Artikel

Artikel drucken zurück

Was nicht im Grünen Buch steht

Gaddafis Libyen erwacht aus dem Dämmerschlaf der staatlichen Kontrolle. Nun bremsen vor allem soziale Traditionen den Neubeginn von Helen de Guerlache

Wenn Sie aus Interesse für archäologische Stätten oder für Höhlenmalereien die Sozialistische Libysch-Arabische Volks-Dschamahirija besuchen, kann es vorkommen, dass Sie in einem abgelegenen Landstrich von einer jungen Frau gefragt werden, ob Sie das Lied „Je suis malade“ kennen. Und wenn Sie diese Melodie des französischen Chansonniers Serge Lama in der kleinen Stadt Ghat ganz im Südwesten Libyens, dem Geburtsort des renommierte Schriftstellers Ibrahim al-Koni1 , zum dritten Mal hören, werden Sie merken, dass sich hier trotz der staubigen Stadtlandschaft, trotz der mit Schlaglöchern übersäten Straßen und trotz der an die Pariser Banlieues erinnernden Wohnsilos irgendetwas verändert hat.

Nach zehn Jahren internationaler Isolation sucht Libyen wieder Anschluss an die Welt. Staatschef Gaddafi hat die Beziehungen zu den USA neu geknüpft, nachdem er die Verantwortung für das Attentat von Lockerbie und zwei weitere Terrorakte übernommen, die fälligen Entschädigungen gezahlt und Ende 2003 den Verzicht auf Massenvernichtungswaffen erklärt hat.

Die gesellschaftliche Entwicklung Libyens übertrifft in ihrer Bedeutung das diplomatische Tauwetter bei weitem. Seit drei Jahren sinken die Einschaltquoten des ziemlich öden öffentlichen Fernsehsenders Libya kontinuierlich, denn die Jugend sieht lieber die Neuauflage der „Star Academy“2 in der arabischen Version des libanesischen Satellitensenders LBC. Auf diese Weise schaffte es der Klassiker des französischen Chansons „Je suis malade“ 2004 sogar bis in die Libysche Wüste. Auch hier wird heute durch die Fernsehkanäle gezappt!

Die Ausbreitung der Parabolschüsseln erlaubt trotz der Abschottung des Systems nach innen einen freieren Blick auf die Welt. Eine Satellitenanlage ist heute für die meisten Libyer bezahlbar, kostet sie doch nur noch 200 Dinar (120 Euro) statt wie früher 5 000. Vorbei sind die Zeiten, da man die Antenne in leeren Wassertanks auf den Häuserdächern versteckte. Überall öffnen Internetcafés mit erschwinglichen Preisen. Obwohl ein Computer nur schwer vor dem feinen Wüstensand zu schützen ist, gehört er heute in vielen Wohnungen zum Inventar. Und seit einigen Monaten gibt es sogar DSL. Die libysche Bevölkerung hat ein hohes Bildungsniveau, es gibt viele Universitäten und Hochschulabsolventen. Die Analphabetenquote liegt unter 14 Prozent, in den jüngeren Generationen praktisch bei null. Auch Fremdsprachen, die 1984 aus politischen Gründen von den Lehrplänen gestrichen wurden, werden seit kurzem wieder unterrichtet. Aber das Niveau hat natürlich nachgelassen. Eine neue Erfahrung für viele Libyer ist das Reisen, sofern sie es sich leisten können. Viele Fluglinien steuern Libyen an, und die Einwohner brauchen keine Ausreisevisa mehr, um das Land zu verlassen. Die Kunst besteht heute darin, sich den Aufenthalt durch eines der großzügigen staatlichen Stipendien (1 600 Euro pro Monat, wie ein Französischlehrer in Sebha erzählt), ein Berufspraktikum oder eine Versetzung innerhalb eines großen nationalen Unternehmens finanzieren zu lassen. „Ich habe noch nie ein Land gesehen, in dem die Menschen so viel reisen“, staunt ein französischer Unternehmer, der im Maghreb tätig ist. Auch Einreisevisa für Europa erhalten Libyer leichter als etwa Algerier, weil Libyen kein Auswanderungsland ist. Auch gelangen immer mehr westlichen Touristen in Gegenden, die lange Zeit völlig isoliert waren. Dadurch können auch Leute, die nicht reisen können, ganz neue Verbindungen knüpfen.

Es hat also eine allgemeine Öffnung nach außen stattgefunden, auch wenn das offizielle Libyen den Begriff ablehnt, weil man meint, das Ausland habe sich ihm verschlossen und nicht umgekehrt. Aber auch der wirtschaftliche Reformprozess, der 2003 nach mehr als 30 Jahren Planwirtschaft begonnen hat, kommt zügig voran. Seit der Abschaffung der meisten staatlichen Importmonopole und der deutlichen Senkung der Zölle ist es kein Tabu mehr, von einem Privatsektor zu sprechen. „Überall reißt man Mauern ein, um wie der Nachbar ein Geschäft zu eröffnen“, berichtet ein Auswanderer. Es entsteht eine neue Klasse von Geschäftsleuten, die sich allerdings noch aus den politischen Führungszirkeln rekrutiert.

Die Importe wurden liberalisiert, jeder kann ein Konto eröffnen und erhält Kredit, um auf Anzahlung einzukaufen. Heute findet man in den Auslagen der Gargaresh- und der Ben-Achour-Straße oder im Stadtzentrum einfach alles: die neueste Elektronik und Haushaltsgeräte, Qualitätsmöbel, Markenkleidung oder chinesische Billigwaren. Vorbei sind die Zeiten, da unternehmungslustige Typen heimlich mit leeren Koffern nach Malta oder Tunesien fuhren und mit vollen zurückkamen. Gleichzeitig geht der illegale Export staatlich subventionierter einheimischer Produkte weiter.

Nach Jahren der Entbehrung erlebt das Land einen wahren Konsumrausch. Der 37-jährige Omar hat in Dubai Satellitenempfänger gekauft und mühelos in den Süden Libyens weiterverkauft. Vom Gewinn hat er sein Cybercafé in Sebha finanziert, auf das Haus seiner Eltern die eigene Wohnung draufgesetzt, und vor allem hat er geheiratet – ein Luxus, der die Kleinigkeit von mindestens 8 000 Dinar kostet (Beamte verdienen etwa 200 Dinar im Monat). Seit mehr als einem Jahr bieten die Banken günstige Immobilienkredite in der Größenordnung bis zu 40 000 Dinar. Die Zinsraten sind konkurrenzlos niedrig und die Laufzeiten fast unendlich – 20 Jahre, 40 Jahre oder mehr. Für die nächsten Jahre wurde auch ein Neubauprogramm für 350 000 Wohnungen aufgelegt. Der Bausektor boomt und wird nur durch Zementmangel gebremst.

Es ist übrigens leichter, ein neues Haus zu bauen, als eine Wohnung zu mieten. Letzteres ist den Ausländern vorbehalten. Ende der 1970er-Jahre führte das Prinzip „Das Haus gehört dem, der es bewohnt“ zur Enteignung tausender Eigentümer einer Zweitwohnung zugunsten wohnungsloser Libyer, die sich darin niedergelassen hatten. Vielleicht ist es ein Anzeichen für einen Zeitenwechsel, dass die Regierung von der Rückgabe beschlagnahmter Güter und der Entschädigung der damit illegalisierten Bewohner spricht. Aber die Umsetzung dieser Entscheidung, die hoch symbolisch wäre, dürfte noch auf sich warten lassen.

Der Besitz eines Autos gilt als Menschenrecht

Die Libyer steuern auch die Einkaufswagen durch den Mehari, einen der drei Supermärkte, die es seit anderthalb Jahren in Tripolis gibt. Mehari ist mit nur 400 Quadratmetern der größte und vor allem der einzige mit richtigem Parkplatz. Und das zählt: Die Zahl der Autos (vor allem südkoreanischen Ursprungs) wächst von Jahr zu Jahr, entsprechend sinkt deren Durchschnittsalter in verblüffendem Tempo. Der Besitz von Privatfahrzeugen wird im Grünen Buch (der 1973 von Oberst Gaddafi herausgegebenen ideologischen Grundlage des Regimes) als grundlegendes Menschenrecht dargestellt und durch staatliche Subventionen, vor allem für bestimmte Staatsfunktionäre (Ärzte, Offiziere, Sicherheitsagenten), stark gefördert. Autofahrer erhalten Kredite fast zum Nulltarif. „Deshalb ist es seit zwei, drei Jahren unmöglich, in der Stadt vorschriftsmäßig zu fahren“, schimpft Nadjma, 33, Angestellte bei einer Erdölgesellschaft, die im täglichen Stau die Geduld verliert.

Einkaufen und im neuen Auto am Abend durch die Hauptstraßen fahren sind die Lieblingsbeschäftigungen ei-ner Jugend, die sich oft langweilt und deren einziges Vergnügen vielleicht Besuche bei Freunden oder Familienfeste sind. Kulturelle oder sportliche Angebote gibt es kaum, abgesehen von den Fußballklubs (auch die international bedeutungslose Nationalmannschaft wird von einem Sohn Oberst Gaddafis gecoacht). Auf die Gründung einer Vereinigung, die nicht den Prinzipien der Revolution dient, steht nach Artikel 207 des Strafgesetzbuchs die Todesstrafe.

Dennoch entstehen neue Treffpunkte, etwa die trendigen Cafés und Restaurantterrassen in den beliebten Vierteln der Altstadt von Tripolis oder auf dem Grünen Platz. Das Neueste ist „Iwan“, eine bessere Cafeteria mit Designerinventar, großen, roten Ledersesseln und breitem Angebot an Getränken (natürlich keinen alkoholischen), die vor drei Monaten im Wohnviertel Ben Ashour aufgemacht hat. Überall sitzen modern gekleidete junge Leute mit Gel im Haar und Handy am Ohr. In Libyen gibt es bei einer Gesamtbevölkerung von 5,6 Millionen Einwohnern fast 3 Millionen Mobiltelefonabonnenten. Und das Netz wächst weiter.

„Seit drei Jahren sieht man auch nach Einbruch der Dunkelheit noch Frauen auf der Straße. Sie kaufen in den neuen Boutiquen ein, die bis Mitternacht geöffnet sind, oder sitzen im Café“, schwärmt ein algerischer Auswanderer. Aber die Gesellschaft hält sich noch an die strengen Traditionen und gesellschaftlichen Normen. Sie passen oft nicht zu Gaddafis Reden, die zu mancher westlichen Feministin passen würden, etwa wenn er das Tragen des Schleiers eine „Erfindung des Satans“ nennt. Neben der starken Stammessolidarität spielt auch der Islam im Alltag der Menschen eine große Rolle.

Latifa ist 36 Jahre alt und arbeitet bei einer Luftfahrtgesellschaft. Sie träumt von einem eigenen Geschäft, am liebsten für Gardinen und Innendekoration. Ihr Problem ist die Finanzierung. Aber sie will kein Geld bei der Bank leihen, denn „der Islam verbietet Kredite zu Zinsen“. Wenn ihr Vorhaben gelingen sollte, muss sie auch unbegleitet die Wohnungen von Unbekannten betreten, was nicht gern gesehen wird. „Aber meistens bleiben die Frauen zu Hause, sie entscheiden über solche Anschaffungen und werden mir leichter ihre Tür öffnen“, hofft Latifa. Die Trennung der Geschlechter ist vor allem in mittelgroßen Städten noch sehr strikt. Nicht überall gibt es gemischte Schulen, bei Hochzeiten gibt es Männer- und Frauenzelte, und die Wohnungen haben oft zwei Aufenthaltsräume, wo Mann und Frau getrennt ihren Mittagsschlaf halten, essen und Gäste empfangen.

Farida ist Buchhalterin in einem ausländischen Unternehmen. Sie ist unverschleiert, was in Libyen selten ist, findet das aber selbst nicht gut und erklärt, eines Tages werde sie den Mut aufbringen, einen Schleier zu tragen. Spätestens wenn sie heiratet, wird es wohl so weit sein. Wie ihre beiden Schwestern ist sie schon über dreißig, hat es aber nicht eilig, einen Mann zu finden. Sie hat sich zu sehr an ihre Unabhängigkeit gewöhnt, mehrere ihrer Freundinnen haben sich scheiden lassen und sind nun wieder berufstätig. „Das Problem nach der Scheidung ist die Wohnung. Es schickt sich nicht, allein zu wohnen, also bleibt nur die Rückkehr zu den Eltern. Aber meistens ist der Wohnraum schon von einem frisch verheirateten Bruder oder Verwandten besetzt, und der Empfang ist nicht immer herzlich.“

Verglichen mit anderen Ländern in der Region, haben die Frauen zwar bemerkenswerte Rechte, aber die sittlichen Tabus halten sich hartnäckig: Frauen dürfen nicht allein reisen oder fern der elterlichen Wohnung studieren, sonst riskieren sie ihren guten Ruf.

Bei außerehelichen Beziehungen drohen Misshandlungen und gesellschaftliche Ausgrenzung, zumindest wenn der Schein nicht gewahrt wird. Doch das Gesetz gibt Frauen die Freiheit, sich selbst einen Mann zu suchen; auch die Scheidungsregelungen sind günstig. Frauen dürfen allein die Scheidung verlangen, beziehen beachtliche Unterhaltszahlungen und dürfen nicht verstoßen werden.

Berufstätigkeit von Frauen wird vom Staat sehr unterstützt. „In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Krippen und Kindergärten vervielfacht“, erklärt Rabia, Biologielehrerin an einer Oberschule. An den Universitäten gibt es mehr Mädchen als Jungen. Nach dem Studium werden sie Lehrerinnen, Verwaltungsangestellte, Sekretärinnen in ausländischen Unternehmen, Zahnärztinnen, Ärztinnen, Ingenieurinnen, Architektinnen. Aber trotz großer Reden und des hohen Bildungsniveaus sind nach Angaben der UN-Unterorganisation UNDP nur 26 Prozent der Frauen in Libyen berufstätig. In Saudi-Arabien sind es 22,4 Prozent, im Libanon 30,7 Prozent und in Tunesien sogar 37,7 Prozent.

Die Männer sehen die gesellschaftliche Entwicklung pragmatisch. „Je mehr Geld der Haushalt einnimmt, desto mehr Kredite kann man aufnehmen, um zu bauen. Und desto billiger wird die Scheidung“, meint Abdallah, 46, ein Targi aus der Region um Sebha. Er hat schon zwei Frauen und 18 Kinder, die im selben Haus auf verschiedenen Etagen wohnen. Seine zweite Frau ist Informatikerin, er hat sie, anders als die erste, selbst gewählt. Da sein Viehhandel gut läuft, würde er gern noch eine dritte Frau nehmen. Trotz der gesetzlichen Beschränkungen wird Polygamie in den Städten des Südens offenbar geduldet. Zur Rechtfertigung wird oft darauf verwiesen, dass auf einen Mann vier Frauen kämen. Die jüngste Volkszählung hat jedoch ergeben, dass Libyen eines der wenigen Länder der Welt ist, in denen es weniger Frauen (2,64 Millionen) als Männer (2,69 Millionen) gibt.

Alkohol trinken ist streng verboten. So muss auch der Tourist während des gesamten Aufenthalts auf einen Drink verzichten, sofern er nicht tollkühn den einheimischen „Bretterknaller“, einen hausgemachten Dattelschnaps, versuchen will oder von Diplomaten eingeladen wird. Diese haben als Einzige die Möglichkeit, alkoholische Getränke mit dem Diplomatengepäck ins Land zu schaffen. Das ärgert die Manager internationaler Unternehmen, die dieses Privileg nicht genießen. Im Süden schließen die Geschäfte nicht nur während der größten Hitze zwischen 14 und 17 Uhr, sondern auch zu den Gebetszeiten.

Nach Libyen strömen ständig neue Waren, denn das Land produziert fast nichts selbst. Doch es fehlt an Kaufkraft. Die Senkung der Zölle hat eher die Gewinne der Importeure gesteigert als die Preise reduziert. Die chinesischen Produkte, die den Markt überschwemmen, sind erschwinglich, aber die staatlichen Gehälter sind seit 20 Jahren eingefroren und deshalb in keiner Weise ausreichend. Deshalb nimmt die Einkommensdifferenz zwischen privatem und öffentlichem Sektor immer stärker zu.

Der 29-jährige Abdelkader produziert mit seiner privaten Firma Fenster und Türen. „Wenn ich genug zu tun habe, kann ich in zwei Wochen 1 000 Dinar verdienen.“ Die Angestellten im öffentlichen Dienst (Lehrer, Beamte, medizinisches Personal, nach jüngsten Zählungen 900 000 von 1,7 Millionen Beschäftigten) müssen sich Nebenjobs suchen, zum Beispiel als Taxifahrer. „Die Stationsärzte in den Krankenhäusern gehen nachmittags alle in ihre Privatklinik“, berichtet ein Insider. „Sie halten Vorlesungen an der Uni oder importieren Medikamente.“ Manche eröffnen Geschäfte, die vormittags von Familienmitgliedern oder afrikanischen Angestellten3 betreut werden.

Auf Verlangen der EU hat man viele Afrikaner ausgewiesen

Aber die großen Gruppen von Afrikanern, die früher an den Straßen standen, um sich als Arbeiter anheuern zu lassen, sind zusammengeschmolzen, seit libysche Arbeitslose im Jahr 2000 gewaltsam gegen afrikanische Arbeitsimmigranten vorgegangen sind. Danach hatte man viele „illegale“ Afrikaner ausgewiesen. Heute müssen alle Papiere haben. Eine entsprechende Verpflichtung musste Libyen gegenüber der Europäischen Union eingehen. „Unsere somalische Putzfrau war drei Monate lang verschwunden“, berichtet Mohammed, ein Informatikingenieur in Großbritannien, dessen Familie in Tripolis lebt. „Sie wurde von der Polizei festgenommen, als sie aus dem Bus stieg, und da sie keine Papiere vorzeigen konnte, brachte man sie auf der Stelle in ein Lager.“

Die einheimische Landwirtschaft wird weiterhin stark subventioniert. Der frühere liberale Ministerpräsident Shukri Ghanem hatte sich sehr unbeliebt gemacht, als er die Subventionen für bestimmte Produkte (zum Beispiel Tomatenmark) abschaffen wollte. Er musste schnell den Rückzug antreten. Grundnahrungsmittel wie Brot, Zucker und Öl sind weiterhin subventioniert, die Wasserversorgung funktioniert auch im Süden und kostet fast nichts. Die Stromversorgung deckt fast 100 Prozent des Landes ab und ist sehr billig. Oft gibt es nicht mal Zähler, und wo es welche gibt, zahlt man selten die Rechnung, denn bestraft wird dafür kaum jemand.

Das Benzin ist zwar um 30 Prozent teurer geworden, dennoch kostet eine Tankfüllung nicht mehr als 7 Dinar. Die Libyer haben ein kostenloses Schul- und Gesundheitssystem, auch wenn die Qualität der Leistungen viele dazu bringt, dem wachsenden privaten Sektor den Vorzug zu geben. Derzeit ist man dabei, eine staatliche Arbeitslosenversicherung aufzubauen.

Beim Index der menschlichen Entwicklung (HDI) steht Libyen in der UNDP-Rangliste an 58. Stelle, das ist der erste Platz in Afrika. Fast 100 Prozent aller Kinder besuchen die Schule, die Lebenserwartung liegt bei 73,6 Jahren.

Die stark überalterte Infrastruktur dieses flächenmäßig viertgrößten Landes Afrikas mit nur 5,6 Millionen Einwohnern konzentriert sich auf das Küstengebiet. Das Straßennetz erschließt einen großen Teil des Landes, aber das Klima und die wachsende Zahl von Lastwagen setzen den Straßen mächtig zu. Die Laster, die den Süden versorgen, fahren häufig auf ein und derselben Straßenseite und weichen entgegenkommenden Fahrzeugen erst im letzten Moment aus. In den Städten im Süden wie Sebha oder Ghat gibt es keine öffentlichen Transportmittel oder Taxis und erst recht keine Straßenreinigung.

Es ist zwar eine allgemeine Unzufriedenheit zu spüren, aber bevor man sich gegenüber Fremden beklagt, vergewissert man sich erst mal, wer in Hörweite ist. „Demokratie ist die Kontrolle des Volkes durch das Volk, so steht es im Grünen Buch“, behauptet lauthals unser Touristenführer, der Arabischlehrer Ibrahim. Sein revolutionärer Eifer ist verständlich. Seit drei Jahren bezieht er sein Gehalt als Lehrer, ohne diese Tätigkeit auszuüben. Stattdessen fungiert er in dieser Region des Südens als einer der fünf Sicherheitsverantwortlichen. Also hält er sich für einen Oberdemokraten: „Alle kennen mich, ich bin die Schnittstelle zwischen Volk und Staat. Unser Land gleicht einem menschlichen Körper, alle Teile müssen solidarisch sein, sonst herrscht das Chaos. Die Arme und Beine sind die Polizisten, und dann gibt es das Gehirn.“ Damit meint er natürlich sich. „Die Augen, das ist die Gesamtheit der Bürger. Wenn es ein Problem gibt, einen Streit zwischen Nachbarn oder einen Ehemann, der seine Frau schlägt, rufen mich die Leute an. Und ich informiere meine Behörde, und dann werden die Beteiligten vorgeladen. Alle sind solidarisch, das ist Demokratie!“

Für eine „gute Denunziation“ gibt es einen günstigen Kredit

Wenn immer der Oberdemokrat einem Polizisten begegnet, wird er übereifrig begrüßt. „Sie wissen, dass ich die Autorität bin“, sagt Ibrahim stolz. Sein Sicherheitsausweis öffnet ihm alle Türen, und wenn er „gute Informationen“ – sprich Denunziationen – erhält, gibt es eine großzügige Belohnung (ein subventioniertes Auto, einen Kredit, Genehmigungen). „Aber wenn mich meine Schule braucht, muss ich da sein.“ Wahrhaft ein heiliges Amt! – „Und ich bin der Freund von Ibrahim!“, scherzt sein Gehilfe, der ihn auf seinen Rundgängen begleitet.

Im Osten des Landes, in der früheren Hauptstadt Bengasi, herrscht allerdings eine andere Atmosphäre. Dass Kritik hier offener geäußert wird, zeigten die Demonstrationen im Februar, die sich gegen die Mohammed-Karikaturen, letztlich aber gegen das Regime richteten (die Molotowcocktails allerdings gegen das italienische Konsulat). In Bengasi sieht man die Entwicklung in Tripolis mit großer Frustration. Die Stadt ist die Hochburg der Senussi-Bruderschaft, die einst die Hauptstütze der Monarchie war. Und die Hochburg der brutal unterdrückten islamistischen Opposition. Hier ist das Leben durch Stammessolidarität geprägt. „Kaum ein Richter wird sich einen einflussreichen Stamm zum Feind machen und sich in eine Vendetta oder ein Ehrenverbrechen einmischen“, erklärt der 20-jährige Hassan aus Bengasi.

Aber die kritische Volksstimmung äußert sich bislang nur in einer allgemeinen Verdrossenheit, zum Beispiel in einer schwachen Beteiligung an den Basisvolkskongressen4 , auf denen das von Gaddafi erfundene Dschamahirija-System basieren soll. Da aber die Staatskasse durch die Rekordeinnahmen für Erdölexporte (30 Milliarden Dollar für 2005) gut gefüllt ist, hat das Regime noch eine ganze Zeit lang ausreichend Geld, um sich den gesellschaftlichen Konsens mittels Subventionen und großer Infrastrukturprojekte zu erkaufen. Doch die über 100 Satellitenprogramme, die im Lande zu empfangen sind, sorgen dafür, dass die Libyer allmählich ungeduldig werden. Schon heute hört man immer häufiger die Frage: „Warum sind wir nicht so weit entwickelt wie Dubai – wo doch dieses Erdölland in den 1970er-Jahren auch nur so ein kleiner Wüstenstaat war wie wir?“

Fußnoten: 1 Ibrahim al-Koni, einer der größten zeitgenössischen Autoren arabischer Sprache, ist in Europa noch weitgehend unbekannt. Bisher wurden von ihm folgende Bücher ins Deutsche übersetzt und vom Lenos-Verlag, Basel, publiziert: „Blutender Stein“, 1995; „Goldstaub“, 1997; „Nachtkraut“, 1999; „Der Magier“, 2000; „Schlafloses Auge“, 2001; „Ein Haus in der Sehnsucht“, 2003; „Die steinerne Herrin“, 2004; „Die verheißene Stadt“, 2005; alle Titel liegen in der Übersetzung von Hartmut Fähndrich vor. 2 Auch in Deutschland lief die Serie unter dem Titel „Fame Academy“. 3 Im September 2000 wurden hunderte von Einwanderern aus Afrika angegriffen (offiziell gab es sechs Tote). Vor 2000 gab es 2,5 Millionen Immigranten in Libyen, heute nur noch 600 000. 4 Die etwa 400 Basisvolkskongresse stellen die unterste Ebene des Pyramidensystems dar, das Gaddafi zur Realisierung einer „direkten Demokratie“ ersonnen hat. Alle Bürger über 18 Jahre sollen teilnehmen, um über Verbesserungen zu diskutieren. Ein Basiskomitee leitet die „Entscheidungen des Volkes“ an die nächsthöhere Instanz weiter. Während der dreitägigen Sitzung müssen alle Geschäfte geschlossen bleiben. Diese Kongresse werden aber von Mitgliedern der Revolutionskomitees strikt kontrolliert. Die Entscheidungen werden also eindeutig von oben nach unten durchgesetzt. Deshalb nehmen in der Regel nur Menschen teil, die sich Vorteile davon erhoffen. Über die mangelnde Teilnahme hat sich kürzlich sogar Gaddafi beklagt. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz Helen de Guerlache ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 07.07.2006,