Historikerstreit in Indien

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Historikerstreit in Indien

Die Schwierigkeiten, Kolonialgeschichte von unten zu erzählen von Partha Chatterjee

Während eines Besuchs in Pakistan im Juni 2005 bot der indische Oppositionsführer Lal Krishna Advani, damals noch Vorsitzender der rechtsgerichteten Hindupartei Bharatiya Janata (BJP), seinen Zuhörern eine Überraschung. Er behauptete, der pakistanische Staatsgründer Mohammed Ali Jinnah (1876–1948) habe sich kurz vor der Unabhängigkeit Pakistans, im August 1947, für die Gleichheit der bürgerlichen und religiösen Rechte aller Pakistaner, ob Muslim, Hindu oder Christ, ausgesprochen und sich damit zur Laizität bekannt. Diese Äußerung löste in der BJP ein regelrechtes Erdbeben aus, hatte die Partei doch Jinnah stets die Hauptverantwortung für die Teilung des Subkontinents nach Religionsgrenzen zugeschrieben. Auf Druck des ultrarechten BJP-Flügels musste Advani ein halbes Jahr später den Parteivorsitz niederlegen.

Einige Tage nach Advanis Auftritt erklärte der indische Premierminister Manmohan Sing, als er in Oxford die Ehrendoktorwürde entgegennahm, die britische Kolonialherrschaft habe Indien zwar ökonomisch ausgebeutet, aber auch Gutes hinterlassen: die Institutionen des Rechtsstaats, eine professionelle Verwaltung, Pressefreiheit sowie moderne Universitäten und Forschungslabors. Auch diese Rede löste heftige Diskussionen aus. Empörte Stimmen meinten, der Premierminister habe das Andenken an die Märtyrer der Unabhängigkeit besudelt. Andere lobten, seine Rede stehe für ein neues nationales Selbstbewusstsein, das erst eine aufrichtige Bilanz der kolonialen Vergangenheit möglich mache.

Eine dritte interessante Episode ist der Streit um das berühmte Mausoleum Tadsch Mahal von Agra, das der Großmogul Shah Jahan zum Gedenken an seine 1631 verstorbene Hauptfrau Mumtaz Mahal (Arjumand Bano Begum) errichten ließ. Der Verwaltungsrat der sunnitischen Kultstätten erhob vor einigen Jahren Besitzansprüche auf dieses architektonische Denkmal, dessen Pflege der staatlichen Archäologiebehörde obliegt. Die Sunniten behaupten, das Grabmal sei ursprünglich, während des Mogulreichs, eine religiöse Stiftung des Herrschers gewesen. Seit seiner Errichtung im 17. Jahrhundert sei dort jeden Freitag gebetet worden. Es handele sich also nicht um ein historisches Bauwerk, sondern um eine Moschee. Mehrere Fachhistoriker haben diese Behauptung in Frage gestellt. In Zukunft wird es wohl noch etliche Kontroversen um die Legitimität des Staatseigentums an historischen Kultstätten geben.

Der heftigste Streit der letzten Jahre entzündete sich am historischen Erbe an einer Moschee aus dem 16. Jahrhundert in Ayodhya, die angeblich auf den Ruinen eines Hindutempels errichtet ist. Als der BJP-Führer Advani 1990 forderte, auf dem Gelände der Moschee einen neuen Tempel zu errichten, kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen im ganzen Land mit tausenden von Toten. Im Lauf der endlosen politischen und juristischen Auseinandersetzungen kamen sogar mehrere Regierungen zu Fall.

Das öffentliche Leben in Indien steht häufig im Zeichen historischer Kontroversen. So gibt es ständig unzählige Diskussionen – auf regionaler wie auf nationaler Ebene – über Schulbücher und Bauwerke, über historische Filme und Romane, über Festlichkeiten und Riten, über die Namensgebung von Plätzen und Institutionen, über die indische Flagge und die Nationalhymne. Entsprechend wird der historischen Forschung immer wieder ein breites öffentliches Interesse zuteil, und die Debatten innerhalb der Fachdisziplin bleiben vom politischen Tagesgeschehen nicht unbeeinflusst.

Vor dreißig Jahren gab es in Indien zwei große konkurrierende Schulen moderner Geschichtsschreibung. Die eine – vorwiegend Forscher, die in Cambridge lehrten – erklärte, der indische Nationalismus sei aus dem Machtstreben einer kleinen einheimischen Elite entsprungen, die es verstanden habe, die traditionellen Bindungen des Kasten- und Gemeinschaftswesens für sich zu nutzen, um die Massen gegen die britischen Kolonialherren zu mobilisieren. Die Schule der nationalistischen Historiker vertrat hingegen den Standpunkt, die materiellen Bedingungen der kolonialen Ausbeutung hätten den Zusammenschluss der unterschiedlichen sozialen Klassen begünstigt, während die Anführer den gemeinsamen Kampf für die Unabhängigkeit lediglich angespornt und organisiert hätten.

Anfang der 1980er-Jahre kam ein dritter Forschungsansatz mit dem Projekt der „Subaltern Studies“ hinzu, die den Widerstand gegen die Kolonialherrschaft aus der Perspektive der Unterschichten und Minderheiten erforschen. Angeregt durch die Arbeiten des italienischen Marxisten Antonio Gramsci, lehnten die Historiker der postkolonialen „Subaltern Studies“ die Schule von Cambridge und die nationalistische Schule gleichermaßen ab, wobei sie die erste als kolonialen und die zweite als nationalistischen Elitismus kritisierten.1 Beide Ansätze würden die Unabhängigkeitsbewegung auf das Wirken einer Elite zurückführen, während die „subalternen“ Klassen als unabhängig Handelnde, als Subjekte von Geschichte, gar nicht vorkämen.

Seit den 1980er-Jahren konkurrieren diese drei Ansätze um die Interpretation der modernen Geschichte Indiens. Ein Hauptpunkt der Auseinandersetzung ist die Rolle der Landbevölkerung innerhalb der Unabhängigkeitsbewegung. Die Resultate der „Subaltern Studies“ haben gezeigt, dass zwar immer wieder Angehörige aus der Unterschicht, Landarbeiter wie Fabrikarbeiter, in der Unabhängigkeitsbewegung aktiv waren. Aber vielfach hätten sie sich der Bewegung – trotz aller Bemühungen der nationalistischen Führer – nicht anschließen wollen oder sich nach anfänglichem Engagement wieder zurückgezogen. Die Ziele, Strategien und Methoden „subalterner“ Politik unterschieden sich von denen der Eliten. Anders gesagt: Der Nationalismus der Eliten war nicht identisch mit dem der Unterschichten.

In ihrer ersten Phase konzentrierten sich die „Subaltern Studies“ auf die Untersuchung bäuerlicher Aufstände in verschiedenen Regionen und Perioden der Geschichte Südasiens. Man hatte Quellen gefunden, in denen Angehörige der Unterschichten selbst zu Wort kommen.2 Aber solche Funde haben eher Seltenheitswert. Also begann man, die offiziellen Dokumente über bäuerliche Aufstände mit anderen Augen zu lesen. Die Forscher versuchten, die von Beamten geschriebenen Berichte aus der Perspektive des rebellischen Bauern zu lesen, um zu erfahren, was der gewusst oder gedacht haben könnte.

Diese neue Art von Quellenexegese entlarvte zugleich die Ignoranz der alten Schulen. Denn frühere Historikergenerationen hatten selbst dann, wenn sie keinen „elitären“ Ansatz hatten, die für das Verständnis der Unterschichten-Mentalität überaus wichtigen und signifikanten Begriffe nicht erkannt, weil sie alles, was sie als mythisch, illusorisch, millenaristisch oder utopisch empfanden, entweder ignorierten oder mit einer „rationalen“ und verkürzenden Erklärung abtaten. Als Folge dieser historiografischen Praxis versuchte man, häufig unabsichtlich, die wilden, ungebärdigen Züge der Unterschichtenrebellion irgendwie in das rationalistische Raster des Elitedenkens einzupassen. Die autonome Geschichte der unteren Klassen – oder besser die spezifischen Spuren, die sie hinterlassen haben – ging in dieser Art von Geschichtsschreibung vollständig unter.

Die Analysen der „Subaltern Studies“ über den bäuerlichen Widerstand im kolonisierten Indien enthielten zugleich eine scharfe Kritik an der nationalistisch ausgerichteten bürgerlichen Politik: Der postkoloniale Nationalstaat habe die Unterschichten zwar in die imaginäre Sphäre der Nation einbezogen, sie aber aus dem realen politischen Raum des Staates ausgeschlossen. In den „Subaltern Studies“ gab es anfangs, wenn auch nicht durchweg, eine starke Affinität zu Mao, der in den 1970er-Jahren in Indien viele Anhänger fand.

Die Kritiker der „Subaltern Studies“ behaupteten deshalb des Öfteren, hier werde der bewaffnete bäuerliche Aufstand, der so gar nicht stattgefunden habe, romantisiert. Andere waren der Ansicht, die Historiker der „Subaltern Studies“ unterstützten subversive politische Ansichten, indem sie die eigenständige historische Rolle der Unterschichten betonten und die Einigkeit innerhalb der Unabhängigkeitsbewegung in Frage stellten.

In der Frühphase der „Subaltern Studies“ wurden deren Arbeiten häufig mit dem Ansatz der „Geschichte von unten“ im Sinne der britischen marxistischen Historikerschule in Verbindung gebracht. Nun wurden zwar die Arbeiten von Christopher Hill, E. P. Thompson, Eric Hobsbawm, den Forschern der History Workshops oder auch die von französischen Sozialwissenschaftlern wie Emmanuel Le Roy Ladurie für methodische Anregungen zur Erforschung von Alltagsgeschichte eifrig studiert; aber es gab einen wesentlichen Unterschied: Die „Subaltern Studies“ konnten nie eine „Geschichte von unten“ im Sinne westlicher Historiker sein. Die historische Darstellung der westlichen Moderne wurde erst komplettiert, indem man auch die „vergessenen“ Geschichten der kleinen Leute zu erzählen begann. Doch keine dieser Schilderungen könnte einen auf die Idee bringen, dass hier die Existenz, die Beständigkeit oder die historische Legitimation der kapitalistischen Moderne in Frage gestellt worden wäre. So überrascht es auch nicht, dass die „Geschichte von unten“ unweigerlich tragische Züge hat.

Skepsis gegenüber den westlichen Modellen

Die historische Erzählweise der „Geschichte von unten“ kann aber nicht einfach so auf Länder wie Indien übertragen werden. So wehrten sich die Forscher der „Subaltern Studies“ gegen die historizistische Orthodoxie, laut der sich alles, was im Westen geschehen war, notwendigerweise in Indien zu wiederholen habe. Sie lehnten es ab, die Parameter moderner Strukturgeschichte als Leitfaden für das historische Narrativ der ehemaligen Kolonialländer zu übernehmen. Deshalb sah man mit Skepsis auf die herrschenden Modelle sowohl der liberal-nationalistischen als auch der marxistischen Geschichtsschreibung.

Die „Subaltern Studies“-Forscher wollten die Geschichte des modernen Indien nicht als Konkretisierung einer von den großen Theoretikern der westlichen Welt gedachten Modernität konstruieren. Dieser wissenschaftliche Widerstand, der schon in den Anfängen der „Subaltern Studies“ zutage trat, artikuliert sich später auch in den Diskussionen über „andere Modernisierungen“.

Die in den frühen Beiträgen zu den „Subaltern Studies“ vertretene These, es habe ein autonomes Unterschichten-Bewusstsein gegeben, war problematisch. Man konzentrierte sich fast ausnahmslos darauf, bei den bäuerlichen Aufständischen ein strukturelles Bewusstsein zu entdecken, das zwar von der Erfahrung der Unterordnung geprägt war, aber auch vom Kampf um die Bewahrung einer autonomen Existenz.

Dabei stellte sich die schwierige Frage der Historizität dieser Bewusstseinsstruktur. Wenn das Unterschichten-Bewusstsein innerhalb eines spezifischen Verhältnisses von Herrschaft und Unterordnung geprägt wurde, konnte es sich dann überhaupt verändern? Und wenn ja, warum konnte man dann nicht sagen, dass es die Erfahrung nationalistischer Politik im Rahmen des neuen Nationalstaats war, die den indischen Bauern verändert, sprich zum modernen Staatsbürger gemacht hat. Woher kam der Widerstand gegen eine solche progressive Lesart der Geschichte? Oder musste man den Bewusstseinswandel in der Landbevölkerung ganz anders beschreiben?

Ein anderes damit zusammenhängendes Problem betrifft den Begriff des historischen Subjekts. Die Arbeiten über die Unterschichten konnten zeigen, dass sich diese sowohl außerhalb als auch innerhalb der staatlichen Bereichs, also der kolonialen Herrschaft und später der nationalstaatlichen Politik, bewegten. Außerhalb dieses Bereichs war man autonom. Aber die Unterschichten gerieten auch in diesen Bereich hinein, beteiligten sich an den staatlichen Prozessen und Institutionen und veränderten sich damit. Das historische Material war eindeutig: Die Unterschichten entsprechen nicht dem Idealbild, das man sich von ihnen gemacht hatte.

Was sollte also diese ganze Suche nach einem „reinen“ Unterschichten-Bewusstsein? Warum musste man unbedingt die Unterschichten zu souverän handelnden Subjekten stilisieren und als „aktive Gestalter“ auf die historische Bühne stellen? Schließlich hatten die „Subaltern Studies“ dem Diktum widersprochen, es gebe ein souveränes Subjekt der Geschichte mit einem eindeutigen Klassenbewusstsein. Warum sollte man diese falsche Vorstellung in der Geschichte der Unterschichten wiederaufleben lassen? Es war doch naiv, zu glauben, der dritte Stand könne sich in den historischen Darstellungen direkt zu Wort melden.3

Zwischen 1987 und 1989, nachdem der 5. und 6. Band der „Subaltern Studies“ erschienen war, vollzog sich eine Neuorientierung. In zunehmendem Maße und sehr viel ernsthafter als zuvor wurde eingeräumt, dass die Geschichte der Unterschichten viel zu fragmentarisch, zu unverbunden und zu unvollständig war, dass kein in sich geschlossenes Unterschichten-Bewusstsein existierte; dieses konstituiere sich vielmehr aus Erfahrungen der herrschenden Klassen wie auch der Unterdrückten.

Neben den Anzeichen von Autonomie, die man in Phasen der Rebellion beobachten konnte, richtete sich die Forschung jetzt auch auf die Formen von Unterschichten-Bewusstsein, die aus der tagtäglichen Unterwerfung resultieren. Nachdem diese Fragen auf die Tagesordnung gesetzt waren, konnte man sich nicht mehr auf die Untersuchung von Bauernaufständen beschränken. Es ging nicht mehr um die Suche nach der authentischen Gestalt der Unterschicht, sondern um deren Re-Präsentation im doppelten Sinne von „repräsentieren“ und „neu darstellen“. Das bewirkte eine Änderung sowohl des Forschungsgegenstands als auch der Methoden.

Andere Fragen über die koloniale Vergangenheit

Mit der Frage nach der „Repräsentation der Unterschichten“ erschlossen sich die „Subaltern Studies“ das ganze Feld der Verbreitung des modernen Wissens im kolonialen Indien. Viel bearbeitete Themen, wie die Expansion kolonialer Herrschaft, das englische Bildungssystem, die religiösen und sozialen Reformbewegungen oder der Aufstieg des Nationalismus, wurden unter neuen Fragestellungen erforscht. Aber auch der moderne Staat und seine Institutionen, über die sich die Vorstellungen von Rationalität und Wissenschaft, aber auch von moderner Staatsgewalt im kolonialen und postkolonialen Indien verbreitet hatten, wurden zum Gegenstand neuer Forschungen: Institutionen wie Schule und Universität, Zeitungen und Verlage, das Gesundheitswesen, Volkszählungen, industrielle Produktionsprozesse, die wissenschaftlichen Einrichtungen und Museen.

Eine wichtige These, die in jüngster Zeit im Umkreis der „Subaltern Studies“ entwickelt wurde, ist die von der „alternativen“ oder „hybriden“ Modernität. Im Mittelpunkt steht dabei die Verbreitung von Ideen, Verfahren und Institutionen der westlichen Moderne unter der Kolonialherrschaft. Aus der Sicht der klassischen Modernisierungstheorie erscheint die Geschichte der Modernisierung in den kolonisierten Ländern unweigerlich als rückständig, sie wird also ausschließlich in Begriffen von Verzögerung und Aufholen beschrieben. Nach dem berühmten Diktum des Historikers Dipesh Chakrabarty scheinen diese Gesellschaften ein für alle Mal „in den Wartesaal der Geschichte“ verbannt zu sein.

Der Universalanspruch der westlichen Moderne verdeckt die Tatsache, dass auch sie, wie alles in der Geschichte, das Ergebnis lokaler Umstände und Bedingungen ist. Was aber geschieht, wenn die Produkte der westlichen Moderne an andere Orte verpflanzt werden? Werden sie verschiedenartige und neue Formen annehmen, die nichts mehr mit dem Original gemein haben? Und wenn ja, müssen wir diese dann als mangelhafte Varianten betrachten? Als Abweichungen vom Ideal? Oder kann man sich nicht als Beispiele für eine „andere Moderne“ gelten lassen?

Wer diesen Standpunkt vertritt, weist Europa eine bescheidenere Rolle zu und erkennt die Identität anderer Kulturen auch dann noch an, wenn diese an dem als universell ausgegebenen Modernitätsmodell teilhaben. Dipesh Chakrabarty, Gyan Prakash und Gayatri Spivak beispielsweise haben sich näher mit den verschiedenen Aspekten dieser „Übertragung“ von Wissen, Technologien und Institutionen befasst und zu zeigen versucht, dass die Begegnung zwischen westlichen Formen der Moderne und den kolonisierten nichtwestlichen Kulturen nicht als einseitiger Prozess verlief und ihr Ergebnis auch keinesfalls nur mangelhafte oder defizitäre Formen der Modernität waren.4 Es hätten sich vielmehr unterschiedliche Formen von Moderne herausgebildet, deren Unterscheidungsmerkmale das Resultat gesellschaftlicher Machtkämpfe sind, deren Ausgang durchaus noch offen bleibt.

Die postkolonialen Einwürfe der „Subaltern Studies“ lassen die aktuelle historische Debatten in Indien häufig in einem ganz neuen Licht erscheinen. Was etwa das Thema religiöse Minderheiten betrifft, so befehden sich hier immer wieder zwei Gruppen, die hinduistischen Nationalisten und die Vertreter des Säkularstaats. Nun haben die Forschungen der „Subaltern Studies“ gezeigt, dass die Auseinandersetzungen zwischen Anhängern des Säkularstaats und Vertretern religiöser Gemeinschaften keineswegs dem Kampf zwischen Modernität einerseits und Rückschrittlichkeit andererseits entsprechen: denn beide rivalisierenden politischen Positionen sind fest im modernen Staat und Politikgeschehen verankert.

Mit unterschiedlichen Strategien verfolgen sie das gleiche Ziel: die Konsolidierung des modernen Nationalstaats. Beide sind gleichermaßen elitistisch, berufen sich aber auf zwei verschiedene Vorstellungen von Integration der unteren Schichten. Angesichts dieser rivalisierenden elitären Sichtweisen entwickeln die Unterprivilegierten Indiens unabhängige eigene Strategien in ihren Beziehungen sowohl zur religiösen Gemeinde als auch zu den Vertretern des Säkularstaats.

Eine andere Diskussion der letzten Jahre dreht sich um das Kastensystem. In der Politik hat sich hier seit den 1990er-Jahren einiges verändert. So ist die religiöse Basis für die Aufteilung der Gesellschaft in Kasten fast ganz aus der öffentlichen Diskussion verschwunden. Die Konflikte beziehen sich nahezu ausschließlich auf das Verhältnis der einzelnen Kasten zum Staat.

Der Streit um die Frage, ob die Kastenzugehörigkeit als ein Kriterium für „positive Diskriminierung“ anzuerkennen sei, lässt wiederum zwei elitäre Strategien im Umgang mit den Unterschichten erkennen: Die Strategie der Repräsentation setzt auf Chancengleichheit und Leistungsprinzip, die Strategie der Vereinnahmung dagegen auf Kompensation für die jahrhundertelange Benachteiligung der unteren Kasten, womit sie eine zeitweilige „positive Diskriminierung“ und Quotenregelungen begründet.

Ein neuer Blick auf das Kastenwesen

Die benachteiligten Gruppen der Gesellschaft selbst entwickeln in ihrem Kampf um soziale Gerechtigkeit und Anerkennung unterschiedliche Strategien, indem sie sich einerseits dem Staat widersetzen und andererseits die Möglichkeiten auf staatlicher Ebene nutzen, die sich mittels Wahlen und einer aktiven Wirtschafts- und Entwicklungspolitik eröffnen.5 Strategische Bündnisse zwischen den mittleren oder unteren Kasten und anderen unterdrückten Gruppen wie etwa religiösen oder ethnischen Minderheiten haben zu wichtigen Wahlsiegen geführt. Aber mit dem Auftauchen neuer politischer Eliten innerhalb der unteren Schichten gewinnt die Frage „Wer repräsentiert wen und mit welchem Ziel?“ immer größere Bedeutung.

In einer dritten Diskussion geht es um die soziale Stellung der Frau. In gewissem Sinne nehmen alle Frauen, die in einer patriarchalischen Gesellschaft leben, eine untergeordnete Stellung ein. Individuell definiert sich jede Frau aber über ihre soziale, ethnische, kastenmäßige und religionsgemeinschaftliche Herkunft. So wie es legitim ist, die Unterordnung der Frauen in einer von Männern beherrschten Gesellschaft zu analysieren, so gilt auch, dass die sozial konstruierte Identität von Männern und Frauen komplexer wird, sobald man Elemente wie Klasse, Kaste oder Religionszugehörigkeit mit einbezieht. Die jüngsten Diskussionen um die Genderproblematik bezogen sich auf die sozialen Reformbewegungen des 19. Jahrhunderts im Kontext von Kolonialherrschaft und nationalistischer Politik. Dabei ging es insbesondere um verschiedene Gesetzesreformen, durch die die Rechte der Frauen geschützt werden sollten. Feministische Historikerinnen der „Subaltern Studies“ bezweifeln die Tauglichkeit eines von oben angeordneten juristischen Reformprogramms, das nicht berücksichtigt, dass die eigentlichen Herrschaftsstrukturen patriarchaler Macht in den lokalen Gemeinden davon unberührt blieben, da sie sich außerhalb der Reichweite des Gesetzes befanden.6

Die aktuellen Debatten werfen neue Fragen auf, wie man die alten Begriffe von modernistischen Kategorien wie Nationalstaat, Staatsbürgerschaft und Demokratie neu fassen kann. Dank eines weit verzweigten Netzwerks haben die jüngsten Arbeiten der „Subaltern Studies“ die neuere Geschichtsschreibung in anderen ehemals kolonisierten Regionen der Welt befruchtet, etwa die Nationalismus- oder Genderforschung im Nahen Osten oder die Arbeiten über die politischen Kämpfe der Landbevölkerung und Indigenen in Lateinamerika. Als eine Idee, die ihren Weg von Italien nach Indien gefunden hat, bereichern die „Subaltern Studies“ die moderne Historiografie um einen methodisch und stilistisch neuen Ansatz. Und das über die Grenzen Indiens hinaus.

Fußnoten: 1 Unter den zwölf Aufsatzbänden, die bisher erschienen sind: Ranajit Guha (Hg.), „Subaltern Studies I–VI, Delhi (Oxford University Press) 1982–89; David Arnold und David Hardiman (Hg.), „Subaltern Studies VIII, Delhi (Oxford University Press) 1992; Shahid Amin und Dipesh Chakrabarty (Hg.), „Subaltern Studies IX“, Delhi (Oxford University Press) 1996; Shail Mayaram, M.S.S. Pandian und Ajay Skaria (Hg.), „Subaltern Studies XII“, Delhi (Permanent Black) 2005. 2 Wegweisendes Werk dieser Studien: Ranajit Guha, „Elementary Aspects of Peasant Insurgency in Colonial India“, Delhi (Oxford University Press) 1983. 3 Vgl. Gayatri Chakravorty Spivak, „Subaltern Studies: Deconstructing Historiography“, in: Ranajit Guha (Hg.), „Subaltern Studies IV“, Delhi 1987, S. 338–363; ders., „Can the Subaltern Speak?“, in: Cary Nelson und Lawrence Grossberg (Hg.), „Marxism and the Interpretation of Culture“, Urbana (University of Illinois Press) 1988. 4 Vgl. Gyan Prakash, „Another Reason“, Princeton (Princeton University Press) 1999; G. Ch. Spivak, „A Critique of Postcolonial Reason“, Cambridge/Mass. (Harvard University Press) 1999; D. Chakrabarty, „Provincializing Europe: Postcolonial Thought and Historical Difference“, Princeton (Princeton University Press) 2000. 5 Vgl. Shail Mayaram u. a., „Subaltern Studies XII“, a. a. O. 6 Vgl. Nivedita Menon (Hg.), „Gender and Politics in India“, Delhi (Oxford University Press) 1999. Flavia Agnes, „Law and Gender Inequality: The Politics of Women’s Rights in India“, Delhi (Oxford University Press); N. Menon, „Recovering Subversion: Feminist Politics Beyond the Law“, Delhi (Permanent) 2004. Aus dem Französischen von Grete Osterwald Partha Chatterjee ist Professor am Zentrum für Gesellschaftswissenschaften in Kalkutta und an der Columbia University. Autor u. a. von „Community, Gender and Violence. Subaltern Studies XI“, (Columbia University Press) 2001; und „Writings on South Asian History and Society. Subaltern Studies VII“, (Oxford University Press) 1994.

Le Monde diplomatique vom 10.02.2006, von Partha Chatterjee

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