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Kino gegen Mythen

Die neuen israelischen Filme sind nicht nur im Ausland erfolgreich von Hubert Prolongeau

Wenn man bedenkt, dass in Israel nur etwa zwanzig Filme im Jahr produziert werden, sind die Erfolge aus den vergangenen fünfzehn Jahren wirklich beachtlich. Auf den zahlreichen internationalen Festivals und im Kino sind es vor allem die gesellschaftskritischen Werke, die das Publikum und die Kritiker beeindrucken:

Die Milieustudie „Vasermil“ (2007) über die drei jungen Fußballer Shlomi, Adiel und Dina, die in dem multiethnischen Armenviertel von Beer Scheva am Rande des Gazastreifens aufwachsen, ist Mushon Salmona erster Spielfilm, er gewann auf dem Jerusalem Film Festival 2007 überraschend den Hauptpreis. Das Drama „Eyes Wide Open“ (2009) von Haim Tabakman über die verbotene Liebe zwischen dem Metzger (und Familienvater) Aaron und dem Talmudstudenten Ezri in Jerusalems orthodoxem Viertel Me’a Sche’arim lief 2009 in Cannes und Eran Meravs Sozialdrama „Zion and His Brother“ (2009) auf Robert Redfords legendärem Sundance Film Festival.

In „Lebanon“ (2007/2009) verarbeitet Regisseur Samuel Maoz, wie Ari Folman in „Waltz with Bashir“ (2008), seine Teilnahme am Libanon-Feldzug von 1982. Maoz war damals zwanzig Jahre alt. Der Film, der den Krieg aus der Perspektive einer vierköpfigen Panzerbesatzung schildert, wurde 2009 mit dem Goldenen Löwen von Venedig ausgezeichnet. Folmans animierter Dokumentarfilm war 2009 sogar als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert, so wie in diesem Jahr der spektakuläre Nahost-Krimi „Ajami“ vom israelisch-palästinensischen Regisseurteam Yaron Shani und Scandar Copti.

Das israelische Kino hat lange gebraucht, um zu dieser Eigenständigkeit zu finden. Als Gründungsfilm des israelischen Kinos wird häufig der 1933 gedrehte „Oded, der Wanderer“ von Chaim Halachmi genannt, und als erste maßgebliche Persönlichkeit der Dokumentarfilmer Ram Loevy. In den 1960er-Jahren entstand die „New Sensibility“, eine Bewegung von Autorenfilmern, die sowohl von der französischen Nouvelle Vague als auch von amerikanischen Independent-Filmern wie John Cassavetes beeinflusst waren. Schon damals handelten sie sich den Vorwurf ein, die israelische Gesellschaft und den israelisch-arabischen Konflikt gänzlich außer Acht zu lassen und reinste L’art pour l’art zu betreiben.

Vorbild Nouvelle Vague

Erst nach dem Jom-Kippur-Krieg von 1973, als es mit dem Siedlungsbau in den besetzten Gebieten losging und die erste Wirtschaftskrise folgte, begannen sich einige Filmemacher der kritischen Themen anzunehmen. Im Land selbst hatten sie damit allerdings nur mäßigen Erfolg, und so schlief die New Sensibility bald wieder ein. Es folgte die Welle der sogenannten Burekas-Filme, seichte Komödien ohne Tiefgang.1

Der Beginn einer neuen Ära im israelischen Kino verdankt sich vor allem der großen Regiepersönlichkeit Amos Gitai. Der Dokumentarfilmer, der später zum Spielfilm wechselte, begann sich Anfang der 1980er-Jahre als Erster mit verschiedenen Tabuthemen zu beschäftigen. In „Field Diary“ (Feldtagebuch, 1982), gedreht vor und während des Einmarschs in den Libanon, schiebt sich bezeichnenderweise immer wieder eine Hand vor Gitais Kamera, der aus dem fahrenden Auto heraus filmt. Nach diesem Film, der in Israel heftige Kontroversen auslöste, ging Gitai für zehn Jahre nach Paris und kehrte erst nach Jitzhak Rabins Wahlsieg 1992 zurück nach Israel.

Gitais frühe Filme erzählen von der Besetzung Palästinas, vor allem die Trilogie „The House“, die zwischen 1980 und 2005 entstand und die Geschichte eines Hauses in Jerusalem zwischen 1948 und heute rekonstruiert. Mit einem leichten Anflug von Koketterie verweigert dieser leidenschaftliche Filmemacher, der gerade einen Roman von Elsa Triolet verfilmt und heute zwischen Paris und seinem Heimatort Haifa pendelt, die Rolle des „Paten“ für die jüngere Generation. Der beste Dienst, den man seinem Vaterland erweisen könne, sei ein starkes und kritisches Kino, sagt Gitai.

Unter Israels Schauspielern sticht vor allem Ronit Elkabetz hervor. Äußerlich eine Mischung aus Irene Papas und Anna Magnani, tritt Elkabetz, die aus einer marokkanisch-jüdischen Familie stammt, mit ihrer überbordenden Vitalität in den meisten bedeutenden Filmen dieses Jahrzehnts auf, wobei sie auch mit unbekannten jungen Regisseuren wie Eran Merav zusammenarbeitet.

In Israels neuem, reifen Kino übernehmen endlich auch Schauspieler arabischer Herkunft die Hauptrollen, wie Hiam Abbass („Die syrische Braut“, „Lemon Tree“ und andere), die heute in Frankreich lebt und mittlerweile international gefragt ist („München“, 2005; „The Visitor/Ein Sommer in New York“, 2007, und andere). Amos Gitai besetzte in „Kadosh“ (1999) die Rolle des Rabbiners Shimon mit dem arabischen Schauspieler Yussuf Abu-Warda.

Eine ganze Generation von Filmemachern ist mittlerweile in Gitais Fußstapfen getreten. Der israelisch-palästinensische Konflikt, der immer kritischer behandelt wird – vor allem in Folmans „Waltz with Bashir“ oder in „Beaufort“ (2007) von John Cedar, der kurz vor dem Rückzug der Israelis aus dem Libanon im Jahr 2000 spielt – sitzt so tief wie eine Erbsünde, die die jüngere Generation nicht mehr loslässt. Manchmal kommt es sogar vor, dass ein Spielfilm das aktuelle politische Geschehen ins Bild setzt, wie etwa Gitais „Disengagement“, in dem die Räumung jüdischer Siedlungen im Gazastreifen im Jahr 2005 die Hintergrundhandlung liefert.

Gnadenlos ehrliche Kollektivporträts

Der Konflikt ist so allgegenwärtig, dass in manchen Filmen die künstlerische Umsetzung darunter leidet. „Lemon Tree“ von Eran Riklis könnte man hier als ein Beispiel von vielen anführen: Im Ausland haben solche Filme, in denen mutige Protagonisten der absurden Situation die Stirn bieten und beide Seiten gleichermaßen kritisiert werden, großen Erfolg. Der Schriftsteller und Filmemacher Etgar Keret berichtet, der australische Produzent seines Animationsfilms „9 Dollars 99 Cent“ habe am Drehbuch zuerst bemängelt, dass die „israelische Problematik, also Besatzung oder Krieg“, gar nicht vorkomme.

Mittlerweile beschäftigen sich israelische Filmemacher mit einer großen Bandbreite von Themen: dem Einfluss der Armee auf das Alltagsleben („Close to Home“ von Dalia Hager), Prostitution („My Treasure“ von Keren Yedaya), der Auflösung der Familie („Sieben Tage“ von Ronit und Shlomi Elkabetz) oder Religion („Kadosh“ von Amos Gitai). All diese Filme blicken äußerst selbstkritisch auf die israelische Gesellschaft – sie sind gnadenlos ehrliche Kollektivporträts. „Die neue Generation verbindet eine gemeinsame Überzeugung: Um Israel und seine Widersprüche darzustellen, muss man sich von der vorgetäuschten Objektivität der Fernsehreportagen entfernen und Geschichten aus der Ich-Perspektive erzählen“, meint die Schauspielerin Ronit Elkabetz, die auch Regie führt.

Es wird viel experimentiert: „Waltz with Bashir“ ist zum Beispiel der erste dokumentarische Animationsfilm in Spielfilmlänge. In „Avenge But One of My Two Eyes“ (2005) montiert der große Unruhestifter unter den Dokumentarfilmern, Avi Mograbi, verschiedene Szenen aneinander – Massada-Schwur, Schikanen an Palästinensern, ein Konzert der rechtsextremen Kach-Bewegung und ein langes Telefonat zwischen Mograbi und einem palästinensischen Freund, der in Bethlehem eingeschlossen ist. Auch alle Genres sind vertreten: Dover Kosashvili zum Beispiel dreht Thriller, wie „Cadeau du Ciel“ (2003), oder Komödien, wie „Late Marriage“ (2001). In der internationalen Filmszene zeigt nur das südkoreanische Kino eine ähnlich starke Vitalität.

Doch dies alles wäre nicht möglich ohne ein ausgefeiltes Produktionssystem. Es gibt 17 Filmschulen in Israel, seit 2001 verteilt der staatliche Israel Film Fund (IFF) jedes Jahr wenigstens 12 Millionen Euro. Die Fernsehsender finanzieren Dokumentarfilme mit, und internationale Koproduktionen werden gefördert, indem ausländische Produktionsfirmen einerseits weniger Steuern zahlen müssen und andererseits israelische Firmen unterstützt werden.

Die Steuersenkung um 13 Prozent wird allerdings nur gewährt, wenn die ausländischen Produzenten ein Budget von über 1,5 Millionen Euro bereitstellen und ein israelischer Produzent federführend ist. In diesem Sinne haben Frankreich und Israel im Jahre 2002 ein Abkommen geschlossen: Seitdem wurden 28 Spielfilme koproduziert, die teils sehr erfolgreich waren, wie etwa „Geh und lebe“ (2005) von Radu Mihaileanu (500 000 Zuschauer in Frankreich) und „Die Band von nebenan“ (2007) von Eran Korilin (mehr als 400 000 Zuschauer). Zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel besteht seit 1971 ein Abkommen zur Filmförderung. An vielen der oben genannten Filme („Ajami“, „Eyes Wide Open“, „Zion and his Brother“, „Lebanon“ oder „Lemon Tree“) waren deutsche Produktionsfirmen beteiligt.

„Bei uns herrscht zwar Meinungsfreiheit, nur schenkt uns leider niemand Gehör“, sagt Amos Gitai. Kulturminister Limor Livnat bezeichnete einige Filme sogar als „Verrat“ an der Nation, und dem Regisseur Jonathan Segal wurde kürzlich die finanzielle Unterstützung des IFF für seinen Film „Odem“ nachträglich wieder entzogen. Der Skandal wurde von der konservativen Tageszeitung Jediot Achronot lanciert, die eine Passage aus dem englischsprachigen Presseheft des Films zitiert hatte, in der Segal gesagt haben soll, dass viel Überzeugungsarbeit nötig gewesen sei, „um den Israel Film Fund von der Tatsache zu überzeugen, dass die Besatzung schlimmer ist, als Israel zugibt, und dass man sie mit der Schoah vergleichen kann“. Im darauffolgenden Satz wunderte sich der Kolumnist, dass der Staat ein solches Werk überhaupt finanziell unterstützt. Nachdem IFF-Direktor Katriel Schory den Zeitungsartikel gelesen hatte, beschloss er prompt, die Fördermittel für „Odem“ einzufrieren.

Segal, der im Januar 2010 die Dreharbeiten fast beendet hatte, erklärte in einem Brief an den IFF, dass das zitierte Presseheft nicht von ihm autorisiert gewesen sei und auf einem alten Text basiere, der ihm Worte in den Mund lege, die er so niemals gesagt habe. Auch Scandar Copti, arabischer Israeli und einer der beiden Regisseure von „Ajami“, sorgte für Empörung, als er sich weigerte, Israel bei der Oscar-Verleihung offiziell zu vertreten.

Kritik am zionistischen Ideal

Verstehen kann man das israelische Kino nur, wenn man auch das weniger exaltierte palästinensische Filmschaffen miteinbezieht. Denn hier gibt es einige Verbindungen: Arabische Schauspieler wechseln von der einen Szene zur andern, und jeder weiß, dass die beiden großen Regisseure Amos Gitai und Elia Suleiman („Göttliche Intervention – Eine Chronik von Liebe und Schmerz“, 2002) gute Freunde sind. „Das Kino verbindet beide Gesellschaften wie durch ein Fenster und kann für Respekt und gegenseitiges Verständnis werben“, meinen Nurith Gertz, Professorin an der Kunsthochschule von Tel Aviv, und George Khleifi, palästinensischer Schauspieler und Produzent: „Wären die Israelis auch so erstaunt gewesen, als die Friedensverträge von 2000 mit der zweiten Intifada scheiterten, wenn sie vorher einen Film wie ‚Das Märchen der drei Juwelen‘ (Michel Khleifi, 1994) gesehen hätten? Wenn sie also mit den Augen der Palästinenser gesehen hätten, wie im Laufe der siebenjährigen Friedensverhandlungen immer neue Siedlungen gebaut wurden?“2

Wieder einmal zeigt sich ein israelisches Paradox: So unbeweglich sich die Regierung in der Politik verhält – sie unterstützt und fördert dennoch ein Kino, das sich mit harter Kritik am arg gebeutelten zionistischen Ideal alles andere als zurückhält.

Fußnoten: 1 Diese Geschichte hat Raphaël Nadjari zu der dreistündigen Dokumentation „A History of Israeli Cinema“ (2009) inspiriert. 2 L’Humanité, Saint-Denis, 11. Februar 2009.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Hubert Prolongeau ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 14.05.2010,