Artikel

Artikel drucken zurück

Chocolate City

Afrikanische Existenzgründer in China von Tristan Coloma

Die meisten haben sich inzwischen an ihre Anwesenheit gewöhnt. Das hier ist allerdings nicht wirklich China, natürlich auch nicht Afrika, sondern ein Stadtviertel zwischen Xiaobei Lu und Guangyuan Xi Lu im südchinesischen Kanton (Guangzhou), zwei Zugstunden von Hongkong entfernt. Offiziell sind es 20 0001 Afrikaner, nach Auskunft eines Forschers der Universität Hongkong aber fast 100 0002 , die sich in dem zwischen Highways und Bahngleisen eingezwängten „Africatown“ niedergelassen haben. In der zehn Quadratkilometer großen „Chocolate City“ – wie die Chinese sie nennen – dreht sich alles ums Geschäft. Hier spricht man ebenso gut Igbo, Wolof oder Lingala wie Mandarin oder Kantonesisch.

Seit China in der Weltwirtschaft angekommen ist, übt es eine starke Anziehungskraft auf die einstigen Kolonien aus. Mark Leonard, der frühere außenpolitische Berater von Tony Blair, hat dafür eine Erklärung: „China beweist, dass grüner Tee, Konfuzius und Jackie Chan ebenso viel wert sind wie McDonald’s, Hollywood und die Gettysburg Address.“3 Freilich liegt es nicht an der Kultur, dass die Afrikaner so zahlreich nach China strömen, sondern an seinem Wirtschaftswachstum und seinen Großmärkten, auf denen Konsumgüter gehandelt werden.

Abou Kabba kommt aus Guinea. Er hat seinen Doktor in organischer Chemie gemacht und reist seit 15 Jahren als Händler kreuz und quer durch Asien. Er kann sich nur wundern über den Massenandrang „der Jungen, die glauben, dass sie über den Umweg Kanton schneller nach Europa kämen oder dass Tokio nur ein paar U-Bahn-Stationen von hier entfernt ist“.

Im Herzen der Stadt Kanton mit ihren 18 Millionen Einwohnern und den zehntausenden Werkstätten und Kleinstfabriken geht es nicht um medienwirksame Ölverträge oder riesige chinesische Staatsbaustellen in Afrika, sondern vor allem um Handel. Der Löwe reitet den Drachen, weil er von dessen Exportfieber profitieren will.

„Ob schwarz oder nicht, ist für uns egal, Hauptsache, das Geschäft läuft!“, verkündet zwischen zwei Telefonaten und einem Schluck Tee die Chefin eines kleinen Elektronikladens in einem Geschäftszentrum von Dongfeng. Schließlich hat in der Provinz Guangdong, der Fabrik der Welt, deren Schaufenster die Hauptstadt Kanton ist, das Geld keine Farbe. Und auch das „afrikanische Fußvolk der Globalisierung“4 will etwas vom chinesischen Wirtschaftswunder abbekommen. Die Liste der Exportgüter für Afrika ist vielfältig: Stromgeneratoren, Schuhe, Wattestäbchen, Mofas, Baustoffe, Menschenhaar, Spielzeug. „Alles, was man will, findet man in China, sogar Schwarze“, scherzt Joseph, ein Händler aus Kamerun.

Jedes Jahr gehen von China aus tausende Container auf die Reise nach Dakar, Mombasa, Abidjan oder Duala. Das Handelsvolumen zwischen China und Afrika wuchs von 2003 bis 2007 um 294 Prozent.5 Beim vierten China-Afrika-Forum (siehe Spalte rechts) am 8. November 2009 bezifferte der chinesische Regierungschef Wen Jiabao das bilaterale Handelsvolumen im Jahr 2008 auf 106,8 Milliarden Dollar, 45,1 Prozent mehr als 2007, wie er stolz vermerkt.6 Die afrikanischen Händler haben inzwischen die traditionellen Handelszentren in Asien und Dubai verlassen und ihre Geschäfte nach China verlagert.

So rasant die Annäherung einem gegenwärtig auch erscheinen mag, so begann sie im Grunde schon 1955 auf der großen Asien-Afrika-Konferenz im indonesischen Bandung. Über tausend Repräsentanten aus 29 Ländern und 30 Befreiungsbewegungen verkündeten in Bandung das Ende der Kolonialzeit und beratschlagten über eine gemeinsame Zukunft.7 Peking kam beispielsweise damals den Unabhängigkeitskämpfern in Algerien, Angola und Südrhodesien zu Hilfe – dank dieser Unterstützung erhielt China 1971 den ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat, den zuvor Taiwan innegehabt hatte.

In den 1980er-Jahren wagten sich die ersten abenteuerlustigen afrikanischen Geschäftsleute in das damals noch unter britischer Kontrolle stehende Hongkong. Seit dem Beitritt Pekings zur Welthandelsorganisation (WTO) im September 2001 wollen die Händler allerdings lieber gleich an Ort und Stelle von der Billigproduktion profitieren.

„Fast 90 Prozent der Produkte auf dem afrikanischen Markt stammen aus China, Thailand und Indonesien“, erklärt Sultane Barry, der Präsident der guineischen Gemeinde von Kanton. „Praktischerweise darf man in China unterschiedliche Produkte im selben Container transportieren.“ Barry ist Geschäftsmann, wie fast alle Afrikaner hier.8 Nachdem er zunächst von Amerika träumte und mit Edelsteinen gehandelt hat, ist er heute stolz darauf, dass er den „Kapitalismus am Gelben Fluss“ mitgestalten kann.

Sein Büro liegt eingezwängt zwischen einem Gebetsraum und einem Lokal, das als Versammlungsort dient. Von hier aus organisiert er eine Etage des Tianxiu Dasha, eines 35 Stockwerke hohen Turms, in dem ein geschäftiges Treiben herrscht: Kleine Läden, deren Regale unter den Warensendungen aus den Fabriken in der Provinz schier zusammenbrechen, Handelsvertretungen, Reisebüros, afrikanische Restaurants, Friseursalons und möblierte Zimmer, die man wochenweise mieten kann.

Barry aus Guinea dirigiert eine ganze Ladenetage

Alltag und Arbeit müssen ineinandergreifen, damit möglichst viel Geld verdient wird. „Wir sind schließlich nicht zum Vergnügen hier. Wir machen schnelle und gute Geschäfte“, sagt der ivorische Unternehmer Ibrahim Kader Traore. „In Abidjan sind die Leute immer noch auf Frankreich fixiert, wo unsereiner sich abrackert, um in 25 Jahren 10 000 Euro zusammenzusparen, während man in China schon nach fünf Jahren 100 000 Euro zusammensparen kann.“ So kommt es, dass immer mehr Afrikaner den alten Sklavenrouten und hoch gerüsteten Grenzen Europas den Rücken kehren und das Abenteuer im Osten suchen.

Zwischen 2003 und 2007 ist die Zahl der afrikanischen Immigranten jedes Jahr um 30 bis 40 Prozent gestiegen.9 „Durch die verbesserten Beziehungen zwischen China und den Entwicklungsländern wird sich der Zuzug afrikanischer Geschäftsleute in die größte Exportnation der Welt verstärken“, sagt Barry Sautman von der Universität Hongkong.

Das Ausmaß der Einwanderung irritiert die chinesische Regierung, die niemals zuvor mit einem derartigen „Problem“ zu tun hatte. Während der chinesische Präsident Hu Jintao 2006 noch mit großem Pomp 48 afrikanische Staats- und Regierungschefs nach Peking eingeladen hatte, um sie der chinesischen Freundschaft zu versichern, erhielten die Einreisewilligen 2007 auf einmal eine kalte Dusche. Die Regierung hatte eine alte Parole hervorgekramt, die Hao Chiyong, Sprecher des Einwanderungsministers, am 20. August 2004 ausgegeben hatte: „China ist kein Einwanderungsland. Mit der neuen Regelung wollen wir vor allem hochqualifizierte Ausländer anlocken.“10 Eine ziemlich unverblümte Art, die Verschärfung der Visabestimmungen für Afrikaner anzukündigen.

„Inzwischen gibt es hier viel weniger Afrikaner“, klagt Sultane Barry. „Früher bekamen sie Jahresvisa, mit denen sie nach Belieben ein- und ausreisen konnten. Das änderte sich kurz vor den Olympischen Spielen von 2008, da wollten die Behörden klare Verhältnisse schaffen. Sie haben vor Ort gar keine Visa mehr verlängert. Man musste zurück ins Heimatland, um sich sein Handelsvisum verlängern zu lassen.“ Seitdem gilt das Visum als magisches Sesam-öffne-dich. Ladji, ein Ivorer, der gefälschte T-Shirts verkauft, zeigt uns seinen zigmal gestempelten Ausweis. Meistens fährt er dafür nach Macao. „Zurzeit sind die Visa nur 30 Tage gültig. Deshalb müssen wir einmal pro Monat raus aus Festlandchina.“

Anlässlich der Olympischen Spiele verstärkten die Behörden auch die Personenkontrollen. Die Asienspiele, die im November dieses Jahres in Kanton stattfinden, bereiten den Afrikanern ebenso viele Sorgen wie den Chinesen von „Chocolate City“. „Die Afrikaner kaufen mir hier mehr als die Hälfte der Fernseher ab, die in der Fabrik meines Schwagers produziert werden“, erzählt eine Verkäuferin. „Ich habe Angst, dass sie bald nicht mehr kommen.“

Im Juli 2009 hätte eine Polizeirazzia fast ein tragisches Ende genommen. Auf der Flucht vor den Polizisten sprangen zwei Nigerianer durch ein Fenster. Der eine schnitt sich an der Fensterscheibe den Bauch auf, der andere fiel auf den Kopf und lag mehrere Tage im Koma. Die beiden wurden wieder gesund, aber da hatte sich schon das Gerücht verbreitet, sie seien ums Leben gekommen. Das führte zur ersten Demonstration ausländischer Einwanderer in China. Etwa 100 Menschen stürmten das Zentralkommissariat von Kanton, und die internationalen Medien nutzten die Gelegenheit, um auf die wiederholten Menschenrechtsverletzungen in China aufmerksam zu machen.

„Es geht schon wieder los mit den Razzien“, erzählt Abou Kabba. „Bei einer Visakontrolle öffnete einmal meine Frau der Polizei die Tür, aber die Papiere hatte ich in der Tasche. Die Polizisten haben meine Kinder so angeschrien, dass sie anfingen zu weinen. Sie wollten ihnen weismachen, dass sie ins Gefängnis kommen. Dabei ist meine gesamte Familie bei der Einwanderungsbehörde registriert. Die wissen ganz genau, dass wir legal hier sind.“

Anfang Oktober 2009 erklärte Mo Lian, stellvertretende Leiterin der Abteilung Aus- und Einreise der öffentlichen Sicherheitsbehörden der Provinz Guangdong, gegenüber der staatlichen Presseagentur Xinhua: „Etwa 70 Prozent der Ausländer, die im letzten Jahr wegen illegaler Einwanderung und abgelaufener Visa verhaftet wurden, stammten aus Afrika. Im ersten Halbjahr dieses Jahres hat sich der Anteil auf 77 Prozent erhöht.“

Die Afrikaner finden die Haltung der chinesischen Behörden hart oder gar hinterhältig. Ladji sagt, man müsse sich, um nicht belästigt zu werden, ein „vorschriftsmäßiges“ Visum kaufen. „Manche von uns zahlen dafür bis zu 2 000 Euro. Sie wenden sich einfach an private Agenturen, die die chinesischen Behörden schmieren.“

Ojukwu aus Nigeria gründete eine Bürgerwehr

So beißt sich die Katze in den Schwanz. „Mit ihrem Versuch, die Einwanderung einzudämmen, treibt die chinesische Regierung die Migranten in die Arme krimineller Netzwerke und stärkt diese damit nur“, empört sich Emma Ojukwu, der Vorsitzende der nigerianischen Gemeinde, den hier alle „Monsieur Afrique“ nennen. „Das führt zu absurden Situationen. Manche Neuankömmlinge verkaufen ihren Pass, und wenn sie ausgewiesen werden, nehmen sie in ihrem Heimatland eine andere Identität an und kommen zurück. Andere enden im Drogenhandel oder in der Prostitution. Solche Geschichten vermitteln doch ein schlechtes Bild von ganz Afrika.“

Deshalb hat sich Ojukwu vorgenommen, den Afrikanern von Kanton Gesetzestreue beizubringen – mit äußerst drastischen Methoden. „Unsere Gemeinde kämpft gegen die Kriminalität. Wir haben ‚Friedenswächter‘ aufgestellt, eine Mannschaft von 50 jungen Männern mit Macheten, die afrikanische Kriminelle festnehmen und sie an die Polizei ausliefern. Damit versuchen wir unser Image etwas aufzubessern.“

Auch dank solcher Maßnahmen erreichte er im November 2009 bei den Obrigkeiten, dass alle Afrikaner, die sich freiwillig den Einwanderungsbehörden stellen, eine Art Amnestie erhalten. Jedenfalls stellt er die Sache so dar. „Am 8. März 2010 haben schon 400 Nigerianer, deren Visa abgelaufen waren, China verlassen. Ich habe auch eine Halbierung der Geldbuße ausgehandelt, die zurzeit bei 300 Dollar liegt. Das alles führt dazu, dass ich wie viele Vorsitzende der afrikanischen Gemeinden jeden Tag bei der Einwanderungsbehörde bin.“

Sobald die Abgeschobenen das Geld beisammen hätten, erklärt Ojukwu, könnten sie wieder auf legalem Weg zurückkehren. Über diejenigen, die die Geldbuße und das Rückflugticket nicht bezahlen können, verliert er allerdings kein Wort – die chinesischen Abschieberegeln sehen nämlich keine Gratis-Rückführung zur Landesgrenze vor. Diese Leute wandern direkt ins Gefängnis, einigen Quellen zufolge müssen sie sogar in staatlichen Fabriken arbeiten. Wie viele Afrikaner sich in dieser misslichen Lage befinden, verrät die chinesische Regierung natürlich nicht.

In den chinesischen Medien werden die Afrikaner inzwischen pauschal als Gesetzesbrecher dargestellt – was den übersteigerten Nationalismus weiter anstachelt. „Die Chinesen haben immer ein wenig Angst vor den Afrikanern. Um die Harmonie in der Gesellschaft zu bewahren, meinen die Behörden, sie müssten das Volk vor einer zu großen Invasion beschützen“, erläutert ein Professor der Universität Guangdong, der anonym bleiben möchte.

In ihrem autobiografischen Bestseller „Wilde Schwäne“11 beschreibt die chinesische Schriftstellerin Jung Chang, was chinesische Schüler in den 1970er-Jahren über Afrikaner lernten: „Sie sind weniger entwickelt und können ihre Triebe nicht beherrschen.“ Ebenso wie im Westen kennt auch die große Mehrheit der Chinesen Afrika nur aus den Massenmedien, stets reduziert auf das Bild eines Kontinents, mit dem es bergab geht, der von Aids, Hungersnöten, Bürgerkriegen und Dürre heimgesucht wird.

Die Afrikaner bekommen in China nicht selten offenen Rassismus zu spüren. Vincent aus Nigeria, der seit fünf Jahren in China lebt, berichtet: „In Indonesien oder Malaysia ist es zwar noch schlimmer, aber hier beschimpfen sie uns auch als ‚schwarze Teufel‘ und Ähnliches. In Bussen und Straßenbahnen halten sich die Leute demonstrativ die Nase zu, und auf der Straße rennen manchmal die Kinder weg, wenn ich komme. Damit muss man leben.“

Manche Situationen empfinden die Afrikaner jedoch eindeutig als Demütigung, wie Jean-Bedel, ein kongolesischer Student, erzählt: „Wenn du hier wegen irgendeiner Kleinigkeit ins Krankenhaus kommst, nehmen dir die Ärzte ungewöhnlich viel Blut ab und führen systematisch Aidstests durch. Das würden sie bei chinesischen Patienten niemals tun. Sie ziehen auch vor jeder Untersuchung extra Handschuhe an, natürlich nur bei uns Schwarzen.“

Auch die Taxifahrer stellen sich beim Anruf eines Afrikaners gelegentlich taub. „Die schwarzen Teufel sind in Drogengeschäfte und Prostitution verwickelt“, versichert einer von ihnen. „Und dann wollen sie auch noch über den Fahrpreis verhandeln. Für die halte ich nie an. Außerdem versteht man immer nicht, wo sie hinwollen.“ Die Verständnisprobleme rühren auch daher, dass die meisten Afrikaner nur für kurze Zeit im Land sind und sich daher nicht integrieren wollen. „Sie leben am Rand der chinesischen Gesellschaft und versuchen, sich eine Enklave zu schaffen, eine Ecke, wo sie Handel treiben und ihre Kultur aufrechterhalten können. Chinesen und Afrikaner kennen sich kaum“, erklären die französischen Wissenschaftlerinnen Brigitte Bertoncello und Sylvie Bredeloup.12

Der niederländische Historiker Frank Dikötter, der an der Universität von Hongkong lehrt, erinnert daran, dass Mao Tse-tung einst einen ganz anderen Umgang mit Fremden gepredigt hat. „Im Jahr 1963 erklärte der Vorsitzende der KP China, ‚in Afrika, in Asien, in der ganzen Welt gibt es Rassismus. Aber in Wahrheit sind die Rassenprobleme Klassenprobleme.‘ Die offizielle Propaganda unterstützte die Vorstellung, dass nur Westler zum Rassismus neigen, während die Chinesen sich in ihrem Kampf gegen den weißen Imperialismus als die Vorkämpfer all derer darstellten, die Opfer ihrer Hautfarbe waren.“13

Im modernen China spielt der Klassenbegriff keine Rolle mehr. Was allein zählt, ist der wirtschaftliche Erfolg. „Die Vorurteile und der Rassismus in China sind den ökonomischen Verhältnissen geschuldet. Es kommt immer darauf an, ob eine Person oder eine gesellschaftliche Gruppe erfolgreich ist“, meint Yan Sun, Professorin für Politik an der City University von New York.14

Oft hört der Rassimus dort auf, wo das Geschäft beginnt. Die Chinesen in „Chocolate City“, den Einkaufsstädten und Verladezonen, haben beispielsweise begriffen, dass zu ihrem Wohlstand auch die Afrikaner etwas beizutragen haben. Anderswo schlägt ihnen hingegen Fremdenfeindlichkeit entgegen. Doch trotz des übersteigerten chinesischen Nationalstolzes und der verschärften Einwanderungsbestimmungen in Kanton haben die Afrikaner in China eine Brücke zwischen den beiden Kontinenten gebaut – Geschäfte machen schafft schließlich Verbindungen.

Das chinesische Piktogramm, das für das Wort Land steht, stellt vier Wände dar. Vielleicht haben die afrikanischen Geschäftsleute ja eine Tür gefunden, durch die sie dieses Land betreten können. Größere Proteste gegen Schwarzafrikaner wie 1988 an der Universität Nanjing in Peking sind jedenfalls selten geworden. Damals hatten Chinesen afrikanische Studenten belästigt und waren zu Tausenden mit der Parole „Tod den schwarzen Teufeln!“ durch die Straßen gezogen. Anlass der Demonstration war der gewaltsame Tod eines chinesischen Studenten gewesen. Der Hauptvorwurf der Demonstranten bezog sich allerdings darauf, dass die Afrikaner den jungen Chinesinnen hinterhersteigen würden.

Yane aus Niger hat eine Chinesin geheiratet

Heute sieht man in den Straßen des Viertels Xiaobei Lu immer häufiger gemischte Ehen und Familien. „Dank der Öffnung Chinas gibt es Hoffnung für die farbigen Fremden hier“, sagt Yane Soufian. „Wir passen uns ihrer Kultur an und befolgen ihre Gesetze.“ Der junge Nigerer, der vor acht Jahren mit leeren Taschen hier ankam, kannte damals keinen grünen Tee, sondern nur Schwarztee. Seit fünf Jahren ist er mit der Chinesin Hanna verheiratet, ihr Sohn Arafat ist zehn Monate alt. „Meine Schwiegereltern hatten nie etwas gegen unsere Beziehung. Sie fürchten nur, dass wir eines Tages nach Niger gehen könnten. Meine Frau hatte sowieso keinerlei Vorbehalte, weil sie schon mitbekommen hat, dass die Afrikaner, die in China bleiben, sich sehr wohl anpassen können. Wir sind moderne Männer, respektieren unsere Frauen und helfen ihnen im Haushalt.“

Wir stehen in Shizhi vor der Kathedrale Sacré-Coeur. Emma Ojukwu erzählt, dass es schon 300 bis 400 gemischte Ehen gebe: „Ich möchte einen Verein für diese Paare gründen. Der könnte dazu beitragen, dass es möglichst wenig Scheidungen gibt!“ Denn abgesehen von den kulturellen Differenzen, die in gemischten Ehen oft Konfliktstoff liefern, heiraten manche Afrikaner auch nur, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Das bestätigt auch Ladji: „Man muss eine Chinesin heiraten, wenn man eine Firma gründen will. Das hat mein Bruder gemacht, und davon träumen wir alle.“

Immer mehr Afrikaner lernen schon in ihrer Heimat Chinesisch, an der Universität oder an einem der vielen offiziellen Konfuzius-Institute, die in Afrika eröffnet werden.15 Zudem verstehen einige sich auch als Mentoren oder gar Lehrer. Sultane Barry weist darauf hin, dass viele Chinesen erst durch die Ankunft der Afrikaner gelernt haben, wie man Absatzmärkte für seine Waren findet. „Die Sekretärinnen, die wir hier hatten, sprachen noch nicht mal Englisch. Wir haben ihre Begeisterung fürs Sprachenlernen geweckt, für Englisch und Französisch. Die Chinesen hatten keine Ahnung von den Grundregeln des internationalen Geschäftsverkehrs. Sie kannten keine vergünstigten Kredite, kein Dokumentenakkreditiv. Sie waren daran gewöhnt, ihr Geld direkt auf die Hand zu bekommen. Modernes Geschäftsgebaren ist wahrlich etwas anderes!“

Über den spontanen, nicht institutionalisierten Austausch werden erst richtige Beziehungen zwischen den Gemeinschaften geknüpft. Wenn die große Industrienation China verstärkt auf die Süd-Süd-Hilfe setzt, darf es nicht vergessen, dass für den Aufschwung eines unterentwickelten Landes zwischenmenschliche Kontakte immens wichtig sind. Dieser Einsicht darf sich China nicht verschließen, wenn es sein Image in Afrika nicht beschädigen will. Eine weitere Verschärfung der Einwanderungsbedingungen für Afrikaner kommt aber schon deshalb nicht infrage, weil die chinesische Einwanderung nach Afrika zunehmend in die Kritik geraten ist.16

Manche fragen sich schon, ob hier eine „transnationale afrikanische Händlerbourgeoisie“17 entsteht, die von China aus das subsaharische Afrika mit Billigprodukten überschwemmt. Ein solches „Entwicklungsmodell“ stieße wahrscheinlich schnell an seine Grenzen. In einem der Cafés rund um einen der chinesischen Konsumtempel gibt ein Burunder schüchtern zu bedenken: „Die Chinesen verkaufen uns ihre Waren vier- oder fünfmal billiger als die Europäer. Das trägt zwar indirekt zur Steigerung der Kaufkraft bei, führt aber dazu, dass wir bei uns zu Hause nichts mehr produzieren.“ Zudem leiden die afrikanischen Volkswirtschaften unter unlauterem Wettbewerb (Zollflucht, Dumping).

Noch stärker als die üblichen Kooperationsabkommen nach dem Motto „Rohstoffe gegen Infrastruktur“ sind die einseitigen Wirtschaftsbeziehungen geeignet, die Angst vor einem chinesischen Neokolonialismus zu schüren. Peking verfolgt bekanntlich gegenüber seinen afrikanischen Wirtschaftspartnern eine Politik der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten. Das könnte allerdings auch ein Vorwand sein, um die chinesischen Interessen besser durchzusetzen.

„China möchte Geschäfte mit den afrikanischen Regierungen machen“, meint Barry. „Aber die Chinesen werden schon noch merken, dass es viel lukrativer ist, mit den Afrikanern direkt Handel zu treiben.“ Der Führung in Peking wäre es am liebsten, wenn die Afrikaner Geschäfte mit China machen würden, ohne da zu leben. Dabei sind 90 Prozent der Afrikaner von Guangzhou als Mittler zwischen den Kunden vom schwarzen Kontinent und den chinesischen Firmen tätig. Ohne sie gäbe es keine Geschäfte. „China bezieht seine ganze Anziehungskraft aus seiner wirtschaftlichen Macht, aber das wird nicht so bleiben“, meint der chinesische Wirtschaftsexperte Yan Xuetong. „Geld reicht nicht, um andere zu überzeugen. Man braucht auch moralische Autorität.“18 Peking hat insofern einiges zu gewinnen, wenn es sich besser um seine afrikanischen Einwanderer kümmern würde.

Fußnoten: 1 „Les immigrants africains, nouveau défi pour la Chine“, Chine-informations, 6. Oktober 2009. www.chine-informations.com. 2 Adams Bodomo, „The African Trading Community in Guangzhou: An Emerging Bridge for Africa-China Relations“, erscheint in Kürze in: The China Quarterly, London. 3 Mark Leonard, „Was denkt China?“, München (dtv) 2009. 4 Roland Marchal, „Hôtel Bangkok-Sahara“, in Fariba Adelkhah und Jean François Bayart (Hg.), „Voyages du développement, émigration, commerce, exil“, Paris ( Karthala) 2007. 5 AFP, 13. Februar 2009. 6 Hubert Escaith (Hg.), International Trade Statistics 2009, WTO, Genf 2009, siehe www.wto.org/english/res_e/statis_e/its2009_e/its09_toc_e.htm. Chinas Exporte nach Asien beliefen sich auf 50,84 Milliarden Dollar (36,3 Prozent mehr als 2008); das Importvolumen aus Afrika betrug dagegen 56 Milliarden Dollar (plus 54 Prozent), davon entfielen 71,7 Prozent auf Treibstoffe und 14,1 Prozent auf Metalle. 7 In Bandung war damals Jean Lacouture als Pressevertreter dabei, siehe seinen Zeitzeugenbericht in Le Monde diplomatique, April 2005. 8 Von den Afrikanern in Kanton sind 33 Prozent Nigerianer, 10 Prozent Malier, 8 Prozent Ghanaer, 6 Prozent Guineer und der Rest Kongolesen, Senegalesen, Ivorer, Nigerer, Tansanier, Gambier und Kameruner (Adams Bodomo, siehe Anmerkung 2). 9 Zhigang Li, Desheng Xue, Michael Lyons und Alison Brown, „Ethnic enclave of transnational migrants in Guangzhou: A case study of Xiabei“, Acta Geographica Sinica, China 2008. 10 „China issues ‚Green Card‘ to foreigners“, China Daily, 21. August 2004, www.chinadaily.com.cn/english. 11 „Wilde Schwäne: Die Geschichte einer Familie. Drei Frauen in China von der Kaiserzeit bis heute“, München (Droemer/Knaur) 2004. 12 Brigitte Bertoncello und Sylvie Bredloup, „De Hong Kong à Guangzhou, de nouveaux ‚comptoirs‘ africains s’organisent“, Perspectives chinoises, 2007, perspectiveschinoises.revues.org/document2053.html. 13 Frank Dikötter, „The Discourse of race in modern Asia“, London (C. Hurst & Co.) 1992. 14 Yan Sun, „Millennia of Multiethnic Contradictions“, im Forum „China’s changing views on race“, Room for debate of New York Times, 13. Dezember 2009; roomfordebate.blogs.nytimes.com. 15 Laut Confucius institute online gab es im November 2009 bereits 21 Konfuzius-Institute in 16 afrikanischen Ländern; siehe college.chinese.cn. 16 Schätzungen zufolge sind derzeit zwischen 480 000 und 750 000 Chinesen in Afrika. 17 Politique Africaine, Nr. 113: „Afrique, la globalisation par les Suds“, hg. von Sandrine Perrot und Dominique Malaquais; www.politique-africaine.com. 18 Zitiert bei Mark Leonard, siehe Anmerkung 3.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Tristan Coloma ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 14.05.2010,