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Am Leben bleiben in Karatschi

Am Leben bleiben in Karatschi

von Ashraf Khan

Es war eine Geschichte, wie sie in Karatschi häufiger vorkommt. Laik Hussein fuhr zusammen mit einem Freund auf seinem Motorrad über eine der überfüllten Straßen des 20-Millionen-Molochs, als sie von einem Heckenschützen beschossen wurden. Die Kugel durchschlug Laiks Schläfe und zerriss seine beiden Augen. „Ich dachte, jemand hätte mir einen spitzen Stein auf den Kopf geschlagen“, erinnert er sich. Sein Freund hatte die Situation sofort erfasst, aber gerettet hat ihn das nicht. „Er hat mir gesagt, ich solle heilige Verse aus dem Koran aufsagen. Erst in diesem Moment habe ich begriffen, dass auf uns geschossen wurde.“ Laik Hussein, Führungsmitglied der radikalen sunnitischen Gruppe Ahlus Sunnah wal-Dschama’a, ist heute blind. Sein Freund, Mufti Saud Rahmen, ist einer der 2 400 Einwohner Karatschis, die im Jahr 2012 auf offener Straße ermordet oder entführt und zu Tode gefoltert wurden.

Die pakistanischen Behörden sprechen von „gezielten Anschlägen“. Für die Bewohner der Wirtschaftsmetropole, die unter der grassierenden Gewalt und der Ohnmacht der Polizei leiden, sind sie zum täglichen Albtraum geworden. „Wir sahen gerade im Fernsehen die Nachrichten über die letzten gezielten Anschläge und haben mit Trauer an die armen Eltern gedacht, die ihre geliebten Kinder verloren haben“, erzählt Fatima Tanveer schluchzend. „In dem Moment hat es an der Tür geklopft, und sie brachten uns die Nachricht, dass unser Sohn unter den Opfern ist. Er wollte in ein paar Monaten heiraten.“

„Die Welle der Tötungsdelikte, die wir seit einiger Zeit erleben, ist zum größten Teil auf den Anstieg der religiösen Gewalt zurückzuführen“, sagt Zohra Yusuf. Sie ist die Vorsitzende der Pakistanischen Kommission für Menschenrechte (HRCP). „Obwohl natürlich Morde aus allen möglichen anderen Motiven, politischen wie kriminellen, noch dazukommen.“ Die pakistanischen Behörden haben sich anscheinend für eine Taktik des Leugnens entschieden. „Von mehr als 2 000 Morden sind der Polizei nur 370 als gezielte Anschläge angezeigt worden“, versicherte der Informationsminister der südpakistanischen Provinz Sindh, Sharjeel Memon, auf einer Pressekonferenz im November 2012.

Was auch immer die Motivation der Kriminellen ist, in Karatschi fürchten fast alle – unabhängig von ihrer ethnischen, religiösen und politischen Zugehörigkeit – um ihr Leben, wenn sie das Haus verlassen, oder um das Leben ihrer Freunde und Verwandten. Die 45-jährige Huba Habib, leitende Angestellte in einem Privatunternehmen, ist stolz auf ihre beiden Söhne, die an der Universität studieren. „Aber jedes Mal, wenn sie das Haus verlassen, habe ich Herzklopfen und bete, dass ihnen nichts passiert. Ein Menschenleben ist in dieser Stadt nicht viel wert.“ Es heißt, eine der sichersten Arten, sein Leben zu verlieren, sei es, sein Mobiltelefon festzuhalten, wenn es jemand klauen will. Der Dieb wird dich umbringen und verschwinden.

Möglicherweise war es ebenfalls ein Raubmord, dem die Oppositionspolitikerin Zara Shahid Hussain am 18. Mai zum Opfer fiel – einen Tag vor den Nachwahlen in einigen Wahlkreisen Karatschis. Vielleicht aber war es eine politisch motivierte Tat, wie ihre Parteifreunde von der PTI des einstigen Kricketspielers Imran Khan behaupten. Dieses ungeklärte Verbrechen ist bezeichnend für die explosive Lage in der Hafenstadt – und im ganzen Land.

Manche sehen in der allgemeinen Unsicherheit eine Form des Protests, die Vorboten einer sozialen Revolte. Shahid Hassan Siddiqi, Ökonom und Direktor am Research Institute of Islamic Banking and Finance, ist jedoch ganz und gar nicht dieser Ansicht: „Wir durchleben die schlimmste wirtschaftliche und politische Krise unserer Geschichte, aber ich sehe da keine Revolution entstehen.“

Das Chaos schwächt die Wirtschaft und führte bereits zur Schließung zahlreicher Unternehmen. Hunderttausende Arbeiter und ihre Familien haben ihre Lebensgrundlage verloren. Die Spannung ist allgegenwärtig. „Fast sechs Monate im Jahr gibt es hier Arbeitsniederlegungen, weil die eine oder andere Partei zum Streik aufgerufen hat“, erzählt der 65-jährige Amjad Ali, der von morgens bis abends mit seinem Handkarren Berge von Waren auf den Judia-Basar, den größten Markt des Landes, transportiert. Von den 200 bis 300 Rupien (1,50 bis 2,30 Euro), die er am Tag verdient, muss er eine siebenköpfige Familie ernähren. Dabei kann sich Ali noch glücklich schätzen, denn nach den Berechnungen des Ökonomen Siddiqi leben 40 Prozent aller Pakistaner von weniger als 100 Rupien (78 Cent) am Tag. Siddiqi hat auch ausgerechnet, dass eine vierköpfige Familie, die in einem einzigen Zimmer lebt, wenigstens 12 000 Rupien (94 Euro) im Monat benötigt, um sich ausreichend ernähren zu können. „In diesem Land gibt es keine Mittelschicht“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler. „Die Leute leben entweder in extremer Armut oder gehören zu der Handvoll, die in üppigem Wohlstand lebt.“ Unabhängige Wissenschaftler schätzen, dass 2 Prozent der Pakistaner den Großteil der Wirtschaft des Landes kontrollieren.

Und selbst die Vermögendsten haben schon bessere Zeiten erlebt. Zum Beispiel leidet Pakistan unter chronischen Zusammenbrüchen der Stromnetzes aufgrund des zunehmenden Missverhältnisses zwischen steigendem Bedarf und Versorgungskapazitäten. Die täglichen Stromausfälle bringen die gesamte Industrieproduktion durcheinander. Besonders im Textilsektor, der eine große Zahl schlecht bezahlter Arbeitsplätze bietet und Devisen ins Land bringt, sind die Folgen desaströs. „Die Elektrizitätskrise hat unseren exportorientierten Unternehmen Verluste in Höhe von etwa einer Milliarde US-Dollar beschert“, sagt Ahsan Bashir, Präsident des Arbeitgeberverbands All Pakistan Textile Mills Association (Aptma). Bei Exporterlösen in Höhe von 13,5 Milliarden US-Dollar, mit denen die Unternehmen gerechnet hatten, ist das eine beachtliche Summe. Im Jahr 2012 wurde die Hälfte der gesamten pakistanischen Exporterlöse im Textilsektor erzielt, und 38 Prozent der aktiven Bevölkerung waren dort beschäftigt.1

Vor dem Hintergrund der sozialen Instabilität und der mangelhaften Stromversorgung verwundert es nicht, dass viele Unternehmen nach Bangladesch oder Malaysia abwandern. Der pakistanische Staat hat zwar zahlreiche finanzielle Anreize geschaffen, um Kapital und Arbeitsplätze wieder ins Land zu holen, aber ohne großen Erfolg. „Einige Firmen haben ihre Werke wegen der Steuer- und Zollvorteile zwar wieder zurückverlagert“, räumt Yasin Siddik ein, der bei Aptma für Südpakistan zuständig ist. Aber um die Firmen im großen Stil anzulocken, bräuchte es mehr: „Wenn die eigene Existenz, das Vermögen und das Geschäft nicht mehr sicher sind, riskiert man den wirtschaftlichen Tod und muss anderswo nach Lösungen suchen.“

Brennpunkt Lyari

Unternehmer, die nicht auf eine so attraktive „Lösung“ wie die Fertigung in Bangladesch setzen können, müssen sich außerdem noch mit einem anderen Problem herumschlagen: der Schutzgelderpressung organisierter Banden. Auch dieses Geschäft boomt, vor allem in Karatschis Hafenviertel Lyari, das direkt neben dem größten Industriegebiet des Landes liegt. Händler und Geschäftsleute, die sich weigern, den Gangs das erpresste Schutzgeld (bhatta) zu zahlen, leben unter der ständigen Gefahr brutaler Repressalien, von Entführung und Folter bis hin zu Mord. Es kommt nicht selten vor, dass die Widerspenstigen in einem Jutesack am Straßenrand enden. Durch zahlreiche Versammlungen und Proteste haben die Arbeitgeber vergeblich versucht, die Behörden zum Einschreiten zu bewegen.

„Um am Leben zu bleiben, mussten viele meiner Kollegen und Unternehmen die Schutzgeldzahlungen akzeptieren“, erzählt Atiq Mir, Vorsitzender des Handelsverbands von Karatschi. „Die Regierung hat bei unserem Schutz vollkommen versagt. Es ist, als ob die ganze Stadt nach und nach den Kriminellen in die Hände fällt.“

Die Verbreitung der Kriminalität überfordert die Behörden. Niemals zuvor war der Mangel an Kompetenz, Ressourcen und Handlungswillen im Staatsapparat so offenkundig. „Die Mordfälle von 2012 folgen einem anderen Schema als die im Vorjahr“, erläutert Zora Yusuf. Im Jahr 2011 standen die meisten Tötungsdelikte im Zusammenhang mit den ethnischen Konflikten in einigen Vierteln, wie in Kati Pahari, wo es immer wieder zu blutigen Zusammenstößen zwischen Paschtunen und den Urdu sprechenden Muhadschirun gekommen war. Inzwischen hat sich die Gewalt auf die gesamte Stadt und alle sozialen Schichten ausgedehnt. Sharfuddin Memon, Sicherheitsberater bei der Regierung der Provinz Sindh, spricht von „mehrfach motivierten“ Tötungen, bei denen sich politische, ethnische, religiöse und gewöhnliche kriminelle Ziele vermischen. Diese Verwirrung, meint Memon, sei ein großer Vorteil für Mörder, die „die momentane Lage auszunutzen, um persönliche Rechnungen zu begleichen“.

Karatschi genießt bei ausländischen Besuchern nach wie vor den Ruf einer liberalen Stadt. Doch die radikalen religiösen Gruppen spielen bei der aktuellen Welle der Gewalt eine zentrale Rolle, nicht nur in Karatschi. Sie verbreiten sich im ganzen Land und stützen sich dabei auf eine lange Tradition. Schon 1971 waren es die ethnisch-religiösen Sektierer, die die Teilung des Landes provozierten. Das von Bengalen bewohnte Ostpakistan machte sich als eigener Staat Bangladesch unabhängig. Eine Regierung Pakistans nach der anderen hat es jahrzehntelang versäumt, aus dieser Vergangenheit ihre Lehren zu ziehen, und sie ließen zu, dass sich die ethnischen Spaltungen zementierten.

Die Muhadschirun („Flüchtlinge“ auf Urdu), die nach der Teilung von Britisch-Indien 1947 als Muslime in den pakistanischen Teil flohen, waren zumeist gut ausgebildete und qualifizierte Arbeitskräfte und hatten großen Anteil an der Entwicklung des jungen Staates. Aufgrund der von der pakistanischen Regierung eingeführten Quoten erlangten sie im Laufe der Jahre privilegierten Zugang zu Posten im öffentlichen Dienst und im Bildungswesen. In der Folge kam es zu blutigen Zusammenstößen mit der alteingesessenen Bevölkerung, vor allem mit den Sindhis und den Paschtunen, die sich unter dem Banner der Awami-Nationalpartei (ANP) zusammengeschlossen hatten.

Die Konflikte zwischen beiden Gruppen verstärkten sich 1972, als die Sindhis sich weigerten, Urdu als offizielle Sprache in der Sindh-Provinz anzuerkennen. Mitte der 1980er Jahre wurde in Karatschi die Partei Vereinigte Volksbewegung (Muttahida Qaumi Movement, MQM) gegründet, in der sich vor allem die Muhadschir-Bevölkerung zusammenschloss. Das löste wieder neue Massaker aus, diesmal initiiert durch die paschtunischen Drogenbarone. Die Gewalt vertiefte den Graben zwischen den beiden großen Bevölkerungsgruppen in Karatschi weiter.

In den darauffolgenden Jahren blieben die Spannungen bestehen. Immer wieder gab es Auseindersetzungen zwischen Sindhis und Muhadschirun, wie in den Jahren 1988 und 1990, und dann wieder 1992 und 1995 im Zusammenhang mit einer militärischen und polizeilichen Repression gegen die MQM. Das hinderte die liberale MQM allerdings nicht daran, auch über die ethnischen Grenzen hinweg eine Mehrheit der Bevölkerung hinter sich zu sammeln. Bei den Parlamentswahlen von 2008 stimmten 69,2 Prozent der Einwohner von Karatschi für die Partei.

Im Laufe der Jahre entwickelte sich das Hafenviertel zum Schauplatz von Kämpfen unter kriminellen Banden, die mit Schutzgelderpressungen, Waffen-, Drogen- und Menschenhandel ihr Geld verdienten. Auch hier schürten ethnische und politische Spaltungen zusätzlich die Gewalt. Im vor allem von Belutschen bewohnten Viertel Lyari führt die hohe Konzentration von mafiosen Gruppen immer wieder zu Revierstreitigkeiten, die regelmäßig in interethnische Zusammenstöße ausarten. Zudem wird das organisierte Verbrechen häufig von politischen Parteien ferngesteuert und unterhält Verbindungen zu terroristischen Organisationen. Die Banden aus Lyari verfügen über fast grenzenlose Macht: Sie können den Judia-Basar vollständig lahmlegen – oder gleich die gesamte Innenstadt Karatschis, wenn die Händler nicht brav für ihren Schutz bezahlen.

Seit 2007 und der Ankunft einer neuen Welle paschtunischer Flüchtlinge ist die Lage noch explosiver geworden. Etwa eine Million Menschen sind vor den Militäroperationen gegen die Taliban in den Stammesgebieten im Swat-Tal und in Waziristan2 geflohen und in den Vororten Karatschis gestrandet, die meisten in dem Slumgürtel, der die Stadt umgibt. Die pakistanischen Behörden hofften den Eifer der islamistischen Kämpfer zu dämpfen, indem sie ihnen einen Teilfrieden anboten sowie medizinische Versorgung und die Möglichkeit, Hilfsgelder zu sammeln. Aber das hielt die „Studierenden der Religion“ (Taliban) nicht davon ab, sich mit allen laizistischen Strömungen in Karatschi anzulegen, zuallererst mit der liberalen MQM, aber auch mit deren Rivalen von der ANP. Der ANP gehören zwar vorwiegende Paschtunen an, doch wegen ihrer säkularen Positionen und ihrer Regierungsbeteiligung wird sie von den Taliban als Partei der Verräter betrachtet. Die Polizei räumt ein, dass die Anschläge der Islamisten die ANP selbst in ihren Hochburgen stark geschwächt haben.

Flüchtlinge aus Waziristan

Chaudhry Muhammed Aslam, ein hochrangiger Polizist, der zahlreiche Operationen gegen die Taliban geleitet hat, erklärt an einem Beispiel das Vorgehen der Taliban: Ende des letzen Jahres haben zwei Personen, die sich als Prediger ausgaben, sieben Jugendliche in Karatschi rekrutiert. Sie versprachen ihnen eine religiöse Ausbildung bei der Tablighi Dschamaat, einer orthodoxen islamischen Bewegung, die dafür bekannt ist, dass sie Gewalt ablehnt. Die Kurse fänden in Lahore statt, erzählten sie, einer relativ ruhigen Stadt im Osten des Landes. Man glaubte ihnen, und die Eltern ließen ihre Kinder ziehen.

Die beiden „Prediger“ brachten ihre Rekruten daraufhin nach Miransha, die Verwaltungshauptstadt Nord-Waziristans in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan. Anstatt den Koran zu studieren, fanden sich die sieben in einem Trainingslager für Selbstmordattentäter wieder, unter dem Kommando des hohen Taliban-Führers Wali Mohammad Mehsud. Beim Angriff einer US-amerikanischen Predator-Drohne auf das Lager starben wenig später siebzehn Menschen. Die wenigen Überlebenden machten detaillierte Angaben über ihre Zwangsrekrutierung in Karatschi, was zur Verhaftung der wichtigsten Anwerber führte. „Wir werden jeden Polizisten, Soldaten und jeden Gesetzesvollstrecker immer wieder angreifen und abschlachten, denn sie sind amerikanische Agenten“, sagten Razzaq und Rashid, zwei Überlebende, einem Beamten, der ihre Aussagen zu Protokoll nahm. Das war keineswegs eine leere Drohung, sondern eine Ankündigung, dass der Krieg aus Nordpakistan, wo die Armee als Verbündete der USA gegen die Taliban kämpft, in den Süden des Landes getragen wird.

Über 150 Polizisten und andere Sicherheitsbeamte sind im Jahr 2012 in Karatschi erschossen worden. Hinter diesen Morden sollen die Taliban stecken. „Wir haben die Behörden seit Langem gewarnt, dass die Taliban hier herunterkommen, aber die haben nicht dran geglaubt“, sagt der Sprecher der MQM, Wasay Jalil. „Jetzt ist der Krieg definitiv vom Norden hier in den Süden gekommen.“ Die MQM warnt schon lange vor dem wachsenden Einfluss der Taliban im Hafenviertel von Karatschi. Doch vor dem Hintergrund der komplexen ethnischen und politischen Rivalitäten zwischen der MQM und den Paschtunen hielten viele das für politische Stimmungsmache. Taliban-Sprecher Ehsanullah Ehsan erklärte der MQM den Krieg: „Wir werden gegenüber den Verrätern und Tyrannen von Karatschi kein Mitleid zeigen.“

Am 18. Januar 2013 machten die Taliban ihre Drohungen wahr: Der MQM-Parlamentsabgeordnete Mansar Imam und drei seiner Leibwächter gerieten in einen Hinterhalt und wurden mit Kugeln förmlich durchsiebt. Bereits zuvor war bei einer Parteiversammlung der MQM eine in einem Motorrad versteckte Bombe explodiert. Zu beiden Anschlägen bekannten sich die Taliban.

Vor allem in Karatschi versuchen die Taliban ihre Position zu stärken. In der strategisch wichtigen und reichsten Stadt Pakistans hatten sie sich bereits zuvor ihre wichtigste Einnahmequelle erschlossen – nicht nur durch Spendenaktionen unter Sympathisanten, sondern auch durch mafiose Methoden wie Raub, Entführungen gegen Lösegeld und Schutzgelderpressungen, wobei sie gegen säumige Zahler auch schon mal Handgranaten einsetzen. Zudem unterstützen sie militante sunnitische Gruppen, die Mitglieder der schiitischen Minderheit angreifen. Die den afghanischen Taliban nahestehende Terrororganisation Tehrik-i-Taliban (TTP) ist vor allem in den paschtunischen Vorstädten Karatschis präsent und hat dort bereits die Schließung von ANP-Büros erzwungen. In manchen der paschtunischen Vierteln wird den Frisören verboten, Bärte zu rasieren, und Frauen wird untersagt, sich auf der Straße zu zeigen.

Zwangsrekrutierung durch die Taliban

Die Polizei veröffentlicht keine Schätzungen über die Anzahl der Taliban-Kämpfer, die sich in Karatschi aufhalten, aber Insider sprechen von 4 000 bis 5 000. Angesichts der Tatsache, dass Karatschi der einzige Handelshafen ist, in dem die Nato Gerät für den Krieg in Afghanistan anlanden kann, könnte die Taliban-Präsenz nicht nur den Einwohnern der Stadt, sondern auch den in Afghanistan Krieg führenden Mächten Sorgen bereiten.

Polizeioffizier Aslam zählt die Gegenden auf, in denen sie am stärksten vertreten sind: Kanwari Colony, Sohrab Goth, Pakhtunabad; Manghopir; Sultanabad, Quideabad, Banaras und Lyari. Er selbst entkam nur knapp einem Selbstmordanschlag, als ein mit Sprengstoff beladener Lastwagen vor seinem Haus explodierte. Im Jahr 2011 verübten die Taliban vierzehn Bombenanschläge in der Stadt, berichtet Aslam, die Polizei konnte die Hintermänner von neun dieser Anschläge fassen. Im Januar diesen Jahres wurden 100 Kilogramm Sprengstoff in Manghopir-Viertel sichergestellt. „Wäre der benutzt worden, hätte er verheerenden Schaden in der Stadt angerichtet.“ Und Professor Tauseef Ahmed Khan, ein bekannter Politologe, warnt: „ Es ist höchste Zeit, den Stier bei den Hörnern zu packen. Andernfalls könnte die Stadt ein Blutvergießen erleben, das alles Bisherige in den Schatten stellt. Das wäre ein verheerender Verlust für das säkulare, progressive Karatschi, wie wir es kennen.“

Doch diese Stadt leidet schon seit Langem unter den Machtkämpfen der verschiedenen Gruppierungen, die einander gewaltsam ihre Reviere streitig machen. Die Taliban kommen nun noch als ein weiterer Akteur hinzu. „Die politischen Spaltungen hier sind äußerst verzwickt und es geht dabei um hohe finanzielle Einsätze“, sagt die HRCP-Vorsitzende Yusuf. „Die kriminellen Schutzgelderpresser, die Taliban, die politisch Verantwortlichen oder auch die extremistischen Splittergruppen – es gibt viele Kandidaten, sie alle können die Stadt in Brand setzen und einem Blutbad ausliefern.“

Nach jeder Mordwelle verhaftet die Polizei Hunderte radikaler Aktivisten, doch die wirklich Schuldigen werden nur selten gefasst. Fateh Muhammad Burfat, Kriminologe und Professor für Soziologie an der Universität Karatschi, stellt fest: „Gerade einmal 5 Prozent der Anklagen führen zu einem rechtskräftigen Urteil. Und neun von zehn Inhaftierten in unseren Gefängnissen sind nicht verurteilte Untersuchungshäftlinge.“ Sogar der Informationsminister Memon räumt ein: „Es gibt ein institutionelles Unvermögen, es gibt zu wenig Polizeikräfte und das Informationsnetzwerk der Geheimdienste ist ineffizient.“

Burfat befürchtet gar den Zusammenbruch des Systems: „Wir müssen einsehen, dass der Staat auf ganzer Linie versagt hat. Alle politischen Parteien sollten sich dieser harten Realität stellen, wenn sie für das Land auch nur das Geringste tun wollen.“ Ein ähnlich düsteres Bild zeichnet der Ökonom Shahid Hasan Siddiqi: „Unser Bildungsetat ist niedriger als der von Äthiopien, unser Gesundheitsetat ist der kleinste der Welt. Welche Art von Revolution oder welcher noch so kleine Wandel zum Besseren ist auf einer solchen Grundlage überhaupt vorstellbar?“

Fußnoten: 1 Siehe die Website des pakistanischen Ministeriums für Textilindustrie: www.textile.gov.pk. 2 Siehe Jean-Luc Racine, „Pakistans Elend“, Le Monde diplomatique, November 2008, sowie Muhammad Idrees Ahmad, „Was die pakistanischen Taliban so stark macht“, Le Monde diplomatique, November 2009. Aus dem Englischen von Jakob Horst Ashraf Khan ist Journalist in Karatschi.

Le Monde diplomatique vom 14.06.2013,