten Nahrungsmittel auf den einheimischen Markt zu bringen.

Für die Investoren erweist sich die große Schwäche der afrikanischen Regierungssysteme als überaus nützlich. Gemeint ist die Tatsache, dass viele afrikanische Herrscher sich gegenüber ihrem eigenen Volk nicht verantworten müssen. Philippe Heilberg, der Chef von Jarch Capital, lässt es an Deutlichkeit nicht fehlen: „Wenn Nahrung knapp wird“, soll er einmal gesagt haben, „dann braucht der Investor einen schwachen Staat, der ihm keine Regeln aufzwingt.“13

Seit einiger Zeit versuchen Gruppen der afrikanischen Zivilgesellschaft, sich möglichst hörbar einzumischen. Viele haben sich im Netzwerk Copagen (Coalition for the Protection of African Genetic Heritage) zusammengeschlossen, einem Bündnis afrikanischer Gruppen, in dem Wissenschaftler und Bauernverbände sich gemeinsam dafür einsetzen, dass die afrikanischen Bauern weiterhin ihr eigenes Saatgut verwenden und die Ernährungssouveränität ihrer Länder aufrechterhalten können.

Im Oktober 2009 haben 27 zivilgesellschaftliche Organisationen aus ganz Afrika einen offenen Brief unterzeichnet. Darin fordern sie die afrikanischen Führungen auf, ihre Unterstützung für die Landkäufe sowie für andere Formen der industriellen Landwirtschaft einzustellen, und erklären, dass auch die „Alliance for a Green Revolution“ eine Gefahr für die afrikanischen Kleinbauern darstelle. Bislang gibt es freilich keinerlei Anzeichen dafür, dass die politischen Führer Afrikas sich derartige Aufrufe zu Herzen nehmen.

Was Afrika wirklich bräuchte

Auf dem Welternährungsgipfel im November letzten Jahres präsentierte die Welternährungsorganisation FAO ein Papier mit dem Titel: „Foreign Direct Investment – win-win or land grab?“ Darin heißt es, dass die FAO, die Unctad (UN-Organisation für Handels- und Entwicklungsfragen), der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (Ifad) und die Weltbank gemeinsam einen „freiwilligen Verhaltenskodex“ ausarbeiten, der für „internationalen Investitionsabkommen“ gelten solle. Mithilfe solcher Richtlinien könne man „verantwortliche Agrarinvestitionen fördern, die allen Beteiligten zugutekommen würden“.

Solche freiwilligen Standards und Richtlinien, die womöglich ein sozial verantwortliches Verhalten von Kapitaleignern fördern könnten, sind allerdings das Letzte, was Afrika braucht. So sieht es jedenfalls der Unternehmensrechtler Joel Bakan, der darauf verweist, dass Kapitalgesellschaften dazu da sind, „die Interessen ihrer Unternehmen und ihrer Aktionäre vorrangig zu behandeln“. Das Gesetz untersagt ihnen, „sich gesellschaftlich verantwortlich zu verhalten, jedenfalls im strikten Sinne“.14

Afrika braucht etwas ganz anderes und zwar dringend, nämlich eine breit angelegte Förderung der bäuerlichen Landwirtschaft: durch Mikrokredite für die örtlichen verarbeitenden Firmen; durch den Bau von Straßen, um den Produkten den Marktzugang zu erleichtern; durch die Ausbildung in bäuerlichen Anbaumethoden, um die Biodiversität zu bewahren; durch einen Stopp der Einfuhr von Dumpingprodukten, die den lokalen Produzenten das Wasser abgraben, und durch verbesserte Vorratshaltung und Weiterverarbeitung, die den Absatz der bäuerlichen Erzeugnisse auf den lokalen Märkten erleichtern könnten. Solche Investitionen kämen den afrikanischen Bauern und der Vermarktung ihrer eigenen Produkte zugute, so sähen Investitionen aus, die bei den einzelnen Bauern ansetzen und eine nachhaltige Entwicklung bewirken würden.

Neue Denkansätze sind vonnöten, die das globale Finanzsystem ebenso infrage stellen wie den dummen Glauben, ausgerechnet das System, das uns die Klima-, die Nahrungsmittel- und die Finanzkrise beschert hat, könne den Weg aus diesen Krisen weisen. Der kanadische Schriftsteller Ronald Wright beschreibt es so: „Der große Irrtum des Monetarismus besteht in der Annahme, dass die Welt unbegrenzt und endloses Wachstum möglich sei. Außer Acht gelassen werden dabei die Kosten für Mensch und Umwelt sowie die Grenzen, die irgendwann erreicht sind. Deregulierungen sind genau das, was sie zu sein beanspruchen: eine Aufforderung, sich möglichst schnell und möglichst umfassend selbst zu bedienen.“15

Genau das passiert derzeit auf dem afrikanischen Kontinent, wenn sich ausländische Investoren das Land, die Wasservorräte und die überlebensnotwendige Biodiversität der afrikanischen Fauna und Flora unter den Nagel reißen. Als Folgen des hemmungslosen land grabbing drohen Umweltkatastrophen, politisch und sozial chaotische Verhältnisse und Hunger.

Anders als jeder aufrechte Weltbürger findet der Investor Philippe Heilberg diese Konsequenzen durchaus hinnehmbar und sogar gewinnträchtig. Er hat enge Verbindungen zu den US-Geheimdiensten und zu den Machtzentren in Washington. Anfang letzten Jahres machte er gegenüber der Financial Times die Voraussage, dass mehrere afrikanische Staaten in den nächsten Jahren zerfallen werden. Dennoch geht er davon aus, dass die rechtlichen und politischen Risiken, die er auf dem Kontinent eingehe, „reichlich belohnt“ werden.16 Würde Leopold II. von Belgien noch leben, wäre er bei solchen Geschäften ganz gewiss wieder dabei.

Fußnoten: 1 „Sierra Leone open for business“, Awoko, Freetown (Sierra Leone), 23. November 2009. 2 Siehe tonyblairoffice.org/2009/11/tony-blair-praises-sierra-leon.html. 3 Siehe dazu auch die Initiative der Grünen im Deutschen Bundestag: www.bundestag.de/presse/hib/2009_05/2009_124/03.html. 4 Siehe Olivier de Schutter (UN-Sonderberichterstatter für das „Right to Food“-Programm), „Large-scale land acquisitions and leases: A set of core principles and measures to address the human rights challenge“, www.ohchr.org. 5 Siehe Javier Blas und William Wallis, „U.S. Investor Buys Sudanese Warlord’s Land“, Financial Times vom 9. Januar 2009. 6 Asha Rai, „The constant gardener“, The Times of India, Mumbai, 26. September 2009. 7 „Ethiopia is giving away 2,7 million hectares“, Daily Nation, Addis-Abeba, 15. September 2009. 8 Naomi Klein, „Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus“, Frankfurt am Main (Fischer) 2007. 9 Joachim von Braun und Ruth Suseela Meinzen-Dick, „ ‚Land grabbing‘ by foreign investors in developing countries: Risks and opportunities“, International Food Policy Research Institute, Washington, DC, April 2009. Die internationale NGO Grain (www.grain.org) dokumentiert das land grabbing auf einer eigenen Website: farmlandgrab.org. 10 Miguel A. Altieri, „Agroecology, small farms, and food sovereignity“, Monthly Review, New York, Juli/August 2009. 11 Daily Wealth, Vancouver, 4. Oktober 2009. 12 Siehe Agriculture at Crossroad: International Agricultural Assessment on Science and Technology for Development (IAASTD). 13 Siehe Horand Knaup und Juliane von Mittelstädt, „Die große Jagd nach Land“, in: Der Spiegel, 27. Juli 2009. 14 Joel Bakan, „The Corporation: The Pathological Pursuit of Profit and Power“, Toronto (Penguin) 2004. 15 Ronald Wright, „What is America? A short history of the new world order“, Toronto (Alfred A. Knopf) 2008. 16 Siehe Financial Times, 9. Januar 2009. Nachzulesen unter: twf.org/News/Y2009/0109-Land.html.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Die Kanadierin Joan Baxter ist Ethnologin und Journalistin und schreibt vor allem über Afrika, wo sie seit 26 Jahren lebt und arbeitet. Ihr jüngstes Buch: „Dust from our Eyes. An unblinkered look at Africa“ erschien 2008 (Wolsak and Wynn, Hamilton/Ontario).

Le Monde diplomatique vom 15.01.2010, von Joan Baxter