13.04.2006

Unerwünschte Hauptwirkungen

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Unerwünschte Hauptwirkungen

Die Verbraucher mögen keine Anti-Matsch-Tomaten und keine Erdbeeren mit Fischgen, das Agrobusiness setzt dennoch auf gentechnisch veränderte Pflanzen von Jacques Testart und Arnaud Apoteker

Der Begriff „gentechnisch veränderte Organismen“ (GVO) bezeichnet Pflanzen, Tiere oder Einzeller, deren Genom um mindestens ein artfremdes Gen angereichert worden ist. Der Zweck solcher Eingriffe besteht darin, der modifizierten Art Eigenschaften zu verleihen, die sie weder mit Hilfe konventioneller Techniken noch durch evolutionäre Mutation hätte erlangen können. Wie sollte ein Fischgen auf natürlichem Wege ins Genom einer Erdbeere gelangen? Wir unterscheiden drei Gruppen von GVO, deren jeweilige Risiken und Vorteile nicht miteinander vergleichbar sind.

Zunächst die einzelligen GVO, die im Fermenter kultiviert werden und meist Substanzen wie Impfstoffe oder Hormone für den medizinischen Gebrauch produzieren. Niemand stellt sie in Frage, da das System funktioniert (nachweislicher Nutzen) und unter Kontrolle ist (hinnehmbares Risiko). Unter den kommerziellen GVO sind diese am ehesten „salonfähig“, weshalb die Propaganda für transgene Pflanzen sie auch gern als Aushängeschild benutzt.

Die zweite Gruppe sind die als lebendige Forschungsinstrumente eingesetzten genveränderten Pflanzen oder Tiere. Diese zu wissenschaftlichen Zwecken hergestellten GVO werden in streng reglementierten Spezialeinrichtungen gehalten. Auch sie sind, außer bei Tierversuchsgegnern, relativ breit akzeptiert.

Die dritte Gruppe schließlich sorgt seit langem für Kontroversen: jene gentechnisch veränderten Pflanzen (GVP), die für die Agrar- oder die Nahrungsmittelindustrie von Interesse sind, auf Freiland angebaut und in der Regel von Zuchttieren oder Menschen verzehrt werden. Die GVP werfen zahlreiche Probleme auf, die sich bei den anderen GVO nicht stellen: Gefahren für die Umwelt, für die Biodiversität, die Gesundheit und die Landwirtschaft. Ähnliche Probleme werden sich im Zusammenhang mit genveränderten Zuchttieren (Fischen oder Säugetieren) ergeben, sobald diese in die Natur entlassen werden. Bei dem seit zehn Jahren andauernden Streit geht es ausschließlich um diese dritte Gruppe, die genmodifizierten Pflanzen.

Die Transgenese – angeblich der Beweis dafür, dass der Mensch per Genübertragung das Leben beherrschen kann – ist eine gewagte Manipulation und eine unsichere Technik.1 Die Gentherapie ist immer noch nicht in der Lage, Kranke zu heilen, und transgene Tiere weisen häufig Behinderungen auf (Sterilität, Diabetes, Missbildungen), die in keinem erkennbaren Zusammenhang mit dem in ihr Erbgut eingeschleusten Gen stehen. Allen optimistischen Behauptungen zum Trotz offenbart sich hier die Unzulänglichkeit unseres Wissens. Die große Täuschung und die größten Risiken der angeblich beherrschten Techniken bestehen gerade in der Nichtbeherrschung der in die Wege geleiteten Vorgänge.

Die Utopien der Genforscher erwiesen sich als Illusion

Der demiurgische, von der Hoffnung auf gigantische Gewinne für die Biotechindustrie angestachelte Wille, durch die Vermischung von Genomen hybride Arten zu schaffen, beruht auf groben Vereinfachungen: Das Genom sei das „Buch des Lebens“, es enthalte das gesamte „Lebensprogramm“, jedes Gen entspreche automatisch einem Protein usw. All diese Simplifizierungen sind nicht nur von der Grundlagenforschung, sondern auch durch die Überraschungseffekte der Innovationen widerlegt worden: Mehrere Gene können zur Synthese eines Proteins beitragen; die Beschaffenheit eines Proteins hängt von Faktoren ab, die dem Genom äußerlich sind; jeder gentechnisch veränderte Organismus kann durch das Zusammenspiel zwischen dem Transgen und dem eigenen Genom unvorhergesehene Eigenschaften entwickeln.

Obwohl all diese Phänomene festzustellen sind, können sie noch lange nicht erklärt und erst recht nicht kontrolliert werden.2 So zeigt das in einer GVP vorhandene Transgen oft andere Eigenschaften als das Gen, das man hatte einsetzen wollen. Daher die falsche Sicherheit der Anbaugenehmigungen. Im Übrigen haben neuere australische Untersuchungen3 gezeigt, dass ein eingebautes Gen in der Wirtspflanze – hier der Erbse – allergene Stoffe4 erzeugen kann, die es in der Ursprungspflanze – der Bohne – nicht erzeugt hatte. Diese giftig gewordene Erbse indes hätte den Ansprüchen der europäischen Zulassungsverfahren durchaus genügt.

Ehe wir mit der Aussaat transgener Pflanzen beginnen und damit einen unwiderruflichen Schritt tun, brauchen wir also nichts Geringeres als wissenschaftliche Forschung. Und diese Forschung darf nicht auf Freiland erfolgen, es sei denn, wir wollen die Natur in ein gigantisches Laboratorium verwandeln!

Im Jahr 1964 kündigte Professor Bienlein in einem legendären „Tim und Struppi“-Band an: „Mir scheint es nicht zu hoch gegriffen, wenn ich sage, in zehn Jahren werden wir im Sand nicht nur blaue Orangen wachsen lassen, ... sondern alle großen Feldfrüchte, die für das menschliche Leben unerlässlich sind, […] Getreide […] und Kartoffeln.“5

Vierzig Jahre später verbreiten die Bienleins, die unterdessen zur Tat geschritten sind, immer noch die gleichen Utopien. Dennoch existieren die von den Fürsprechern der Gentechnik am häufigsten genannten GVP in der Realität gar nicht. Die Anti-Matsch-Tomate, die 1994 als erste genveränderte Pflanze in den Handel kam, wurde schnell wieder aufgegeben: Die Verbraucher in den USA fanden ihren Geschmack eklig, und bei der Zulassung war es zu Unregelmäßigkeiten gekommen.6 Der Provitamin A produzierende „Goldene Reis“ erwies sich als Illusion: Man müsste mehrere Kilo davon essen, um den Tagesbedarf an diesem Vitamin zu decken. Bislang ist es bloß ein Versprechen, dass eines Tages Pflanzen auf sehr salzhaltigen Böden oder in Wüstengebieten gedeihen werden. Und die „Arzneimittelpflanzen“, die der Pharmaindustrie dank Genveränderung bestimmte Stoffe liefern sollen, haben diese Moleküle – genau wie die genveränderten Tiere – nie in ausreichenden Mengen produziert, um vermarktet werden zu können.

Wehrlos gegen neue Schädlinge

Und was ist mit den GVP, die – hauptsächlich auf dem amerikanischen Kontinent – auf fast 100 Millionen Hektar Land angebaut werden? Zu 98 Prozent handelt es sich hierbei um Pflanzen, die entweder in die Lage versetzt wurden, selbst ein Insektizid zu produzieren, oder (als einzige in ihrer Umgebung) ein verabreichtes Herbizid vertragen. In beiden Fällen droht die anfängliche Nutzwirkung nach einigen Jahren zu schwinden, da die Schädlinge anpassungsfähig sind: Mutierende Insekten entwickeln Resistenzen gegen das Insektizid; durch den Prozess der Selbstselektion oder durch Genfluss nehmen herbizidresistente Unkrautpflanzen überhand. Es besteht die Gefahr, dass wir neuen Schädlingskonstellationen wehrlos gegenüberstehen.

So gibt es bereits Wildpflanzen, die gegen alle üblichen Herbizide resistent sind. GVP, die Insektizide produzieren, tun dies permanent und in allen Bestandteilen der Pflanze. Sie setzen daher viel größere Mengen dieser Giftstoffe frei als konventionelle Verfahren und bergen die Gefahr verheerender Umweltschäden, vor allem für Insekten oder Vögel. Beim Anbau herbizidtoleranter GV-Kulturen wird das entsprechende Herbizid oft zur Einsparung von Arbeitskraft in einem einzigen Schub und in hoher Menge verabreicht, ohne Rücksicht auf das Ökosystem des Bodens und die darin lebenden Mikroorganismen, Würmer usw.

Durch die starke Belastung der GVP mit selbst erzeugten Insektiziden bzw. ausgebrachten Herbiziden treten spezifische Risiken bei der Ernährung von Tieren oder Menschen auf.7 Lebensmittel mit über 0,9 Prozent GVO-Anteil unterliegen in Europa einer Kennzeichnungspflicht. Die französische Regierung lehnt eine Kennzeichnung für tierische Produkte wie Fleisch, Eier oder Milch ab, wenn die Tiere GVP-Futter bekommen haben. Sie unterschlägt auch die Verpflichtung, die Öffentlichkeit über die Ergebnisse von Toxizitätstests bei GVP zu informieren. Hinzu kommt, dass sich von Transgenen hervorgerufene Eigenschaften wie Antibiotikaresistenz auf die Bakterienstämme übertragen können, die unseren Verdauungsapparat besiedeln.

Keines der mit den GVP verbundenen Risiken ist ernsthaft untersucht worden. Man begnügt sich mit der Behauptung, die transgenen Pflanzen seien nur eine Weiterentwicklung der klassischen, auf Optimierung von Eigenschaften ausgerichteten Züchtungsmethoden, die ausreichend Beweise für ihre Unschädlichkeit erbracht hätten. So werden die herkömmlichen Methoden der Auslese oder Kreuzung in einen Topf geworfen mit der Erzeugung von Chimären, bei denen unterschiedliche Arten oder gar Tierisches und Pflanzliches vermischt werden.

Entsprechend dem Paradigma der intensiven, produktivitätsorientierten und chemischen Landwirtschaft besteht der utopische Auftrag der GVP in der Ausrottung von Unkraut und Schädlingen. Das bedeutet einen Bruch mit der traditionellen Einstellung des Bauern, der seine Ernte durch einen „bewaffneten Pakt“ mit der Natur und nicht durch Ausrottung bewahrt. Denn der Bauer weiß, dass die Lebensgemeinschaft, der er angehört, viel zu komplex und unser Wissen viel zu ungenau ist, um radikale Eingriffe zu erlauben, ohne eine Katastrophe zu riskieren.

Wenn Landwirte sich dennoch auf den Anbau genveränderter Kulturen einlassen, so tun sie dies, weil sie mit der Einsparung von Arbeitskräften rechnen: Das wiederholte Sprühen mit Insektiziden entfällt, Herbizide werden hoch dosiert und möglichst auf einen Schlag ausgebracht – ein höchst zweifelhafter Vorteil in Ländern wie China, wo die Landbevölkerung unter dramatischer Arbeitslosigkeit leidet. Oder die Bauern werden von der Industrie mit Vergünstigungen für Einsteiger gelockt. So sollen die „Pioniere des Fortschritts“ in Techniken eingebunden werden, die kaum noch reversibel sind. Man verspricht ihnen das Blaue vom Himmel – wir haben es in Argentinien und in Brasilien erlebt –, um den Anbau von Gensoja durchzusetzen.

Insgesamt sind die GVP, wie wir sie derzeit kennen, ein ungeheurer technologischer Bluff. Es geht um einen gewinnträchtigen Markt: den des patentierten GV-Saatguts, das die Bauern jedes Jahr kaufen müssen, weil die Wiederaussaat verboten ist. Die Biotechmultis, die ihren ursprünglichen Geschäftsbereich, die Chemie, um den der pflanzlichen Ressourcen erweitert haben, versuchen, sich eine marktbeherrschende Stellung zu verschaffen und alle Aspekte der Welternährung ihren Interessen unterzuordnen: das Sortenangebot, Maßnahmen zur Pflanzenpflege, die Anbautechniken und die Vermarktung. Darüber hinaus sichern sie sich den Verkauf von Pestiziden, die für den Anbau ihrer genetischen Chimären notwendig sind.

Neuerdings rückt das so genannte Molecular Farming in den Vordergrund. Hier geht es um den Anbau von GVP, die nicht als Nahrungsmittel dienen, sondern Arzneimittelpflanzen sind, Treibstoff produzieren oder für die industrielle Verwendung vorgesehen sind. Diese „sympathischen“, aber noch ineffizienten GVP scheinen vor allem die Rolle eines trojanischen Pferds zu spielen, um eine Technologie schmackhaft zu machen, die den Konsumenten keinerlei Vorteile bietet. Die Produktion der fraglichen Medikamente kann durchaus mit Hilfe gentechnisch veränderter Zellen im abgeschlossenen Milieu erfolgen.

Um die ablehnende Haltung der Öffentlichkeit ignorieren zu können, organisiert die französische Regierung gelegentlich pseudodemokratische Scheinabstimmungen – manche auch per E-Mail.8 Selbst wenn es in Zukunft gelingen sollte, mittels genveränderter Pflanzen die versprochenen Resultate zu erbringen, bleibt die Tatsache, dass wir im Begriff sind, die Erde in ein riesiges Versuchsfeld zu verwandeln. Das müssen wir in Kauf nehmen für die Innovationen, die uns die neoliberale, wettbewerbsorientierte und auf archaische Weise wissenschaftsgläubige Fortschrittsvision auferlegt.

Dampfmaschinen mochten bei ihrer Erfindung noch so beunruhigend sein, sie brachten die Züge ins Rollen. Hier jedoch werden Milliarden Dollar in eine zweifelhafte Strategie investiert, weil sich die agrarindustriellen Interessen einer Utopie verschrieben haben: der Beherrschung der Welternährung, vom Samen über eine neue Form bäuerlicher Sklavenschaft bis hin zum Supermarkt. Die vielseitigen Aspekte der gentechnisch bedingten Risken – Aufnahme von Schadstoffen und Allergenen, Antibiotikaresistenzen, Übergreifen der Transgene auf andere Arten, Verringerung der Artenvielfalt, weltweite Vorherrschaft einiger Multis über die Landwirtschaft und die Ernährung, Industrialisierung der Landarbeit, um nur die wichtigsten zu nennen – legen einen Schluss nahe: Wir dürfen uns in Sachen GVP nicht mehr mit einem Berg von wissenschaftlichen Gutachten zufrieden geben. In solchen Situationen scheint es angebracht, eine kollektive Expertise einzuholen, nach dem Muster der „Bürgerkonferenz“, gestützt auf Informationen von Fachleuten verschiedenster Herkunft, die unterschiedliche Sichtweisen vertreten.9

Fußnoten: 1 Parlamentarischer Bericht Nr. 2254, „Les OGM, une technologie à maîtriser“, April 2005, S. 15 f. 2 Vgl. Frédéric Prat (Hg.), „Société civile contre OGM. Arguments pur ouvrir un débat public“, Barret-sur-Méouge (Editions Yves Michel) 2004. 3 Vgl. Hervé Kempf, „Nouveaux soupçons sur le OGM“, in Le Monde, 8. Februar 2006. 4 Allergene sind Allergien auslösende Antigene. 5 Vgl. Hergé, „Tintin et les oranges bleues“ (dt. „Tim und die blauen Orangen“), Paris (Casterman) 1964. 6 Vgl. Eric Meunier, „OGM aux Etats-Unis: quand l’administration ignore ses experts (le cas de la tomate Flavr/Savr)“, in Inf’OGM 51, März 2004. 7 Vgl. Frédéric Pratt, siehe Fn. 2. 8 Vgl. Jacques Testart, „L’intelligence scientifique en partage“, in Le Monde diplomatique, Februar 2005. 9 Ebd. Aus dem Französischen von Grete Osterwald Jacques Testart und Arnaud Apoteker sind Biologen. Testart ist Präsident von Inf’OGM, Apoteker leitet die Anti-GVO-Kampagne von Greenpeace Frankreich.

Le Monde diplomatique vom 13.04.2006, von Jacques Testart und Arnaud Apoteker