Tourist in Tanger, Immigrant in Brüssel

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Tourist in Tanger, Immigrant in Brüssel

Die marokkanischen Einwanderer der zweiten Generation sind belgische Staatsbürger, aber Belgier noch lange nicht von Olivier Bailly

Dem Ruf aus dem fernen Belgien folgten ab 1965 tausende Marokkaner: „Könnten Sie sich vorstellen, in Belgien zu arbeiten? Oder haben Sie sich vielleicht sogar schon dafür entschieden?“, heißt es in einer offiziellen Broschüre von 1965.1 „Wir Belgier freuen uns über jeden tatkräftigen und intelligenten Arbeiter […]. Wir wiederholen es gern noch einmal: Die Werktätigen aus dem Mittelmeerraum sind in Belgien willkommen.“ Avancen dieser Art folgten auf das Abkommen zwischen Brüssel und Rabat über die Entsendung marokkanischer Arbeitskräfte vom 17. Februar 1964.2 Als „reiche“ Leute würden sie in die Heimat zurückkehren, so die Hoffnung der Marokkaner. Weder die belgischen noch die marokkanischen Behörden noch die Arbeiter selbst hatten mit einem Abschied für immer gerechnet.

„Der marokkanische Staat wollte damals auf jeden Fall verhindern, dass sich seine Bürger in das Gastland integrierten“, erzählt Abdel Abbad, Journalist des Journal de Tanger. „König Hassan II. hatte sich sogar öffentlich dagegen ausgesprochen, dass seine Untergebenen in Belgien Rechte für sich forderten. Die Emigranten sollten nicht für immer fortbleiben. Sie sollten eher Know-how und Devisen ins Land holen.“ Doch die Migranten blieben und bekamen Kinder: Belgier mit marokkanischen Eltern. Und heute, da Belgien in einer wirtschaftlichen und institutionellen Krise steckt? Will man sie noch, die Söhne und Töchter der einst so willkommenen Migranten?

Der offizielle Diskurs hat sich jedenfalls radikal geändert. Zum Beispiel erklärte Flanderns Ministerpräsident Yves Leterme vor einiger Zeit, dass man für die Jugendkriminalität zwar nicht nur Jugendliche ausländischer Herkunft verantwortlich machen könne, man aber doch ehrlicherweise zugeben müsse, dass diese mehr Straftaten begehen würden als Jugendliche aus belgischen Elternhäusern3 .

Vom Arbeitsmarkt hört man Ähnliches. So weigerte sich die flämische Firma Feryn, marokkanische Belgier einzustellen: Kunden würden deren Anwesenheit nicht schätzen. Jean-Claude Daoust, Präsident des belgischen Unternehmerverbands, erklärte auf eine Anfrage lediglich, das Unternehmen habe in diesem „komplexen Fall weder Recht noch Unrecht“4 .

In Zahlen lässt sich die Diskriminierung der etwa 200 000 Belgier marokkanischer Herkunft kaum ausdrücken, da diese in den Statistiken als Belgier geführt werden. Aber man kann davon ausgehen, dass sie sich in einer ähnlich schlechten Lage befinden wie die in Belgien lebenden Marokkaner: Die Arbeitslosigkeit trifft vor allem Nichtbelgier. Von den ausländischen Arbeitslosen sind wiederum 33,7 Prozent Marokkaner und Türken, obwohl sie nur 18,9 Prozent der im Land lebenden Ausländer ausmachen.5

Marokkaner wird man in den Augen der anderen

Die Diskriminierung beginnt schon in der Ausbildung, und sie setzt sich bei Einstellungen entsprechend fort. Hinzu kommen frustrierende Erlebnisse im Alltag. Mohammed Allouchi, 27, ist mitten in Brüssel aufgewachsen. Der Sozialarbeiter, Schauspieler und Regisseur fühlt sich als Belgier – nur dann nicht, wenn er „in den Augen der anderen zum Marokkaner wird“. Als Jugendlicher wurde er ständig von der Polizei kontrolliert. „War ja auch klar: Wenn die gesuchte Person als ‚junger Mann marokkanischer Herkunft‘ beschrieben wird, werden sie wohl keinen Blondi verhaften.“

„Als ich in das Diskoalter kam, hatte ich es echt schwer. Nirgends ließ man mich rein.“ Die Türsteher fanden immer irgendwelche Ausreden: „wechselnde Kundschaft“ oder „wegen Überfüllung geschlossen“. Damals spielte er auch Basketball. Und wenn seine Mannschaft nach dem Spiel ins Conways, ein Brüsseler Szenecafé, ging, kam er gar nicht erst mit.

Früher arbeitete Mohammed im Telemarketing. Er war der beste Verkäufer und bekam als Prämie sogar eine Reise nach Italien geschenkt. Aber wenn er potenzielle Kunden anrief, verlangte sein Chef, dass er sich nicht als Mohammed Allouchi, sondern als „Luc Somers“ vorstellen sollte. „Noch heute melde ich mich nicht mit meinem eigenen Namen an, wenn ich eine Übernachtungen für die Firme buche, sondern ich stelle mich als Serge Noël vor, das ist unser Projektkoordinator.“

Ahmed Medhoune, Soziologe an der Freien Universität Brüssel (ULB), spricht von „zerstörten Identitäten“: „Die Identität formt sich in der Familie und in der Schule, durch den Blick der anderen. Stellen Sie sich diese jungen Leute wie in einem Spiegelkabinett vor: Von allen Seiten bekommen sie ein abwertendes Bild von sich präsentiert. So kann man kein positives Image, keine Selbstachtung entwickeln. Die Marokkaner sind zum größten Teil Wirtschaftsimmigranten. Sie stehen ganz unten in der ökonomischen Hierarchie, da sie aus einem Entwicklungsland kommen – auch wenn sich die Wirtschaft dort in rasantem Aufschwung befindet.

Als Kinder von Wirtschaftsmigranten und Angehörige einer anderen Kultur leiden sie unter zahlreichen Vorurteilen, die man ihnen entgegenbringt. Der Schüler marokkanischer Herkunft hat einen besonderen Status: Sein symbolisches Kapital unterscheidet sich von dem des belgischen Schülers, selbst wenn dieser sozial benachteiligt ist. Für diese Schüler ist die Schule ungerecht, ineffizient und teuer. Deshalb werden sie keine vergleichbare Ausbildung erhalten: weder das Know-how noch Selbstbewusstsein.“

„Mangelnde Selbstachtung“, so erklärt der Soziologe, „diskriminiert am stärksten. Bei gleicher Qualifizierung wird der Arbeitgeber nach kulturellen Anknüpfungspunkten suchen. Bei einem Bewerbungsgespräch geht es auch um das Äußere und das Auftreten. Man muss zeigen, dass man sich die Codes, die Normen und Einstellungen der herrschenden Kultur angeeignet hat: den Humor, die Art, zu gehen, zu schauen, sich zu kleiden und Emotionen zu unterdrücken. Natürlich haben Jugendliche marokkanischer Herkunft, wenn sie nur unter ihresgleichen verkehren, überhaupt keine Chance, ein solches Sozialverhalten zu erlernen, weder in der Schule noch außerhalb.“

45 Prozent aller Marokkaner in Belgien leben in sieben Brüsseler Gemeinden und interessanterweise im Stadtzentrum, in Saint-Josse ten Noode oder auch Molenbeek-Saint-Jean. „Wir leben nicht wirklich mit den Belgiern zusammen“, bestätigt Hanane, der die belgische Staatsbürgerschaft besitzt. „Wir bleiben unter uns – Marokkaner, Pakistaner, Afrikaner. Und der Vlaams Blok6 verbreitet das Gerücht, Molenbeek sei ein Problemviertel!“ Die Klassenkameraden von Hanane, der die Abiturklasse am Serge-Creuz-Gymnasium in Molenbeek-Saint-Jean besucht, heißen Samy, Oussama, Abdeljalil, Najiha, Souad, Ihsan, Anissa, Wiame, Meral, Rola, Idrus, Djalel, Samir, Tomy und Jean. Ein Junge aus Ruanda ist dabei. Die meisten Schüler sind Marokkaner oder Belgier marokkanischer Herkunft.

Alle wissen, dass es für sie schwieriger als für andere sein wird, eine Stelle zu finden. Doch trotz der rassistischen Äußerungen und des Aufstiegs der extremen Rechten orientieren sich nur wenige an dem von den Eltern gepflegten Mythos, eines Tages in die Heimat zurückzukehren. Oussama, der zwar immer in Belgien gelebt hat und auch nicht gut Arabisch spricht, denkt dennoch manchmal daran: „Man spürt die Ablehnung, fühlt sich fehl am Platz. Als wären wir noch Immigranten. Vielleicht gehen wir ja doch noch weg.“ Der Soziologe Medhoune hat solche Äußerungen schon oft gehört: „Das Leben des jungen Oussama“, erklärt er, „ist von Anfang an durch die Emigration seiner Eltern geprägt worden. Es gibt immer ein Hier und ein Dort. Und das Dort bleibt sehr stark. Marokko bleibt immer eine Alternativheimat, falls sich die Situation hier verschlimmert.“ Allerdings erklärt uns Oussama ironisch: „Wenn wir in Belgien sind, sind wir Marokkaner. Aber in Marokko sind wir Belgier.“

Tanger, Marokko, Ende August 2005: Menschenmassen strömen zu den Schiffen, auf denen die im Ausland lebenden Marokkaner nach Spanien oder in andere europäische Länder zurückkehren. Offiziell heißt es in Marokko, 2,5 Millionen Staatsbürger lebten im Ausland. Aber das ist wohl untertrieben. Im Vergleich zum Vorjahr passierten 2005 10 Prozent mehr Schiffe, aber 17 Prozent weniger Passagiere.den großen Hafen.7

Hier fürchtet man, dass die Verbindung zwischen dem Königreich und der neuen, im Ausland geborenen Generation abbricht. Ben Abdelkarim, Statistiker in der Planungsdirektion der Region Tanger, ist besorgt: „Die jungen Marokkaner im Ausland verkaufen die Häuser, die ihre Eltern in Marokko gekauft haben, und erwerben Immobilien in ihrem Gastland.“ Ein Angestellter der Banque populaire konstatiert: „Wir werden noch einige Jahre brauchen, um das Verhalten der neuen Generation zu analysieren. Aber schon in diesem Jahr gibt es weniger Immobilienkredite. Normalerweise öffnen wir Sonderschalter für die Kreditbearbeitung der Marokkaner aus dem Ausland. Dies ist jetzt nicht mehr notwendig. Die Perspektive hat sich geändert. Die neue Generation der im Ausland lebenden Marokkaner ist im Gastland geboren, das zum Herkunftsland geworden ist. Jetzt ist Marokko das Gastland.“

Dennoch bemüht sich der marokkanische Staat sehr darum, den Kontakt zu den Exilanten und vor allem zu deren Kindern aufrechtzuerhalten. Die Stiftungen Hassan II. und Mohammed V.8 sollen für gute Stimmung während der „Heimatbesuche“ sorgen. 2002 wurde eigens ein Ministerium für die im Ausland lebenden Marokkaner eingerichtet. Man hat für sie einen Nationalfeiertag ins Leben gerufen, den 10. August. Einheimische Unternehmen stimmen ihre Werbekampagnen auf sie ab, und bei der Banque populaire werden ihre Investitionswünsche an Sonderschaltern bearbeitet. „Die Polizisten werden sogar angewiesen, bei ihnen ein Auge zuzudrücken“, behauptet Abdel Abbad vom Journal de Tanger.

Die Reintegration geht noch weiter. Bisher durften die Belgier marokkanischer Herkunft ausschließlich in Belgien wählen. Vor kurzem hat König Mohammed VI. seinen Entschluss verkündet, den im Ausland lebenden Marokkanern „die Möglichkeit zu geben, sich im Parlament angemessen vertreten zu lassen“.9 Noch im Juli 2003 hatte der Oberste Gerichtshof den Antrag von vier Vereinigungen in Frankreich lebender Marokkaner zurückgewiesen, die ein Wahlrecht in Marokko forderten. Der Gerichtshof urteilte, das dies nicht mit dem Wahlgesetz vereinbar wäre.

Die willkürliche Entscheidung, „den neuen Generationen unserer geschätzten Gemeinschaft im Ausland das Recht zu gewähren, zu wählen und zu kandidieren“, ist tatsächlich Teil einer langfristig angelegten Strategie. Schon 2003 verkündete Nouzha Chekrouni, die für die Emigranten zuständige Ministerin, in einem Strategiepapier die Entschlossenheit des Königreichs, „der marokkanischen Gemeinschaft im Ausland über den Weg einer besseren politischen Einbeziehung uneingeschränkte Staatsbürgerrechte zu garantieren“.10 Das würde darauf hinauslaufen, dass die Belgier marokkanischer Herkunft künftig in beiden Ländern wählen und kandidieren könnten. „Sollte dieser Fall häufiger eintreten, muss der gesetzliche Rahmen überdacht werden. Es könnte doch zum Beispiel sein, dass jemand gleichzeitig in zwei Parlamente gewählt wird“, gibt der Politologe Hassan Boussetta zu bedenken.

Die Exilanten wissen natürlich, weshalb man sie so umwirbt. Ihr Geld ist für Marokko eine noch wichtigere Einkommensquelle als der Tourismus: 2003 betrugen die Einnahmen 37,6 Milliarden Dirham (3,44 Milliarden Euro), das sind 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.11

Das Königreich erkennt keine doppelte Staatsbürgerschaft an und leugnet die neuen Bindungen der Kinder der ersten Emigrantengeneration. In seinen Augen sind die „neuen“ Belgier auf marokkanischem Boden ausschließlich Marokkaner. Nur der König kann seine Untergebenen aus der Staatsbürgerschaft entlassen. „Über diese ewige Treuepflicht gegenüber dem Herrscher lässt sich streiten“, meint Hassan Bousetta. „Der Status eines Untertans des Königs kann doch nicht die Grundlage für die Staatsangehörigkeit sein.“

Infolgedessen hat die belgische Botschaft größte Probleme, Einfluss zu nehmen, wenn Doppelstaatler auf marokkanischem Boden in Schwierigkeiten geraten. Bis vor kurzem war der Belgier marokkanischer Herkunft Belgier an der Wahlurne, aber hinter Gittern galt er als Marokkaner. Ende August 2005 saßen in Tangers Gefängnissen 44 marokkanische Belgier. Und die marokkanischen Behörden lehnten Belgiens Ansinnen, seine Bürger zu verteidigen, mit der Begründung ab, dies sei eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes. „Die Haltung Marokkos mag politisch schockieren, aber sie passt zu der hiesigen Auffassung von Staatsangehörigkeit“, erklärt Hassan Bousetta. „Umso mehr, als sich Belgien nicht gerade besonders engagiert, seinen konsularischen Schutz auszuüben. Die Interessen von einer Hand voll Doppelstaatlern rangieren weit hinter den wirtschaftlichen und diplomatischen Absichten.“

Rückkehr nur für zwei Monate im Sommer

So willkommen ihr Geld ist, die Marokkaner aus dem Ausland selbst sind es weit weniger. „Man erträgt einander“, meint Rachid Taferssiti, Autor von „Tanger, réalité d’un mythe“. Während der Sommermonate Juli und August ändert sich das Bild der Stadt – sie ist dann eine Zwischenstation für die Marokkaner aus Belgien. Wer Anfang der 1960er-Jahre nach Belgien ging, stammte meist aus der Region Tanger, Tétouan und Oujda. Die Rückkehr der Söhne bleibt nicht unbemerkt.

Die Ausländer erkennt man an den Nummernschildern und an ihrem Fahrstil: „Wie die fahren! Es ist ein Graus!“, schimpft Taferssiti. Man wirft den im Ausland lebenden Marokkanern Mangel an Bürgersinn vor. Ein Arbeiter, der auf einer Terrasse im Zentrum von Tanger seinen Pfefferminztee schlürft, flucht auf die „Schamlosen“: „Sie haben keine Erziehung. Vielleicht geben sie sich bei euch Mühe, weil sie Ausländer sind. Aber hier lassen sie sich gehen.“ Der Ladenbesitzer Bakkali, ein Herr mit grau meliertem Haar und in eleganter Dschellaba, fügt hinzu: „Wenn sie sich hier zu Hause fühlen wollen, müssen sie Arabisch sprechen. Außerdem spürt man, dass sie sich als etwas Besseres fühlen. Manchmal machen sie sich sogar über uns lustig.“

In der Region Tanger-Tétouan gibt ein Marokkaner jährlich durchschnittlich 8.300 Dirham12 (760 Euro) aus, davon werden mehr als 75 Prozent für Lebensmittel, Kleidung und Miete aufgewandt. Unter diesen Umständen versteht man, dass die Marokkaner in ihren Brüdern „aus dem Norden“ einen Abglanz des Eldorados Europa sehen, von dem sie träumen: Die Autos und die Kleidung der im Ausland lebenden Marokkaner stammen von bekannten Herstellern. Auch ihre schönen Armbanduhren bleiben nicht unbemerkt.

Ein künftiger Elektroingenieur, nennen wir ihn Nabil, steht mit 24 Jahren kurz vor dem Abschluss seines Studiums, für das seine Eltern große Opfer gebracht haben. Aber in den Monaten Juli und August wird es immer schwierig. „Ich fühle mich dann wie ein anderer Mensch. Ich streite mich dann auch öfter mit meinen Eltern und will mehr Geld von ihnen haben. Die meisten Leute hier sind eher arm, und wenn dann die Marokkaner aus dem Ausland mit ihren fetten Wagen ankommen, hat man fast das Gefühl, die wollen uns damit provozieren. Dann frage ich mich: Warum nicht ich?“

Selbst wenn man sie beneidet, zuweilen auch verachtet, bleiben die „Touristen“ doch Marokkaner: Darin sind sich alle oder fast alle einig. Man meint gar, die Regierung müsse die Bindung der Marokkaner an die alte Heimat fördern: „Wenn man von diesen Marokkanern spricht, erwähnt man vielleicht ihr Alter, aber man weiß sonst kaum etwas über sie zu erzählen“, bemerkt Fouad von der Banque populaire. „Diese Generation verliert die Beziehung zu uns, weil sie andere Erwartungen, andere Bedürfnisse hat.“ Ben Abdelkarim stimmt ihm zu: „Man müsste sie in die Regierung einbinden oder in Vereine.“ Es klingt wie ein Echo auf den jungen Oussama in Molenbeek, wenn der 37-jährige Hicham aus Tanger sagt: „Hier fühlen sie sich nicht zu Hause. In Belgien auch nicht. Ich weiß nicht, wo sie zu Hause sind.“

Auf diese Frage hat Fadila Laanan eine einfache, klare Antwort: „Die Zukunft der jungen Belgier, die Nachfahren der marokkanischen Einwanderer sind, liegt eindeutig in dem Land, in dem sie geboren sind, also in Belgien.“ Für die Belgierin Fadila Lanaan hat sich der Mythos von der Rückkehr überlebt, und Marokko habe Unrecht, wenn es in der Frage der Staatsangehörigkeit diesen furchtbaren Zwiespalt erzeuge. Die wahren Hintergründe der Auswanderung würden verkannt: der Wille jedes Einzelnen, wegzukommen, ein besseres Leben für sich und seine Nachkommen aufzubauen. Die geplante Rückkehr ins Herkunftsland sei ebenso selten wie gewagt und betreffe zudem fast ausschließlich die erste Generation.

Eine Kulturministerin marokkanischer Herkunft

Fadila Lanaan ist ein Symbol. Die 36-Jährige ist Ministerin für Kultur, Jugend und audiovisuelle Medien der französischen Gemeinschaft Belgiens: „Meine Berufung in dieses Amt ist etwas völlig Neues. In Frankreich wäre es unvorstellbar, dass eine Person ausländischer Herkunft zur Kulturministerin ernannt wird, denkt man doch bei der ‚französischen Kultur‘ sogleich an die ‚Grande Nation‘.“

Bei Wahlen kandidieren immer mehr Belgier ausländischer, vor allem marokkanischer Herkunft. Aus dieser Gruppe stammen 10 Prozent der Abgeordneten und sieben Stadträte (Beigeordnete) der neunzehn Gemeinden von „Grand-Bruxelles“.13 „Die politische Integration der Marokkaner ist ein wichtiger Indikator“, betont Ahmed Medhoune. „Die Erleichterung der Einbürgerung ist eine große Besonderheit in Belgien. Dadurch kann diese Gruppe Einfluss auf das politische Leben nehmen, und die unterschiedlichen Interessen werden gleichberechtigt berücksichtigt. Gleichzeitig hat dadurch der Rassismus abgenommen, er agiert jetzt verdeckter. Auf jeden Fall spricht man seitdem weniger schockierend über die Marokkaner. Die juristischen Unsicherheiten sind verschwunden und damit auch die Rückführungsmaßnahmen.“

Aber nicht nur in der Politik sind die Belgier marokkanischer Abstammung im Kommen: Sie treten auch zunehmend als Journalisten, Ökonomen, Schauspieler, Sportler, Sänger, Soziologen oder auch Geschäftsleute hervor. Anlässlich des vierzigsten Jahrestags des belgisch-marokkanischen Abkommens über die Entsendung von Arbeitskräften hat man sich offen dazu bekannt, dass hier eine Verschmelzung von zwei Kulturen geglückt sei.

Ein Erfolgsbeweis ist etwa die 2005 erschienene zweite Ausgabe des Stadtführers der belgisch-marokkanischen Gemeinschaft, „Bruxelles à la menthe“14 . Herausgeber Said El Maliji erinnert sich an seine Schulzeit in der Gemeenteschool (Grundschule) von Zaventem. Ein anderes Beispiel für bewusst gelebte Mehrfachidentitäten ist das orientalische Magazin Afrah15 , das Rubriken wie „Vernünftige Ernährung während des Ramadan“ enthält und Modefotos zeigt, auf denen Models muslimische Kleider tragen. Diese beiden Publikationen sind – in Belgien eine Seltenheit – zweisprachig (französisch und niederländisch).

In der „One Human Show“ des Kabarettisten Sam Touzani geht es um seine bikulturelle Identität. Er erzählt, wie sein Vater „aus einer Laune heraus“ Marokko verlassen hatte, und beschreibt sein Leben als „Neubelgier“ mit arabischem Antlitz. „Manchmal habe ich diesen Albtraum, in dem man mir vorwirft, aus Marokko zu stammen. Den hatte ich gestern wieder, ja, aber gestern hat man mir vorgeworfen, ich sei … Belgier! Aber ich habe ihnen gesagt: ‚Ich bin Belgier, eigentlich Marokkaner, eigentlich Berber, nein Rifain, Nordafrikaner, aber Europäer, nein, Weltbürger … Ich bin alles, was ihr wollt, wenn ihr mich nur zufrieden lasst!‘ “

Wie Sam Touzani sind viele der Ansicht, dass es zwar wichtig sei, die Frage nach der Identität zu stellen, es aber nicht darauf ankomme, sie auch zu beantworten. Jedenfalls nicht eindeutig. Die kulturelle Identität ist nicht wie ein Fußballspiel, wo der Immigrant sein Gastland gegen sein Herkunftsland verteidigen muss, wie in dem populären Integrationsbeweis durch den so genannten Cricket-Test, den sich der britische Konservative Lord Tebbit ausgedacht hat. Er meinte, man könne den Erfolg der kulturellen Assimilation daran ablesen, wenn ein Immigrant auch beim Spiel seines Herkunftslandes die englische Mannschaft unterstützt. Die Logik, nach der der Sieg einer Seite unvermeidlich die Niederlage der anderen mit sich bringt, lässt sich nicht auf die Identität anwenden. Als würde die Leidenschaft für Moules et frites den Genuss von Couscous ausschließen! Belgier werden heißt nicht, nicht mehr Marokkaner zu sein. Wie in vielen Ländern Europas, so ist auch die belgische eine multikulturelle Gesellschaft. Diese Entwicklung wird durch gemischte Ehen noch beschleunigt.16

Seit dem 11. September 2001 verweist man allerdings häufiger auf die religiöse Identität der Belgier marokkanischer Herkunft, um Integrationsprobleme zu erklären. Manche sprechen unverhohlen von der Überlegenheit der westlichen Gesellschaft. Andere behaupten, der Islam sei unvereinbar mit demokratischen Werten. „Natürlich ist es möglich, Belgier und Muslim zu sein“, antworten die Schüler des Gymnasiums Serge-Creuz. „Der Islam hier hat nichts mit dem zu tun, was in den Nachrichten läuft.“

Es ist nicht einfach, sich an eine Gesellschaft anzupassen, die selbst einen tief greifenden Wandel erfährt. Und selbst Belgier marokkanischer Herkunft geben zu, dass der „Rassismus“ von den jungen Leuten manchmal auch benutzt wird, um die eigene Trägheit zu rechtfertigen und sich von jeder Verantwortung freizusprechen.

In einer Studie über kulturelle Identitäten im Auftrag des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP)17 heißt es: „Multikulturelle Politik ist nicht nur wünschenswert, sondern auch machbar und notwendig.“ Weit davon entfernt, eine Drohung für die Einheit des Staates darzustellen, „geht es im Multikulturalismus um ein gemeinsames Engagement für grundlegende, unveräußerliche Werte“, die Menschenrechte.

Im Gymnasium Serge-Creuz beugen sich die Schüler wieder über ihre Hefte. Sie wissen zwar, dass die Schule sie diskriminiert, aber ein gutes Abitur ist gleichzeitig der wichtigste Passierschein zum potenziellen Erfolgsweg. Wer weiß, welche Bindung sie als Erwachsene zu Marokko haben werden – voraussagen lässt sich nur, dass sie anders sein wird als die ihrer Eltern. Sicher ist nur, dass diese Belgier auch morgen Belgier sein und dieses Land mitgestalten werden.

Fußnoten: 1 „Vivre et travailler en Belgique“, Institut Belge d’Informations et de Documentation, 1965, S. 3, zitiert nach: Andréa Réa und Marco Martiniello, „Et si on racontait …, Une histoire de l’immigration en Belgique“, Gemeinde Wallonie-Bruxelles, Brüssel. 2 Nouria Ouali (Hrsg.), „Trajectoire et dynamiques migratoires de l’immigration marocaine de Belgique“, Academia Bruylant, Brüssel, 2004. 3 Yves Leterme, „Vergijzing en verkleuring“ (Ergrauen und Verfärbung), zitiert nach Le Soir, Brüssel, 17. Juni 2005. 4 Pierre Loppe, „Daoust: Feryn n’a ni tort ni raison“, La Libre Belgique, Brüssel, 1. Mai 2005. 5 Generaldirektion Arbeit und Arbeitsmarkt, „L’immigration en Belgique – Effectif, mouvement et marché du travail“, Bericht 2001, Brüssel, Mai 2003. 6 Früherer Name einer rechtsextremen Partei, heute Vlaams Belang. 7 Le Journal de Tanger, 17. September 2005. 8 Die 1990 gegründete Fondation Hassan II. kümmert sich ausschließlich um die „Pflege und Stärkung der engen Verbindung zu den im Ausland lebenden Marokkanern“, während die Fondation Mohammed V. (bis 1961 König von Marokko) pour la Solidarité, 1999 gegründet, „gegen die Armut kämpft“ und sich auf humanitärem Gebiet „jedes Jahr in der Sommerzeit am Empfang der im Ausland lebenden Marokkaner beteiligt“. 9 Agence Maghreb Arabe Presse (MAP), Rabat, 6. November 2005. 10 Siehe www.marocainsdumonde.gov.ma/strategie.asp. 11 Olivia Marsaud, „L’économie chérifienne menacée. Evolution des comportements des Marocains résidant à l’étranger“, 27. August 2003, www .afrik.com. 12 Hochkommissariat für Planung, Regionaldirektion Tanger-Tétouan, „Enquête nationale sur la cosommation et les dépenses des ménages 2000–2001. Rapport des synthèse“, www.hcp.ma. 13 „Trajectoire et dynamiques migratoires de l’immigration marocaine de Belgique“, unter Leitung von Nouria Ouali, Academia Bruylant, Brüssel, 2004. 14 Veröffentlicht von Mint asbl (Rue du Drapeau, 47, 1070, Brüssel). 15 www.afrah.be. 16 Nach Untersuchungen der Universität Gent optieren, während die meisten Belgier marokkanischen Ursprungs einen Partner gleicher Herkunft heiraten, 40 Prozent der in Belgien geborenen Söhne für eine Belgierin mit einheimischen Vorfahren (20 Prozent in der ersten Generation). Die Töchter aus der zweiten Generation hingegen heiraten mehr Marokkaner aus Marokko als die Frauen der ersten Generation. Siehe Le Soir, 5. November 2005. 17 www.undp.org/annualreports/2005/english/IAR05-English.pdf. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz Olivier Bailly ist Journalist und lebt in Molenbeek-Saint-Jean (Brüssel).

Le Monde diplomatique vom 10.02.2006, von Olivier Bailly

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