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Streng, gläubig, kämpferisch

Der wachsende Einfluss der Salafisten von François Burga

Seit den 1970er-Jahren war die politische Landschaft in den arabischen Ländern relativ übersichtlich nach drei Strömungen innerhalb des Islam strukturiert: Die Sufis wählten die Regimeparteien, die Muslimbrüder standen meist für die politische Opposition; die dritte Gruppe hingegen, die Salafisten, betrachteten Wahlen als eine schädliche Spaltung der Gemeinschaft und blieben den Wahlurnen fern.

Diese klaren Fronten sind in jüngster Zeit in Bewegung geraten. Während zumindest einige der Salafisten inzwischen zur Wahl gehen (wie 2005 bei den Kommunalwahlen in Saudi-Arabien), formieren sich die Sufis im Irak und in Pakistan als politische und teils militante Opposition. Umgekehrt ist die Entwicklung bei der 1928 von Hassan al-Banna in Ägypten gegründeten Muslimbruderschaft. Viele ihrer Anhänger sitzen inzwischen in den Parlamenten und schaffen es manchmal sogar, Mehrheiten zu mobilisieren.

Die Generation der Muslimbrüder, die sich erstmals als Aktivisten eines politischen „Islamismus“ profilierten, halten in einigen Ländern (Palästina, Ägypten, Maghreb) zwar bis heute eine zentrale Stellung innerhalb der politischen Opposition, bekommen aber zunehmend die Konkurrenz der Salafisten zu spüren.1

Die durchaus unterschiedlichen Gruppen, die sich als Salafisten bezeichnen, haben in jedem Fall eines gemeinsam: Sie alle grenzen sich bewusst von den „gescheiterten Brüdern“ (ikhwân al-muflisîn) ab. Im Übrigen formulieren diese Gruppen, die sich erst in jüngster Zeit zu einem „politischen Islam“ bekehrt haben, keineswegs eine neue Ideologie. Man kann die Salafisten auch nicht als Nachfolgergeneration der Muslimbrüder bezeichnen, weil sie, zumal in Ägypten und Saudi-Arabien, schon lange vor den Muslimbrüdern existierten.2 Aber Letztere gewannen seit den 1930er-Jahren, als sie zunehmend öffentlich aktiv wurden, mehr und mehr an Popularität und politischem Gewicht. Damit stellten sie die Konkurrenz der Salafisten bis in die 1990er-Jahre hinein in den Schatten.

Um ihre Machtambitionen zu realisieren, mussten sich die Muslimbrüder auf einige grundlegende Veränderungen ihrer Dogmen einlassen. Sie übernahmen Ideen, die der wortgetreuen Koranrezeption des klassischen Islam fremd sind, etwa das Konzept der Staatsverfassung und mit der Zeit auch das der Demokratie. Diese Reformen hatten logischerweise innere Konflikte und Spaltungen zur Folge, was zu weiteren Streitigkeiten führte. Je mehr die Muslimbrüder und damit ihre rechtlichen Auffassungen an Bedeutung gewannen, desto entschiedener verurteilten die Salafisten solche „Modernismen“ als „Zugeständnisse“ an die herrschenden Regime.

Die Salafisten gestehen der in die Jahre gekommenen Generation der Muslimbrüder allenfalls das „Verdienst“ zu, die laizistischen Regime, die sie bekämpft hat (Ägypten, Syrien), zur Hinnahme einer symbolischen Re-Islamisierung gezwungen zu haben, worin sie einen ersten Schritt zur gesellschaftlichen Verankerung der „religiösen Mobilmachung“ in der arabischen Welt sahen. Fast alle Regime haben mittlerweile die gesellschaftliche Bedeutung der islamistischen Strömung verstanden – ohne allerdings auf repressive Mittel, besonders der Zensur, zu verzichten.

Das salafistische Lager konnte das Protestmonopol der Muslimbrüder auch deshalb erfolgreich infrage stellen, weil deren Strategie angesichts der Unterstützung der „internationalen Gemeinschaft“ für die autoritären Regime in der arabischen Welt bislang kaum politische Früchte getragen hat. Wenn allerdings der Al-Qaida-Chefideologe, der Ägypter Aiman al-Sawahiri, die Zugeständnisse der Muslimbrüder in Sachen Laizismus und Demokratie aufs Schärfste verurteilt, ist dies ein klarer Beweis dafür, dass die Bruderschaft tatsächlich zum Träger einer gewissen „Modernisierung“ des politischen Denkens geworden ist. Zumindest hat sie geholfen, einen Wandel herbeiführen, der kulturell und gesellschaftlich akzeptabler war als die Reformprojekte der säkularen Eliten.

Zurück zu den Quellen

Dass die Salafisten mit der Tradition der Muslimbrüder brechen, erklärt sich zum Teil aus ihrer Ablehnung bestimmter Kategorien westlichen politischen Denkens, die von der Bruderschaft sozusagen „islamisiert“ wurden. Dazu gehören die Gründung politischer Parteien und anderer Organisationen, die Teilnahme an Wahlen und die Öffnung des politischen Raums und der Arbeitswelt für Frauen.3

Jeder Salafist wird die Bedeutung der ursprünglichen Quellen betonen, des Koran und der Sunna4 des Propheten Mohammed. Dadurch will man „mit dem Wissen und den Erfahrungen der klassischen sunnitischen Rechtsschulen (Hanafiten, Malikiten, Hanbaliten, Schafiiten) theologisch brechen.“5 Weil die Salafisten streng auf dem Prinzip der Einzigkeit Gottes beharren, verurteilen sie jede Verehrung menschlicher Mittler zwischen den Gläubigen und ihrem Schöpfer – in ihren Augen ein anmaßender Versuch, mit dem einzigen Gott zu „konkurrieren“.

Der ständige Rekurs auf die „Hadithe“ (Aussprüche) des Propheten, die für den Gläubigen alle notwendigen Weisungen für eine erhellende Lektüre des Koran enthalten, soll vor jeder Vermittlung zwischen ihm und seinem Gott schützen. Heiligenkulte, die Verehrung der als unfehlbar geltenden schiitischen Imame oder auch der Sufi-Scheichs und sogar der Respekt vor islamischen Schriftgelehrten, die „ihre Stimmen mit der Gottes vermischen“, gelten als Angriffe auf das monotheistische Grundprinzip.

Die meisten Salafisten schließen sich Gruppen an, die als „Pietisten“ oder „Quietisten“ bezeichnet werden.6 Die fordern die Unterordnung unter jede Regierung, selbst wenn sie „korrumpiert und autokratisch“ ist – Hauptsache, sie bezeichnet sich selbst als muslimisch. Wichtig ist nur, das Allerschlimmste zu verhindern, nämlich die fitna, die Spaltung der Einheit der Gläubigen.

Dem Aufruf von islamischen Rechtsgelehrten folgend, die dem saudischen Regime nahestehen, gehen deshalb viele Salafisten bewusst auf Distanz zu den Muslimbrüdern und enthalten sich jeglicher politischer Betätigung. Das erklärt auch, dass der Salafismus, obwohl er verglichen mit den Muslimbrüdern weit weniger „modern“ ist, vom Jemen bis nach Ägypten oder Marokko von Regimen begünstigt wird, die sich selbst gern als Modernisierer sehen. Die erklärte politische Abstinenz ist hier durchaus willkommen, um die Opposition zu schwächen.

Wenn der Salafismus allerdings unterdrückt wird – wie in einigen arabischen Staaten – oder sozialer und religiöser Stigmatisierung durch den Westen ausgesetzt ist, lassen sich auch seine Anhänger für die „dschihadistische“ Ideologie und den Kampf gegen die nationalen Eliten und die Vormächte der neuen Weltordnung rekrutieren.

Ein frühes Beispiel ist der Ägypter Sayyid Qutb, der in den 1960er-Jahren die Thesen der Muslimbrüder zu radikalisieren versuchte.7 In Saudi-Arabien und Ägypten, aber auch unter versprengten Migranten in Europa, haben sich „pietistische“ Salafisten anderen islamistischen Gruppen angeschlossen. Zum Beispiel der von Dschuhaiman al-Utaibi, dem Drahtzieher des Angriffs auf die Große Moschee in Mekka 19798 , oder der dschihadistischen Schule, deren Kopf zunächst Sayyid Qutb und später Aiman al-Sawahiri war.

Obwohl sie offiziell jede neue Lesart des Koran ablehnen, sind Salafisten keineswegs immun gegen Veränderungen. Unter ihnen herrscht grundsätzlich ein größerer Pluralismus hinsichtlich politischer Fragen, weil der Salafismus nie eine so homogene Organisationsstruktur ausgebildet hat wie die Muslimbrüder. Und entgegen seinem leidenschaftlichen Insistieren auf die „Rückkehr“ zu den „Quellen“ hat er auch keine Doktrin hervorgebracht, die eindeutiger und geschlossener wäre als die seiner Vorläufer.

Auch das salafistische Koranverständnis bietet also keinen vollkommenen Schutz gegen abweichende Interpretationen. Denn wenn man mit der Interpretation des Gottesworts erst einmal begonnen hat, sind die Gläubigen auch durch den strengsten Dogmatismus nicht mehr vor dem Einfluss weltlicher Interessen abzuschirmen.

Selbst Gruppierungen, die sich klar von den „Brüdern“ distanzieren, befürworten mittlerweile etwa die Beteiligung an Wahlen. Im Jemen, in Saudi-Arabien und in Kuwait stellen die Salafisten bei Wahlen ihre Kandidaten auf.9 Sie haben inzwischen also die gleichen „modernisierenden“ Tendenzen entwickelt, die sie bei den Muslimbrüdern früher so verdammenswert fanden.

In gewisser Weise stellten die „Modernisierer“ unter den Muslimbrüdern für die aktuelle salafistische Bewegung jene Art von „bekämpftem Vorbild“ dar, das die „verwestlichten“ arabischen Eliten für die Muslimbrüder waren. Die Bruderschaft fordert heute öffentlich eine größere Teilhabe an der Politik (etwa in Jordanien, siehe Seite 11). Wenn sich dagegen die Salafisten theoretisch wie praktisch außerhalb des politischen Systems stellen, ist das eine Reaktion auf die ständig erfahrene Ausschließung, gegen die auch die Muslimbrüder nichts unternommen haben. So gesehen ist die salafistische Bewegung viel mehr Teil einer kontinuierlichen Entwicklung als Träger eines grundsätzlichen Wandels.

Diese Kontinuität zeigt sich selbst in der Wahrnehmung durch die westlichen Medien und damit die Öffentlichkeit. Der Salafismus ist heute zum neuen symbolischen Inbegriff für die „islamistische Gefahr“ geworden, mit dem die Muslime stigmatisiert werden, ganz wie beim ersten „Ausbruch“ des Islamismus in den 1970er-Jahren. Diese Stigmatisierung bewahrt den Westen zugleich vor der Notwendigkeit, sich mit der salafistischen Bewegung auf journalistischer Ebene ernsthaft zu befassen und auf politischer Ebene rational auseinanderzusetzen.

Fußnoten: 1 Bernard Rougier, „Qu’est-ce que le salafisme?“, PUF, Paris, 2009. 2 Schon 1926, zwei Jahre vor der Gründung der Muslimbruderschaft, entstand in Kairo die Jamaat Ansar al-Sunna; und 1931 rief Shaikh Ibn Badis die Vereinigung der algerischen Ulemas ins Leben. 3 François Burgat und Mohammed Sbitli, „Les salafis au Yémen ou … La modernisation malgré tout“, Chroniques yéménites, Sanaa, Nr. 12, 2002, sowie François Burgat, „L’Islamisme en face“, Paris (La Découverte) 2007. 4 Die Gesamtheit der Taten, Aussprüche und Haltungen des Propheten und seiner Gefolgsleute. 5 Rougier, siehe Anmerkung 1, S. 19. 6 Gilles Kepel, „Jihad: Expansion et déclin de l’islamisme“, Paris (Gallimard) 2000. 7 Qutb war eine Führungsfigur der ägyptischen Muslimbruderschaft, er wurde unter dem Regime von Gamal Abdel Nasser verhaftet und 1966 hingerichtet. Als Theoretiker hat er die radikalsten unter den islamistischen Gruppierungen beeinflusst. 8 Am 20. November 1979 stürmten 200 Islamisten die Große Moschee in Mekka. Die Besetzung dauerte länger als zwei Wochen und wurde mit Hilfe der französischen Gendarmerie gewaltsam beendet. 9 Pascal Ménoret, „Le cheikh, l’électeur et le SMS. Mobilisation électorale et pratiques de votes en Arabie Saoudite“, Transcontinentales, Paris, Nr. 1, 2. Semester 2005.

Aus dem Französischen von Jakob Horst

François Burgat ist Politologe und unter anderem Autor von „L’islamisme à l’heure d’Al-Qaida“, Paris (La Découverte) 2005.

Le Monde diplomatique vom 11.06.2010,