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Die importierte Mehrheit

In den Emiraten am Golf fürchten die Araber die Überfremdung durch Arbeitsmigranten von Akram Belkaïd

Auf dem Marmorboden der Marina Mall in Abu Dhabi vollführt ein etwa Zwölfjähriger auf seinen Heelys (das sind Turnschuhe mit Rollen an den Fersen) allerlei akrobatische Figuren. Eine Etage höher beugt sich sein Vater, ein traditionell in die blendend weiße Dischdascha gekleideter Emirati, über das Geländer und befiehlt seinem Sohn auf Arabisch, sofort heraufzukommen. Der Junge scheint nicht zu hören; er ist damit beschäftigt, die beiden Westler zu imitieren, die auf der Schlittschuhbahn nebenan über das Eis gleiten. Der Vater verliert schließlich die Geduld und droht, diesmal auf Englisch, mit einer Tracht Prügel und dass er ihm die Schuhe wegnehmen würde. Nun gehorcht der Junge augenblicklich, während sich der Vater seinen Freunden und den Passanten und Schaulustigen zuwendet, die die Szene verfolgt haben: „So weit ist es gekommen mit ‚ihrem‘ Englisch! Rede ich Arabisch mit ihm, stellt er sich taub!“

Nachdem die beiden den Schauplatz verlassen haben, geben andere Emiratis, die von ihren Restaurantplätzen aus das Ganze mitbekommen haben, ihre Kommentare ab. „So ergeht es vielen Familien“, erklärt Dschalal al-Sultan, ein Geschäftsmann aus Dubai. „Sind das noch unsere Kinder, oder entwickeln sie sich zu kleinen Amerikanern oder Engländern, die nicht mehr richtig Arabisch sprechen können? Ich finde das schon besorgniserregend. Man sollte wirklich darüber nachdenken, das ganze Bildungssystem zu reformieren, das doch auch dazu da ist, unseren Kindern zu vermitteln, wo sie hingehören.“ Das Englische gilt oft als Patentlösung für die Probleme der Emirate, sagt sein Tischnachbar Jussef al-Aisa, der in der Verwaltung des Föderalstaats1 arbeitet: „Es werden schon Witze darüber gemacht, dass man demnächst sogar die Muezzine dazu verpflichten wird, auf Englisch zum Gebet zu rufen, am besten noch mit perfektem Oxford-Akzent …“

Seit 2008, das die Regierung zum „Jahr der nationalen Identität“ erklärt hatte, gibt es heftige Debatten über den Gebrauch des Englischen. Die einen fordern Weltoffenheit und halten das Englische als Unterrichtssprache für unverzichtbar, um in der modernen Welt mitreden zu können, die anderen behaupten, der Preis dafür sei der Verlust der emiratischen, arabischen und muslimischen Identität der „Einheimischen“, wie sie von den Zuwanderern aus dem Westen gern genannt werden.

„Wir sind eine offene Gesellschaft“, sagte zum Beispiel der Sprecher des Nationalrats Abdul Aziz al-Ghurair auf der Pressekonferenz zur Feier des 38. Gründungstags der Vereinigten Arabischen Emirate im November 2009. „Aber dass wir unsere Identität aufgeben, kommt nicht infrage. Wenn wir nicht auf der Hut sind, werden wir in den Fluten der Globalisierung untergehen. Warum sollten zum Beispiel die Frankokanadier ein Recht darauf haben und wir nicht?“

Der Bildungsminister, Scheich Nahyan bin Mubarak, sieht das hingegen etwas anders und meinte bei demselben Anlass: „Natürlich sind wir alle stolz auf unsere Sprache und unsere Identität, aber das ändert nichts daran, dass Englisch die Sprache der Wissenschaft und Technik ist. Heutzutage kann es sich niemand mehr leisten, im globalen Wettbewerb zurückzubleiben. Wenn wir unsere Kinder dazu befähigen wollen, dass unser Land hier mithalten kann, muss der Unterricht auf Englisch stattfinden.“

Kleiderordnung für Beamte

Im Februar 2010 veranstaltete das Emirates Center for Strategic Studies and Research (ECSSR), die wichtigste Denkfabrik von Abu Dhabi, ein Kolloquium über den Arbeitsmarkt für junge Hochschulabsolventen, und sofort flammte die Debatte wieder auf. „Zuerst erzählt man uns, dass unsere Universitäten zu schwach sind und wir nur noch auf Englisch lehren sollen. Dann heißt es, wir müssten ausländische Universitäten um Unterstützung bitten, um das Niveau zu heben“, stellte der Universitätsdozent Khalifa al-Suwaidi fest. „Heute ist das Problem unserer arbeitslosen Hochschulabgänger noch immer nicht gelöst, aber noch schlimmer ist, dass viele von ihnen nicht mehr wissen, wer sie eigentlich sind. Ein Arbeitsloser bleibt ein Arbeitsloser, ob er Englisch kann oder nicht.“

Weit entfernt von den gern zitierten Klischees, die die Golfstaaten auf ihre verkrusteten Gesellschaftsstrukturen reduzieren, verrät diese Debatte ein tief sitzendes Unbehagen. Abgesehen von dem Pleite-Emirat Dubai2 ist die Föderation dank der immensen Ölvorkommen von Abu Dhabi immer noch einer der reichsten Staaten der Welt. Im Jahr 2010 soll das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 5 Prozent wachsen, und trotz Finanzkrise strömen weiterhin ausländische Arbeitskräfte ins Land: Sie stellen nach wie vor knapp 83 Prozent der Gesamtbevölkerung, die laut einem im Oktober 2009 veröffentlichten offiziellen Bericht auf 5 Millionen geschätzt wird. Die Abhängigkeit von zugewanderten Arbeitskräften, ob gut ausgebildet oder nicht, gilt verständlicherweise als die größte Bedrohung der emiratischen Identität.

„Unter 200 Nationalitäten sind wir eine Minderheit im eigenen Land“, sagt ein hoher Funktionär, der anonym zu bleiben wünscht. „Es ist kein Wunder, wenn sich die Emirati eingekreist fühlen und sich die Diskussion um die Identitätsfrage verhärtet, wie man zum Beispiel an dem Streit über das Englische sieht. Wir wollen uns auch in Zukunft von jenen Ländern unterscheiden, die wir zwar um Unterstützung baten, als es um den Aufbau der Föderation ging, aber wenn wir jetzt noch ihre Sprache übernehmen, dann läuft das auf eine Vereinheitlichung hinaus, die vielen Angst macht. Das ist ja auch der Grund, weshalb zum Beispiel die nationale Tracht für alle Amtsträger obligatorisch ist.“

Viele einheimische Experten sind sich dieses Identitätsproblems sehr wohl bewusst und machen auch kein Hehl aus ihrer Sorge angesichts der unerbittlichen demografischen Logik. Die Emirate werden immer ausländische Arbeitskräfte brauchen, gleichgültig, welches Wirtschaftsszenario man jeweils zugrunde legt, und sie werden auch zukünftig eine Minderheit im eigenen Land bleiben – mit der beängstigenden Perspektive, im Jahr 2020 nur noch 10 Prozent der Bevölkerung zu stellen.

„Wir brauchen dringend eine nationale Debatte über diese Frage“, sagt Gamil Mohamed, Wissenschaftler am Emirates College for Advanced Education. „Wenn nichts geschieht, wenn keine Lösungen erarbeitet werden, um unsere Abhängigkeit von ausländischen Arbeitskräften zu reduzieren, kann man nicht ausschließen, dass aus den Arabern der Golfstaaten eines Tages die ‚Aborigines‘ der Region werden. Ureinwohner oder ‚First Nations‘ wie die amerikanischen Indianer, denen wegen ihres Minderheitenstatus fremde Traditionen und Werte aufgezwungen wurden.“

Einige ausländische Gruppen treten bereits fordernder auf. So verlangen Vertreter indischer Geschäftsleute, die seit drei Generationen in Dubai und in Abu Dhabi ansässig sind, dass im Land geborene Ausländer eingebürgert werden. „Ich bin hier geboren und habe nie einen Fuß nach Indien gesetzt, woher meine Eltern stammen“, sagt Nancy R. Natyam, eine junge Kommunikationsberaterin. „Dubai ist die Stadt, in der ich zu Hause bin, und die Emirate sind meine Heimat, aber ich kann von einem Tag auf den anderen ausgewiesen werden. Das ist doch unfair!“

Die in den Emiraten vor allem englischsprachige Presse veröffentlicht regelmäßig Plädoyers von indischen und britischen Autoren, die für eine Reform der strengen Einbürgerungsgesetze eintreten. Vor rund zehn Jahren wären solche Forderungen, die die Regierung heute durchaus duldet, undenkbar gewesen. Und sie werden gerade von den Ausländern erhoben, die im Gegensatz zu den „importierten“ Zeitarbeitern auf den Großbaustellen materiell abgesichert sind.

In den einzelnen Emiraten ist man jedoch strikt gegen eine möglicherweise massenhafte Einbürgerung, besonders von Ausländern aus Asien. „Nach und nach werden wir immer weniger, und dann ist es vorbei mit der emiratischen Identität“, sagt ein hoher Beamter aus Abu Dhabi. Madschid al-Alawi, Arbeitsminister im Nachbarstaat Bahrein, drückt sich noch krasser aus, ihm zufolge sind die ausländischen Arbeitskräfte „für die Bevölkerung der Golfstaaten eine größere Gefahr als die Atombombe oder ein Angriff Israels“.

Kostbare Staatsbürgerschaft

Das Misstrauen der Emirati richtet sich aber auch gegen Bürger aus anderen arabischen Ländern. Zwar bekamen einige, vor allem Palästinenser, die seit 1948 in der Region im Exil leben, am Ende doch die kostbare Staatsbürgerschaft verliehen, aber sie bleiben eine Ausnahme. „Wir müssten Ägypter oder Nordafrikaner einbürgern, um die Bevölkerung der Emirate zu stärken und gleichzeitig unsere arabisch-muslimische Identität zu bewahren. Wenn wir nicht von den Zuwanderern vom indischen Subkontinent überschwemmt werden wollen, bleibt uns eigentlich gar nichts anderes übrig“, meint ein Banker aus Dubai im privaten Gespräch. Er ist sich gleichwohl bewusst, wie wenig wahrscheinlich dieses Szenario ist: Die einzelnen Staaten der Föderation würden diesen Neubürgern zwangsläufig misstrauen, weil die „imstande wären, sofort politische Forderungen zu stellen, sobald sie die Staatsangehörigkeit der Vereinigten Arabischen Emirate besitzen“.

Auf die Frage nach einem möglicherweise fehlenden Willen zur Integration verwahren sich die Behörden. Und von Ausländerfeindlichkeit könne schon gar keine Rede sein. „Wir wollen nur niemandem etwas vormachen“, verlautet es aus der Umgebung des Staatsoberhaupts der Emirate, Scheich Khalifa bin Zayid al-Nahyan. „Wer Kompetenzen vorzuweisen hat, ist in den Vereinigten Arabischen Emiraten willkommen, aber er muss wieder ausreisen, sobald der Arbeitsvertrag ausläuft. Wir können es nicht so machen wie Frankreich oder Kanada, wo man nur ein paar Jahre gelebt haben muss, um Staatsbürger zu werden. Das wäre für uns, die wir so wenige sind, eine Katastrophe.“

Der Polizeichef von Dubai, Generaloberst Dhahi Khalfan Tamim, ist ein Mann, den die Medien lieben. Er gehört zu den wenigen Vertretern der Staatsgewalt, die das Problem öffentlich zur Sprache bringen und dabei kein Blatt vor den Mund nehmen. Die Forderung nach Einbürgerung mehrerer hunderttausend Migranten, die in den Emiraten leben, mit dem Schutz der Menschenrechte zu begründen, hält er für absurd: „Fällt es etwa in den Bereich der Menschenrechte, wenn man die Emirati auf Dauer zur Minderheit im eigenen Land macht? Es stimmt zwar, dass die Immigranten unter hohem Einsatz am Aufbau der Infrastruktur in den Emiraten mitgewirkt haben. Aber sie haben von ihrer Arbeit auch gewaltig profitiert.“

Auf einem Forum zum Thema nationale Identität, das im Frühjahr 2009 in Anwesenheit hoher Regierungsvertreter in Dubai stattfand, fragte sich der General sogar laut, ob womöglich demnächst ein Inder als Staatsoberhaupt der Emirate kandidieren werde. Seither wird sein verbaler Ausfall, der natürlich durch alle Medien ging, jedes Mal zitiert, wenn es um die Identität der Vereinigten Arabischen Emirate und ihr demografisches Ungleichgewicht geht. Tamim resümiert damit nur treffend die konservative Einstellung, die innerhalb der einzelnen Regierungen und bei der großen Bevölkerungsmehrheit vorherrscht. Eine Lösung für eine der größten Herausforderungen des Landes, das am 2. Dezember 2011 den vierzigsten Jahrestag seiner Unabhängigkeit feiert, ist nicht in Sicht.

Fußnoten: 1 Die Vereinigten Arabischen Emirate sind eine Föderation von sieben autonomen Emiraten: Abu Dhabi, Adschman, Dubai, Fudschaira, Ra’s al-Chaima, Schardscha und Umm al-Qaiwain. Oberstes Staatsorgan ist der siebenköpfige Rat der Scheichs. Der Nationalrat, dessen vierzig Mitglieder zur Hälfte von den Scheichs ernannt werden und zur anderen Hälfte seit 2006 von einer handverlesenen Bürgerschaft gewählt werden dürfen, hat lediglich eine beratende Funktion. 2 Siehe Ibrahim Warde, „Das beste Dubai der Welt. Geschichte einer Pleite der Superlative“, Le Monde diplomatique, März 2010.

Aus dem Französischen von Barbara Schaden

Akram Belkaïd ist Journalist (www.akrambelkaid.com) und Autor unter anderem von „A la rencontre du Maghreb“, Paris (La Découverte) 2001.

Le Monde diplomatique vom 14.05.2010,