Afrika sagt Frankreich leise Adieu

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Afrika sagt Frankreich leise Adieu

Die Grande Nation der Menschenrechte verspielt ihre Sonderstellung von Delphine Lecoutre und Admore Mupoki Kambudzi

Das Wall Street Journal konstatierte 1997: „Das französische Imperium in Afrika ist am Ende“1 . 2001 titelte Jeune Afrique: „Frankreich lässt Afrika fallen“2 , und 2005 bedauerte der französische Figaro stellvertretend für die ganze Nation: „Paris kann nicht mithalten“3 . Nicht nur in den Zeitungen, auch in der französischen Bücherwelt wächst seit Beginn der 90er-Jahre die kritische Auseinandersetzung mit „Françafrique“4 , den Beziehungen Frankreichs zu Afrika. Nicht zuletzt die Verwicklung der französischen Regierung in den Völkermord in Ruanda trug dazu bei, dass Frankreichs Image in Afrika nicht mehr das ist, was es einst war. Eine Erneuerung der Beziehungen brauchte, wie Senegals Präsident Léopold Sédar Senghor es einmal ausdrückte, eine Vision dessen, was Afrika für Frankreich und Frankreich für Afrika sein könnte.

In der Tat hat Frankreich seine „Sonderstellung“ auf dem Kontinent seit dem Ende des Kalten Krieges mehr und mehr eingebüßt. Französische Unternehmen bekommen die Konkurrenz chinesischer und US-amerikanischer Firmen zu spüren,5 und auch die politische Autorität Frankreichs im frankophonen Teil Afrika ist keineswegs mehr unbestritten: Laurent Gbagbo, der Staatspräsident der Elfenbeinküste, präsentiert sich in jüngerer Zeit als Wortführer einer neuen Elite, die mit dem französischen „Diktat“6 brechen will. In Togo und im Tschad attackiert die politische Opposition die Unterstützung Frankreichs für die autoritären Regime ihrer Länder.7

Viele Afrikaner meinen, dass die Franzosen den eigenen Interessen Vorrang geben, die Belange des Schwarzen Kontinents vernachlässigen und sich, um dies zu kaschieren, einer wirklichkeitsfernen Rhetorik bedienen.8

Derlei Urteile haben verschiedene Gründe. Erstens hat die restriktive Einwanderungspolitik Frankreichs seit Beginn der Neunzigerjahre die Afrikaner zutiefst aufgebracht. Sie haben es satt, demütig in langen Schlangen vor französischen Konsulaten zu warten und „wie Vieh“ behandelt zu werden. Sie sind es leid, dass afrikanische Studenten sich seit den 1993 von Innenminister Charles Pasqua durchgesetzten Gesetzen bei ihrer Einreise nach Frankreich schriftlich dazu verpflichten müssen, das Land unmittelbar nach Beendigung des Studiums wieder zu verlassen. Die jüngsten Vorschläge von Innenminister Nicolas Sarkozy (insbesondere die Bestimmungen des neuen Einwanderungsgesetzes) haben dieses Gefühl noch verstärkt.

Im Übrigen haben junge Afrikaner in Frankreich äußerst geringe Erfolgsaussichten. Sie fühlen sich in der französischen Gesellschaft oft wie Parias und immer dem Verdacht ausgesetzt, sich den Aufenthalt im Lande erschlichen zu haben. Ganz anders in den USA und Kanada, wo es einzelne junge, frankophone Afrikaner weit gebracht haben; etwa der Astrophysiker Cheick Modibo Diarra aus Mali, der an den Universitäten Pierre et Marie Curie (Paris) und Howard (Washington, D. C.) studierte und heute bei der Nasa Navigator mehrerer interplanetarer Missionen und Leiter des Marsforschungsprogramms ist. Außerdem arbeitet er seit Februar 2006 als Chef von Microsoft Afrika. Frankophone Studenten wandern massenhaft nach Kanada und in die Vereinigten Staaten aus. 35 Prozent der amerikanischen DV-Visa (diversity visa) entfallen auf Afrikaner, und die meisten US-Stipendien für frankophone Afrikaner gehen an junge Senegalesen.

Der Außenminister Senegals hält Reden auf Englisch

In Afrika schwindet langsam das Gefühl einer besonderen Beziehung zu Frankreich. Deshalb verliert Paris nach und nach seine Einflussmöglichkeiten – umso mehr, als die Generation der Afrikaner, die sich Frankreich und der französischen Kultur historisch eng verbunden fühlen, langsam ausstirbt.9 Die nach der Unabhängigkeit Geborenen fühlen sich der ehemaligen Kolonialmetropole längst nicht mehr so verbunden; die meisten neuen afrikanischen Führungskräfte finden sich in der globalisierten Welt gut zurecht. Diese „emanzipierten“ Eliten nehmen sich auch die Freiheit, ihre Beziehungen zu den USA zu intensivieren.

Im Zuge einer allgemeinen „Anglophonisierung“ der afrikanischen Führungskräfte kommt es immer häufiger vor, dass junge, frankophone Minister wie der senegalesische Außenminister Cheikh Tidiane Gadio ihre Reden auf Englisch halten und amerikafreundliche Positionen vertreten.

Zum Zweiten steht Frankreich im Ruf, die Diktatoren im frankophonen Raum bedingungslos zu unterstützen; berühmte Beispiele hierfür waren in der Vergangenheit Jean Bedel Bokassa aus Zentralafrika, Joseph Mobutu aus Zaire und Gnassingbé Eyadéma aus Togo. Im Übrigen wandte sich Paris 1993 unmittelbar gegen die von der EU beschlossenen Sanktionen gegen Togo. Solche Kontroversen treten immer häufiger deutlich zutage.

Wahrscheinlich ist es so, dass Frankreich als ehemalige Kolonialmacht sich immer noch schuldig fühlt, weshalb Paris sich erklärtermaßen einerseits nicht in die internen Angelegenheiten Afrikas einmischen möchte, andererseits aber auch nicht gleichgültig erscheinen mag. Im Interesse einer laut verkündeten internationalen Stabilität wird über die diktatorischen Herrschaftsverhältnisse in den jeweiligen Ländern nur zu gern hinweggesehen. Hinzu kommt, dass Paris im Interesse der großen französischen Firmen, die in Afrika investiert haben, dazu tendiert, schlechte Verhältnisse schönzureden. Frankreich spricht zwar von Menschenrechten, legt aber wenig Wert auf ihre Einhaltung.

Deshalb wundert es nicht, dass immer mehr integre und kompetente afrikanische Führungskräfte auch zu verfassungswidrigen Mitteln greifen, um die Macht zu erringen und eine Demokratisierung ihres Landes zu erreichen. Der Staatsstreich am 3. August 2005 in Mauretanien war ein deutliches Signal an Frankreich, dass die Demokratisierung des Kontinents im Zweifelsfall auch ohne französische Unterstützung geschehen wird.10 Immer mehr Regimegegner suchen die Unterstützung der Amerikaner – wie zuletzt François Fall aus Guinea.

Drittens reduziert Frankreich offensichtlich seine Unterstützungsleistungen für Afrika, sowohl finanziell als auch was die Zahl der Berater und Experten angeht. So sank die öffentliche Entwicklungshilfe zwischen 1990 und 1999 um 55 Prozent auf 1,4 Milliarden Dollar. Und während Mitte der Achtzigerjahre über 200 000 Franzosen in Afrika lebten, sind es heute nur noch halb so viel. Auch die Budgets der Kulturinstitute, die in der Vergangenheit als Schaufenster der besonderen Beziehungen fungierten, wurden drastisch beschnitten.

Viertens registriert die örtliche Bevölkerung mit wachsendem Unwillen, dass die Nutzung der vorhandenen Rohstoffe – Erdöl in Gabun, Kongo, Kamerun und Tschad, Hölzer in Gabun und Kamerun – keinen ökonomischen Take-off nach sich gezogen hat. Dass französische Firmen in Afrika seit Jahrzehnten hohe Gewinne erwirtschaften, sich die Lebensbedingungen der Bevölkerung aber nicht verbessern, erregt immer mehr Protest. Ausgewogenere Beziehungen und eine Diversifizierung der Wirtschaftspartner (China, Vereinigte Staaten, Japan) werden gefordert. „Chirac Go Home. Welcome Bush“ stand auf den Transparenten der Demonstranten in Abidjan im Herbst 2004 zu lesen.

Immer mehr Staaten des frankophonen Afrika wollen die kolonialen Bande endgültig kappen und sind bereit, mit neuen Partnern „Vorzugsabkommen“ zu schließen. Zum Beispiel über Rohstofflieferungen – Sudan liefert Erdöl an China, das als Gegenleistung Infrastrukturanlagen aufbaut und obendrein seine begehrten Billigerzeugnisse auf den Markt wirft, ohne irgendwelche Vorbedingungen in Sachen Demokratie.

Im Mittelpunkt des Unbehagens aber steht fünftens die Tatsache, dass Frankreichs Afrikapolitik keine eindeutige Linie verfolgt. Wie erklärt sich etwa die tiefgreifende Diskrepanz zwischen den eloquenten Ausführungen Dominique de Villepins zu den völkerrechtlichen Aspekten des Irakkonflikts und den verhaltenen Reaktionen auf die Entwicklungen in Afrika? Gewiss, 2002 erarbeitete der damalige Außenminister einen „Fahrplan“ für „eine Afrikanisierung der Afrikapolitik“. Doch all seine Beteuerungen – es gehe darum, nicht länger „anstelle der afrikanischen Regierung zu handeln, sondern sich im Gegenteil auf diese zu stützen“, um dadurch gemeinsam die Probleme Afrikas zu lösen –, all diese Beteuerungen vermochten den Paternalismus nicht zu verbergen. Paris scheint entgangen zu sein, dass in Afrika mittlerweile einige Staaten wirtschaftlich wie diplomatisch an Gewicht gewonnen haben: neben Südafrika, Ägypten, Nigeria, Algerien und Libyen auch Senegal oder Äthiopien. Doch wie sehr die strategischen Visionen fehlen, zeigen die alljährlich immer steriler werdenden Frankreich-Afrika-Gipfel. In Fragen wirtschaftlicher Entwicklung setzt Frankreich weiterhin auf Eliten und Institutionen, statt die Lage „von unten“ her anzugehen. Dabei ist längst deutlich geworden, dass die Organisationen der afrikanischen Bauern, Frauen, Handwerker und anderer Gruppen in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zukunftsfragen ein Wörtchen mitreden wollen. In diesem Zusammenhang soll der Ende März 2005 gegründete Wirtschafts-, Sozial- und Kulturrat der Afrikanischen Union einen ständigen Dialog zwischen den Regierungen und den verschiedenen Sektoren der Zivilgesellschaft erleichtern.11

Die Vereinigten Staaten und Großbritannien haben konkrete Strategien auf der Grundlage wohlverstandener Eigeninteressen (siehe das Freihandelsabkommen „African Growth and Opportunity Act“, Agoa)12 . Diese Herangehensweise hat zumindest das Verdienst, den Zynismus des Freihandels klar und deutlich zur Schau zu stellen.

Paris könnte als Mittler auftreten

An Frankreich wäre es, seinen afrikanischen Partnern aufzuzeigen, was sie in einer Partnerschaft mit Frankreich gewinnen können. Dazu müsste Frankreich aber neu bestimmen, was es mit dem und für den Schwarzen Kontinent zu tun gedenkt. Vielleicht kann Frankreich zwischen den Extremen, an allem festzuhalten oder sich gänzlich zu verabschieden, einen Mittelweg finden. Und vielleicht können die Länder Afrikas die Irrwege Frankreichs in der Vergangenheit vergessen und seine Rolle in der Welt stärken: Frankreich könnte innerhalb der G 8 als Sprecher der afrikanischen Interessen fungieren und in den Nord-Süd-Gesprächen der Europäischen Union als Mittler auftreten.

Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten versteht es Paris nicht sonderlich gut, sein Tun zu verkaufen. Frankreich zahlt nach wie vor am meisten in den Europäischen Entwicklungsfonds (EEF) ein und ermuntert Brüssel, die Länder des Südens weiterhin zu unterstützen, während sich die meisten Mitgliedstaaten inzwischen offenbar einer strikt kommerziellen Vision der Nord-Süd-Beziehungen verschrieben haben.13 Paris ist der Hauptbeitragszahler zum Programm der Friedensfazilität (250 Millionen Euro), mit dem die EU die Afrikanische Union bei Maßnahmen zur Konfliktbewältigung und Friedenssicherung unterstützt. Die europäische „Operation Artemis“ in Ituri (Demokratische Republik Kongo) von Juni bis September 2003 fand maßgeblich unter Leitung von Paris statt. Im Übrigen überwies Paris der Afrikanischen Union 2005 Unterstützungszahlungen in Höhe von 5 Millionen Euro.

Der Bedeutungszuwachs der Afrikanischen Union zeigt, dass Afrika den Willen besitzt, sich politisch Geltung zu verschaffen. Der Politologe Jean-François Bayart kommentierte die Entwicklung treffend.14 In jedem Falle, so sagt er, werde das „Image Afrikas in zehn Jahren weder französisch noch britisch geprägt sein, sondern afrikanisch“.

Fußnoten: 1 „The Fall of the French Empire“, The Wall Street Journal, 25. Mai 1997. 2 Jeune Afrique 2098, Paris, 27. März bis 2. April 2001. 3 „L’Afrique a mal à la France“, Le Figaro, 28. April 2005. 4 Dazu François-Xavier Verschave, La Françafrique: le plus long scandale de la République, Paris (Stock) 1998. 5 Dazu Jean-Christophe Servant, „Weiße Elefanten in der Grauzone: Chinas Geschäfte in Afrika“, Le Monde diplomatique, Mai 2005. 6 Dazu Judith Rueff, Côte d’Ivoire. Le feu au pré carré, Paris (Autrement/Frontières) 2004. 7 „N’Djaména accuse Khartoum, la rue critique la France“, Le Monde, 16.–17. April 2006. 8 Dazu Jean-Paul Ngoupandé, „L’Afrique sans la France“, Paris (Albin Michel) 2002. Schriftsteller wie der Senegalese Boubacar Boris Diop und Politiker wie der Zentralafrikaner Jean-Paul N’Goupandé unterstützen diese Kritik. 9 Ebd., S. 33–40. 10 Damals beendete Oberst Ely Ould Mohamed Vall die Diktatur von Staatspräsident Maaouiya Ould Taya. Siehe dazu auch Mohammad-Mahmoud Ould Mohamedou, „Mauretanien: Wo eine Militärjunta Demokratie verspricht“, Le Monde diplomatique, November 2005. 11 Dazu Delphine Lecoutre, „L’Union africaine a avancé d’un pas en direction de la société civile avec la création d’un Conseil économique, social et culturel“, Paris (Marchés Tropicaux), 29. 4. 2005. 12 Dazu Demba Moussa Dembélé, „Les masques africains de M. Anthony Blair“, Le Monde diplomatique, November 2005. 13 Dazu der Sammelband „L’Accord de Cotonou, les habits neufs de la servitude“, Brüssel (Colophon) 2002. 14 Le Figaro, 6. Juli 2005. Aus dem Französischen von Bodo Schulze Delphine Lecoutre ist Mitglied des Institut d’études éthiopiennes an der Universität Addis Abeba und des Centre français des études éthiopiennes in Addis Abeba. Admore Mupoki Kambudzi ist Politikexperte bei der Kommission der Afrikanischen Union in Addis Abeba und Dozent an der Universität Simbabwe in Harare. Die Autoren geben hier ihre persönliche Meinung wieder.

Le Monde diplomatique vom 09.06.2006, von Delphine Lecoutre und Admore Mupoki Kambudzi

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