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Bretonen auf die Barrikaden

Bretonen auf den Barrikaden

von Jean-Arnault Dérens und Laurent Geslin

Am 1. Januar 2014 hätte in Frankreich eigentlich eine Lkw-Maut eingeführt werden sollen. Doch der Widerstand vor allem in der Bretagne war zu groß: Am 27. Oktober 2013 demolierten in Pont-de-Buis an der Schnellstraße zwischen Quimper und Brest tausende Gegner der „écotaxe“ (Ökosteuer) die bereits installierten Signalanlagen zur Erfassung der 3,5-Tonner. Ein wahrer Guerillakampf entbrannte zwischen der Polizei und den Demonstranten, die allesamt rote Mützen trugen und die schwarz-weiße Fahne der Bretagne schwenkten.

Obwohl die französische Regierung am 29. Oktober die Aussetzung der Lkw-Maut bekannt gab, folgten am 2. November in Quimper 20 000 Menschen dem Aufruf der Bewegung „Leben, arbeiten und entscheiden in der Bretagne“. Am 30. November versammelte sich eine noch größere Menge auf der Prairie de Kerampuilh bei Carhaix-Plouguer. Bis heute werden Signalanlagen zerstört und Radaranlagen sabotiert, auch wenn die Rotmützen, die „Bonnets rouges“, diese Aktionen offiziell verurteilen.

Die von der bretonischen Firma Armor Lux hergestellten roten Mützen sind zum Markenzeichen des Protests geworden. Sie sind ein historisch sinnfälliges Symbol: Im Sommer 1675 richtete sich der Aufstand der Bonnets rouges gegen die neuen Steuern, die Ludwig XIV. dem Land auferlegt hatte, um den Holländischen Krieg (1672 bis 1678) zu finanzieren. Schon damals fanden die größten Proteste in der Basse-Bretagne statt, vor allem in der Gegend um Carhaix. Die damaligen Bonnets rouges verlangten die Abschaffung der Abgabe und die Annahme ihres Forderungskatalogs (Code paysan).

Für die marxistische Geschichtsschreibung war der bretonische Aufstand eine Vorwegnahme der Französischen Revolution von 1789. Andere Historiker meinen, die Provinz, die seit jeher ihre Eigenheiten wider den royalistischen Zentralismus bewahrt hatte, sei aus reiner Verzweiflung bis zum Äußersten gegangen.1

Der Aufstand von 1675 markierte tatsächlich einen Bruch in der Geschichte der Bretagne, die im 16. und noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts dicht bevölkert und wohlhabend gewesen war. Doch vom Ausbau der Werften für die Erneuerung der Kriegsflotte unter Finanzminister Jean-Baptiste Colbert seit den 1660er Jahren profitierten nur die bretonischen Küstenstädte Brest (Nordflotte), Lorient (Atlantikflotte) und Saint-Malo (Marinearsenal). Das Hinterland bekam von dem Reichtum nichts ab und musste doch die gleichen Abgaben zahlen. Zudem beherrschten damals die Niederlande den Welthandel, die viel mehr Handelsschiffe besaßen als die Engländer und Franzosen.

Mehr als 300 Jahre später versammelte sich in Quimper und Carhaix eine bunte Menge: Landwirte, Angestellte, Handwerker und Unternehmer. Wer diese Bewegung als kleinbürgerlichen Antisteuerprotest abtun wollte, würde das Ausmaß der Krise verkennen. Als der sozialistische Politiker Jean-Luc Mélenchon von „Sklaven, die für die Rechte ihrer Herren demonstrieren“, sprach, erhob sich ein Sturm der Entrüstung. Der kommunistische Senatsabgeordnete des Departement Morbihan, Michel Le Scouarnec, warf Mélenchon vor, er missachte das Leid der Menschen.

Jean-Jacques Monnier, Historiker in Rennes und Experte für die bretonische Geschichte, bedauert vor allem, dass die Gewerkschaften die Gunst der Stunde nicht genutzt haben. Statt eigene Veranstaltungen zu organisieren, hätten sie sich lieber der Bewegung „Leben, arbeiten und entscheiden in der Bretagne“ anschließen sollen. „Dann hätte man alle Kräfte bei einer Demonstration bündeln können, und das Gewicht von Arbeitnehmern, Gewerkschaften und Linken hätte ausgereicht, um jegliche Vereinnahmung auszuschließen.“

„Wie schon 1675 standen wir auch jetzt wieder im Zentrum der Revolte“, erzählt Christian Troadec stolz. Der 47-Jährige ist der starke Mann in Poher, einer ländlichen Region im Zentrum der Bretagne. Der frühere Journalist war Besitzer der Coreff-Brauerei und Gründer des Rockfestivals „Vieilles Charrues“ („Alte Karren“), das jeden Sommer Hunderttausende nach Kerapuilh zieht. 2001 wurde er zum Bürgermeister von Carhaix-Plouguer gewählt, heute ist er der Wortführer der Bonnets rouges. Er hat die kleine Stadt an der Schnittstelle der Departements Finistère, Côtes-d’Armor und Morbihan zu seiner Hochburg gemacht. Hier, im Herzen der Bretagne, dem Kreiz Breizh, hatte der Kommunismus einst viele Anhänger. Und nach wie vor werden Solidarität und Nachbarschaftshilfe in diesem Landstrich hochgehalten.

Carhaix-Plouguer ist aber auch eine Bastion der kulturellen Erneuerung. Troadecs drei Kinder besuchen eine private Diwan-Schule (Skol Diwan), in der auf Bretonisch unterrichtet wird.2 Der Bürgermeister, ein echter Lokalpatriot, versteht sich als Linker, aber vor allem als Netzwerker, der seine Gesprächspartner am Tresen der Brasserie de la Mairie unter die Lupe nimmt. 2008 hat er gegen die Schließung der Kinderkrippe im Ort gekämpft, die wie viele andere öffentliche Einrichtungen in der Zentralbretagne dem Sparzwang zum Opfer fallen sollte. Über Troadecs Methoden rümpft zwar manch einer die Nase, auch wird ihm häufig sein autoritäres Auftreten vorgeworfen, doch scheint er der unangefochtene Sprecher der Region zu sein.

Die Spitze der Halbinsel hat ein düsteres Jahr hinter sich. Die norwegische Marine Harvest Group, der größte Zuchtlachskonzern der Welt, hatte im ersten Halbjahr 2013 zwar 200 Millionen Euro Gewinn gemacht. Dennoch kündigte er am 4. Juni 2013 die Schließung seiner bretonischen Standorte Châteaugiron im Departement Ille-et-Vilaine und Poullaouen im Departement Finistère an (siehe Karte). Das war ein harter Schlag für die Region, in der Arbeitsplätze sowieso schon rar sind.

Am 11. Oktober 2013 machte der Schlachthof von Louis Gad in Lampaul-Guimiliau (Finistère) dicht und musste fast 900 Beschäftigte auf die Straße setzen. „Von der Fabrik lebte praktisch die ganze Gegend zwischen Morlaix und Landivisiau“, erklärt der Gewerkschafter Olivier Le Bras. Seit 2008 gehörten die Gad-Schlachthöfe zu 65 Prozent der Cecab (Centrale Coopérative Agricole Bretonne), einer der größten Konsumgenossenschaften im Departement Morbihan. Da die Cecab mit deutschen Schlachthöfen, die meist Osteuropäer zu Niedrigstlöhnen beschäftigen, nicht mehr mithalten konnte, beschloss sie, sich wieder auf ihr einträglichstes Geschäftsfeld zu konzentrieren: die Produktion von Dosengemüse.

Die neue Trockenmilchfabrik baut ein Chinese

Die Ökomaut für Lastwagen setzte das bretonische Pulverfass in Brand. Von der Kommunistischen Partei über die Union démocratique bretonne (UDB) bis zur konservativen Union pour un mouvement populaire (UMP) reichte die Front der Mautgegner; sogar die Sozialisten waren dagegen. „Die Bretagne ist eine abgelegene Halbinsel: Diese Steuer straft uns doppelt, weil sie unsere Exporte noch teurer macht“, beklagt der Kommunist und stellvertretende Präsident des Regionalrats Gérard Lahellec, der für den Verkehr verantwortlich ist. Der Widerstand der Bonnets rouges konzentrierte sich auf die Westspitze, während es im östlichen Departement Ille-et-Vilaine, wo in den letzten Monaten auch schon mehrfach Sozialpläne umgesetzt werden mussten, bislang ruhig geblieben ist.

Durchgeführt wurden die Attacken auf die Mautanlagen zumeist von Mitgliedern der Vereinigung der Landwirte des Finistère. Ihr Präsident, der Gemüseproduzent Thierry Merret, sieht durch die Krise das bretonische Landwirtschaftsmodell keineswegs infrage gestellt. „Ich würde die Hühner, die wir exportieren, ja nicht essen, aber die da unten in Nordafrika wollen weiche Knochen, die im Mund schmelzen“, behauptet er. Die Krise sei konjunkturell bedingt. „Wegen des starken Euro sind unsere Geflügelhändler nicht mehr wettbewerbsfähig, und wir verlieren unsere Absatzmärkte im Ausland. Der Staat soll uns in Ruhe lassen und nicht andauernd neue Steuern und Vorschriften einführen.“ Die Geflügelzucht geriet als Erste ins Schleudern, als im Juli 2012 der Doux-Konzern, eine globale Firma für Tiefkühlgeflügel mit Sitz in Châteaulin (Finistère), in Konkurs ging.

Für René Louail, der früher Sprecher der Bauernvereinigung war und heute für die (grüne) Partei Europe Écologie-Les Verts im Regionalrat sitzt, ist das bretonische Modell hingegen zum Scheitern verurteilt. „Die Subventionen des Staates und der EU-Agrarpolitik halten einen Produktivismus, der längst nicht mehr funktioniert, nur künstlich am Leben.“ Er ist einer der wenigen in der Bretagne, die der Ökomaut etwas Gutes abgewinnen können: „Durch die Besteuerung des Transports von Agrarrohstoffen könnten zum Beispiel regionale und nachhaltig hergestellte Produkte gefördert werden.“

Am 14. Januar hat die französische Nationalversammlung das Gesetz zur Zukunft der Landwirtschaft angenommen. Trotz wiederholter Ankündigungen einer agroökologischen Wende stellt es den Wettlauf um die größten Profite vorerst nicht infrage. „Die Rendite spielt eine immer wichtigere Rolle. Die Bauern verschulden sich, um ihre Kapazitäten zu erhöhen, und müssen termingerecht produzieren, um den Kopf über Wasser zu halten“, berichtet Louail. „Viele werden nicht durchhalten. In zehn Jahren wird die Hälfte der 34 000 Betriebe in der Bretagne verschwunden sein.“

In der kleinen Gemeinde Tréméloir (Côtes-d’Armor) hat sich Sophie Pedron mit ihrem Bruder zusammengetan. Sie hat einen Schweinezuchtbetrieb mit hundert Muttersauen, ihr Bruder ist Milchbauer. „Ich habe mich auf zwölf Jahre verschuldet, um die Gebäude zu renovieren“, erzählt die junge Frau. Die beiden bewirtschaften 77 Hektar, müssen aber jedes Jahr etwa 700 Tonnen Futter bei der Genossenschaft Le Gouessant zukaufen. Die Schweine werden wiederum an die Genossenschaft Triskalia verkauft. „So behalten wir noch ein bisschen Autonomie und sind nicht mit Haut und Haar von einer Firma abhängig.“ Die Arbeit ist hart, und die Rentabilität des kleinen Hofs ist von den Marktpreisen abhängig. „Alle sorgen sich um das Wohl der Tiere, aber nach dem Wohl der Bauern fragt keiner.“

Der Konzentrationsprozess dürfte sich durch das neue Dekret von Agrarminister Stéphane Le Foll bald noch mehr beschleunigen: Zum 31. Dezember 2013 wurde die Schwelle für die Genehmigung von Schweinezuchtbetrieben von 450 auf 2 000 Schweine angehoben. „Viele Zuchtbetriebe können sich jetzt vergrößern, ohne dass der Staat sie kontrolliert, ohne Untersuchungen über mögliche Umweltschäden, ohne Meldungen an die Gesundheits- und Umweltbehörden“, empört sich die junge bretonische Journalistin Nolwenn Weiler.3 Auch die für 2015 zu erwartende Abschaffung der Milchquoten dürfte den Konkurrenzdruck weiter erhöhen.

In der Nähe von Inzinzac-Lochrist, am Ufer des Küstenflusses Blavet, liegt der Ökobauernhof von Gwenael Justome. Vor fünf Jahren hat der Milchbauer seinen Betrieb ökologisch umgerüstet. „Wenn ich die Produktionsweise nicht geändert hätte, während die anderen immer größer wurden, wäre ich heute tot.“ Er produziert jedes Jahr 200 000 Liter Milch und 300 000 Becher Joghurt, die er an die Schulkantinen von Lorient, Ploemeur und Lanester verkauft. „Unser Geschäftsmodell funktioniert. Das zeigt, dass es möglich ist, das System zu durchbrechen, das uns die Genossenschaften aufzwingen.“

Am 10. Januar dieses Jahres legte Synutra, der zweitgrößte chinesische Hersteller von Babynahrung, den Grundstein für eine Trockenmilchfabrik in Carhaix. Bis 2015 sollen hier 250 Arbeitsplätze entstehen und jährlich 120 000 Tonnen Milchpulver hergestellt werden. Die Milch wird die Genossenschaft Sodiaal bei 700 Bauern einsammeln. Bürgermeister Christian Troadec glaubt damit die Antwort auf das Ende der Milchquoten gefunden zu haben. Er hat sich für den chinesischen Investor starkgemacht, weil er überzeugt ist, dass die Zukunft nur denen gehört, die sich auf den internationalen Märkten behaupten können.

Für die bretonischen Genossenschaften ist es ein riskantes Spiel. Ihnen sitzen nicht nur die Konkurrenten aus Rumänien und Bulgarien im Nacken, die dank höherer EU-Subventionen billiger für den Weltmarkt produzieren. Der Großhandel beharrt außerdem auf termingerechter Lieferung, was für die abgelegene Spitze der Bretagne ein weiteres Handicap ist. Auch deshalb lehnen die lokalen Unternehmer die Ökomaut ab.

Im Institut de Locarn, mitten in den Hügeln gelegen und etwa 15 Kilometer von Carhaix entfernt, versammeln sich die Arbeitgebervertreter der Bonnets-rouges-Bewegung. Auf das 1991 gegründete Institut de Locarn geht unter anderem das Label „Produit en Bretagne“ zurück, das heute die meisten Unternehmen der Region einschließlich des Departements Loire-Atlantique verwenden. Das Institut wurde von Beginn an durch den Regionalrat gefördert und ist einer der Orte, wo jener rätselhafte „bretonische Konsens“ geschmiedet wird, der Wirtschaft und Politik von links und rechts vereint. Der heutige Verteidigungsminister und frühere Regionalpräsident Jean-Yves Le Drian war dort öfter zu Gast. Das Institut verbindet mehrere Interessengruppen und bildet so eine mächtige Lobby. Im Club des Trente oder bei den Dîners celtiques in Paris treffen sich zum Beispiel der Milliardär Vincent Bolloré, der frühere Geschäftsführer des Fernsehsenders TF1 Patrick Le Lay und der Chef der Supermarktkette E.Leclerc, Michel-Edouard Leclerc.4

An einem Abend im Institut de Locarn im vergangenen Dezember berichtete der Präsident des Arbeitgeberverbands der kleinen und mittleren Unternehmen der Côtes-d’Armor, Jean-Pierre Le Mat, über die jüngsten Bonnets-rouges-Aktionen, bevor der Hauptvortrag zum Thema „Eurasien und das wiederaufstrebende Russland“ begann. Institutsgründer Jo Le Bihan, seit den 1950er Jahren KP-Mitglied, erläuterte in seiner Begrüßung des Hauptredners, einem Banker aus Moskau, die russische Demografie und erging sich in einer Eloge auf das „große Russland“. Der Gastredner „bewies“ dann anhand von diversen Landkarten unter anderem die „Inexistenz“ der Ukraine, geißelte en passant den blasphemischen Auftritt der Pussy Riots – woraufhin einige der anwesenden Unternehmer zustimmend nickten – und verwies zum Schluss noch auf die Chancen, die „Eurasien“ für die bretonischen Unternehmen böte.

Zu den Angeboten des Instituts de Locarn gehören auch vom Arbeitsamt und Regionalrat finanzierte „Integrations“-Kurse für Hochschulabsolventen, die in die hehren Prinzipien des Neoliberalismus eingeweiht werden und mit Exlegionären Nachtwanderungen durch den Wald machen dürfen. Kritiker behaupten, das Institut sei vom reaktionären katholischen Orden Opus Dei und rechtsextremen Bewegungen wie „Jeune Bretagne“ oder „Printemps français“ unterwandert.

Das Institut de Locarn ist eine Speerspitze der Deregulierung. Präsident Alain Glon erklärt, dass sich die Welt in einer Phase „starker Turbulenzen“ befinde, die durch einen Konflikt „zwischen Macht und Intuition“ geprägt sei. Die Bretagne könne diese heikle Phase im Jahr 2032 überwinden. Das Datum ist keineswegs zufällig gewählt. 2032 ist der 500. Jahrestag der Vereinigung des Herzogtums Bretagne mit dem Königreich Frankreich.

Alain Glon ist durch den Import von Tiermehl reich geworden. Er besitzt derzeit noch 35 Prozent der Anteile an der Glon-Sanders-Holding, deren Hauptaktionär der Sofiprotéol-Konzern ist, in Frankreich der Marktführer für Pflanzenöle; und an der Spitze von Sofiprotéol steht Xavier Beulin, Landwirt im Loiret und Präsident des Nationalen Bauernverbands (FNSEA).

Für Alain Glon hat die Bretagne „99 Prozent der Trümpfe für den Erfolg“ in der Hand. Das fehlende eine Prozent liefert der Staat, mit Steuergesetzen, Arbeitsrecht, Arbeitslosengeld und so weiter. „Das Problem der Bretagne heißt Frankreich“, sagt Glon. Die Deregulierung ist ihm noch wichtiger als die Verteidigung der regionalen Identität. Und der Bonnet rouge Marc Le Fur, UMP-Abgeordneter des Departements Côtes-d’Armor, hält dem „auf staatlicher Unterstützung beruhenden französischen Modell“ das „bretonische Modell mit Beinahevollbeschäftigung, aber niedrigen Löhnen“ vor. In Le Furs Wahlkreis konzentrieren sich viele große Genossenschaften, die Arbeitslosenquote liegt unter dem Gesamtdurchschnitt in der Bretagne, der wiederum unter dem französischen Durchschnitt liegt.

„Das Recht auf Experimente“ – auf diesen Slogan von Präsident Hollande nehmen zwar alle Bezug, von der bretonischen Linken über die liberalen Unternehmer bis zu den Sozialisten, aber jeder füllt ihn mit anderen Inhalten. Kaum zur Klärung beigetragen hat auch der am 13. Dezember 2013 von Ministerpräsident Ayrault unterzeichnete „Zukunftspakt für die Bretagne“, der als unmittelbare Reaktion auf die heftigen Proteste unter anderem eine Geldspritze von 2 Milliarden Euro bis 2020 vorsieht.

Der Pakt wurde vom Regionalen Wirtschafts- und Sozialrat (Ceser) und vom Regionalrat nur knapp angenommen. Die Rechten, aber auch die Grünen und die Regionalisten stimmten dagegen. Letztere sprachen von einem Bündel „unzureichender Maßnahmen“. „Das Schlimmste ist, dass der Eindruck entsteht, die Bretagne genieße eine Vorzugsbehandlung, während sie weiter unterversorgt ist“, meint Herri Gourmelen, der Sprecher der Abgeordneten der Demokratische Union der Bretagne (UDB). Für ihn ist der Pakt nur „eine Vereinbarung zwischen Staat und Region, die die bereits vorgesehenen Haushaltsmittel nur neu verteilt“.

Immerhin hat Ministerpräsident Ayrault bei der Unterzeichnung des Zukunftspakts vorgeschlagen, die Region zum „Pionier der Dezentralisierung“ zu machen. Die Bretonen könnten diese Rolle nicht nur wegen ihres ausgeprägten Lokalpatriotismus und der besonderen geografischen Lage ihrer Region einfordern, sondern auch wegen ihrer traditionell linken Einstellung. Bei den Präsidentschaftswahlen 2007 und 2012 hatte die Bretagne den Kandidaten der Sozialisten, Ségolène Royal und François Hollande, die besten Ergebnisse eingebracht.

Der Linksrutsch, der Anfang der 1970er Jahre begann, ist untrennbar mit dem bretonischen Wirtschaftsmodell verbunden, das heute bekämpft wird: Die Modernisierung der Landwirtschaft wurde wesentlich durch die Aktivisten der Katholischen Landjugend (JAC) getragen, aus der zahlreiche Lokalpolitiker der Sozialistischen Partei hervorgegangen sind. Die Entwicklung der Lebensmittelindustrie stärkte den Einfluss der Linken, die ihre enge Bindung zur Arbeiterklasse aufrechterhalten konnte. Bei allen Wahlen lag die Beteiligung über dem Landesdurchschnitt, und die Ergebnisse des rechtsradikalen Front National waren stets sehr mager.

Obwohl die Sozialisten in der Bretagne nach wie vor auf regionaler und lokaler Ebene das Sagen haben und auch in den großen und mittleren Städten regieren, wirken sie erstaunlich antriebslos. Einige Abgeordnete beklagen, dass es während der Bonnets-rouges-Proteste zu keinem einzigen Treffen des Regionalbüros für sozialistische Studien und Informationen kam, des traditionellen Zentrums der bretonischen Sozialisten für die Pflege der bretonischen Kultur. Immerhin hat die Linke schon bei den Kommunalwahlen 2008 zahlreiche Gemeinden im Westen der Bretagne verloren.

In den 1970er Jahren konnten die Sozialisten noch von der Dynamik der großen Protestbewegungen profitieren. So haben sie sich zum Beispiel den am Ende erfolgreichen Protesten gegen den Bau des Atomkraftwerks in der 1 300-Seelen-Gemeinde Plogoff angeschlossen. 2014 richten sich die Proteste gegen den geplanten Flughafen in Notre-Dame-des-Landes, für den sich ein sozialistischer Ministerpräsident einsetzt. Wieder einmal hat Troadec, der kämpferische Bürgermeister von Carhaix, die Initiative ergriffen und für den 18. Februar zur Großdemo gegen den Bau des Flughafens aufgerufen, auch wenn er damit den Bruch mit seinen „Verbündeten“ vom Institut Locarn riskiert. Die Bonnets rouges, die am 8. März in Morlaix ihren ersten großen Kongress abhalten, sind womöglich das Signal für die Scheidung von der sozialdemokratischen Linken und dem Volk.

Fußnoten: 1 Siehe Arthur de La Borderie, Boris Porchnev und Emsav Stadel Breizh (ESB), „Les Bonnets rouges“, Fouesnant (Yoran Embanner) 2012, Originalausgabe: 1975. 2 Die Unesco klassifiziert Bretonisch inzwischen als „ernsthaft gefährdet“. Aus Sorge um den Erhalt ihrer Sprache gründeten Lokalpatrioten 1977 die erste Diwan-Schule („Diwan“ ist das bretonische Wort für Keim). Des Weiteren wurden 1985 vielerorts zweisprachige Straßenschilder eingeführt. 3 Nolwenn Weiler, „Le gouvernement relance les porcheries industrielles“, Basta!, 7. Januar 2014: www.bastamag.net. 4 Siehe Clarisse Lucas, „Le Lobby breton“, Paris (Nouveau Monde éditions) 2011. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz Jean-Arnault Dérens und Laurent Geslin sind Journalisten.

Le Monde diplomatique vom 14.02.2014,