Avocados gehen auch nicht

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Avocados gehen auch nicht

Die Bananenbauern von Guadeloupe versuchen alles, um Bauern zu bleiben von Samy Archimede

Eine nach allen Seiten hin offene Lagerhalle, ein verrosteter Waschzuber, ein kaputter Kleintransporter und ringsum, von Unkraut überwuchert, hunderte vertrockneter Bananenstauden – mehr ist von dieser Plantage, die noch vor wenigen Monaten eine Bauernfamilie in der Region Saint-Claude auf Guadeloupe ernährte, nicht mehr übrig. Zwischen sonnenverbrannten Blättern warten ein paar grüne Früchte vergeblich auf die Ernte. Der Eigentümer wird wohl, wie viele vor ihm, seine paar Hektar an die Gemeinde oder an einen Immobilienmakler verkaufen.

Überschuldete und entmutigte Landwirte stehen auf der Karibikinsel Bauhaien gegenüber, die nach der kleinsten Parzelle gieren. „Die Pflanzer, die den Quadratmeter Boden vor einigen Jahren für weniger als einen Euro erworben haben, können ihn heute für 45 Euro wieder verkaufen. Manch einem bleibt gar nichts anderes übrig“, seufzt Jean-Marie Nomertin, Generalsekretär der Allgemeinen Arbeitergewerkschaft von Guadeloupe (CGTG). In der Tat ist die Versuchung groß, die Sache denen zu überlassen, die „Beton pflanzen“, wie man hier sagt. Zwischen Trois-Rivières und Gourbeyre sind auf ehemaligen Feldern zahllose Siedlungen entstanden.

Die Früchte bleiben auf dem Kai liegen

Überall, wo statt Bananenstauden nun Häuser stehen, gingen Arbeitsplätze verloren. Der größte Erzeugerverband Karubana beziffert den Gesamtverlust seit 1993 auf 3 300 Stellen.1 Weitere 1 500 Arbeitsplätze gingen indirekt verloren, bei den Lastwagen- und Busfahrern, bei Tankstellen, Geschäften für landwirtschaftliches Material und bei „Lolos“ (kleinen Ladengeschäften), bei Schlossereien, Klempnereien und anderen Handwerksbetrieben. Das gesamte wirtschaftliche und soziale Gefüge auf den Antillen leidet unter der Krise. Wie die gleichfalls zu Frankreich gehörende Antilleninsel Martinique exportiert auch Guadeloupe hauptsächlich Bananen. Sie sind einer der wenigen Devisenbringer in dieser von Frankreich stark abhängigen Region. „Wenn es so weitergeht, wird man hier in 10 oder 15 Jahren nichts mehr anbauen können. Das wird auf Guadeloupe das Aus für das produktive Gewerbe sein“, warnt Nomertin.

Nie zuvor ging es der Bananenbranche auf Guadeloupe so schlecht. In knapp 15 Jahren sind die Ausfuhren von 115 000 Tonnen auf weniger als 50 000 Tonnen im Jahr gesunken. „Ende 2004 war das soziale Klima sehr angespannt. Als die Hafenarbeiter mehrere Wochen streikten, blieben alle meine Früchte auf dem Kai liegen. Ich verdiente kein Geld und musste vier Hektar Land verkaufen.“ Damien Frair, Mitglied des Komitees zur Verteidigung der Bananen-Kleinerzeuger, bewirtschaftet eine kleine Plantage auf den Hügeln von Sainte-Marie, rund 30 Kilometer von Pointe-à-Pitre entfernt. Wie lange wird er seine fünf Arbeiter noch beschäftigen können, deren Löhne 60 Prozent der Produktionskosten ausmachen?

Mit jedem Tag werden diese Fragen quälender, doch Damien Frair will sich mit simplen Erklärungen nicht abspeisen lassen. Er weiß, dass die Ursache der sozialen Spannungen, die seine Branche erschüttern, in den Veränderungen des Weltmarkts zu suchen ist. „Vor 1993 deckten Importe von den Antillen zwei Drittel des französischen Bananenmarkts. Wir verdienten 75 bis 90 Cent pro Kilo. Heute bringen sie uns im Durchschnitt nur noch 30 Cent ein“, klagt Frair. „Seit ich vor acht Jahren begann, Bananen anzubauen, konnte ich meine Kosten nie vollständig decken. Die europäischen Beihilfen reichten einfach nie aus.“

Das Unglück für die Bananenpflanzer auf Guadeloupe begann 1989 mit dem verheerenden Hurrikan „Hugo“. Vier Jahre später wurde mit der EU-Bananenverordnung das Präferenzsystem abgeschafft, das es den guadeloupischen Pflanzern ermöglichte, ihre gesamte Ernte in Frankreich abzusetzen. Von heute auf morgen sahen sie sich der Konkurrenz der US-amerikanischen Bananen-Multis (Chiquita, Dole und Del Monte) ausgesetzt, die zwei Drittel des Weltmarkts für Bananen2 kontrollieren.

In Lateinamerika und Afrika besitzen sie ausgedehnte Großplantagen, in den Absatzländern ihre eigenen Reifereien, und da sie auch die europäischen Großhandelszentralen kontrollieren, liegt die gesamte Wertschöpfungskette fest in der Hand der Multis. 1993 räumte die EU den so genannten Dollarbananen ein Importkontingent von 2 Millionen Tonnen ein, was für hunderte von Kleinplantagen auf den Antillen das Todesurteil bedeutete. Mit zehn- bis zwanzigmal niedrigeren Arbeitskosten als auf den Antillen konnte sich der Weltmarktführer Ecuador besser behaupten. Und dank ihrer stärkeren Verhandlungsposition schafften es die lateinamerikanischen Erzeuger wiederholt, höhere Exportquoten durchzusetzen, was die Preise weiter drückte.

Um die europäischen Erzeuger (im Wesentlichen die Kanaren und die Antillen) in die Lage zu versetzen, mit den geringeren Produktionskosten ihrer lateinamerikanischen Mitbewerber zu konkurrieren, sah die EU-Bananenverordnung Ausgleichszahlungen vor. Das half den Verkäufern von Antillen-Bananen erst einmal. Doch je stärker der Verkaufspreis ihrer Tropenfrüchte bröckelte, umso weniger konnten die Zuschüsse ausgleichen. Für viele Pflanzer begann damit eine Verschuldungsspirale bis hin zum Bankrott.

Auf Guadeloupe, wo jeder dritte Beschäftigte die Eingliederungshilfe RMI bezieht, sank die Zahl der Pflanzer in den vergangenen zwölf Jahren auf ein Viertel. Nur noch 220 von ihnen exportieren ihre Erzeugnisse. Die Kleinbetriebe mussten als Erste schließen. So stieg die durchschnittliche Betriebsgröße zwischen 1993 und 2005 von 3,5 auf 13 Hektar. Tatsächlich aber blieb niemand von der Krise verschont. Die moderneren, aber auch arbeitsintensiveren „Großplantagen“ zwischen Pointe-à-Pitre und Basse Terre, die 30 bis 200 Hektar bewirtschaften, können bereits keine Lohnnebenkosten mehr zahlen. Selbst diesen Unternehmen machen hohe Löhne und Transportkosten, zu kleine Betriebsgrößen, hügeliges Gelände und schwierige Klimabedingungen zu schaffen.

Kein Schutz vor den Dollarbananen

Seit der Abschaffung der EU-Bananenimportquoten am 1. Januar 2006 geraten die Antillenpflanzer noch weiter ins Hintertreffen gegenüber Lateinamerika und Afrika.3 Das einheitliche Zollsystem schadet den Landwirten. Fragt sich nur, was die EU den in finanzielle Not geratenen Pflanzern jetzt, da sie sich den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) gebeugt hat, als Ersatz anbieten will.

Die Pflanzer auf Martinique, die dem Schock von 1993 bislang erfolgreich widerstanden und inzwischen viermal so viel exportieren wie ihre Nachbarn auf Guadeloupe, bekommen die Marktgesetze nun auch zu spüren. „Von den 30 Großbetrieben, für die 2004 ein Sanierungsverfahren eröffnet wurde, mussten 28 ihr Geschäft aufgeben. Über 1 000 Arbeiter standen plötzlich auf der Straße, wodurch indirekt weitere 1 500 Arbeitsplätze verloren gingen“, berichtet Juvénal Rémir, Präsident des Komitees zur Verteidigung landwirtschaftlicher Berufe (Codema), eines der wichtigsten Erzeugerverbände auf Martinique. Weitere 65 hochverschuldete Betriebe seien von der Schließung bedroht. „Die Lage ist sehr ernst, denn für das entlassene Personal sind keinerlei Umsetzungsmaßnahmen vorgesehen. Was wird aus den Arbeitslosen, die nie woanders als auf Bananenplantagen gearbeitet haben?“

Auch den Pflanzern bleiben kaum Alternativen. „Der Zuckerrohranbau steckt tief in der Krise. Es gibt auch kaum noch etwas anderes. Jamswurzeln aus dem französischen Departement Loire et Cher oder aus Costa Rica sind bei uns sogar billiger als unsere eigenen Erzeugnisse. Aber Jamswurzeln lassen sich sowieso nicht mehr in großem Stil anbauen, weil der Boden durch die jahrelange Intensivmonokultur ausgelaugt ist.“

Juvénal Rémir ist wütend. Seiner Meinung nach ist auch der Staat für die derzeitige Situation verantwortlich, nicht nur die EU. Das Agrarministerium kümmere sich nicht um betrügerische Praktiken. „Manche Pflanzer entledigen sich ihrer Schulden, indem sie ihre Beschäftigten entlassen und den Betrieb liquidieren. Sechs Monate später erhalten sie die Genehmigung, erneut in den Bananenanbau einzusteigen, aber ihr Personal müssen sie nicht wieder einstellen.“

Gewiss, vor zwei Jahren richtete der Staat einen „Fortschrittsvertrag“ ein, um in Schwierigkeiten geratenen Pflanzern finanziell unter die Arme zu greifen. Codema-Präsident Rémir sieht darin nur eine vorübergehende Beruhigungsmaßnahme für aufgebrachte Bauern. „Nötig wäre, dass alle in der Landwirtschaft an einem Strang ziehen, damit wir endlich wissen, worauf wir uns in Zukunft einzustellen haben.“

Diversifizierung lautet das Zauberwort, das seit einigen Jahren in aller Munde ist, obwohl niemand so recht daran glauben will. Alle Versuche, Ananas, Avocados, Limonen oder Auberginen für den Export anzubauen, sind bislang gescheitert. Ungeachtet der Pestizidvergiftung von Boden und Wasser, die jüngst ein parlamentarischer Untersuchungsbericht ans Tageslicht brachte,4 verspricht die Bananenmonokultur den meist über fünfzigjährigen Landwirten nach wie vor die besten Überlebenschancen – auch wenn man sich an die neuen Spielregeln des Markts anpassen und dessen immer drakonischere Verpflichtungen erfüllen muss. Mit den Worten von Frédéric de Reynal, Präsident des größten Bananenerzeugerverbands auf Martinique: „Wer finanziell auf einen grünen Zweig kommen und den Anforderungen des Markts in Sachen Produktqualität gerecht werden will, muss sich von der bäuerlichen Betriebsführung verabschieden und industrielle Managementmethoden einführen. Die Idealmenge liegt bei jährlich 3 000 Tonnen Bananen.“ Dafür braucht man mindestens 60 Hektar Anbaufläche. Wie viele Landarbeiter wird man auf den Antillen entlassen müssen, um dies zu erreichen? Diese Frage kann Patrick Jean-Baptiste (42), Landwirt und Mitglied des Bauernverbands FDSEA auf Martinique, zwar auch nicht beantworten. Aber ihm ist klar, was „die Überlebenden der Bananenkrise“ in den kommenden Jahren erwartet: „Die Herausforderung besteht darin, die übrig gebliebenen Unternehmen umzustrukturieren, um die Kosten zu reduzieren, ohne Einkünfte zu verlieren.“ Für sich persönlich hat sich Jean-Baptiste außerdem fest vorgenommen, „bis zum Ruhestand in der Bananenbranche zu bleiben“. Ihm wird das vielleicht gelingen, ob auch seinen Arbeitern, hängt vom Markt ab.

Fußnoten: 1 Im Dezember 2005 fusionierten die Erzeugerverbände Karubana und Banagua zum Erzeugerverband von Guadeloupe. 2 Gemeint ist der Markt für bei uns handelsübliche Bananen, die so genannten Dessertbananen, nicht der anders strukturierte Markt für Kochbananen. 3 Ein entsprechendes Abkommen unterzeichnete die EU-Kommission vor fünf Jahren, um den Bananenstreit mit den Vereinigten Staaten beizulegen und den Regeln der Welthandelsorganisation zu entsprechen. 4 Bericht über den Einsatz von Chlordecon und anderen Pestiziden in der Landwirtschaft auf Martinique und Guadeloupe, der Nationalversammlung vorgelegt am 30. Juni 2005. Aus dem Französischen von Bodo Schulze Samy Archimede ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 09.06.2006, von Samy Archimede

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