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Wer sind die Ruthenen?

Jewhen Zupan sitzt in seinem Untersuchungszimmer im Krankenhaus von Mukatschewe. Er ist Arzt und Vorsitzender des ruthenischen Nationalrats in der ukrainischen Oblast Transkarpatien. „Der Staat“, erklärt er mit ernster Miene, „erkennt uns nicht als eigene Nationalität an, sondern betrachtet uns als eine Art ukrainische Subkategorie. Dabei sind wir ein Volk mit eigener Sprache und eigener Kultur.“ Bei der Volkszählung von 2001 bezeichneten sich in Transkarpatien 10 000 Bürger als „Ruthenen“. Laut Zupan war das Ergebnis jedoch gefälscht: „Wir sind 800 000“, erklärt er. „Die ukrainischen Nationalisten fürchten, wir könnten eines Tages territoriale Autonomie fordern.“

Als sich die Ukrainer beim Referendum vom 1. Dezember 1991 mehrheitlich für die Unabhängigkeit ihres Landes von der UdSSR aussprachen, bekamen die Bewohner Transkarpatiens zusätzlich die Frage gestellt, wie sie zu einer eventuellen Autonomie ihrer Region stünden. Etwa 78 Prozent der Bevölkerung stimmten dafür, aber sie wurde ihnen niemals gewährt. „Was soll’s, die Staaten vergehen, die Ruthenen bleiben“, sagt Jewhen Zupan.

Der US-amerikanische Historiker Paul Robert Magocsi1 schreibt, Ruthenen würden westlich der Karpaten in der Ukraine, in der Slowakei, in Polen und sogar in der Wojwodina, im Norden Serbiens, leben. Sie sprechen verschiedene ostslawische Dialekte, benutzen das kyrillische Alphabet und gehören traditionell der Ostkirche an, sowohl der orthodoxen als auch der mit Rom unierten katholischen Teilkirche. Ihre Zahl wird auf 900 000 bis eine Million geschätzt.

In der Ukraine weigert sich insbesondere die nationalistische Partei „Swoboda“, die Ruthenen als solche anzuerkennen. „Die Ruthenen sind Ukrainer“, sagt der „Swoboda“-Funktionär Oleh Kuzin. „Wer etwas anderes behauptet, wird von den Russen bezahlt, die ja keine Gelegenheit auslassen, die ukrainische Nation zu schwächen.“

Doch so einfach ist es nicht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galten Ruthenen entweder als Russen oder als Ukrainer. Manche behaupten auch, sie seien Slowaken oder slawisierte Ungarn. Geht man von der Definition des Anthropologen Ernest Gellner2 aus, der Nationen als „Artefakte aus Überzeugungen, Loyalitäten und Solidaritäten“ bezeichnet hat, wobei Angehörige einer gemeinsamen Kultur eine Nation bilden, „wenn sie sich zueinander bekennen“, lässt sich in der Tat seit dem Zusammenbruch des Ostblocks die (Wieder-)Herstellung eines ruthenischen Nationalgedankens beobachten. Im Übrigen wurden schon in Titos Jugoslawien die einzelnen Volksgruppen3 anerkannt.

Nach der Anerkennung der ruthenischen Nationalität durch den slowakischen Staat bildete sich ab Anfang der 1990er Jahre eine ruthenische Bewegung. 1995 wurde in der Slowakei die karpato-russinische Sprache kodifiziert, die von dem Dialekt ausging, der in der ostslowakischen Region Zemplin gesprochen wird. „Es handelte sich um eine Version des Ruthenischen, die von den Nachbarsprachen noch am wenigsten beeinflusst war“, erklärt Anna Ulischkowa vom Ruthenischen Institut in Presov. „Um die regionalen Unterschiede zu berücksichtigen, orientierten wir uns an der Kodifikation des Rätoromanischen4 . Wir stellten verschiedene linguistische Normen für die Slowakei, die Ukraine, Polen und Serbien auf und entwickelten gleichzeitig eine fünfte Norm, die uns alle verbindet.“ Das Ruthenische Institut ist eine richtige Hochschule, die vom slowakischen Staat finanziert und von ruthenischen Exilanten in den USA unterstützt wird. Seit 2009 können Ruthenen hier ihr Studium mit einem staatlich anerkannten Diplom abschließen. Mittlerweile gibt es in der Slowakei außerdem elf ruthenische Grund- und Mittelschulen und ein Gymnasium.

Fußnoten: 1 Paul Robert Magocsi, „Une nouvelle nationalité slave: les Ruthènes de l’Europe du Centre-Est“, Revue des études slaves, Bd. 69, Heft 3, 1997. 2 Ernest Gellner, „Nations and Nationalism“, Ithaca (Cornell University Press) 1983. 3 Siehe J.-A. Dérens, „Die Verlierer der Balkankriege“, Le Monde diplomatique, Juli 2003. 4 Rätoromanisch ist neben Deutsch, Französisch und Italienisch die vierte Amtssprache der Schweiz.

Le Monde diplomatique vom 12.04.2013,