Frustrierte in Uniform

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Frustrierte in Uniform

Frustrierte in Uniform

Malis Armee ist zerstritten, korrupt und unbeliebt von Dorothée Thiénot

Keine Disziplin, keine Leistung, keine Ausbildung – in dieser Armee klappt überhaupt nichts!“, beschwert sich der malische Kommandant, der in Gao auf den Marschbefehl in Richtung Norden wartet. Niemand weiß, wie es mit der am 11. Januar begonnenen Militäroperation zur Rückeroberung des Nordens weitergehen soll, die ohne die Unterstützung ausländischer Truppen, vor allem aus Frankreich und dem Tschad, schon längst gescheitert wäre.

Malis Armee hatte den Vormarsch der Tuareg-Kämpfer der MNLA und verschiedener islamistischer Gruppen wie Ansar Dine nicht aufhalten können. Nun stellt die Aussicht auf eine starke und dauerhafte ausländische Militärpräsenz die malischen Truppen vor eine völlig neue Situation. Derweil schwelen die internen Konflikte in der Armee weiter, denn es gibt viele Gründe für die Unzufriedenheit der Soldaten. Seit dem Beginn der französischen Operation „Serval“ erklären viele Offiziere hinter vorgehaltener Hand, dass sie ihren Beruf wechseln wollen, sobald die Kämpfe beendet sind.

Die Ursachen für die verfahrene Situation liegen zwanzig Jahre zurück. 1993 beschloss der damalige Präsident Alpha Oumar Konaré zur Umsetzung der Friedensverträge von Tamanrasset,1 hunderte Rebellenkämpfer in die reguläre Armee aufzunehmen. Damit hoffte er auch die Unabhängigkeitsbestrebungen der Tuareg2 im Norden des Landes einzudämmen. Diese erste Zusammenlegung haben die malischen Soldaten nicht in guter Erinnerung. Schon 1994 desertierte ein Teil der „Integrierten“, die an den Regierungsversprechen zweifelten, und ging in den bewaffneten Untergrund. Zwei Jahre später wiederholte sich das Szenario. Die anderen Soldaten mussten die Abmachungen inklusive Folgen wohl oder übel akzeptieren.

Die Zwangsgemeinschaft bestand zehn Jahre. Das Misstrauen blieb. So wurde den „integrierten“ Soldaten vorgeworfen, sie hätten sich bereits wieder verschiedenen Gruppierungen im Norden angeschlossen. Am 23. Mai 2006 unterstützten dann tatsächlich die in Kidal stationierten integrierten Truppen die Eroberung ihrer eigenen Militärbasis und folgten dem Tuareg-Anführer Iyad Ag Ghali, der fünf Jahre später Ansar Dine („Verteidiger des Glaubens“) gründen sollte, in die Wüste. Dieser Verrat brachte für die regulären Soldaten das Fass zum Überlaufen. „Zehn Jahre lang hatten wir alles geteilt, gemeinsam gegessen und Tee getrunken“, empört sich ein Unteroffizier. Er kann nicht vergessen, dass ein einstiger Waffenbruder mit seiner Kalaschnikow sechs Soldaten erschossen hat.

Doch die Regierung in Bamako wollte nicht einsehen, dass der Bruch längst vollzogen war.3 So versuchte Präsident Touré sogar noch sich bei den Rebellen einzuschmeicheln: Soldaten, die sich zwischenzeitlich den Rebellen angeschlossen hatten, wurden nicht entlassen, sondern befördert. Die Ereignisse von 2006 hätten alte Dämonen geweckt, meint ein Oberst. „Die Soldaten hatten zu viele Kröten geschluckt: Integration, Beförderung, Bevorzugung der Tamascheks,4 die Einführung von Quoten: Die Soldaten für Kidal durften nur in der Region rekrutiert werden. Aber ein Soldat muss doch dem ganzen Land dienen! Das hat die Soldaten unglaublich frustriert.“

Sechs Jahre später wiederholte sich die Geschichte auf ähnliche Weise. Die Rebellen warfen der Regierung vor, die als Ersatz für die Unabhängigkeit versprochene Dezentralisierung nicht umgesetzt zu haben. „Die bewaffneten Aufständischen haben nur einen gemeinsamen Feind: die malische Armee, die den Staat verkörpert“, bedauert Oberstleutnant Abdourhamane Dembélé.

Ende Januar 2012 kam es zu einem Massaker in der Garnison von Aguelhoc nördlich von Kidal: Ein Bündnis aus mehreren bewaffneten Gruppen der Region, der Nationalen Bewegung für die Befreiung des Azawad (MNLA) und Ansar Dine tötete achtzig Soldaten, einigen wurde die Kehle durchgeschnitten. Und Touré beging den gleichen Fehler wie 2006: Er verlangte, „nicht alle in einen Topf zu werfen“. Abermals fühlten sich die im Norden stationierten regulären Soldaten von ihrem Präsidenten im Stich gelassen.

Für viele Soldaten war daher der Putsch, durch den Touré am 22. März 2012 gestürzt wurde, ein notwendiges Übel. Ihrer Meinung nach hätte zu diesem Zeitpunkt keine politische Lösung – Interimsregierung, Nationale Einigung oder Wahlen – die Ordnung wiederherstellen können. Das Land war gespalten und das Vertrauen verspielt.5 „Ich wollte diesen Staatsstreich schon lange“, erzählt ein Hauptgefreiter, der nach dem Massaker von Aguelhoc seine toten Kameraden begrub. „Damals hat niemand eingegriffen. Die Menschen wurden abgeschlachtet wie die Hühner! Und niemand hat danach mit uns geredet. Kein Wort. Nichts!“

Der Putsch, der in der Kaserne von Kati in einem Vorort von Bamako seinen Ausgang nahm, wurde vom einfachen Volk und von der Jugend in der Hauptstadt begrüßt. Doch der Wechsel an der Spitze des Staats hat die Situation in der Armee nicht verbessert. Das Versprechen, alle zu entlassen, die die Armee geschwächt hatten, und Waffen und Ausrüstung zu erneuern, wurde nicht erfüllt. Aber es geht nicht nur um die mangelhafte Ausrüstung. Die Wut, die in dieser kleinen Armee aus acht Bataillonen von je vierhundert bis achthundert Mann herrscht, hat viel tiefere Gründe.

Der Anführer des Putsches, Amadou Haya Sanogo, setzte seine Männer zwar an die Spitze des Sicherheitsapparats, doch er selbst wurde schon bald von den internationalen Partnern Malis kaltgestellt. Durch seine Ernennung zum „Führer des Militärkomitees zur Überwachung der Reform der Verteidigungs- und Sicherheitskräfte“ hielt man ihn von den Kampfhandlungen fern. Zudem wurde er offiziell erst im Februar 2013, also sechs Monate nach seiner Ernennung, in sein Amt eingeführt. Während dieser Zeit besuchte Sanogo nur ein einziges Mal die zentrale Militärbasis des Landes in Sévaré.

Kurz nach der Schlacht von Konna, die die malischen Soldaten nach hartnäckigem Widerstand verloren, verteilte Sanogo am 11. Januar 2013 wahllos Beförderungen, ohne die Militärführung vor Ort einzubeziehen. Wieder einmal fühlten sich die im Norden stationierten Soldaten übergangen.

„Wer nie in der Wüste im Norden gedient hat, nie den Angriffen der Rebellen und Rauschgifthändler ausgesetzt war, kann das nicht verstehen“, erklärt Bokar aus Bamako. Er dient seit dreizehn Jahren und war die meiste Zeit hoch im Norden, in Kidal und Tessalit, stationiert. Im Vergleich dazu sind die Garnisonen im Süden wie Sikasso, Kati oder Sévaré wahre Oasen.

Seit dem Staatsstreich im März 2012 steht allen Soldaten und Offizieren, die mehr als 25 Tage in einem Kampfgebiet eingesetzt sind, eigentlich eine Prämie von 50 000 CFA-Francs6 zu. Aber Bokar geht es nicht nur ums Geld, ihn stören die ungerechten Verhältnisse: „Die Hierarchie hat nichts mit den Fähigkeiten der Offiziere zu tun. Neun von zehn Offizieren sind selbst Offizierssöhne, also Erben.“ Sie seien wie eine Kaste, die es schwer hat, sich bei den Unteroffizieren Respekt zu verschaffen. Denn die haben genug von den ewigen Seilschaften.

Der frühere Verteidigungsminister Soumeylou Boubèye Maïga bestätigt, was die überstürzte Flucht der Soldaten immer wieder gezeigt hat: Die Armee sei kaum einsatzfähig und außerstande, sich an vorderster Front zu behaupten. Das seien keine Kämpfer, sagt er, sondern nur noch „ein Haufen unterbezahlter Militärbeamter“, die ihren Sold mit kleinen oder auch größeren Schmuggeleien aufbessern.7

Oberstleutnant Ibrahima Dahirou Dembélé bedauert, dass die Armee bisweilen als „Besserungsanstalt oder Bildungseinrichtung“ angesehen wird und nicht als Trainings- und Kampfeinheit. Die Offiziere verfügen über keinerlei Autorität, weil sie nicht in der Lage sind, für ihre Untergebenen zu sorgen. Prämien und der bescheidene Sold lassen oft auf sich warten. Ein einfacher Soldat beginnt seine Laufbahn mit 55 000 CFA-Francs pro Monat, ein Hauptgefreiter bekommt nach dreizehn Jahren Dienst 130 000 CFA-Francs.

Kein Wunder, dass die Armeeführung immer wieder kritisiert wird. Da es in Mali keine eigenen Militärakademien und Universitäten für Offiziere gibt, sind viele Führungskräfte schlecht ausgebildet. Ein Ausbilder erinnert sich, dass die meisten Offiziere, die er unterweisen sollte, noch nicht einmal in der Lage waren, Koordinaten auf einer Karte zu lesen oder Entfernungen zu berechnen. Weil viele der Offiziere im Ausland – Frankreich, USA oder China – ausgebildet werden, fehlt es zudem oft an einem Zusammengehörigkeitsgefühl. Daran wird auch die Ausbildungsmission der EU in Mali (EUTM-Mali), die seit April in Kouli Kouru vier Bataillone betreut, so schnell nichts ändern.

Im Norden hat die Bevölkerung so wenig Vertrauen in die Armee, dass Milizen zur Selbstverteidigung aufgestellt wurden, wie die Ganda Koy, die Ganda Izo oder die Befreiungsfront Nordmalis (FLNM). Mehrere hundert dieser Milizionäre, sowohl Männer als auch Frauen, warten darauf, in die reguläre Armee aufgenommen zu werden – unter den gleichen Bedingungen wie 1994 die Tuareg und ungeachtet der Altersgrenze, die viele von ihnen bereits deutlich überschritten haben.

Um seine Autorität zu festigen, hatte Expräsident Touré die Einheiten aus dem Norden gegen die im Süden aufgehetzt, aber auch die Fallschirmjäger (Rotbarette), aus deren Reihen er selbst stammte, gegen die Infanterie (Grünbarette), auf die sich der Putschistenführer Sanogo stützte. Die besser ausgerüsteten und besser bezahlten Rotbarette, die im „Kampf gegen den Terror“ seit 2006 von den Amerikanern und Franzosen ausgebildeten worden waren, weckten den Neid der anderen. Der versuchte Gegenputsch der Rotbarette in Bamako mündete am 30. April 2012 in eine bewaffnete Auseinandersetzung mit den Grünbaretten, es gab mehrere Dutzend Tote. Das Fallschirmjägerregiment wurde zwar offiziell aufgelöst, doch hinter der Fassade schwelt der „Krieg der Barette“ weiter. Inzwischen wurde unter dem Druck der ausländischen Partner ein neues Fallschirmjägerbataillon aufgestellt.

Als die malische Armee im Januar 2013 einige Garnisonen im Norden zurückerobern konnte, kam es zu schlimmen Übergriffen.8 Die Soldaten rächten sich an den Dschihadisten – den „Tuareg-Verrätern“, die sie für all das Übel verantwortlich machen – und an einigen Songhai (der größten Ethnie im Norden), die als Komplizen gelten. Viele Soldaten empfinden für den korrupten Staat die gleiche Verachtung wie für die Bewohner des Nordens, die sie doch schützen sollen. Dieses Gefühl beruht allerdings auf Gegenseitigkeit: In Gao erinnert sich jeder noch gut an die Soldaten, die sich am 31. März 2012 ihrer Uniformen entledigten, die Flucht ergriffen und die Zivilisten ihrem Schicksal überließen.

Die zahlreichen „taktischen“ Rückzüge haben mit dazu beigetragen, dass die Armee bei der Bevölkerung ihr Ansehen verloren hat. Außerdem ist das Verhalten der Soldaten ein Problem; wenn sie es nicht radikal ändern, wird es nie zu einer Aussöhnung kommen. Damit sie nicht mehr so schnell ihre Beherrschung verlieren, müssen die gedemütigten Militärs zunächst einmal ihr Selbstvertrauen zurückgewinnen.

Ohne einen glaubwürdigen Versöhnungsprozess, an dem auch die Armee beteiligt wird, bleibt die Aussicht auf ein friedliches Mali wohl eine Illusion. Die französischen und afrikanischen Truppen und die 12 600 UN-Blauhelme, die ab 1. Juli nach Mali entsendet werden sollen, müssen sich womöglich auf einen längeren Einsatz einstellen.

Fußnoten: 1 Dank der Vermittlung Algeriens führten die am 6. Januar 1991 unterzeichneten Friedensverträge von Tamanrasset zur Entmilitarisierung der drei nördlichen Regionen: Kidal, Gao und Timbuktu. 2 Die Tuareg, die auch in Niger und Algerien leben, stellen 4 Prozent der Bevölkerung Malis. Auch im Norden sind sie in der Minderheit, mit Ausnahme des Landkreises Kidal. 3 Siehe Jacques Delcroze, „Gelähmt und gespalten“, Le Monde diplomatique, September 2012. 4 Tamaschek ist ein Synonym für die Tuareg und ihre Sprache. 5 Siehe Philippe Leymarie, „Die dreiköpfige Schlange von Mali“, Le Monde diplomatique, Januar 2013. 6 1 000 CFA-Franc = 1,52 Euro. 7 „Les trois plaies du Mali“, Le Monde, 1. Februar 2013. 8 Siehe „Mali: des soldats ont torturé des détenus à Léré“, Human Rights Watch, 26. März 2013. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz Dorothée Thiénot ist Journalistin in Mali.

Le Monde diplomatique vom 10.05.2013, von Dorothée Thiénot

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