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Ein Lehrstuhl namens Pernod

Die Großindustrie wird zum Paten der französischen Universitäten von Christian de Montlibert

Wenn der französische Staatspräsident Jacques Chirac Vertreter der Hochschulen empfängt, verwandelt er quasi mechanisch sämtliche Schlüsselbegriffe der neoliberalen Wirtschaftslehre in die Sprache des Bildungsmanagements. Da wird dann Konkurrenz mit dem Wort „Wettbewerb“ ausgedrückt, die Anwendung betriebswirtschaftlicher Prinzipien mit dem Wort „Autonomie“, die Einführung materieller Anreize mit „Evaluierung“ nach Kriterien der „Exzellenz“ oder Flexibilität und Anpassungsfähigkeit mit dem Begriff „Projektsteuerung“. Auch das Collège de France, dieser Tempel kostenlos und universell vermittelten Wissens, ist im Umbruch begriffen. Um seinen Bekanntheitsgrad zu steigern, holte es sich vor einigen Monaten das Finale des Rechtschreibwettbewerbs „Dicos d’or“ ins Haus, der eine Erfindung des Fernsehliteraturpapsts Bernard Pivot ist. Völlig ungeniert und ohne größere interne Diskussionen werden sogar die Chefs der Großkonzerne umworben, etwa Bernard Arnault, der Chef des Luxusgüterkonzerns LVMH und reichste Mann Frankreichs. Neuerdings gibt es gar einen „Liliane-Bettencourt-Lehrstuhl für innovative Technologie“, benannt nach der Hauptaktionärin von L’Oréal, die das zweitgrößte Vermögen des Landes besitzt.

Rendite und Rentabilitätsdenken sind heute – häufig unter dem Druck von EU-Richtlinien – die dominierenden Prinzipien der staatlichen Hochschulpolitik1 . Seit etwa zehn Jahren werden die Universitäten aufgefordert, die „Bedürfnisse“ der Wirtschaft zu berücksichtigen. Dadurch wurde die Freiheit der Lehre immer weiter einschränkt, während zugleich die Studenten durch fortgesetzte Hochschulreformen immer mehr zu Unternehmern werden, die ihre Ausbildung im Sinne einer Interessenmaximierung rationalisieren. Damit haben sich die Bedingungen der Wissensproduktion grundlegend gewandelt.2

Die Forderung nach einer „Reform“ des Bildungswesens basiert auf der Überzeugung, das künftige Heil der Universitäten liege allein darin, die Wissenschaft in den Dienst der Ökonomie zu stellen. Daraus ergibt sich dann der Schluss, dass auch die angeblich „archaischen“ Funktionsweisen der Hochschulen produktiver gestaltet werden. Deshalb empfiehlt eine Reihe offizieller Denkschriften, die in Richtung der Kommerzialisierung und des verbesserten Managements der Wissenschaft argumentieren, die Labors an den Universitäten aus privaten Quellen zu finanzieren und private Investitionen in die Forschung attraktiver zu machen, indem man entsprechende Änderungen am Urheber- und Patentrecht vornimmt.

Forschung soll sich möglichst schnell amortisieren

Von teilweise erbitterten Auseinandersetzungen begleitet, hatten in der Vergangenheit die Universitätslehrer und die reinen Forscher voneinander unabhängige Strukturen und jeweils eigene Systeme der Anwerbung, Bildung, Evaluierung und Organisation geschaffen. Diese abgeschotteten, „selbstbezogenen“ Welten erschwerten immer wieder die Anwendung externer Bewertungskriterien, machten aber eine permanente „kritische Selbstreflexion“ möglich. Dank eines weitgehend unabhängigen Systems der Lehre konnten sich die universitären Institutionen wirtschaftlichen und politischen Zwängen und Mächten entziehen.

Doch solche autonomen Systeme sind ständig der Gefahr ausgesetzt, von politischen oder ökonomischen Mächten in Frage gestellt zu werden, die die „Produktion“ von Wissen „rentabel“ gestalten wollen.

Der Wunsch der Regierungen – ob in Frankreich, in Deutschland oder in Italien –, die universitäre Forschung in den Dienst der Wirtschaft zu stellen, wirkt sich nicht zuletzt auf die Organisation der wissenschaftlichen Arbeit aus. Investitionen sollen sich möglichst rasch in Gestalt profitabler Forschungsergebnisse amortisieren. Forschung soll sich „nach oben“ an vorgegebenen Themen orientieren und sich „nach unten“ einer „szientometrischen“ Auswertung unterwerfen.

Bei den so genannten harten Wissenschaften sind die Mechanismen der Annäherung an die Interessen der Wirtschaft bereits am weitesten entwickelt. Die naturwissenschaftliche Universität Louis Pasteur in Straßburg hat Anfang 2004 ihr Zentrum für Forschung und Analyse in eine private Gesellschaft umgewandelt, an dem sie nun 56,5 Prozent der Anteile hält. Zudem hat sie einen Service für Verbindungen zur Wirtschaft aufgebaut. Auch die geisteswissenschaftliche Universität Marc Bloch schuf 2005 eine Stelle für „valorisation des recherches“, die dafür sorgen soll, die Forschungsvorhaben stärker auf die Interessen potenzieller Nutzer auszurichten.3

Weil sich die Universitäten damit den Forderungen privater Unternehmen und Stiftungen unterordnen, können sie nicht mehr frei über die Formen und Methoden des Forschens wie auch über die Publikation der Forschungsergebnisse entscheiden. Wird aber ein Hersteller von Schlafmitteln, der sich von der Flexibilisierung der Beschäftigung und den damit einhergehenden unregelmäßigen Arbeitszeiten eine steigende Nachfrage verspricht, kritische Langzeitstudien über die Auswirkungen der veränderten Arbeitsbedingungen fördern? Und wie weit geht die Unterstützung von Agrolebensmittelkonzernen wie Bonduelle und McCain (Spezialität: Pommes frites) für die Forschungsprogramme der von ihnen gegründeten Stiftung für Studien zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen?

Sheldon Krimsky belegt, dass die von der Pflanzenchemieindustrie finanzierten Forschungslabors in den USA heute nicht so sehr Wildpflanzen und Insekten als vielmehr die Wirkungen bestimmter Produkte studieren. Ohne dass die Chemiekonzerne einen Ukas herausgegeben hätten, orientieren sich die Wissenschaftler in vorauseilendem Gehorsam an den mutmaßlichen Interessen ihrer Mäzene.4

Kaum besser sieht es bei den Sozialwissenschaften aus, der Disziplin also, die eigentlich die Gesellschaft kritisch zu hinterfragen hätte. Sie stehen vor der Alternative, Zurückhaltung zu üben oder sich den Herrschenden anzudienen.5 Ganz ähnlich läuft es bei den Stiftungen. Sie werden von Unternehmen nur dann finanziert, wenn sie diesen über die Entdeckung von profitmehrenden Verfahren oder die Entwicklung von Produkten direkte Vorteile bringen oder wenigstens das Image aufbessern.

Durch die Gründung von wettbewerbsorientierten Forschungsschwerpunkten können die Großkonzerne sowohl von den Resultaten als auch von den eingesetzten staatlichen Fördermitteln profitieren. So finanzieren in Lothringen die Firmen Arcelor, Saint Gobain und Mittal Steel den Forschungsschwerpunkt „Neue Materialien“; im Limousin engagieren sich Legrand und Photonis für Elektronikbausteine; in der Region Haute Savoie hat man sich, dank Dassault Aviation, Bosh, Valéo, Arcelor, DAV und Stäubli, auf „Mekatronik“ spezialisiert, und in der südfranzösischen Region Paca (Provence, Alpes Maritimes, Côte d’Azur) kommen die Projekte zur Kommunikationssicherheit vor allem der Firma Gemplus zugute.

Hochschullehrer als Kommunikationsexperten

Doch dieser Wandel erfasst nicht nur die Forschung, sondern den gesamten Bereich der Hochschulausbildung. Die neuen Inhalte, die in den Diplom- und Master-Studiengängen gelehrt werden, sollen exakt auf die Aufgaben und Berufe vorbereiten, die in der Arbeitswelt gerade nachgefragt werden. Ein derart utilitaristisches System begnügt sich bei der Wissensvermittlung natürlich mit einfacheren Fragestellungen. Die sozialwissenschaftlichen Seminare im Diplomstudiengang „Dienstleistungsberuf – Kundenberater bei Banken und Versicherungen“ beschränken sich auf Techniken des Zuhörens, des Erkennens von „Bedürfnissen“, des Abcheckens der „Kundenmotivation“ und der „Menschenführung“.

Die rein berufsorientierte Lehre funktioniert natürlich nicht ohne Dozenten von Unternehmensseite, deren Sichtweisen sich grundlegend von der traditionellen Wissensvermittlung unterscheiden. Heute ist bereits ein Drittel der Dozenten an den betrieblichen Management-Colleges der juristischen Hochschulen zugleich Gehaltsempfänger eines Konzerns. Unter den Dozenten der Universität Paris-Dauphine sind es 44 Prozent und an der Universität Evry zwei Drittel. Die an diesen Hochschulen verbliebenen Akademiker sind zunehmend gezwungen, ihre vertraglichen Bedingungen auszuhandeln und ihre Forschungsergebnisse zu „verkaufen“.

Früher waren die Curricula an der Logik der wissenschaftlichen Lehre orientiert, heute dagegen folgen sie vor allem einem taktischen Kalkül, um Kunden, also Studenten, anzulocken. Die Konkurrenz zwischen der Gesamtheit der Universitäten und der Handels- und Managementhochschulen wird härter und zwingt die Hochschulen, ihr Lehrpersonal auch noch zu Kommunikationsprofis zu machen oder gleich PR-Experten einzustellen.

Der Trend zum Studenten als rationell und zweckgerichtet ihre Ausbildung organisierender Ich-AG wirkt sich natürlich auf die Organisation wissenschaftlichen Lernens aus. In einigen Jahren werden Studierende selbst ihre Lehrpläne zusammenstellen und nur Module auswählen, die sie interessieren oder bei denen sie am leichtesten ihre Credits zu erreichen glauben.5 Wissensbereiche oder Kurse, die weniger attraktiv oder altmodisch erscheinen, werden dann vielleicht gar nicht mehr gelehrt, bestimmte Kenntnisse nicht mehr vermittelt. Im Rahmen aller Reformprojekte streiten die Dozenten um die Frage, was aus den Nichtpflichtkursen wird, wenn wie keine Studenten anziehen. Kurzum, die „Flexibilität“ beginnt schon auf dem Campus und soll die Studenten auf die Unwägbarkeiten einer „flexiblen“ Arbeitswelt vorbereiten.6

Diese Veränderungen wären alle nicht so dramatisch, wenn sich nicht auch im Bildungssystem insgesamt ein Wandel in die gleiche Richtung vollziehen würde. So gibt es bereits zahlreiche Professoren, die innerhalb der Universitäten quasi private Strukturen aufgebaut haben, um sich damit einen „Markt“ zu schaffen.

Kürzlich diskutierte die geisteswissenschaftliche Universität Straßburg über den künftigen Preis der Bildung. Geplant sind drastische Studiengebühren: 4 800 Euro für die Grundausbildung, 6 800 Euro für eine weiterführende Ausbildung etwa zum Konferenzdolmetscher, 6 000 Euro für einen Abschluss in „Business Intelligence und Internationales Entwicklungsmanagement“.

Darüber hinaus beteiligen die Ausbildungsinstitute, insbesondere die Business Schools, die sich den neuen Governance-Regeln verschrieben haben, die Wirtschaft an der Entscheidung über ihre Studienangebote, gründen Stiftungen und akzeptieren die Logik der externen Zertifizierung und Evaluierung durch private Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Im Übrigen wurden 2005 die Kriterien für die Anerkennung privater Institutionen höherer Bildung gelockert.

So mancher Professor dient sich der „Reform“ umso bereitwilliger an, als er sich davon eine beschleunigte Karriere verspricht. Die Rektoren überbieten sich im Bemühen, aus ihrer Universität eine weltweit anerkannte „Marke“ zu machen.7 Mancher Wirtschaftsdozent möchte nur noch ein Labor betreiben, das nur wenige Ausbildungsprogramme anbietet, die in erster Linie von den Unternehmen, die sie finanzieren, definiert werden. Wobei diese Geldgeber auch für die Vermarktung (Veröffentlichung) der Produkte (Forschungsergebnisse) sorgen. So vermarktet zum Beispiel die Universität Lyon III ihr Fachwissen im Verein mit France Télécom und Groupama. Noch toller treibt es die Universität Toulouse I: Sie hat als Partner den Rüstungskonzern EADS und den Alkoholhersteller Pernod Ricard gewonnen.

Fußnoten: 1 Siehe dazu Gérard de Sélys, „L’école, grand marché du XXIème siècle“, Le Monde diplomatique, Juni 1998, und Abelard, „Recettes pour une université plus mercantile“, Le Monde diplomatique, Mai 2004. 2 Die „Reform“ der Forschung wird geregelt durch das Gesetz vom 23. März 2006. 3 Ein französisches Gesetz vom März 2006 institutionalisiert diese Situation: Es sind immer seltener die Wissenschaftler selbst, die die Themen der Forschung festlegen und entsprechende Programme erstellen. Die Finanzierung der Forschung ist zunehmend unternehmerischen Investitionsinteressen unterworfen. 4 Sheldon Krimsky, „La recherche face aux intérêts privés“, Paris (Edition Les empêcheurs de tourner en rond) 2004. Vgl. auch Ibrahim Warde, „Der Ausverkauf der Universität“, Le Monde diplomatique, März 2001. 5 Verstärkt wird diese Orientierung durch das auf europäischer Ebene eingeführte European Credit Transfer System (ECTS), das gesamteuropäische Studiengänge ermöglicht. 6 Die Soziologiestudenten der Straßburger Université Marc Bloch forderten am 4. April die Rücknahme der Arbeitsmarktreform, weil diese „die Universität den Marktgesetzen“ unterwerfe. 7 Vgl. Untersuchung von Alain Garrigou, „Wie Sciences-Po und ENA zu Business Schools werden“, Le Monde diplomatique, November 2000. Aus dem Französischen von Lilian-Astrid Geese Christian de Montlibert ist Professor an der Universität Marc Bloch, Autor von „Savoir à vendre : L’enseignement supérieur et la recherche en danger“, Paris (Raisons d’agir) 2004.

Le Monde diplomatique vom 12.05.2006,