Augen im Eis

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Augen im Eis

Augen im Eis

von Miyase Christensen, Annika E. Nilsson und Nina Wormbs

Dass sich die Erde erwärmt und dass diese Erwärmung durch Menschen verursacht wird, steht heute außer Zweifel. Diese Erkenntnis der Wissenschaftler wird im fünften Sachstandsbericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses über Klimaerwärmung (IPCC, kurz: Weltklimarat) bestätigt, der am 27. September in Stockholm veröffentlicht wurde. Der Weltklimarat erklärt mit Nachdruck, die schlimmsten Folgen des Klimawandels könnten nur noch durch eine radikale Reduktion der Emissionen abgewendet werden. Doch wie wir täglich aus den Medien erfahren, besteht wenig Hoffnung, dass der IPCC-Bericht eine neue politische Initiative anstoßen könnte, um die aussichtslose Lage in den Griff zu bekommen.

Die Arktis ist eine der Regionen, die den globalen Klimawandel am unmittelbarsten zu spüren bekommt. Die wichtigsten Erkenntnisse des Weltklimarats lauten: Der Eisschild über Grönland hat in den letzten zwanzig Jahren an Volumen verloren und die Eisdecke über dem nördlichen Eismeer wird „sehr wahrscheinlich“ weiter schrumpfen.

Die Dicke wie auch die Ausdehnung des Nordpolareises haben bereits dramatisch abgenommen und 2012 ein Rekordtief erreicht: Zeitweilig waren nur noch 24 Prozent des Arktischen Ozeans von Eis bedeckt. Die diesjährigen Satellitenbilder vom Ende des Sommers zeigen zwar keinen neuen Tiefstand, markieren aber dennoch einen weiteren Punkt in der insgesamt stetig abwärts weisenden Zickzackkurve. Die sogenannten Augen im Eis sind ein großes Gebiet in der Nähe des Nordpols, wo das Wasser unter der dünnen Eisdecke durchscheint. Die Arktis ist in eine neue Epoche eingetreten: Heute kann man sich vorstellen, dass das Nördliche Eismeer in bestimmten Monaten zur offenen See wird.

Die ersten alarmierenden Erkenntnisse über die Auswirkungen der Erderwärmung auf die Arktis offenbarte das Arctic Climate Impact Assessment (Acia) von 2004. Aber der eigentliche Schock erfolgte 2007, als herauskam, dass die arktische Eisdecke bis auf 29 Prozent der Meeresoberfläche abgeschmolzen war. Das war ein neuer Tiefstwert, der noch um ein Viertel unter dem vorigen Rekordtief von 2005 lag (und um 39 Prozent unter dem Durchschnitt der Jahre 1979 bis 2000).

2007 war ein entscheidender Moment, und zwar aus zwei Gründen. Erstens zeigte sich, dass die arktische Eisschmelze weit über das von den meisten Experten antizipierte Ausmaß hinausging, und zwar inbegriffen der Autoren des erst kurz zuvor publizierten vierten „Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change“ (AR4).

Zweitens wurde offenbar, dass es fundamentale Wissensdefizite gab, was die Einschätzung der Wechselwirkungen zwischen dem Klimawandel und der dynamischen Entwicklung des Meereises betraf. Manchmal verzögert sich nämlich die Entwicklung, wenn sich etwa die Atmosphäre, wie in den vorangegangenen Jahren, langsamer erwärmt; dann wieder vollziehen sich die Veränderungen in einem unerwartet schnellen Tempo.

Die dramatischen Daten von 2007 hatten zwei Effekte: Zum einen machten sie die Auswirkungen des globalen Klimawandels noch einmal überaus deutlich. Zum anderen rückten sie die Arktis auch in politischer Hinsicht ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Das neuerwachte Interesse richtete sich auf eine Fülle nachgewiesener oder vermuteter Bodenschätze, auf neue Schifffahrtswege und auf Fragen der Souveränität und der Zugangsrechte in einer Weltregion, die bisher als äußerste Peripherie gegolten hatte. Nun wurde die Arktis plötzlich als Gebiet wahrgenommen, das der Erschließung seiner Bodenschätze harrte.1

Der nächste Rekordwert von 2012 bestätigte den allgemeinen Trend. Nach den Prognosen der neuesten Computermodelle könnte schon innerhalb der nächsten dreißig Jahre der Arktische Ozean während der Sommermonate fast komplett eisfrei sein. Längst werden aus Satellitenfotos arktische Seekarten angefertigt, auf denen man die künftigen Seetransportrouten erkennen kann. In den Medien wird die sogenannte Nordostpassage, die Europa längs der sibirischen Nordküste mit Asien verbindet, bereits als neuer Panamakanal gefeiert – und der Nordpol als Mittelpunkt einer neuen Welt. Die Nordostpassage wurde im September 2012 demonstrativ von den Chinesen reaktiviert, die ihren Eisbrecher „Snow Dragon“ von Island durch den Arktischen Ozean nach Schanghai fahren ließen.

Dass 2013 kein weiterer Rekordwert aus der Polarregion vermeldet wurde, hätte dazu führen können, dass die Glaubwürdigkeit der Klimaforscher erschüttert wird. Das hätte Wasser auf die Mühlen der Klimaskeptiker lenken können. Doch der extreme Rückgang des Nordpolareises von 2007 und 2012 haben offenbar einen Wahrnehmungswandel bewirkt: Das fortschreitende Abschmelzen des Meereises wird inzwischen als Tatsache anerkannt, desgleichen die Vorstellung, dass das Schrumpfen der Eiskappe gewaltige Auswirkungen auf die Region und den gesamten Globus haben wird. Der Klimawandel in der Arktis ist zu einem Schlüsselereignis der Erderwärmung geworden.2

Die Berichterstattung über den Klimawandel – nicht nur in der Arktis – bleibt eine verlässliche Größe, wenn auch die Aufmerksamkeit der Medien schwankt und über politische Aktionen nicht viel zu vermelden ist. Laut jüngsten Untersuchungen ist die schrumpfende arktische Eiskappe heute ein Symbol für die gewaltigen, weltweiten Umwälzungen in Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft – also nicht nur für den Klimawandel, sondern für den globalen Wandel schlechthin. Sie ist zum Sinnbild dessen geworden, was Wissenschaftler „Anthropozän“ nennen: das maßgeblich vom Menschen geformte Erdzeitalter.3

Vor dem Hintergrund dieser veränderten Wahrnehmung sollten wir die Tatsache, dass 2013 eine weitere Schreckensmeldung ausgeblieben ist, zum Anlass nehmen, etwas genauer über unser Verständnis dieser Welt nachzudenken. Bislang beruht unser Allgemeinwissen über das arktische Meereis weitgehend auf der Medienberichterstattung über die naturwissenschaftliche Erforschung des Eises, gestützt durch die bekannten zirkumpolaren „Bilder“ des Eisschilds, die sich aus der Auswertung weltweit gesammelter Daten ergeben. In jüngster Zeit hat auch das traditionelle Wissen der Polarkreisbewohner dazu beigetragen, dass wir die Entwicklung des Meereises differenzierter betrachten. So macht man sich zunehmend Gedanken darüber, was Ausdehnung oder Schrumpfung der Eisflächen für den Alltag und die Kultur der Einheimischen bedeuten.

Aus historischen Studien und den Reportagen in den zeitgenössischen Medien erfahren wir außerdem, wie unterschiedliche Akteure das arktische Eis genutzt haben und nutzen. So werden vordem scheinbar unverbundene Prozesse miteinander verknüpft. In solchen Geschichten wird gezeigt, wie eng das Lokale mit dem Globalen verwoben ist, etwa wenn ein Beitrag über den globalen Klimawandel den Leser in eine Inuitsiedlung führt oder neue Wirtschaftsaktivitäten auf lokaler Ebene in den geopolitischen Kontext eingebettet werden.

Die dramatischen Veränderungen in der Arktis haben jedoch keineswegs zu größeren politischen Aktionen geführt, die etwa auf die Reduzierung der Treibhausgase zielen. Selbst in Ländern, die direkt von den Entwicklungen in der Arktis betroffen sind, reagieren die Politiker in Regierungsverantwortung überhaupt nicht oder nur zögerlich. Und wenn, dann geht es vorwiegend um die Anpassung an die veränderten Verhältnisse und um die neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten wie die Ausbeutung der arktischen Öl- und Gasvorräte. Deshalb dürfte der wachsende Konsens der Naturwissenschaftler, der sich auch im Bericht des Weltklimarats niederschlägt, die politischen Landschaft wohl kaum verändern. Allein die Tatsache, dass Kanada bislang überhaupt nichts tut, obwohl es sich selbst als ein arktisches Land versteht, spricht schon Bände. Und das ist beileibe nicht das einzige Beispiel.

Wenn selbst der Schock von 2007 die Politiker nicht mobilisieren konnte, müssen wir uns fragen, wie es um die Wahrnehmung unserer Zukunft und um unser moralisches Verantwortungsgefühl bestellt ist. Das Abschmelzen des arktischen Eisschilds macht uns die Ungewissheit unserer globalen Zukunft bewusst. Die reflexartige Reaktion auf solche Ungewissheit besteht darin, die bestehenden Interessen weitestgehend zu wahren und jede grundlegende Veränderung zu vermeiden. Es reicht uns, wenn wir, um den Status quo aufrechtzuerhalten, die schlimmsten Katastrophen verhindern und das Beste aus den neuen Möglichkeiten machen.

Die Alternative wäre, sich den neuen Lebensbedingungen des Anthropozäns und der entsprechenden moralischen Verantwortung zu stellen. Die Vorstellung, dass die Erde sich selbst reguliert – das Bild der gütigen Gaia, die für uns sorgt, während wir weitermachen wie zuvor –, hat sich erledigt. Sollte die Erde je ein solches sich selbst regelndes System gewesen sein, haben wir es gründlich versaut. Und durch unser eigenes fortgesetztes Handeln machen wir es zunehmend unmöglich, dass es wieder zu einem System wird, das wir als normal empfinden.

Wir benötigen viel mehr Wissen über die sich wandelnde Welt, um uns auf diese Veränderungen vorbereiten und anpassen zu können. Aber naturwissenschaftliches und technisches Wissen allein reicht dafür nicht aus. Das Zeitalter des Anthropozän zwingt uns zu der Einsicht, dass die gegenwärtigen Veränderungen von Menschen, also hausgemacht sind. Das heißt aber vor allem, dass wir lernen müssen, uns und unsere Gesellschaften besser zu begreifen.

Alle Naturwissenschaft und Technologie der Welt wird nichts nutzen, wenn wir sie nicht vernünftig einzusetzen wissen. Nehmen wir die Mahnung des Klimarats ernst: Was in den kommenden Jahrzehnten geschieht und wie schnell der Klimawandel voranschreitet, hängt maßgeblich von den Entscheidungen ab, die wir heute treffen.

Angesichts der zunehmenden Verschränkung von Globalem und Lokalem müssen wir uns mehr denn je klarmachen, dass wir in einer Weltgesellschaft leben. Deshalb gilt es, über eine gemeinsame Willensbildung zu einem globalen Konsens zu kommen.

Dazu gehört auch, dass wir die Kooperation und den Dialog zwischen den verschiedenen Wissenstraditionen der Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften fördern. Nur so werden wir ein tieferes Verständnis nicht nur vom biophysischen System der Erde erlangen, sondern auch über die sozialen Zusammenhänge, Werte und möglichen Alternativen in einer Welt, die sich in ständigem Wandel befindet.

Fußnoten: 1 Siehe Dominique Kopp, „Kalter Krieg unter dem Packeis“, Le Monde diplomatique, September 2007, und Neal Aschersons wunderbare Reportage über seine Grönlandexkursion von 2007: „Kein Eis mehr vor Ilulissat“, Le Monde diplomatique, Januar 2008. 2 Siehe Miyase Christensen, Annika E. Nilsson und Nina Wormbs, „Media and the Politics of Arctic Climate Change: When the Ice Breaks“, Basingstoke (Palgrave Macmillan) 2013. 3 Dieser Begriff impliziert, dass das nächste Erdzeitalter durch die Aktivitäten des Menschen bestimmt sein wird. Diese Theorie hat seitdem stetig an Überzeugungskraft gewonnen. Untermauert wird sie durch Daten über die Veränderung der großen geochemischen Kreisläufe und über die im Laufe des letzten Jahrhunderts immer folgenreicheren Eingriffe des Menschen in die Natur. Sie hat damit zu einer wachsenden Besorgnis über Treibhausgasemissionen, Welternährung, Wasserversorgung, Landnutzung und viele andere Probleme beigetragen. Aus dem Englischen von Robin Cackett Miyase Christensen ist Professorin für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Stockholm; Annika E. Nilsson ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Stockholm Environment Institute; Nina Wormbs ist Leiterin des Instituts für Wissenschafts-, Technik- und Umweltgeschichte am KHT Royal Institute of Technology von Schweden. © Le Monde diplomatique, London

Le Monde diplomatique vom 08.11.2013, von Miyase Christensen und Annika E. Nilsson / Nina Wormbs

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