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Tausche Wasserkraft gegen Treibhausgas

Was vom Kioto-Protokoll übrig blieb von Agnès Sinai

Unweit vom Kongresspalast in Montreal, wo vor kurzem die 11. UN-Klimakonferenz zu Ende ging, liegt die „NGCC Amundsen“ im Hafen, bereit für ihre nächste Erkundungsmission in die Arktis. An Bord des Eisbrechers der kanadischen Nationalflotte befinden sich rund zwanzig Wissenschafter, die die Meeresströmungen und die Dicke der Eiskappe in der Gegend der Beaufortsee und der Hudson Bay messen sollen. Letzte Beobachtungen bestätigen, dass sich das Eis am Nordpol unaufhaltsam zurückzieht. Ein Drittel ist in den letzten dreißig Jahren abgeschmolzen.

Ein realistisches Szenario geht davon aus, dass bei anhaltend hohen Treibhausgasemissionen die Temperatur in der Arktis in den nächsten hundert Jahren um mindestens 5 Grad Celsius ansteigen wird. Infolge der Erwärmung würde spätestens in achtzig Jahren während der Sommermonate die gesamte Polkappe abschmelzen,1 denn in der Arktis steigen die Temperaturen doppelt so schnell wie anderswo. Von den globalen Folgewirkungen einmal abgesehen – was wird aus den Bewohnern des Packeises, den Inuit, den Rentieren, Robben und Eisbären?

Ebenso beunruhigend sind die Störungen im Golfstrom. Das ozeanische Laufband versorgt einen Teil des Planeten mit Wärme, indem es warmes Wasser aus dem Golf von Mexiko an die Küsten Nordwesteuropas transportiert, bevor der Strom auf der Höhe von Grönland in Richtung Labrador abbiegt. Dem Golfstrom verdankt Europa sein gemäßigtes Klima. Doch auf der Höhe von Labrador schwächt sich der Strom zunehmend ab, seit das beschleunigte Abschmelzen des arktischen Eises Süßwasser in die Region schwemmt. Durch den reduzierten Salzgehalt wird die Bildung von Tiefenwasser erschwert. Nach einer Untersuchung des Ozeanografischen Zentrums der Universität Southampton2 hat die Menge des „nordatlantischen Tiefenwassers“ in den letzten fünfzig Jahren um die Hälfte abgenommen. Durch die Verlangsamung der Tiefenwasserzirkulation könnten die durchschnittlichen Temperaturen in Europa um 4 Grad Celsius sinken. Das ist nur eines der Paradoxa der globalen Klimaerwärmung.

Am Vorabend der Konferenz in Montreal veröffentlichten naturwissenschaftliche Akademien der führenden Industrieländer eine gemeinsame Erklärung, in der sie die politischen Entscheidungsträger aufforderten, die Gefahren der globalen Klimaerwärmung endlich ernst zu nehmen.3 Die Berichte der rund 2 000 Wissenschaftler, die dem Zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimafragen (IPCC) zuarbeiten, bieten einen unbestreitbaren Fundus, in dem Szenarien für die kommenden Jahrhunderte entworfen werden.4

Je nachdem, ob die Temperatur in den nächsten hundert Jahren global um 2, 4 oder 6 Grad ansteigt, wird die Weltkarte unterschiedlich aussehen. Einigkeit herrscht inzwischen darüber, dass eine Erwärmung um mehr als 2 Grad bedrohliche Auswirkungen haben wird. Die meisten Modellrechnungen kommen zu dem Ergebnis, dass die Industrieländer ihre Emissionen bis 2050 auf ein Viertel reduzieren müssten und die großen Länder des Südens – Indien, China und Brasilien – ihr derzeitiges Niveau nicht überschreiten dürften.

Die Verbrennung fossiler Energieträger setzt jährlich weltweit rund 6 Milliarden Tonnen Kohlendioxid frei. Beim derzeitigen Entwicklungstempo würden die Emissionen in den nächsten dreißig Jahren um 60 Prozent ansteigen; dabei sind die Kapazitäten der natürlichen Kohlendioxid-Auffangbecken – Ozeane, Boden und Vegetation – schon jetzt fast ausgeschöpft. Uns bleibt also nicht viel Zeit. Umso erstaunlicher ist es, wie behäbig die Klimadiplomatie reagiert. Acht Jahre hatten sich die Verhandlungen hingezogen, bis das Kioto-Protokoll am 16. Februar 2005 schließlich in Kraft trat. Bei der Konferenz in Montreal durfte man gespannt sein, ob der bis 2012 befristete Prozess fortgeschrieben würde. So geschah es. Die nächste Konferenz wird voraussichtlich Ende dieses Jahres in Nairobi stattfinden.

Inzwischen scheinen sich sowohl die Verhandlungsteilnehmer als auch die Leute in den ökonomischen Thinktanks davon überzeugt zu haben, dass die Bedrohung durchaus real ist. Zwar subventioniert die Weltbank nach wie vor die fossile Energieproduktion mit dem Zehnfachen dessen, was sie zu erneuerbaren Energien zuschießt, aber immerhin hat sie sich darauf eingelassen, Klimaschäden in Prozentpunkten des Bruttoinlandsprodukts anzugeben. Ist es nicht viel kostspieliger, nichts zu tun, als die Wirtschaft heute schon auf nicht fossile Brennstoffe umzustellen? Die Wirbelstürme, die besonders beliebte Reiseregionen im Südosten der Vereinigten Staaten in den vergangenen zwei Jahren verwüsteten, kosteten die Versicherer rund 90 Milliarden Dollar.5 Daher rührt auch die unerwartete Einigkeit zwischen Umweltschützern und Unternehmern, die nun gemeinsam ein globales Regulierungssystem fordern. „Unsere eigenen Finanzinstitutionen sind in Gefahr“, warnt Helen Sahi von der Unep-Finanzinitiative. „Wenn die Ökosysteme zerstört werden, gibt es auch kein Wachstum mehr.“

Dass die Klimakrise nicht länger geleugnet wird, zieht erstaunlicherweise nicht die drastischen Maßnahmen nach sich, die eigentlich notwendig wären. Vielmehr konzentriert sich die Kioto-Diplomatie darauf, über möglichst flexible Mechanismen die Imperative des Wirtschaftswachstums mit den bescheidenen Reduzierungen der Treibhausgasemissionen zu vereinbaren, zu denen sich die Industrieländer schließlich bereit erklärten: Bis 2012 wollen sie ihre Emissionen um durchschnittlich 5 Prozent unter das Niveau von 1990 senken.6 In der theoretisch befristeten Übergangszeit dürften die Senkungen größtenteils rechnerisch realisiert werden: über die handelbaren staatlichen Emissionsrechte, die ab 2008 gelten. Wer seine Emissionsquote nicht ausschöpft, kann den „Überschuss“ an andere teilnehmende Länder verkaufen. Die so genannten Emissionsreduktionseinheiten – eine Einheit entspricht einer Tonne Kohlendioxidäquivalent – sind zwischen den Vertragsstaaten „transferierbar“. Wer solche Einheiten käuflich erwirbt, darf die Umwelt über die ihm zugeteilte Emissionsquote hinaus verschmutzen.

Als Vorbild diente dabei der Schwefeldioxid- und Stickstoffoxidmarkt, der in den Vereinigten Staaten seit den Siebzigerjahren existiert. Bei der Weltklimakonferenz in Kioto 1997 setzte sich die Clinton-Administration mit ihrem Vorschlag durch, einen ähnlichen, industrieländerübergreifenden Markt für CO2 einzuführen, während die Europäische Union klare Zielvorgaben forderte. Seither hat sich die Lage verändert. Die Vereinigten Staaten stiegen aus dem Kioto-Prozess aus – sie haben das Klimaprotokoll nicht unterzeichnet –, während die Europäische Union am 1. Januar 2005 den ersten kontinentalen Markt für Emissionszertifikate einführte und damit den im Abkommen von 1997 vorgesehenen Weltmarkt für handelbare Emissionsrechte für 25 Staaten vorwegnahm.

Nach Schätzungen der EU-Kommission könnten die Länder bis 2012 ihre Emissionen durch eine Kombination aus vorgeschriebenen und freiwilligen Maßnahmen und dem Quotenhandel um 11,3 Prozent unter das Niveau von 1990 senken.7 Die Schwerindustrie, die dieser Quotenregelung unterworfen ist, hat ihre Energieeffizienz aber schon erheblich gesteigert. Also sind nun andere Treibhausgasproduzenten ins Visier zu nehmen, vor allem der Flugverkehr, der dem Kioto-Abkommen einstweilen nicht unterworfen ist. Bisher kündigte nur die EU-Kommission Schritte in diese Richtung an.

Sieht man sich die Prämissen des EU-Quotenmarkts für CO2 genauer an, ist leicht absehbar, welche Probleme hier auftauchen werden. Damit der Markt zielgerecht funktioniert, darf jedes Mitgliedsland der Europäischen Union nur eine bestimmte Menge von Kohlendioxidäquivalenten auf den Markt werfen.

Die Maßnahmen werden nur dann dem Klimaschutz dienen, wenn der Erwerb von Emissionszertifikaten teurer ist als technologische Innovationen. Dies setzt einen abschreckend hohen Tonnenpreis für Kohlendioxidäquivalente voraus. „Der Preis wird nur allmählich steigen“, meint hingegen Pierre Radanne, Berater und ehemaliger Präsident der Französischen Agentur für Umwelt und Energie. „Der derzeit niedrige Preis gibt kein Anreiz für signifikante Zusatzinvestitionen.“

Man kann sich gut vorstellen, wie die künftigen Klimaverhandlungen aussehen werden. So werden einige Staaten unter dem Druck ihrer Industrielobby sicher hohe Quotenkontingente fordern.

Inzwischen ist auch im Gespräch, einen Teil des frei werdenden Kohlendioxids in den Hohlräumen einzulagern, die durch die Erdölförderung entstehen. Ein Bericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimafragen (IPCC) über Kohlenstoffeinlagerung legt nahe, dass sich mit dieser Technologie der Kohlendioxidausstoß auf den Ölfeldern reduzieren lasse.8 Sollte sich diese Technik allgemein durchsetzen – was die meisten Verhandlungsdelegationen in Montreal nicht ausschließen wollten –, könnte die Industrie noch mehr Emissionszertifikate auf dem internationalen Markt zum Verkauf anbieten.

Schon heute tummeln sich auf dem Kohlendioxidmarkt hunderte von Zertifikathändlern. Initiiert wurde der rege Handel nämlich durch Projekte des so genannten Mechanismus für saubere Entwicklung (CDM). Entwicklungsländer, die das Kioto-Protokoll unterzeichnet haben, können Emissionszertifikate an Industrieländer verkaufen und profitieren im Gegenzug vom Transfer sauberer Technologien, die nur geringe Mengen von Treibhausgas freisetzen. Gefördert werden die Einführung erneuerbarer Energien, die Verbesserung der Energieeffizienz industrieller Fertigungsprozesse und Anlagen zum Auffangen und Einlagern von Treibhausgasen (darunter Methan und das sehr schädliche HFKW-239 ) sowie die Implementierung von Kohlenstoffsenken durch Aufforstung mit schnell wachsenden Baumsorten.

Fraglich ist nur die positive Wirkung solcher Projekte. Sie setzen voraus, dass sich die Differenz zwischen Business-as-usual und projektinduzierter Ökologisierung in „Emissionsreduktionseinheiten“ messen lässt. Zu befürchten steht, dass die Vernichtung von halogenierten Fluorkohlenwasserstoffen wie HFKW-23, das im Süden nach wie vor hergestellt wird, ins Zentrum des „Mechanismus für saubere Entwicklung“ rückt – was, so Ben Pearson von Greenpeace, „mit nachhaltiger Entwicklung nicht mehr viel zu tun hat“.

Solche Fehlentwicklungen sind jedoch nicht unabwendbar. Auf der Konferenz von Montreal einigte man sich darauf, die Projektvergabe an strengere ökologische Kriterien zu binden. Eine schwerwiegende Unklarheit jedoch bleibt. Die Kioto-Gemeinschaft will für die Zukunft „adäquate“ Verpflichtungen definieren – und überlässt deren Umsetzung vertrauensvoll der unsichtbaren Hand des Kohlenstoffmarkts.

Fußnoten: 1 Hadley Centre for Climate Prediction and Research, „Climate Change and the Greenhouse Effect“, Dezember 2005, S. 44, www.metoffice .gov.uk. 2 Harry Bryden, „Atlantic Currents Show Signs of Weakening“, Nature, London, 1. Dezember 2005. 3 www.mindfully.org/Air/2005/Joint-Science-Academies7jun2005.htm. 4 Intergovernmental Panel on Climate Change, www.ipcc.ch. 5 Die Chefmathematiker der Münchener Rück haben schon im Sommer 2002 darauf hingewiesen, dass, wenn die witterungsbedingten Katastrophen weiter so zunehmen wie in den letzten 20 Jahren, die klimabedingten Schäden im Jahr 2062 höher sein werden als das weltweite Bruttosozialprodukt (Anm. d. Red.). 6 Die Konferenz von Montreal setzte ein System von Sanktionen in Kraft, das Strafen für Länder vorsieht, die ihre Verpflichtungen nach Ablauf der ersten Protokollperiode im Jahr 2012 nicht erfüllt haben. 7 EU-Kommission, Report on Demonstrable Progress under the Kyoto Protocol, Brüssel, Juni 2005. 8 Intergovernmental Panel on Climate Change, „Carbon Dioxide Capture and Storage“, November 2005. 9 Der in der Herstellung von Kühlgasen verwendete Stoff erwärmt das Weltklima 11 700-mal stärker als Kohlendioxid. Aus dem Französischen von Bodo Schulze Agnès Sinai ist Mitautorin von „Sauver la Terre“, Paris (Fayard) 2003, sowie der Dokumentarreihe „Terriens amers, paradis perdus“, die in diesem Jahr auf Arte ausgestrahlt wird.

Le Monde diplomatique vom 13.01.2006,