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Bücher, Zeitungen und staatliche Kinos

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wandten sich norwegische Künstler und Intellektuelle in einem offenen Brief an die sozialdemokratische Regierung. Darin forderten sie, dass insbesondere für die Menschen in den dünn besiedelten Regionen der Zugang zur Kultur erleichtert werden müsse. Die Regierung schuf daraufhin ein System von Wanderausstellungen, -theatern und -kinos, das zur Grundlage eines einzigartigen Netzes von kulturellen Einrichtungen werden sollte und sich heute über das gesamte Land erstreckt.

Norwegen kann sich eine solche Kulturpolitik leisten: Dank des Nordseeöls ist es eines der reichsten Länder der Welt. Die Staatsreserven werden hier nicht gebraucht, um Haushaltslöcher zu stopfen.

Schon in den 1950er-Jahren erkannten die norwegischen Verleger, dass ihre Arbeit bedroht war. Die meisten Norweger können Dänisch lesen. Da man die Bücher des viel größeren Nachbarlands praktisch überall bekommen konnte, gingen die Verkaufszahlen und Auflagen norwegischer Verlage zurück. Auch Norwegen war empfänglich für die Verlockungen der Konsumgesellschaft, die sich in Nachkriegseuropa entwickelte. Um nicht alles der Logik des Wettbewerbs zu überlassen, wurden im folgenden Jahrzehnt die Grundlagen einer neuen, mutigen Kulturpolitik gelegt.

Norwegen war damals sehr provinziell und isoliert. In Oslo hatte nur ein einziger Zeitungshändler ausländische Zeitungen. Aber die Buchhandlungen waren gut bestückt, ebenso die Kioske, die norwegische Zeitungen und Zeitschriften verkauften.

Eine vorbildliche Presselandschaft

Zu Beginn des neuen Jahrtausends war die Medienlandschaft deutlich vielfältiger. Es gab vierzehn politische Zeitschriften, jede mit eigener Bücherseite. Die Auswahl reichte von edlen Finanzmagazinen bis hin zur Intellektuellenzeitschrift Klassenkampen (Klassenkampf), Letztere natürlich mit einer vergleichsweise niedrigen Auflage. Insgesamt hatte das Land 224 Publikationen vorzuweisen, von denen 82 mindestens viermal die Woche erschienen.

Wie anderswo auch war jedoch die Verbreitung gesunken: Von Verdens Gang, Norwegens größter Tageszeitung, die zehn Jahre zuvor noch eine Auflage von 370 000 hatte, wurden nur noch 284 000 Exemplare gedruckt, also ein Drittel weniger. Zum Vergleich: Die aktuellen Verkaufszahlen der französischen Tageszeitung Le Monde liegen kaum höher, obwohl Norwegen nur ein Dreizehntel der Einwohner Frankreichs hat. Außerdem hat Oslo anders als Paris vier weitere Tageszeitungen, deren Verbreitung bei 133 000 bis 247 000 Exemplaren liegt.

Im Durchschnitt wird jedes verkaufte Exemplar von Verdens Gang von vier Personen gelesen, die Zeitung erreicht also fast ein Viertel der Bevölkerung. Die Verbreitung der Tageszeitungen – 607 Exemplare pro 1 000 Einwohner – ist die weltweit höchste, vor Schweden (472 Exemplare) und Großbritannien (321), das als Presseparadies gilt.

Dass die Tagespresse eine derart wichtige Rolle spielt, ist offenbar kein Hindernis für den Erfolg anderer Medien. Klatsch- oder Automagazine haben ähnlich hohe Auflagen wie in den großen europäischen Ländern. Außerdem hört der Durchschnittsnorweger täglich 161 Minuten Radio – das ist weniger als in anderen Ländern – und schaut 150 Minuten fern. Da bleibt nicht viel Zeit für anderes. Vermutlich haben sich auch die Norwegerinnen und Norweger angewöhnt, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Videofilme haben dagegen eher wenig Erfolg, auch Computer sind nicht sehr verbreitet: 2007 verfügte nur gut ein Viertel der Haushalte über einen Computer.

Die Norweger sind schon lange überzeugt, dass die Pressevielfalt eine Voraussetzung für die Demokratie ist. Zeitungen, die Dividenden an ihre Aktionäre ausschütten, bekommen keine Subventionen von der Regierung. Alle anderen Zeitungen – von denen mit niedrigen Auflagen bis hin zu den großen, auf ihrem Gebiet führenden – werden gleichermaßen unterstützt.

Nationale Publikationen, die zur politischen und wirtschaftlichen Meinungsbildung beitragen, erhalten ebenso Subventionen wie Parteiorgane. Zwischen 2 und 3 Prozent ihres Umsatzes verdankt die norwegische Presse diesen Zuschüssen. Vor allem jedoch sind Zeitungen von der Mehrwertsteuer befreit, was mehr als 100 Millionen Kronen (etwa 12,4 Millionen Euro) ausmacht. Alle sind sich einig, dass es trotz dieser Förderung keinerlei inhaltliche Beeinflussung gibt.

Trotzdem sind auch norwegische Medien nicht vor der Übernahme durch Großkonzerne gefeit. Die drei größten Medienunternehmen kontrollieren mehr als die Hälfte der Presseerzeugnisse und treten auch als Produzenten von Rundfunk- und Fernsehsendungen in Erscheinung. Der bekannteste norwegische Medienkonzern Schibsted publiziert in ganz Europa Gratiszeitungen, die er mit einer aggressiven Vermarktungspolitik unter die Leute bringt. Er besitzt auch 49 Prozent von Aftonbladet sowie Anteile an norwegischen Provinzzeitungen, der zweitgrößten Papierfabrik Schwedens und an Presseorganen der baltischen Staaten.

Die Fernsehlandschaft Norwegens gleicht der in den Nachbarländern. Der staatliche Rundfunk Norsk Rikskringkasting (NRK) funktioniert so ähnlich wie die britische BBC: 670 000 Haushalte zahlen eine jährliche Gebühr, insgesamt 300 Millionen Kronen (etwa 40 Millionen Euro). Ebenso wie die regionalen Radiosender und Fernsehkanäle, die auf einer eher „idealistischen Basis“ stehen, muss auch der NRK keine Steuern zahlen. Daneben gibt es drei private Fernsehsender, die großen norwegischen und schwedischen Konzernen gehören.

Kunst und Literatur, auch für den dünn besiedelten Norden

Die norwegische Regierung verfolgt das Ziel, eine unabhängige Verlagslandschaft zu erhalten. Schon 1965 wurde ein „Art Council“ (Kunstrat) gegründet, um alle Formen von Kunst und Literatur überall im Land, also auch im äußerst dünn besiedelten Norden, zu fördern. Die Grundidee bestand darin, den Verlegern ein Minimum an Verkäufen zu sichern, indem ein Teil der Auflage gekauft und an die öffentlichen Bibliotheken abgegeben wurde. Jedes Jahr kauft der Art Council 1 000 Exemplare von 220 Belletristiktiteln (einschließlich Gedichte und Theaterstücke) sowie 1 500 Exemplare von 130 Titeln der Kinder- und Jugendliteratur.

Damit findet ein Großteil der ernstzunehmenden Titel, die auf Norwegisch veröffentlicht werden, den Weg zu seinen Lesern. Hinzu kommen 100 übersetzte Romane. 2009 hat der Art Council in seine jährlichen Ankäufe auch 1 000 Exemplare von 70 Sachbuchtiteln aufgenommen. Die Bibliotheken haben außerdem ein – staatlich finanziertes – Freiabonnement von vierzehn wichtigen Kulturzeitschriften, die anderen Kulturzeitschriften bekommen Zuschüsse für die Produktion.

Weil die Verleger sich auf diese Form der Unterstützung verlassen können, sind sie in der Lage, weiterhin Bücher herausbringen, auf die sie unter anderen Umständen verzichten müssten. Auch die Autoren werden unterstützt: An den Einnahmen pro verkauftem Buch sind die Autorinnen und Autoren mit 20 bis 22 Prozent beteiligt, damit liegen die Tantiemen in Norwegen doppelt so hoch wie anderswo. Die Gesamtkosten dieses Programms belaufen sich auf 11,3 Millionen Euro.

Um die von den Verlagen vorgeschlagenen Titel zu prüfen, hat der Art Council Kommissionen gegründet, die alle Bücher lesen. Insgesamt funktioniert das Programm gut und ist eine enorme Hilfe für die vielen kleinen, über das Land verstreuten Bibliotheken. Es gewährleistet auch, dass die drei offiziellen Landessprachen lebendig bleiben. Bei der einen handelt es sich um eine Variante der Grundsprache, weshalb es in Oslo zwei Nationaltheater gibt, die dritte, das Samische, wird von den Indigenen im Norden gesprochen.

Wenn man die Bevölkerungszahlen bedenkt und die investierten Summen mit anderen Ländern vergleicht, ist das Programm zur Unterstützung der Verlage schon sehr ehrgeizig. Die Ankäufe durch Bibliotheken bewegen sich, in absoluten Zahlen, etwa auf dem Niveau der USA oder Großbritanniens vor der Ära Reagan beziehungsweise Thatcher, als die Verleger noch mit Verkäufen an die Bibliotheken von 1 000 bis 1 500 Exemplaren pro Titel rechnen konnten. In beiden Ländern wurden damals im Zuge der dramatisch gekürzten öffentlichen Ausgaben auch die Bibliotheksetats eingedampft.

Die ungewöhnlichste, umfassendste und älteste Kulturförderung haben wir uns für den Schluss aufgehoben: In Norwegen sind viele Kinos in öffentlichem Besitz. Eine staatliche Organisation der städtischen Kinos informiert die Kinochefs über neue Filme und gewährleistet, dass sie selbst in den abgelegensten Regionen gezeigt werden können. In etwa 200 Kinos profitieren jährlich 130 000 Zuschauer von diesem staatlichen Service. Wenn in Oslo die neusten Blockbuster aus Hollywood laufen, können die Programmverantwortlichen in den regionalen Kinos Filme zeigen, die andere Qualitäten haben als nur ihre Rentabilität. Das liegt freilich auch daran, dass es in den kleineren Städten keine Multiplexkinos gibt, in denen bekanntlich immer nur die Kassenschlager eine Chance haben.

Norwegen hat einen Sonderweg1 eingeschlagen und dafür gesorgt, dass seine Zeitungen, Buchverlage und Kulturinstitutionen nicht an Finanzinvestoren verkauft wurden. Die Staatskassen sind voll. Da fällt es nicht schwer, den Ankauf von Büchern durch die Bibliotheken staatlich zu fördern. Die kommunale Kontrolle der Kinos war allerdings eine politische Entscheidung, die lange vor den sprudelnden Öleinnahmen gefällt wurde. Inzwischen bilden diese Programme ein eindrucksvolles, durchdachtes Ganzes – an dem sich andere Länder ein Beispiel nehmen sollten. André Schiffrin

Fußnote: 1 Die Angaben über Presse und Verlage stammen aus aktuellen Regierungsangaben. Die Informationen über die Kinoindustrie sind einem Artikel von Nils Klevjer Aas entnommen, erschienen im „International Film Guide“, 1988, neu aufgelegt von der National Association of Municipal Cinemas in Oslo.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

André Schiffrin, geboren 1935 in Paris, wuchs in New York auf, wo er heute lebt. Er ist eine der großen Gestalten des internationalen Verlagswesens, leitete lange den Pantheon Verlag, heute The New Press. Auf Deutsch erschien: „Verlage ohne Verleger. Über die Zukunft der Bücher“, Berlin (Wagenbach) 2000. Der vorliegende Text ist ein Auszug aus „L’Argent et les Mots“, Paris (La Fabrique) 2010.

Le Monde diplomatique vom 11.06.2010,