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Einkaufen in Nordkorea

Einkaufen in Nordkorea

Unter Kim Jong Un erlebt das Land einen bescheidenen Aufschwung von Patrick Maurus

Mitte Dezember letzten Jahres war Nordkorea wieder einmal in den Schlagzeilen: Innerhalb von vier Tagen wurde der Onkel von Staatschef Kim Jong Un verhaftet, verurteilt und hingerichtet. Jang Song Thaek, mit 67 Jahren für nordkoreanische Verhältnisse ein recht junger Politiker, galt als der zweite Mann des Regimes. In der Staatspresse wurden ihm „aufrührerische Taten“ vorgeworfen. Doch der genaue Grund der Anklage ist immer noch nicht bekannt, was auf einen politischen Prozess hindeutet. In westlichen Medien wurde spekuliert, Jang Song Thaek sei als „Ehebrecher“ verurteilt worden, auch war zu lesen, man habe ihn bei lebendigem Leib einer Meute ausgehungerter Hunde zum Fraß vorgeworfen. Der Nordkoreaexperte Bruce Cumings meint zu Recht, die Volksrepublik treibe alle journalistischen Berichterstatter zur Verzweiflung.

Das spektakuläre Schnellverfahren – das Fernsehen zeigte Aufnahmen von Jang Song Thaeks Verhaftung während einer Sitzung des Politbüros – legt den Schluss nahe, dass sich am nordkoreanischen Justizsystem nichts geändert hat. Tatsächlich werden Angeklagte immer noch von ihren eigenen Verteidigern verleumdet, die dem Gericht in der Regel noch für das Urteil danken. Allerdings gibt es Anzeichen dafür, dass heute niemand mehr ohne Prozess ins Gefängnis wandert. Im Oktober 2013 befanden sich mehrere Gerichte „im Umbau“, das heißt: stillgelegt in Erwartung von Gesetzesänderungen. Noch aufschlussreicher ist eine Meldung der südkoreanischen Presseagentur Yonhap, wonach zwei der sechs größten Straflager geschlossen werden sollen.

Entgegen der landläufigen Meinung ist das Regime in der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK) kein einheitlicher Block. Eher könnte man es als „monolithische Polykratie“ bezeichnen, wobei dieses Wortungetüm zugleich die inneren Risse in diesem Staatsgebilde benennt. Eines Staats, der in den 1990er Jahren außerstande war, seine Bevölkerung zu ernähren, der immer noch eine hochgerüstete Festung darstellt, der Sonderwirtschaftszonen und Kleinstunternehmen zugelassen hat und der von Konflikten zwischen den staatlichen Organen erschüttert wird.

Die eigentliche Krankheit ist die Degeneration der öffentlichen Verwaltung. An erster Stelle ist hier die Behörde zu nennen, die in den Jahren der Hungersnot damit betraut war, 60 Prozent der Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen. Zwischen 1995 und 1997 (die Nordkoreaner nennen diese Periode den „harten Marsch“) sind nach den verschiedenen Schätzung zwischen 3 und 13 Prozent der Bevölkerung gestorben. Das Regime demonstrierte spätestens damals – 25 Jahre nach seiner Entstehung –, dass es unfähig war, die grundlegendsten Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen.

Natürlich kann die Führung in Pjöngjang die Schuld auf die „amerikanische Aggression“ schieben, also das Embargo, das nach den Raketentests des vergangenen Jahres noch verschärft wurde. Denn das zeigt zweifellos Wirkung: Selbst China, Pjöngjangs einziger Verbündeter, veröffentlichte letzten Oktober eine lange Liste von Produkten, die nicht nach Nordkorea exportiert werden dürfen. Wenige Tage später zeigte der nordkoreanische Fernsehsender Mansudae TV eine kanadische Dokumentation über Produktfälschungen – vornehmlich chinesischer Provenienz.

Die Bevölkerung steht solchen Rechtfertigungsversuchen des Regimes und seiner Monopolmedien skeptisch gegenüber. Die Nordkoreaner vergleichen die Zeit des „harten Marsches“ mit einem Krieg und seinen Begleiterscheinungen: Hunger, Zusammenbruch der öffentlichen Versorgung, Schwarzhandel. Damals ging es in den Hungerregionen – insbesondere im Osten des Landes – um das nackte Überleben. Sämtliche verfügbaren Ressourcen wurden geplündert und auf dem Schwarzmarkt verkauft oder ins Ausland geschmuggelt.1 Viele Fabriken, die mangels Stromversorgung der Reihe nach schließen mussten, wurden abgerissen, öffentliche Gebäude demontiert, das Metall tauschte man in China gegen Lebensmittel ein. Die staatliche Kontrolle, bis hin zur Polizeipräsenz, war deutlich geschwächt. Viele Flüchtlinge berichteten, dass Strafurteile wegen Schwarzhandel und unerlaubter Grenzübertrittsversuche immer seltener wurden.

Ganz sicher wird irgendwann einmal herauskommen, was zu dieser Zeit wirklich geschehen ist – und wie damals traditionelle Strukturen wieder auflebten und Funktionen des ohnmächtigen Staats übernahmen. Solange diese Aufarbeitung ausbleibt, existiert diese Periode lediglich in den Fernsehbildern, die immer wieder über die Mattscheibe flimmern: stillgelegte Fabriken, Wohnungen ohne Strom, verwüstete Felder. Wie aus Kriegsfilmen. Was wiederum suggeriert: Damals gab es einen Feind, doch von jetzt an wird alles besser.

Aber wie lässt sich erklären, dass das Regime es für nötig hält, eines seiner einflussreichsten Mitglieder zu verhaften und umzubringen? Ist das ein Zeichen von Stärke oder von Schwäche? Um die Kämpfe innerhalb des nordkoreanischen Machtapparats zu verstehen, muss man zuallererst die Klischeevorstellung aufgeben, dass sich hier ein konservatives und ein reformorientiertes Lager gegenüberstehen. Denn „Reformer“ sind sie inzwischen alle. Selbst jeder Holzkopf von Bürokrat weiß inzwischen, dass die offiziellen Sprüche völlig wirkungslos bleiben.

Seit dem „harten Marsch“ hört bei den offiziellen Parolen keiner mehr hin. Und niemand glaubt mehr den Reden, die das Blaue vom Himmel versprechen. Ab und zu mag noch die reanimierte nationalistische Rhetorik funktionieren, die entweder darauf verweist, dass es im Norden keine fremden Truppen, wohl aber Bataillone der U.S. Army im Süden gibt, oder aber die eigene Opferrolle beschwört (interessanterweise stellen alle koreanischen Geschichtsbücher – im Süden wie im Norden – das Land stets als Opfer ausländischer Angreifer dar). Aber solche Parolen genügen nicht oder nicht mehr, um die Bevölkerung zu erreichen. Das geht nur mit gut gefüllten Ladenregalen.

Bei den aktuellen Fraktionskämpfen geht es weniger um die Kontrolle des Machtapparats als um die Frage, in welche Richtung sich das Land künftig entwickeln soll. Kim Il Sung war der „Vater der Nation“, sein Sohn Kim Jong Il gab den Reformer. Der Enkel Kim Jong Un kann sich nur in diese Traditionslinie stellen, denn darauf beruht seine ganze Legitimation.2 Doch wenn sein wirtschaftlicher Erfolg von Dauer sein soll, darf er sich nicht auf eine bessere Verteilung der Waren beschränken.

Wenn man aus Nordkorea in die westliche Welt zurückkehrt, fällt es überaus schwer, eine Vorstellung vom Wirtschaftsschub des Landes zu vermitteln. Jeder hat noch die apokalyptischen Bilder der Hungersnot im Kopf, obwohl sich die Lage seitdem stetig verbessert hat. Insbesondere in den vergangenen Monaten hat sich dieser Prozess noch einmal beschleunigt: Die Regale in den Geschäften sind gut gefüllt, und auch die Stromversorgung klappt wieder. Die turmhohen Wohnblöcke am Stadtrand, die letztes Jahr völlig dunkel waren, sind jetzt die ganze Nacht über erleuchtet.

Betonköpfe und Marktreformer

Die Staatsspitze hat die Wirtschaftstätigkeit auf allen Ebenen vorangetrieben. Zuerst wurden die Betriebe im ländlichen Raum neu strukturiert, dass heißt die Produktionseinheiten auf die Größe familiär geprägter Dörfer reduziert. Diese Maßnahme sollte die Produktion wieder ankurbeln – und sie war erfolgreich. Gleichzeitig garantierte Kim Jong Un der Armee (mit rund einer Million Soldaten), dass ihre wirtschaftlichen und finanziellen Interessen unangetastet bleiben. Im Gegenzug konnte er vom offiziellen Slogan „die Armee zuerst“ abrücken, mit dem die gigantischen Militärausgaben gerechtfertigt wurden. Die militärische Klasse wahrt also ihre Privilegien, verpflichtet sich jedoch zu Neutralität gegenüber der neuen Politik.

Der eigentliche Konflikt spielt sich zwischen den Reformern nach chinesischem Vorbild (Markt plus Einheitspartei) und den Verfechtern des Einparteienstaats alten Stils ab. Erstere setzen auf eine Art Flucht nach vorn mittels Konsum. Und die ist bereits im Gang: Pjöngjangs Läden sind gefüllt, alle Städter treiben Handel, an der chinesischen Grenze blühen die Geschäfte, die drei Sonderwirtschaftszonen (siehe Karte) gewinnen an Bedeutung. Die Anhänger des Einparteienstaats, die durch die Hungersnot völlig diskreditiert sind, sind nicht unbedingt gegen Reformen, wohl aber gegen eine Entwicklung, die sie ihre Machtpositionen kosten könnte. Noch ist Kim Jong Un im Vorteil, aber das Spiel hat gerade erst begonnen. Bislang gibt es für die neuen Geschäftspraktiken noch keinerlei rechtliche Basis. Es ist ein Drahtseilakt ohne Netz.

Kim Jong Un hütet sich, wie schon sein Vater, die alte Garde zu verprellen, stellt ihr aber gleichzeitig junge Führungskräfte zur Seite. So hat er „Zweitministerien“ etabliert, die die notorisch ineffizienten Behörden unterstützen und Experten beschäftigen sollen, etwa im Agrarsektor. Mit dem neuen Ministerium für die „Bewahrung“ des Landes und der Wälder bekennt sich der Staat erstmals offiziell zum Naturschutz.

Wie ist angesichts dieser Konstellation die Ausschaltung von Jang Song Thaek zu interpretieren? War er zu chinafreundlich eingestellt? Es wäre nicht das erste Mal, dass das Regime eine bestimmte politische Tendenz unterstützt, um eine andere zu bekämpfen, nur um diese danach ebenso zu vernichten. Jede übermäßige Abhängigkeit von einem Drittland stellt für Pjöngjang eine politische Bedrohung dar, weil die nationale Unabhängigkeit fast die einzige ideologische Planke ist, die noch einigermaßen trägt.

Jedenfalls entwickelt sich der Handel mit China in atemberaubendem Tempo: 2011 wuchs das Volumen um 62,5 Prozent auf 5,63 Milliarden US-Dollar.3 Im August 2012 empfahl Chinas Vizehandelsminister Chen Jian den Unternehmen seines Landes, in Nordkorea zu investieren – übrigens bei einem Pekingbesuch des inzwischen hingerichteten Jang Song Thaek.

Die Liste der Handelspartner wird auch immer länger: Sie reicht von Indien über Ägypten und Indonesien bis Thailand. Dank der Sonderwirtschaftszone Kaesong rangiert Südkorea sowohl bei den Importen als auch bei den Exporten weiterhin auf Platz zwei, obwohl Kim Jong Un die Zone von April bis September 2013 durch Sperrung stillgelegt hatte. Trotz eines Rückgangs um 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr belief sich das Handelsvolumen zwischen den beiden Koreas 2013 auf 1,71 Milliarden Dollar. Und südkoreanische Unternehmer sind sehr um weitere Vertragsabschlüsse mit dem Norden bemüht.

Was eine weitere Öffnung betrifft, so kann man durchaus optimistisch sein. Denn jeder Rückschritt in Richtung Isolationismus würde den Interessen Chinas und damit des größten Investors zuwiderlaufen, aber auch im eigenen Land auf Ablehnung stoßen. Das Regime hat alle seine Trümpfe bereits verspielt. Jetzt bleibt ihm als letzte Karte nur noch der Konsum.

Als Erstes hat Pjöngjang die Entwicklung des Energiesektors vorangetrieben. Die veraltete Agrarpolitik und die Abholzung der Wälder während der Krise hatten zu schweren Überschwemmungen beigetragen, die Straßen und Bergwerke zerstörten. Gerade der Bergbau war aber die ökonomische Basis des Nordens, der bis 1975 entwickelter war als der Süden.

Dank der Hilfen aus Peking konnten die Überschwemmungsschäden größtenteils behoben werden, wenngleich nicht ohne Schwierigkeiten. Die Minen trockenzulegen hat viel Zeit und Geld gekostet, erklärten uns chinesische Ingenieure vor Ort, zumal die technische Infrastruktur der Bergwerke völlig veraltet war.

Um das Energieproblem anzugehen, wurden neue Ölbohrungen südwestlich von Sinuiju im Grenzgebiet zu China vorgenommen (hier und bei weiteren Bohrungen mit chinesischer, südkoreanischer und japanischer Hilfe). Auch der Bau vieler kleiner Staudämme hat die Stromversorgung verbessert. Die vermehrte Kooperation lässt sich zudem an der steigenden Zahl der Flüge zwischen Pjöngjang und dem chinesischen Shenyang ablesen. Nordkorea hat seine Energiesituation also wieder normalisiert. Dies ist ein unerlässlicher erster Schritt. Doch um die Industrieproduktion wieder anzukurbeln, sind Kapitalzuflüsse in ganz anderer Größenordnung erforderlich.

Die zweite Maßnahme war eine Agrarreform. Nach Einschätzung von NGOs sind die schwerwiegendsten Probleme in diesem Bereich inzwischen gelöst. Diese haben allerdings erhebliche Mühe, die großen internationalen Hilfsorganisationen dazu zu bringen, ihre Nahrungsmittelhilfe einzustellen – selbst auf die Gefahr hin, dass die Produktion kurzfristig aus dem Gleichgewicht gerät. Stattdessen sollte man Kooperationsformen wie mit anderen Entwicklungsländern entwickeln. Die ersten Reformen, die auf private – statt staatlich gelenkte – Märkte setzen, sind in Gang gekommen. Das bedeutet auch eine Absage an die landwirtschaftlichen Kollektivbetriebe, deren Tentakeln früher alle Initiativen abgewürgt haben.

Schwieriger wird der Aufbau privater Unternehmen, die Angestellte beschäftigen dürfen. Denn ein großer Teil der Menschen arbeitet nach wie vor in der Landwirtschaft. Genaue Zahlen gibt es zwar nicht, doch für die Arbeit eines Bauern in Europa, der alle Mittel einer technisierten Landwirtschaft einsetzt, dürften in Nordkorea immer noch Hunderte von Feldarbeitern nötig sein. Zur Zeit des „harten Marsches“ und der großen Überschwemmungen musste die ganze Bevölkerung – auch die höheren Kader – beim Wiederaufbau der Straßen anpacken. Neuen Asphalt gab es nicht. Selbst in Pjöngjang wurde alter Straßenschutt gesammelt, um ihn auf Heizplatten weich zu kochen. Diese Masse wurde dann mittels Hämmern und Löffeln in die Risse und Löcher gestopft. Geschichten wie diese zeigen, welche Herausforderung die (Re-)Mechanisierung des Landes darstellt.

Ein weiteres Mittel der Wirtschaftsförderung stellt die begrenzte Liberalisierung des Kleinhandels dar. Seit einigen Jahren gehören „freie Märkte“ zum Landschaftsbild, für das ganze Land wird ihre Zahl auf 300 geschätzt.4 . Einer der größten ist der Tongil-Markt in Pjöngjang. Fotografieren ist hier allerdings nach wie vor streng verboten. Parallel zu diesen Märkten entwickeln sich immer schneller auch andere Strukturen, die allerdings keinen offiziellen oder jedenfalls keinen öffentlichen Status haben und daher schwer zu beschreiben sind.

Die große Schwachstelle in der Versorgung ist nach wie vor der Lebensmittelsektor, insbesondere im Bereich Frischwaren. Ansonsten ist auf den Märkten in Pjöngjangs alles zu haben: Kleidung, Kosmetika, Haushaltsgeräte, Handys, Fahrräder und vieles mehr. Die angebotenen Waren sind angesichts der moderaten Preise keineswegs nur für die nordkoreanische Nomenklatura erschwinglich. Zudem wird die nationale Währung inzwischen frei gehandelt, so dass jeder Devisenbesitzer sein Geld in Won umtauschen kann.

In jedem Kaufhaus und jedem Hotel gibt es eine Wechselstube, die jeweils zum Tageskurs umtauscht. Damit wird jeder Schwarzmarkt im Keim erstickt. Zwar gibt es auf den Märkten hier und da die Möglichkeit, schwarz zu tauschen. Aber das Angebot kommt meist von Händlern, die für den Kauf von Importwaren oder besonderen Qualitätsprodukten Devisen benötigen; es geht ihnen also nicht darum, durch Ausnutzung von Kursschwankungen Geld zu verdienen. Inzwischen haben sich sogar florierende Luxusboutiquen etabliert, und zwar vorzugsweise in Neubauten mit Restaurants und Sauna. An Devisen sind alle möglichen Währungen im Umlauf, und fast jede wird akzeptiert.

Kleiner Grenzverkehr mit Waren im Gepäck

Viele Läden bewegen sich in einer öffentlich-privaten Grauzone. Was sie genau sind, lässt sich schon an den Auslagen ablesen: Wenn Qualitätsprodukte angeboten werden, hat man es in der Regel mit einem Privatgeschäft zu tun. In den meisten Fällen gehören die Geschäfte offiziell zwar nach wie vor dem Staat. Doch das ist, wie der Historiker und Nordkoreaexperte Andrei Lankow erklärt, lediglich eine „legal fiction“ – ein Scheinarrangement, um formell das Gesetz zu wahren.5

Unweit der Sonderwirtschaftszonen Hwanggumpyong und Rason liegen auf chinesischer Seite die Grenzstädte Dandong und Yanji. Hier sieht man zahlreiche Nordkoreaner, die Warenhandel betreiben, und zwar in bescheidenen, im Wortsinne menschlichen Dimensionen: Sie kaufen und verkaufen, was sie tragen können. Die chinesischen Städte haben sich wie üblich rasch auf diesen kleinen Grenzverkehr eingestellt, der von den Behörden gefördert wird. Übrigens auch in umgekehrter Richtung: In Dandong fanden wir ein Reisebüro, das pro Jahr Reisen von 4 000 Chinesen nach Nordkorea organisiert. Hier wird eine der Quellen sichtbar, aus denen Pjöngjang das für den Aufschwung notwendige Kapital bezieht.

Auch weiter nördlich trifft man in der chinesischen Grenzstadt Ji’an viele Nordkoreaner. Sie erzählen, dass sie hier einige Wochen oder Monate arbeiten und dann mit ihrem Lohn nach Hause zurückkehren. Weniger zugänglich sind ihre Landsleute, die das Regime im Rahmen eines staatlichen Programms nach China schickt und die dort relativ frei leben und arbeiten können. Deren Gehälter fließen allerdings großenteils direkt an den nordkoreanischen Staat. Diese Gastarbeiter sind oft Holzfäller oder Schneider, haben also Berufe, die Koreaner schon lange vor Gründung der DVRK in der Mandschurei und in Sibirien ausgeübt haben.

Obwohl die Wirtschaft Nordkoreas eine gewisse Dynamik entfaltet, fällt es der Führung schwer, ihrer Politik einen rechtlichen Rahmen zu geben. Der Handel mit ausländischen Unternehmen wird fallweise auf lokaler Ebene geregelt. Es gibt keine einzige Vorschrift, die den neuen wirtschaftlichen Gegebenheiten entsprechen würde. Weil keine konkreten Alternativen erarbeitet wurden, herrscht ein theoretischer Status quo. Einzig für die Sonderwirtschaftszonen gilt ein umfangreicher Katalog an Vorschriften. Dennoch kommt es häufig, berichtet die chinesischen Presse, zu Konflikten mit den Unternehmen aus China, weil eine Schlichtungsinstanz nicht vorgesehen ist.

Wenn sich Nordkorea dem Willen des großen Nachbarn völlig unterwerfen würde, oder auch nur, wenn die nordkoreanische Bevölkerung diesen Eindruck hätte, würde dies das sichere Ende des Regimes in Pjöngjang bedeuten. Das wäre freilich auch der Fall, wenn ein längerer Stillstand eintreten würde. Im Jahr 2009 hatte Pjöngjang, in Reaktion auf die Wirtschaftskrise, eine kühne Finanz- und Steuerreform durchzusetzen versucht. Ein Großteil der Sparvermögen wurde drastisch abgewertet und abkassiert. Dieses Geld war objektiv wertlos, weil es zu der Zeit ohnehin nichts zu kaufen gab. Dennoch begannen damals die Machtstrukturen zu wanken, die in der Vergangenheit härteste Krisen unbeschadet überstanden hatten. Bei der städtischen Mittelschicht stießen die Reformpläne Jang Song Thaeks auf massive Ablehnung. Deshalb verschwanden die Reform und ihr Initiator (aber nicht sein Team) binnen weniger Tage von der Bildfläche.

Kim Jong Un weiß also genau, was die Mittelschicht will und was nicht. Immerhin handelt es sich um 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung: die höheren Kader, die Großstadtbewohner und Arbeiter mit Kontakten ins Ausland. Deren Wünschen und Vorstellungen will der neue Herrscher entsprechen. Gekleidet wie sein Vater, frisiert wie sein Großvater, aber flankiert von einer fotogenen Ehefrau (Tradition und Moderne) ist er unentwegt dabei, neue Anlagen und Dienststellen einzuweihen.

Der junge Staatschef ist ein Kind des Systems. Vor seinem Machtantritt, war er weitgehend unbekannt. Jetzt genießt er eine gewisse Popularität. Das bekommt man ohne Weiteres mit, wenn man sich an einem Montag in Pjöngjang in ein Café setzt. Während auf einem der zahlreichen öffentlichen Fernseher die letzten Auftritte des Kim Jong Un wiederholt werden, verstummen nach und nach die Gespräche. Und die Leute starren auf die Bildschirme, auf denen der junge Diktator 45 Minuten lang pausenlos dabei ist, Einweihungsakte zu zelebrieren oder eine seiner neuen großen Bauprojekte zu inspizieren.

In Pjöngjang entstehen ständig neue Hochhäuser, Wohnblöcke, Vergnügungsparks, Schwimmbäder und Krankenhäuser. Höchst aufschlussreich ist ein Sonntagsspaziergang in einem der Parks von Pjöngjang oder der Besuch eines Schwimmbads, wo man ganzen Busladungen von Landbewohnern begegnet, die mit ihrer Arbeitsbrigade einem Tagesausflug in die Hauptstadt machen, der abends mit einem Besuch des Arirang-Festivals6 im Stadion Erster Mai gekrönt wird.

Ist die DVRK womöglich der nächste asiatische Tigerstaat? Falls kein neuer Richtungswechsel eintritt und sich in Nordkorea ein moderner Staat herausbildet, ist das durchaus möglich. Derzeit erlebt das Land zum fünften Mal einen wirtschaftlichen Entwicklungsschub – nach den Interventionen des Auslands im 19. Jahrhundert, der japanischen Kolonialzeit, dem Aufbau des sozialistischen Regimes und dem Wiederaufbau nach dem Koreakrieg. Für die wirtschaftlichen und vor allem ideologischen und rechtlichen Herausforderungen, vor denen Nordkorea heute steht, gibt es allerdings kein historisches Vorbild.

Fußnoten: 1 Siehe Barbara Demick, „Nothing to envy: Real Lives in North Korea“, New York (Spiegel and Grau) 2009. Das Buch enthält eine ehrliche und fundierte Beschreibung dieser Schreckenszeit, die auch von nordkoreanischen Offiziellen bestätigt wird, die inzwischen über diese Zeit reden. 2 Siehe Bruce Cumings, „Die drei Körper der Kims – Machtfolge in Nordkorea“, Le Monde diplomatique, Februar 2012. 3 Statistiken der Korean Trade Investment Agency, Seoul, 2012. 4 Siehe „Peering into the North Korean economy, via satellite“, BBC, 12. Juni 2013: www.bbc.co.uk/news/world-asia-22301106. 5 Andrei Lankow, „The Real North Korea: Life and Politics in Failed Stalinist Utopia“, Oxford (Oxford University Press) 2013. 6 Bei dieser Veranstaltung mit über 100 000 Besuchern wird die Geschichte Nordkoreas in einer Massenchoreografie nachgestellt. Aus dem Französischen von Birgit Bayerlein Patrick Maurus ist Professor am Institut national des langues et civilisations orientales (Inalco) in Paris und Autor von „La Corée dans ses fables“, Arles (Actes Sud) 2010.

Le Monde diplomatique vom 14.02.2014,