Schlangengeduld

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Schlangengeduld

Schlangengeduld

von Bruno Preisendörfer

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst – sagt man, obwohl man heutzutage nicht mehr mit Kornsäcken vor der Mühle Schlange steht, sondern mit dem Hörer am Ohr in der Warteschleife von Hotlines hängt: „Bitte haben Sie noch etwas Geduld, der nächste frei werdende Mitarbeiter ist gleich für Sie da.“ Dieses „gleich“ kann lange dauern und teuer werden. Wenigstens ist seit September 2012 die vorgelagerte Warteschleife kostenlos, und ab Juni soll das auch für die nachgeschalteten Schleifen gelten. Schlangehören von Bandansagen nach der Eingabe von Zahlencodes wird jedoch kostenpflichtig bleiben.

Die Redewendung über das Zuerstkommen und Zuerstmahlen ist uralt. Sie war schon vor zweihundert Jahren sprichwörtlich. So heißt es in einem 1803 erschienenen Ratgeber für Reisende mit der Postkutsche: „Es wird vergeblich seyn, einen andern Platz, als den man der Ordnung nach, wie man sich gemeldet hat, erhalten muss, zu verlangen, denn die Postbediensteten richten sich hierbei nach der Regel der Mahlmüller, welche sagt: wer zuerst kömmt, der mahlt zuerst, und sie können von dieser Ordnung nicht abgehen, weil sie sonst andern mitreisenden Passagieren Unrecht thun und diese sich solches nicht gefallen lassen, sondern sich dagegen beschweren würden.“ Offenbar gibt es Vordrängler, seit es „Mahlmühlen“ gibt.

Die ursprüngliche Fassung der Müllerregel stammt aus dem ersten Drittel des 13. Jahrhunderts und wurde von Eicke von Repkow im „Sachsenspiegel“ dokumentiert, einer auf Mittelniederdeutsch verfassten Sammlung von Rechtsgewohnheiten: „Di ok irst to der molen kumt, die sal erst malen.“

Die Regel einzuhalten ist aber gar nicht so einfach und hängt außerdem vom Nationalcharakter ab. Die Italiener zum Beispiel sind völlig unfähig, Schlange zu stehen. Das sage nicht ich, das schreibt der (italienische) Publizist Sergio Benvenuto: „Die Italiener stellen sich vor einem Schalter nie der Reihe nach an. Wer dreist genug ist, drängelt sich vor, auch wenn er später gekommen ist als die anderen, und häufig wird das hingenommen.“ Für Benvenuto entspricht diese eigentümliche Mischung aus Dreistigkeit und Duldsamkeit dem politischen Charakterfehler Italiens, der sich in Berlusconi personifiziert.

Viel ordentlicher als die Italiener sind Japaner und Pinguine. Aber beide sind schließlich keine Südländer, obwohl die Vögel in der Antarktis auf der Südhalbkugel leben. Akkurat stehen sie in langen Reihen auf dem Eis. Als die Japaner unter den Europäern und die Pinguine unter den Menschen, jedenfalls was das Schlangestehen betrifft, gelten die Engländer. In einem modernen „Angelsachsenspiegel“ würde man ihre Wartekunst als „queuing“ bezeichnen. Zu den wichtigsten Regeln gehört: Der richtige Abstand zum Vordermenschen, nicht zu viel, sonst wird man gefragt „Are you in the queue?“, aber auch nicht zu wenig, sonst gilt man als Drängler oder – noch schlimmer – als indezent.

Ebenfalls ungeschriebenen Regeln folgt das Verhalten, mit dem auf Situationsänderungen reagiert wird. Eröffnet in einem deutschen Supermarkt eine neue Kasse, führt das unweigerlich zu einer Stampede der Einkaufswagen: Die Letzten wollen die Ersten sein. In einem amerikanischen Supermarkt kann es wenigstens zu dieser Art von Amokläufen nicht kommen, weil es meistens nur eine Schlange für alle Kassen gibt. Dieses Modell bewährt sich inzwischen auch in deutschen Flughäfen und vor deutschen Postschaltern.

Der Mathematiker Thomas Hanschke, der sich mit Datenschleifen und Staus in Produktionsabläufen beschäftigt, sagt dazu: „Hier greift das größere System, das Unregelmäßigkeiten und Fluktuationen besser kompensieren kann als mehrere kleine, voneinander getrennte Systeme. Außerdem wird die Diskrepanz zwischen dem minimiert, der kurz wartet, und dem, der lang wartet. Die Wartegerechtigkeit ist bei dieser Bedienregel am größten. Wer zuerst kommt, ist zuerst dran.“

Die Müllerregel funktioniert eben, Professor Hanschkes „Wartegerechtigkeit“ würde gut in Eike von Repkows „Sachsenspiegel“ passen. Bei mehreren Schlangen steht man ja immer in der falschen. Aber sobald man von der falschen in die richtige hinüberwechselt, verwandelt sich die richtige unweigerlich in die falsche, und wo es bislang schneller ging, geht es auf der Stelle langsamer.1 Das gilt auch für den Straßenverkehr. Man steht immer in der falschen Spur. Über Pfingsten haben die feriengeplagten Werktätigen Gelegenheit, die Richtigkeit dieser These zu – erfahren.

Bei Staus ist oft kein Ende abzusehen, bei Kassenschlangen aber schon. Welche Formen die „Wartegerechtigkeit“ annimmt, wenn die gleichberechtigt Wartenden mitkriegen, dass eine Kassiererin die Sperre vor einem weiteren Laufband entfernt, gibt wie gesagt Auskunft über den jeweiligen Stil der Fairness. Während in Deutschland in einem solchen Fall sofort der Kampf um die Poleposition ausbricht und während in der Konkurrenzgesellschaft der USA diese Art des Wettbewerbs weitgehend vermieden wird, bildet sich in England die Schlange vor der neu eröffneten Kasse so, dass die Position der Wartenden in der neuen Schlange in etwa der in der alten entspricht.

Das ist ein sympathischer Zug, der allerdings sofort unsympathisch wird, wenn man an die politische Grundüberzeugung denkt, die womöglich dahintersteckt: Jeder hat an seinem angestammten Platz zu bleiben und sich in seine soziale Stellung zu schicken! In keinem europäischen Land ist die Klassengesellschaft deutlicher ausgeprägt als in England. Die gerade so pompös bestattete Baroness Thatcher of Kesteven, vulgo die „Eiserne Lady“, hat die britische Mischung zwischen oberklassenbewusstem Willen und Schlangengeduld so ausgedrückt: „Ich bin außerordentlich geduldig, vorausgesetzt, ich kriege am Ende, was ich wollte.“

Gemessen am Queuing in der englischen Klassengesellschaft scheint die Schlange des sowjetischen Kommunismus von den frühen Jahren nach der Oktoberrevolution bis zu den späten Tagen der Breschnew-Ära weniger eine Warte- als eine Lebensordnung gewesen zu sein. Der russische Schriftsteller Anatoli Marienhof schrieb in „Der rasierte Mann“ von 1930 über die Schlangen, die sich 1924 nach dem Tod Lenins vor seinem aufgebahrten Leichnam reihten: „Vor Leichen bildeten sich Schlangen wie für Sonnenblumenöl oder für Eier. In den Schlangen wurde geschimpft, man erinnerte sich der alten Zeit, schloss Bekanntschaften und erörterte politische Neuigkeiten. Kurz, Leichenschlangen unterschieden sich in nichts von denen vor Kooperativen. Einige kamen mit belegten Broten, andere mit Büchern oder Klappstühlen, und handarbeitende Frauen brachten ihr Strickzeug oder eine Stickerei mit.“

Die Klappstühle der Schlangensitzer stehen nicht nur vor sowjetischen Leichen, sondern auch vor Berliner Schaltern, wenn Filmverrückte die Nacht vor dem Beginn des Ticketverkaufs für die Festspiele durchwachen.

Die Schlange ist das Gesellschaftstier des 20. und 21. Jahrhunderts, vom Kommunismus bis zum Konsumismus. Selbst die Poeten kommen nicht um sie herum. Die Lyrikerin Marina Zwetajewa notierte 1918 sarkastisch: „Die Schlange – das ist mein Kastalischer Quell!“ Die kastalische Quelle entspringt am Fuß des Parnass bei Delphi. Wer aus ihr trinkt, erzählt die Sage, erhält die Dichtergabe. In Delphi müssen alle Dichter sein, die Quelle trägt zur Trinkwasserversorgung der 27 000 Einwohner bei. Die literarische Inspirationskraft der Schlange als Sinnbild des Sozialen zeigt sich noch Mitte der 80er Jahre bei Vladimir Sorokins Roman „Die Schlange“. In einem turbulenten 260-Seiten-Text, unbedruckte Seiten inklusive, schiebt und ringelt sich eine ungeheuere Anakonda des Mangels durch Straßen und Hinterhöfe. Dabei weiß niemand, was eigentlich vorne verkauft wird: „Und warum haben Sie dann angestanden? – Ein Schriftsteller muss alles erlebt haben. – Was? – Na, die Masse. – Aaaa … Und Sie haben sich deswegen angestellt? – Weshalb denn sonst? – Interessant.“

Die Schlange ist das Krisentier par excellence, der Drache, der von keinem Sankt Georg besiegt werden kann, sondern nur von der wohltuenden Banalität des Überflusses. Sie ist das Sinnbild des Zusammenbruchs und das Gleichnis der Entbehrung: vom Foto, das eine Schlange vor einem Arbeitsamt in der Weimarer Republik zeigt, bis zum Foto einer Schlange vor einem Konsum in der DDR. Als am 28. März 2013 auf Zypern nach zwölf Schließtagen die Banken ihre Schalter öffneten, bildeten sich erwartungsgemäß lange Schlangen. Am 8. April bildete sich vor der Deutschen Bank in Berlin ebenfalls eine lange Schlange. Aber die Leute wollten nicht Geld abheben, sondern Kunst abgeben. Die Bank hatte Hobbykünstler aufgefordert, sich mit ihren Bildern um eine Ausstellung zu bewerben. Wer zuerst kommt, malt zuerst.

Fußnoten: 1 Dass die eigene Schlange, was immer man tut, die falsche bleibt, beweist cartoonsoziologisch dieses Video: youtube.com/watch?v=CaXlvBmEp5I. Bruno Preisendörfer ist Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschienen die Seume-Biografie „Der waghalsige Reisende“, Berlin (Galiani) 2012, und der Essayband „Hat Gott noch eine Zukunft?“, Stuttgart (Hirzel) 2013. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 10.05.2013, von Bruno Preisendörfer

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