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Die Stunde der Wohltäter

Die Stunde der Wohltäter

Katastrophenhilfe in Haiti von Céline Raffalli

Die Abenddämmerung legt sich über die Ruinen von Port-au-Prince. Bald wird es ganz finster sein in der Stadt. Eine Ampel, die in der Ferne über einer Kreuzung baumelt, ist nur noch schwach zu erkennen. Wohin man auch blickt, überall Berge von Trümmern und Schutt. Die Hunde sind die Herren der Nacht. Immer wieder zerreißt ihr Geheul die Stille.

Am nächsten Morgen dröhnen die Motoren. Im grellen Licht des anbrechenden Tages bahnen sich Autos einen Weg durch das Chaos der zerstörten, übervölkerten Stadt. Sammeltaxis, genannt tap-tap, umrunden die Krater, die den mäandernden Verlauf des Autoverkehrs bestimmen. Geruch nach Tod vermischt sich mit dem Gestank von Abwasser, das aus einem verstopften Kanal quillt, der Wind bläst den Lebenden Trümmerstaub ins Gesicht. Die Haitianer leben ein wenig abseits der Wirklichkeit: Die Verschollenen sind noch gegenwärtig, hinter jeder Biegung, stellt man sich vor, könnte einer unter den Betontrümmern begraben sein.

Am 12. Januar 2010 wütete hier ein Erdbeben, so stark wie mehrere unterirdisch gezündete Atombomben: Stärke sieben auf der Richterskala. Im Schnitt hielt nur eines von drei Häusern den Erschütterungen stand. Während im einen Haus wundersamerweise kein einziges Fenster zu Bruch ging, konnte das Nachbarhaus bis auf die Grundmauern einstürzen. Eine monströse und grausame Schicksalslotterie ließ 230 000 Tote, 300 000 Verletzte und 1,3 Millionen Obdachlose zurück. Die Sachschäden betrugen insgesamt rund 7,8 Milliarden Dollar, 120 Prozent des haitianischen Bruttoinlandsprodukts im Jahr vor der Katastrophe.

Mehr als drei Jahre später sieht es aus, als habe der Wiederaufbau noch nicht einmal begonnen. Auf den Straßen leisten einige wenige Männer in T-Shirts mit den Logos verschiedener NGOs, Schaufeln in der Hand, die Arbeit der Bagger und Planierraupen, die längst in ihre fernen Heimatländer zurückverfrachtetet worden sind. Wie viele Jahre wird es bei diesem Tempo noch dauern, bis die Stadt wiederhergestellt ist?

Die Lager aus schmutzigen, zerrissenen, dicht an dicht stehenden Zelten, in denen sich noch heute 370 000 Menschen drängen, sind über die ganze Stadt verstreut. Dennoch sind die meisten NGOs im Abzug begriffen. In den zerstörten Vierteln erstreckt sich das Blau der Zeltplanen kilometerweit über das Grau des Schutts. Manche Bewohner haben Löcher hineingeschnitten, damit sich die mörderische Hitze im Zelt ertragen lässt. In der Dämmerung wäscht sich eine Frau am Rinnstein, gleich neben den Autoschlangen, im schwarzen Abgasqualm.

Die Hilfen der Geberländer aus aller Welt existieren zum großen Teil nur auf dem Papier. Ende September 2012 erklärte das Büro des UN-Sondergesandten für Haiti, bisher seien nur etwas mehr als die Hälfte der bei der New Yorker Geberkonferenz von 2010 zugesagten 5,37 Milliarden Dollar verteilt worden. Die Hilfsgelder sollten eigentlich bis Herbst 2012 eingegangen sein, doch mangels belastbarer und glaubwürdiger öffentlicher Träger wurden sie teilweise eingefroren. Die „internationale Gemeinschaft“ hat sich zwar des Wiederaufbaus angenommen, doch die Vielfalt der Akteure und deren gegensätzliche Interessen haben das Vorankommen behindert. Zudem zielen die Hilfsprojekte fast ausschließlich auf die Ausweitung und Begünstigung ausländischer Investitionen. „Haiti is open for business“ – die Formel des im Mai 2011 gewählten Präsidenten Michel Martelly bringt es auf den Punkt (siehe Kasten).

Unmittelbar nach dem Beben wurde eine Interimskommission für den Wiederaufbau Haitis (CIRH) gegründet, mit dem ehemaligen US-Präsidenten Clinton und dem früheren haitianischen Präsidenten Jean-Max Bellerive an der Spitze. Sie sollte die Aufbauvorhaben prüfen und der Weltbank zur Finanzierung empfehlen. Gut ein Jahr später zeigte sich, dass diese Kommission ein großer, makabrer Witz war. „Ein einziger Sumpf aus Entscheidungsunfähigkeit und Verschleppung“, nannte sie die britische NGO Oxfam in einem Bericht vom 6. Januar 2011. Als das Mandat der CIRH Ende 2011 auslief, übernahm der Fonds für den Wiederaufbau Haitis (FRH) die Aufgabe. Er untersteht der haitianischen Regierung sowie Vertretern der haitianischen Wirtschaft, der Weltbank, der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) und verschiedener NGOs. Doch er hat große Mühe, die Hilfsgelder der internationalen Geber einzutreiben.

Der Clinton-Bush-Fonds, 2010 auf Anregung von Barack Obama gegründet, kündigte am 31. Dezember 2012 seinen Abzug aus Haiti an. Die versprochenen 54 Millionen Dollar waren auch tatsächlich ausgegeben. Was sie bewirkt haben, ist jedoch kaum ersichtlich. „Der eine legt seine Hand dafür ins Feuer, dass dieses Geld nicht zur Finanzierung produktiver Wirtschaftszweige genutzt wurde. Der andere schwört das Gegenteil. Die Dinge sind hier weder schwarz noch weiß“, schreibt der Journalist Roberson Alphonse in der Tageszeitung Le Nouvelliste vom 7. Dezember 2012. Angesichts der versiegenden Geldströme mahnte Weltbank-Präsident Jim Yong Kim im November 2012: „Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt, um die Hilfe für Haiti einzustellen.“

Sweet Micky und die Kinder der Diktatur

Im Steuerungsgremium der Geldgeber kämpft jeder Staat für die Interessen seiner nationalen Unternehmen. Die Folge sind viele kleine Einzelprojekte ohne gemeinsame Strategie. Jedes zweite Projekt scheiterte bisher im Genehmigungsverfahren, weil die Finanzierung nicht gesichert war. Und unterdessen ist Haiti für ausländische Firmen zum neuen Eldorado geworden: Kenneth Merten, Botschafter der Vereinigten Staaten in Haiti, sprach in einem durch Wikileaks veröffentlichten Diplomatenkabel von einem „Goldrausch“. Den Amerikanern wird vorgeworfen, ihre eigenen Firmen zu fördern und die Haitianer zu übergehen. Mit 267 Millionen Dollar an Hilfsgeldern des CIRH wurden 20 Aufträge an einheimische Unternehmen vergeben, 1 500 an US-amerikanische. Sämtliche Projekte sollten von der Clinton-Kommission evaluiert und abgenommen werden, bevor die Weltbank ihre Zustimmung gab. Eine Antikorruptionsabteilung wurde in der CIRH erst im März 2011 eingerichtet. Zu diesem Zeitpunkt waren zwei Drittel der Vorhaben bereits abgesegnet. Zudem wurden Projekte mit einem Auftragswert von weniger als einer Million Dollar überhaupt nicht geprüft.

Regelmäßig wurden Missbräuche aufgedeckt: schwindelerregende Honorare für Auftragnehmer, Schulbauten, die nur auf dem Papier existierten, und dergleichen. Max Bellerive brachte es in Ausübung seiner Funktion fertig, an einem einzigen Tag (dem 8. November 2010) acht Projekte von drei Firmen zu genehmigen, die allesamt dem dominikanischen Geschäftsmann und Senator Félix Bautista gehören. Auftragswert insgesamt: 385 Millionen Dollar. Auch der damalige haitianische Präsident René Préval beendete 2010 seine Amtszeit nicht im Guten: Ihm wurde vorgeworfen, mehrere Millionen Dollar aus dem Hilfsprojekt Petrocaribe1 abgezweigt zu haben, um den Wahlkampf seines Schützlings Jude Célestin zu finanzieren.

Viele junge Leute tragen noch heute das rosa Armband aus dem Wahlkampf des heutigen Präsidenten Michel Martelly. Der unter dem Künstlernamen „Sweet Micky“ höchst populäre Compás-Sänger2 gewann die Gunst der Wähler, indem er kostenlose Schulbildung und die Bekämpfung von Korruption und Kriminalität versprach. Zweifel kamen auf, als bekannt wurde, dass sich unter Martellys Mitstreitern nicht nur ehemalige Getreue der Diktatorensippe Duvalier befanden, sondern auch Polizisten, die zehn Jahre zuvor mutmaßlich in den Drogenhandel verwickelt waren. Das FBI untersucht zurzeit ein riesiges Entführernetzwerk, an dem auch das unmittelbare Umfeld des Präsidenten beteiligt sein soll.

Mit finanzieller Unterstützung aus Kanada löste Präsident Martelly im Rahmen des Programms „16/6“ sechzehn Obdachlosenlager in sechs Bezirken auf, indem er den Familien eine Prämie von umgerechnet 360 Euro für ihren Abzug bezahlte. In einigen Fällen erreichte er das Ziel auch mit Gewalt. Doch mit einer so lächerlich geringen Summe konnten sich die betroffenen Familien wieder nur elende Hütten an den Rändern der bestehenden Elendsviertel bauen.

Über Delmas, einem dieser Lager, zucken Blitze vom Himmel. Aus den schwankenden Schatten lösen sich aufmerksame Blicke. Hier gibt es Banden, die manchmal Fußgängern eine Waffe an die Schläfe halten und ausrauben oder in den Zelten, ganz in der Nähe des Polizeihauptquartiers, junge Frauen vergewaltigen. Ein alarmierender Bericht der Internationalen Helsinki-Föderation für Menschenrechte (IHF) vom 12. November 2012 stellt fest, dass sich die Sicherheitslage verschlechtert habe. Das sei kein Zufall, sondern „die Folge einer Wirtschaftspolitik, die in der Hauptsache von internationalen Entscheidungsträgern vorgegeben wird“. Ein UN-Inspektor erklärt uns, die Kriminalitätsrate habe sich seit dem Erdbeben „um den Faktor 100 erhöht“.

Am selben Tag, im Viertel Bicentenaire, bricht ein Mann auf offener Straße plötzlich zusammen. Sein Körper zuckt auf dem Asphalt unmittelbar neben den Passanten, die den Blick abwenden und weitergehen. Irgendwann stellt jemand einen Holzklotz daneben, um den Autoverkehr an dem Mann vorbeizuleiten. Auf der anderen Seite des Hafens, in Cité Soleil, dem größten Elendsviertel der Hauptstadt, hat sich vor einer Lehmkeksverkäuferin eine Schlange gebildet. Die Frau knetet die Mischung aus Erde und Butter mit großer Sorgfalt. Mehrere hundert Kekse trocknen in der Sonne. „Ich esse jeden Tag drei, damit das Hungergefühl weggeht“, sagt der zwanzigjährige Jeff, der eben mit Magenschmerzen aufgewacht ist, lächelnd. Nicht weit entfernt spielen ein paar Jungs ohne Schuhe auf einer riesigen Brache Fußball.

Hoch über der Stadt wohnt eine winzige Elite, 3 Prozent der Bevölkerung, aber sie besitzt 85 Prozent der Reichtümer. Hinab in den staubigen Rest von Port-au-Prince fährt sie nur im schicken Geländewagen. Unter ihren Fenstern breitet sich ein Elend aus, das sie nicht aus der Nähe sehen will. „Das Problem bei Martelly ist, dass er eine Politik der Almosen betreibt“, empört sich der Schriftsteller Lyonel Trouillot. „Er ist unfähig zu einem echten Neuanfang im Land. Seine Mannschaft besteht aus Kindern der Diktatur, die von klein auf gelernt haben, das Volk zu verachten. Unsere dringendste Aufgabe wäre es, die Souveränität des Landes wiederherzustellen.“

Dazu gehört es seiner Ansicht nach, „mit Hilfe gerechter und vertrauenswürdiger Institutionen“ etwas gegen die ungleiche Verteilung des Reichtums zu tun. Doch sei dies eine Frage, die sich hier niemand stelle. Denn die derzeitige Armut sei ganz im Sinne der NGOs und mächtiger Wirtschaftsinteressen. „Für die ist Haiti kein Land, sondern ein gutes Geschäft.“3

Dort, wo früher das „Fort Dimanche“ stand, das größte Foltergefängnis der Duvalier-Diktatur, ist der Boden noch heute mit den Gebeinen der Opfer durchsetzt. Dennoch findet sich auf einer Mauer groß ein Graffito: „Komm wieder, Jean-Claude Duvalier!“ Ist das Ausdruck der Sehnsucht nach einer Zeit, in der politische Gewalt, aber auch relativer Wohlstand herrschte? Ist blutige Unterdrückung für manche ein geringerer Preis als das Elend? Nach fünfundzwanzig Jahren im französischen Exil hat Duvalier junior, genannt „Baby Doc“, durchaus Chancen, demnächst von der französischen Justiz reingewaschen zu werden. Er hätte dann wieder Zugriff auf ein Schweizer Konto mit 6 Millionen Dollar, die bis zum Abschluss seines Gerichtsverfahrens eingefroren sind.

Ein Rinnsal voller Abfälle, in dem schwarze Schweine wühlen, versickert zwischen den dicht an dicht stehenden, glutheißen Wellblechhütten. Unter solchen hygienischen Bedingungen kann ein Choleraerreger schnell eine Katastrophe verursachen. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen hat auf eine Häufung der Krankheitsfälle aufmerksam gemacht: Seit der Erreger im Oktober 2010 nachgewiesen wurde, sind mehr als 7 400 Menschen daran gestorben. 620 000 Haitianer wurden infiziert, 100 000 davon allein in Cité Soleil. Die Seuche trifft vor allem die Ärmsten der Armen. Und die Wut auf die Vereinten Nationen wächst, denn es war eine nepalesisches UN-Truppe, die den Erreger eingeschleppt hat. Obwohl es daran keinen Zweifel mehr gibt, weigern sich die Nepalesen, ihr Verschulden einzugestehen.

Nachts stoßen wir an einer von Schutt gesäumten Straße auf eine Christusfigur, die das Beben überstanden hat. Auch ein blutiges Hemd liegt dort. Es wurde vom Opfer eines ungesühnten Verbrechens der Altagrâce, der Schutzheiligen Haitis, gewidmet, damit sie Gerechtigkeit bringe. Überall in der Stadt heben sich Halleluja-Rufe in den Himmel und steigern sich zur Trance. Noch genügt der Glaube, um die Wut zu kontrollieren.

Fußnoten: 1 Ein Vertrag mit Venezuela, der Haiti den Bezug von Erdöl zu Vorzugspreisen ermöglicht und auch Entwicklungsprojekte umfasst. 2 Eine moderne Form der haitianischen Méringue-Musik. 3 Vgl. die Filmdokumentation „Tödliche Hilfe“ (2013) von Raoul Peck: assistance-mortelle.arte.tv. Aus dem Französischen von Herwig Engelmann Céline Raffalli ist Journalistin.

Aufbau für wen?

Das größte Projekt im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau Haitis nach dem Erdbeben von 2010 ist die neu geschaffene Sonderwirtschaftszone Caracol im Norden des Landes, etwa 140 Kilometer vom Katastrophengebiet entfernt. Sie entstand auf der Grundlage eines Vertrags zwischen der Regierung von Haiti, dem US-Außenministerium, der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) und der Clinton Foundation. Am 22. Oktober 2012 wurde sie eingeweiht. Der größte dort ansässige Fertigungsbetrieb ist der südkoreanische Textilgigant SAE-A Trading, Zulieferer von US-Firmen wie Walmart, Target oder Gap.

Die USA haben 124 Millionen Dollar für den Caracol-Industriepark bereitgestellt. Damit ist das Projekt die größte Investition der Vereinigten Staaten in den Wiederaufbau Haitis. Das Grundstück auf dem Caracol-Gelände bekommt SAE-A Trading von der haitianischen Regierung umsonst, plus Steuerbefreiungen. Ein Kraftwerk und ein neuer Hafen gehören zur Infrastruktur. Der koreanische Konzern profitiert zudem vom Haiti Economic Lift Program (HELP) Act, den der amerikanische Kongress nach dem Erdbeben verabschiedet hat. Mit diesem Gesetz werden die zollbefreiten Einfuhrkontingente für Textilien aus Haiti in die USA für einen Zeitraum von zehn Jahren verdreifacht.

SAE-A Trading hat versprochen, in den kommenden sechs Jahren 20 000 Arbeitsplätze zu schaffen, zu Tageslöhnen von 300 Gourdes, umgerechnet 5 Euro (in Haiti kostet eine Limonade schon 40 bis 50 Gourdes). Für die Errichtung der Sonderwirtschaftszone hat man 366 Bauern ihres Landes enteignet – in einer Gegend, die vom Erdbeben überhaupt nicht betroffen war. Die koreanische Firma ist im Übrigen für ihr angespanntes Verhältnis zu Gewerkschaften in ihren guatemaltekischen Fabriken bekannt. Die dortigen Arbeiter werfen ihr zahlreiche Verstöße gegen das Arbeitsrecht vor.

Le Monde diplomatique vom 14.06.2013,