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Großalbanische Fantasien

von Jean-Arnault Dérens und Laurent Geslin

Der albanische Außenminister Besnik Mustafaj verkündete im März: „Sollte das Kosovo geteilt werden, können wir die Unverletzlichkeit seiner Grenzen zu Albanien und dem albanischen Teil Mazedoniens nicht mehr garantieren.“ Seine Erklärung sorgte in den westlichen Staatskanzleien für einige Aufregung.1 In der Tat wirft die Festlegung des Kosovo-Statuts die Grenzfrage auf dem Balkan wieder auf, und kein Thema kann hier länger als tabu gelten.

Am Abend des 21. Mai wehten in den Straßen von Ulcinj, der südlichsten Küstenstadt Montenegros, die montenegrinische und die albanische Flagge Seite an Seite. Montenegro verdankt seine Unabhängigkeit nicht zuletzt der Unterstützung durch seine nationalen Minderheiten. Die rund 50 000 Albaner der kleinen Republik sehen mit Wohlwollen, dass der montenegrinische Staat explizit allen Volksgruppen gleiche Rechte zuspricht. Für Ibrahim Cungu, Expolizeikommissar in Ulcinj und Ortsvorsitzender der Sozialdemokratischen Partei, „kann man zugleich Albaner und Bürger Montenegros sein“.

Allerdings ist Montenegro ein einzigartiger Fall für den Teil des Balkans, in dem heute Albaner leben. So herrscht etwa in Mazedonien zwischen den verschiedenen Nationalitäten weiterhin ein Klima des Misstrauens. Und dies, obwohl nach dem Ohrid-Abkommen vom August 2001, das die Kämpfe zwischen der mazedonischen Polizei und der Nationalen Befreiungsarmee Mazedonien (UCK-M) beendete, die Albaner wie die Slawomazedonier als „konstitutive Nation“ des mazedonischen Staats gelten. In Gemeinden mit einem albanischen Bevölkerungsanteil von über 20 Prozent ist Albanisch zweite Amtssprache. „Vor 2001 hatten die albanischen Schüler Schwierigkeiten, auf die Universität zu kommen, heute hat sich die Situation verbessert“, konzediert Afrim Kerimi, Direktor des albanischen Gymnasiums in Kumanovo.

Dennoch gibt es unter den Albanern noch viele auf „halben Sold“ gesetzte Guerilleros, die nur davon träumen, erneut loszuschlagen. Die ungleiche Anwendung des Amnestiegesetzes nährt Rachegelüste. Und immer wieder tauchen neue Guerillagrüppchen auf, die aber häufig nur mafiöse Interessen verfolgen, etwa die Gefolgsleute von Avdilj Jakupi alias „Comandante Cakala“ oder die Gruppe von Agim Krasniqi, die 2004 neun Monate lang das Dorf Kondovo in der Nähe der Hauptstadt Skopje besetzt hielt.

Auch die Albaner im serbischen Presevo-Tal sind mit dem Status quo unzufrieden. Vor allem würden sie gern in die Verhandlungen über das Kosovo einbezogen, weil sie befürchten, sonst vergessen zu werden.2

Die albanischen Guerillagruppen, die 2001 in Mazedonien und im Presevo-Tal auftauchten, waren im oder nach dem Kosovokonflikt entstanden. Die radikaleren unter den Strategen eines „Großalbanien“ wollten mit diesen „peripheren“ Konflikten daran erinnern, dass die Kosovofrage mit der Einrichtung des internationalen Protektorats längst nicht erledigt war. Falls sie mit den internationalen Entscheidungen zum Kosovo nicht zufrieden sein sollten, könnten sie ohne weiteres neue Brandherde entfachen.

Bei den Albanern ist immer noch der Wunsch lebendig, „Revanche für die Geschichte“ zu suchen. Die albanische Nationalbewegung entstand weit später als die der anderen Balkanvölker, nämlich erst am Ende des 19. Jahrhunderts. Nach den Balkankriegen von 1912 und 1913 wurde das Kosovo zwischen Montenegro und Serbien aufgeteilt, wobei sich die Serben auch noch einen großen Teil des slawomazedonischen Gebiets einverleibten. Die Londoner Botschafterkonferenz hatte sich auf die Schaffung eines „Kleinalbanien“ verständigt, dessen Fläche sich ungefähr mit dem heutigen Albanien deckt. Viele Albaner verblieben damit außerhalb des neu gegründeten Staats.

Die albanische Nationalrhetorik unterscheidet säuberlich zwischen einem „Großalbanien“ und einem „ethnischen Albanien“. Großalbanien umfasst dabei alle Landstriche, in denen irgendwann einmal Albaner oder deren Vorfahren, die Illyrer, gelebt haben. Das „ethnische“ Albanien hingegen bezeichnet nur die Gebiete, in denen die Albaner heute die Bevölkerungsmehrheit bilden.3 Der nationalistische Diskurs vergisst lieber, dass in den betreffenden Gegenden nicht nur Albaner, sondern auch Angehörige anderer Nationalitäten leben.

Ist nach den gefährlichen Träumen von „Großserbien“ und „Großkroatien“ nun also die Zeit von „Großalbanien“ gekommen? Gewisse Aktivistenzirkel, die freilich so radikal wie marginal sind, treten offen für dieses Ziel ein. Ob sie jedoch in der Bevölkerung größere Resonanz finden, ist durchaus ungewiss. Zudem gibt es immer noch ein großes Misstrauen zwischen den Bürgern der Republik Albanien und den Albanern Exjugoslawiens, die durch die Geschichte lange Zeit getrennt waren.

Die einzig tragfähige Lösung für das Problem „Großalbanien“ ist wie im Fall „Großserbien“ eine langfristige Integration in die Europäischen Union. Ganz gewiss wäre eine nationale Wiedervereinigung aller Albaner wegen der damit notwendigen Grenzverschiebungen mit großen Gefahren verbunden. Aber es hat auch keinen Zweck, zu leugnen, dass es eine „grenzübergreifende“ nationale albanische Frage gibt. Wer beispielsweise ein Buch in albanischer Sprache herausbringen will, muss alle potenziellen Leser im Blick haben, ob sie nun in Albanien, im Kosovo, in Mazedonien, Montenegro oder Serbien leben. Desgleichen muss ein albanischer Student die Möglichkeit haben, in Tirana, Tetovo oder Pristina zu studieren. Und das setzt voraus, dass die Grenzen weitaus offener und durchlässiger werden, als es derzeit der Fall ist.

Fußnoten: 1 Dazu Bashkim Muça, „Kosovo: Besnik Mustafaj veut-il la Grande Albanie?“, Le Courrier des Balkans, 21. März 2006, http://balkans.courriers.info/article6522.html. 2 Dazu Belgzim Kamberi, „Les Albanais de la Vallée de Presevo et les discussions sur le statut du Kosovo“, Le Courrier des Balkans, 6. April 2005, http://balkans.courriers.info/article5320.html. 3 Siehe dazu: Rexhep Qosja, „La Question albanaise“, Paris (Fayard) 1995.

Le Monde diplomatique vom 07.07.2006,